Vor gut 50 Jahren wurde in China ein spektakulärer Fund bekannt: eine unterirdische Armee aus Ton, aufgestellt in schier endlosen Reihen, als erwarteten sie noch immer den Befehl ihres Kaisers. Sie ist Teil des Mausoleums von Qin Shihuangdi – Symbol von Größenwahn und Schöpfungskraft, Zeugnis imperialer Macht und künstlerischer Vollendung.
Die Entdeckung begann unspektakulär – mit Bauern, die unweit der alten Kaiserstadt Xi’an in der kargen Erde nach Wasser suchten. Die Sonne brannte auf die Felder, der Boden war hart, spröde, unnachgiebig. Als sie in vier Metern Tiefe auf eine verbrannte Erdschicht stießen, glaubten die Männer zunächst, eine alte Feuerstelle entdeckt zu haben. Dann kamen Bruchstücke zum Vorschein: Tonfragmente, ein mit Ziegeln ausgelegter Boden sowie ein Armbrustmechanismus und Pfeilspitzen aus Bronze. Die Nachricht über den Fund verbreitete sich bis in die nächste Kreisstadt. Der dortige Beamte für den Schutz alter Kulturgüter reiste mit Fachleuten an und ließ die Stücke analysieren. Das Ergebnis: Es handelte sich um kostbare Artefakte aus der Zeit der Qin-Dynastie. Bald darauf begab sich eine Gruppe von Archäologen in das Gebiet und nahm dort genauere Untersuchungen vor. Dabei stießen sie auf die unterirdische „Terrakotta-Armee“. 1975 wurde der Fund offiziell bekanntgegeben.
Grabanlage gleicht einer eigenen Stadt
Mit dieser Entdeckung trat eines der größten archäologischen Wunder der Menschheitsgeschichte ans Licht. Unter der Erde ruhte ein Heer aus mehr als 8.000 Kriegern, lebensgroß modelliert, bewaffnet und in militärischer Ordnung aufgestellt. Jeder einzelne Soldat – mit individuellem Gesicht, Haltung und Ausdruck – scheint ein Abbild der Lebenden. Die Figuren sind Teil der gigantischen Grabanlage von Qin Shihuangdi, dem ersten Kaiser des vereinten China. Zwischen 246 und 210 v. Chr. ließ er sein monumentales Mausoleum errichten – ein Werk, das Hunderttausende Arbeiter, darunter ausgemusterte Soldaten, Sklaven und Kriegsgefangene, sowie Handwerker und Künstler über Jahrzehnte beschäftigte. Die Grabanlage selbst gleicht einer Stadt: mit Palästen, Verwaltungsgebäuden, Waffenarsenalen und jener gewaltigen Garnison, die den Herrscher im Jenseits beschützen sollte.
Qin Shihuangdi war ein Mann der Extreme. Er einte das zersplitterte Land, schuf einheitliche Maße, eine gemeinsame Währung und eine Schrift, die noch heute die Grundlage des Chinesischen bildet. Er ließ ein gewaltiges Straßennetz anlegen, das die Provinzen des Reiches verband, und er befahl den Bau eines monumentalen Schutzwalls – die Keimzelle der späteren Chinesischen Mauer. Sein Leben war vom Streben nach Ordnung und Macht geprägt, aber auch von seiner Angst vor Chaos, Verrat und Tod. Die Menschen in dieser Zeit glaubten, dass ihre Seele den Tod überdauerte und in einer anderen Welt weiterlebte. Das Grab galt als ihre Wohnstatt im Jenseits. Qin Shihuangdi wollte offenbar auch dort von allem umgeben sein, was ihn im Leben umgab – und ließ sich daher ein gewaltiges Reich unter der Erde errichten, angefüllt mit unzähligen Grabbeigaben.
Spektakuläre Funde in riesigen Arealen
Alte Chronisten berichten von Flüssen aus Quecksilber, die in seinem Grabmal flossen, und einer Decke, die mit Perlen bestickt war – als Abbild des Himmels. Die Legenden finden wissenschaftliche Bestätigung: Messungen zeigen tatsächlich erhöhte Quecksilberwerte im Erdreich. Trotzdem bleibt der Grabhügel unberührt – zu groß die Angst vor giftigen Substanzen und Fallen, die die Erbauer angelegt haben könnten. Zudem könnten die Schätze durch Luft, Licht und Feuchtigkeit Schaden nehmen – so wie es anfangs mit der „Terrakotta-Armee“ geschah. Denn die Soldaten- und Pferdestatuen waren einst bunt bemalt – in leuchtendem Rot, Violett und Grün. Doch kaum kam Luft an die jahrtausendealten Pigmente, zerfielen sie zu Staub. Heute arbeiten Experten, unter anderem von der Ludwig-Maximilians-Universität München, daran, die ursprüngliche Farbigkeit mithilfe moderner Konservierungstechniken zu bewahren.
Die gesamte Mausoleumsanlage, auf der sich auch das Qinshihuang-Mausoleum-Museum befindet, wird auf eine Fläche von etwa 56 bis 90 Quadratkilometern geschätzt. Allein der Bereich der Terrakotta-Armee hat eine Fläche von rund 20.000 Quadratmetern. Mehr als 160 Millionen Menschen aus aller Welt haben das Museum seit seiner Eröffnung im Jahr 1979 besucht. Wer heute über die Gruben mit den Tausenden freigelegten Figuren blickt, sieht Gesichter, die zugleich fremd und vertraut wirken. Manche haben ernste Züge, andere wirken nachdenklich, fast melancholisch. Forscher haben herausgefunden, dass jede Figur individuell gestaltet wurde – aus Lehm geformt, gebrannt und zusammengesetzt. Die Kleidung und Rüstungen unterscheiden sich je nach Rang und Einheit: Infanteristen mit schweren Panzerplatten, Bogenschützen in leichteren Gewändern, Wagenlenker mit dicken Schürzen.
Die rund 8.000 bislang entdeckten Figuren und ihre Anordnung bilden keine Armee im eigentlichen Sinne – zeitgenössische Quellen berichten von Streitkräften, die Zehntausende bis weit über Hunderttausend Soldaten umfassten. Wahrscheinlicher ist daher, dass es sich bei den Tonkriegern um die symbolische Garnison eines jenseitigen Heeres handelt. Diese Annahme stützt auch ihre räumliche Distanz zum eigentlichen Grabbezirk des ersten Kaisers – sie standen offenbar nicht an der Seite ihres Herrschers, sondern wachen in respektvollem Abstand.
In der Hauptgrube sind die Terrakotta-Soldaten in Schlachtordnung aufgestellt – mit Vorhut, Nachhut und Flankendeckung rechts und links. Zwei gefundene Glocken lassen darauf schließen, dass die Offiziere ihre Kommandos über akustische Signale übermittelt haben. Wie eine „schnelle Angriffstruppe“ wirken die Infanteristen, Reiter mit Pferden, Bogenschützen und Streitwagengespanne der zweiten Grube. Auch der Inhalt der dritten Grube ist spannend: die Kommandozentrale mit gepanzerten Dolchaxt- und Lanzenträgern, Offizieren, einer Quadriga sowie Opfergaben zur Siegesbeschwörung.
Nur ein Bruchteil bislang freigelegt
Im gesamten Areal wurden zahlreiche weitere spektakuläre Funde gemacht – kunstvoll gefertigte Steinplattenrüstungen, bestehend aus rund 600 Einzelteilen, eine Gruppe von Terrakotta-Plastiken, die wohl Akrobatikkünstler oder Tänzer darstellten, sowie – als wertvolle Grabbeigaben ganz in der Nähe des Kaisergrabes und wirklichkeitsgetreu bis ins Detail dargestellt – zwei bronzene Prachtgespanne.
Ab 2001 wurde die rund 1.000 Quadratmeter große „Grube der Wasservögel“ ausgegraben. Sie beeindruckt mit einer parkähnlichen Bachlandschaft sowie bronzenen Kranichen, Gänsen und Schwänen, deren lebensecht wirkendes Gefieder die Handwerkskunst der Qin-Zeit belegt. Auch Musiker aus Terrakotta mitsamt Überresten von größtenteils zerfallenen hölzernen Musikinstrumenten wurden dort entdeckt.
Seit der offiziellen Bekanntgabe vor 50 Jahren haben Archäologen nur einen Bruchteil des Mausoleums freigelegt. Neue Technologien wie 3D-Scans, chemische Analysen und Magnetresonanztomographie erlauben heute einen vorsichtigen Blick in das Innere, ohne es zu zerstören. Denn vieles wurde im Laufe der Zeit erheblich in Mitleidenschaft gezogen, und so manches ist für immer verloren – durch Feuer, Vandalismus, eindringendes Grundwasser und vermutlich auch Grabräuber. Weltweit arbeiten Wissenschaftler gemeinsam mit chinesischen Experten an der Erforschung und Restaurierung der Mausoleumsanlage, die seit 1987 auf der Liste des Weltkulturerbes der Unesco steht.
Und nach wie vor reisen Millionen Menschen jedes Jahr nach Xi’an, um zu staunen. Qin Shihuangdi wollte unsterblich sein – und auf seine Weise ist er es geworden. Seine Krieger wachen noch immer, zwei Jahrtausende nach seinem Tod, über sein Reich aus Staub und Stein.