Vor 25 Jahren hat Dan Lahav das Deutsch-Jüdische Theater gegründet. Auch nach seinem Tod spielt sein Ensemble für Versöhnung und gegen das Vergessen.
Es ist der Vorabend der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Im Romanischen Café, das dort war, wo heute das Europacenter steht, neben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, kreuzen sich die Wege von fünf Ikonen einer Epoche am Abgrund: Else Lasker-Schüler, Friedrich Hollaender, Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Lotte Lenya. „Sie streiten, dichten, singen und ahnen die heraufziehende Dunkelheit. Doch wer spricht hier eigentlich? Die Genies von damals – oder wir im Heute?“, fragt Alexandra Frölich. Sie ist eine von fünf Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich auf eine Zeitreise begeben, bei der die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen.
Unheimliche Parallelen zwischen zwei Epochen
Das Deutsch-Jüdische Theater hat sich für dieses Stück entschieden, um damit sein 25-jähriges Bestehen zu feiern. „Romanisches Café“ ist in mehrfacher Hinsicht das passende Stück für diese Jubiläumsspielzeit: Das Ensemble hat es bereits unter seinem Gründer Dan Lahav gespielt. Und in der von Alexandra Frölich und Gudrun H.E. Lelek überarbeiteten Fassung gewinnt es eine erschreckende Aktualität. „Ein Abend über die Kunst als Seismograph, die Ohnmacht der Intellektuellen und die unheimlichen Parallelen zwischen zwei Epochen“, sei so entstanden, kündigt das Ensemble an. Dan Lahav ist vor zehn Jahren gestorben. Seine Großmutter, erzählt Alexandra Frölich, war Opernsängerin in Hamburg. Er selbst ist in Palästina auf die Welt gekommen, war Schauspieler und Regisseur. Vor gut einem Vierteljahrhundert kam er nach Berlin. „Ich bin zurückgekommen, um euch eure deutsche Kultur zurückzubringen“, habe er immer mal wieder gesagt, erinnert sich Alexandra Frölich.
Als sie zum Deutsch-Jüdischen Theater kam, war es in Neukölln. „Die Agentur für Arbeit hat mich darauf angesprochen, dass das Theater eine Stelle als Schauspieler hat“, erzählt die Frau, die Dramaturgin und Schauspielerin ist und Literatur- und Theaterwissenschaft in Berlin und Paris studiert hat. Sie habe am Theater angefangen und sei „geblieben, weil es sich richtig angefühlt hat, so als wenn man nach Hause kommt – menschlich und inhaltlich“. Heute leitet die 49-Jährige das Theater zusammen mit Evgenija Rabinovitch.
Evgenija Rabinovitch ist 60, sie kannte den bis heute amtierenden musikalischen Leiter des kleinen Theaters, als der eine Anstellung bei Dan Lahav gefunden hat. „Ich wollte mal schauen, wie das funktioniert. Damals hieß das Theater noch Bimah, also die Bühne“, sagt sie und erzählt: „Dorit, die Frau von Dan Lahav, hat mich an meine Großmutter erinnert. Ich hatte irgendwie Lust, zu helfen. Ich war dann fast immer da bei Auftritten dabei – zum Helfen, zum Schauen, ich weiß nicht, was es mehr war.“
2015 hat Dan Lahav auch das interkulturelle Jugend- und Theaterprojekt des Deutsch-Jüdischen Theaters ins Leben gerufen, „Shalom-Salam: Wohin?“ heißt es. Seitdem bringt es jedes Jahr eine neue Culture-Clash-Komödie als Theaterstück in Uraufführung auf die Bühne. Konzipiert wird das Stück jeweils gemeinsam von den Künstlerinnen und Künstlern des Deutsch-Jüdischen Theaters mit Berliner Jugendlichen jüdischer, muslimischer und christlicher Prägung.
Kurz vor seinem Tod 2016 hat Dan Lahav Alexandra Frölich auf die Mailbox gesprochen: „Macht das Theater weiter!“ Der Theaterleiter habe ein gutes Team aufgebaut, sagt sie, aber alle hätten sich die Frage gestellt: „Wie machen wir weiter?“ Die Antwort: als Verein. Der damalige Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann, hat angeboten, dass der neue Verein das Theater im Bezirksamt nutzen kann. „Er hat uns die Tür geöffnet. Hier hat Dan Lahav das Theater auch 2001 gegründet, wir sind also wieder am Ursprung“, erklärt Alexandra Frölich. Zwischenzeitlich war das Theater unter anderem in Neukölln und in einem Seitenflügel des Admiralspalasts.
Die Stücke, die das Ensemble spielt, werden nicht ausgesucht. „Die Stücke kommen“, sagt Alexandra Frölich und erklärt: „Unser Stück über Rosa Luxemburg ist gekommen über eine Graphic Novel, die ich geschenkt bekommen habe. Wenn ich versucht habe, Stücke über Verlagsliteratur zu finden, bin ich nie zu einem Ergebnis gekommen.“ Eigentlich gelte für fast alles, was auf die Bühne kommt, sagt Evgenija Rabinovitch: „Immer jüdische Kultur und mit Musik.“
Was das Ensemble umtreibt, hat es in einem „Credo“ formuliert. „Jüdisches Leben ist seit Jahrhunderten und spätestens mit dem Salon von Rahel Varnhagen und dem Wirken Moses Mendelssohns eng mit der Stadt Berlin verbunden. Wie wir in der Hauptstadt am besten wissen, sind die Schicksale auf gute und auf schlimme Weise miteinander verwoben“, heißt es da. Und: „Nationalistische Tendenzen waren in der deutschen Bevölkerung immer spürbar und sind es heute wahrscheinlich wieder mehr denn je seit den 1950er-Jahren. Auch Antisemitismus aus verschiedenen Richtungen ist unterschwellig und teilweise auch offen wieder Thema. Zum Beispiel an Berliner Schulen.“ Das Team des Deutsch-Jüdischen Theaters möchte dagegen einen Beitrag zum Austausch zwischen den Kulturen leisten, „vor allem den (erinnerungspolitischen) christlich-jüdischen Dialog mit- und ausgestalten“.
Theater sei da eine gute Möglichkeit, denn wenige nicht-jüdische Berlinerinnen und Berliner kommen in einen direkten Kontakt mit der jüdischen Kultur. „Diese ist etwas, was man in der Regel aus dem Fernsehen kennt, wenn es um einen Film oder eine Dokumentation aus der NS-Zeit oder eine Gedenkfeier zum Holocaust geht. Meistens bleibt die Kenntnis des Judentums auf die staatlich verordnete Erinnerungskultur beschränkt und damit oft ohne echtes Verstehen und Nachhaltigkeit“, heißt es im „Credo“.
Vielfalt der jüdischen Kultur zeigen
Im Theater könne das alles „nicht nur intellektuell, sondern auch sinnlich“ erfahren werden. Die Aufgabe des Deutsch-Jüdischen Theaters bestehe also darin, „die Vielfalt der jüdischen Kultur und des deutsch-jüdischen Erbes nach außen zu tragen, um so präventiv und aktiv gegen alle Formen von Antisemitismus und Homophobie vorzugehen“.
Außerdem: „Die Zeitzeugen sterben langsam aus. Wer wird die Geschichte der deutsch-jüdischen Kultur im Berlin der 20er- und 30er-Jahre erzählen? Und die von den Jahrhunderten davor? Wer wird die Geschichte des größten Verbrechens, das Menschen an der Menschheit und Menschlichkeit begangen haben, erzählen?“ Und nicht nur durch das Jugendprojekt habe man die kommende Generation im Blick. „Berlin ist in den letzten Jahren zum Sehnsuchtsort auch vieler junger Israelis geworden, die aus der geographischen Enge ihres Staates ausbrechen und oft auch zu ihren Wurzeln aufbrechen wollen. Diese jungen Leute sind hoffnungsvolle 20 Jahre alt, genau wie ihre Vorfahren, die jungen Künstler der 20er und 30er, die in Berlin das kulturelle Leben bestimmt haben“, schreibt das Ensemble. Aufgabe des Theaters sei es auch, „diesen Neuankömmlingen etwas über ihre (geistigen) Vorväter und -mütter zu erzählen, ihnen zu zeigen, wie das Leben vor der großen Zäsur aussah, und wie es wieder aussehen könnte“.
Die Erinnerungsarbeit ist Evgenija Rabinovitch besonders wichtig. „Meine Familie hat den Holocaust nicht überlebt“, sie selbst ist aus der Sowjetunion nach Deutschland geflohen. „Es ist nicht unsere Zielsetzung, aber wir reden nicht nur über früher, sondern auch über die aktuellen Zeiten, was dazu führt, dass wir auch politisch sind“, sagt sie. Der Konflikt in Palästina überschattet auch die Arbeit des Theaters. Der Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023, die Angriffe Israels in Gaza – „wir stellen Fragen“, sagt Evgenija Rabinovitch. „Wir haben auch keine Antworten – sonst bekämen wir den Nobelpreis.“