Von Ende April bis Anfang September leben Bienenfresser in Deutschland, bevor es sie in ihre Winterquartiere nach Afrika zieht. Diplom-Biologe Dr. Hans-Valentin Bastian hat einiges über die exotisch anmutenden Vögel zu erzählen.
Herr Dr. Bastian, seit wann finden sich Bienenfresser bei uns in Deutschland?
Der Bienenfresser ist keine neu eingewanderte Art, sondern seit Jahrhunderten in Deutschland heimisch. Ein historisches Dokument aus dem Museum Heineanum aus dem Jahr 1644 belegt Vorkommen in Bayern, am Kaiserstuhl und wohl auch im Raum Zürich; zudem existieren – nicht zweifelsfreie – Hinweise bereits aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Damit zählt der Bienenfresser zu den autochthonen, also einheimischen, Vogelarten und nicht zu den Neozoen wie Nilgans oder Halsbandsittich.
Im 19. Jahrhundert gab es am Kaiserstuhl sogar über mehrere Jahre hinweg eine größere Brutpopulation. Eine kontinuierliche und wachsende Brutentwicklung ist jedoch erst seit den frühen 1980er-Jahren zu beobachten. Aus wenigen Brutpaaren in den ersten Jahren entwickelte sich der Bestand bis 2025 auf rund 6.600 Paare – mit weiter steigender Tendenz.
Bienenfresser leben von Fluginsekten. Da diese in den Wintermonaten nicht verfügbar sind, sind Bienenfresser gezwungen, den Winter dort zu verbringen, wo noch Nahrung verfügbar ist. Die in Deutschland brütenden Tiere überwintern als sogenannte Transsaharazieher in Afrika südlich der Sahara, vermutlich in Regionen an der westlichen Küste südlich des Kongobeckens. Studien zeigen zudem, dass sie sich dort nicht dauerhaft an einem Ort aufhalten, sondern mehrfach weiterziehen.
Man kann – ganz grob – sagen, dass Bienenfresser sich von Ende April bis Anfang September bei uns in den Brutkolonien aufhalten, und sie den Rest des Jahres auf dem Zug sowie in den Winterquartieren verbringen.
Was macht Deutschland während der Sommermonate so interessant für Bienenfresser?
Deutschland ist für Bienenfresser im Sommer attraktiv, weil viele ihrer Brutgebiete klimatisch vorteilhaft liegen: In wärmegeprägten Regionen –
etwa im Windschatten von Mittelgebirgen – entstehen besonders günstige Bedingungen, die sich direkt positiv auf das Nahrungsangebot auswirken. Höhere Temperaturen führen zu einem größeren Aufkommen an Fluginsekten, insbesondere auch größerer Arten wie Hummeln und Libellen, die für die Ernährung entscheidend sind. Diese Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit dem menschengemachten Klimawandel, der die Ausbreitung der Art nach Norden unterstützt hat. Dennoch hat Deutschland im globalen Kontext nur eine geringe Bedeutung – 2025 brüteten etwa 6.600 Paare bei uns, was 0,1 bis 0,25 Prozent des weltweiten Bestands entspricht. Gleichzeitig zeigt sich, dass der Klimawandel auch Risiken birgt: Extremereignisse wie anhaltender Starkregen oder zunehmende Hitze können das Nahrungsangebot stark einschränken und zu deutlichen Bestandseinbrüchen führen, wie etwa 2022 in Rheinland-Pfalz.
Warum ziehen die Vögel im Spätsommer beziehungsweise Herbst in Winterquartiere?
Der Europäische Bienenfresser ist eine Art der Paläarktis und damit Brutvogel Europas und Asiens, nicht jedoch Afrikas – das Ergebnis eines über Millionen Jahre entstandenen Evolutionsprozesses. Entsprechend verlassen die Tiere nach dem Sommer ihre Brutgebiete, da Europa im Winter wegen fehlender Fluginsekten ungeeignet ist, und ziehen entsprechend eines genetisch festgelegten und durch Umweltbedingungen feinjustierten Zeitprogramms nach Afrika. Ab etwa Februar kehren sie aus den Winterquartieren zurück und fliegen oft gezielt dieselben Brutstandorte wie im Vorjahr an. Grundsätzlich ist der jährliche Wechsel zwischen Brutgebieten auf der Nordhalbkugel und Überwinterung in Afrika evolutionär tief verankert und wird sich, wenn überhaupt, nur über sehr lange Zeiträume verändern.
Wie kann man erfassen, wie viele Brutpaare sich ungefähr in Deutschland befinden?
Die Brutbestände des Bienenfressers werden jährlich von der Fachgruppe „Bienenfresser“ erfasst: Ornithologen zählen bundesweit die besetzten Brutröhren an bekannten und potenziellen Standorten. Ergänzt durch ältere Daten seit etwa 1950 ergibt sich ein recht gutes Bild der Bestandsentwicklung. Da nie alle Bruten erfasst werden, wird pauschal ein Zuschlag von zehn Prozent berücksichtigt. Für 2025 ergibt sich so wie gesagt ein Bestand von rund 6.600 Brutpaaren, im Jahr zuvor waren es etwa 6.000.
Wie sieht das Leben der Bienenfresser aus?
Das Leben der Bienenfresser ist vielschichtig, lässt sich aber auf zentrale Punkte zusammenfassen: Sie brüten in selbst gegrabenen Röhren in Steilwänden. Ursprünglich lagen diese an natürlichen Flussufern – wie es auch heute noch in Russland entlang der großen Ströme Ob, Wolga und Jenissei der Fall ist –, heute meist in Sand-, Ton- oder seltener Kiesgruben sowie an anderen natürlichen oder künstlichen Abbruchkanten. Die Brutröhren können bis zu drei Meter tief sein; am Ende wird eine Brutkammer gegraben, in die ohne Nistmaterial bis zu sieben Eier gelegt werden.
Ernährt wird sich ausschließlich von Insekten, die im Flug erbeutet werden. Bienenfresser sind Nahrungsopportunisten: Während bei uns vor allem Hummeln, Libellen, Schmetterlinge und Heuschrecken auf dem Speiseplan stehen, sind es im Oman schwärmende Ameisen und Termiten, in der Ukraine Käfer (Getreideschädlinge!) und in der Camargue zu einem Großteil Libellen. Dass Bienenfresser sich ausschließlich von Bienen ernähren, ist eine Mär. Honigbienen beispielsweise werden meist nur bei ungünstigem Wetter erbeutet, weil die Wärmebildung im Bienenstock es den Honigbienen ermöglicht, schon bei niedrigen Temperaturen zu fliegen. Sie spielen als Nahrung für Bienenfresser wegen ihrer geringen Größe eine nur untergeordnete Rolle.
Wie gestaltet sich der Familienverband?
Nach der Ankunft im Frühjahr werden Brutröhren angelegt oder erneuert. Die Eiablage erfolgt im Abstand von ein bis zwei Tagen, gebrütet wird etwa drei Wochen, meist vom Weibchen. Nach dem Schlupf beginnt die intensivste Phase: Beide Eltern versorgen die Jungvögel rund 30 Tage lang mit Nahrung, gegen Ende nahezu im Minutentakt.
Mit dem Ausfliegen des letzten Jungvogels bilden sich Familiengruppen, die noch einige Wochen zusammenbleiben. In der Zeit lernen die Jungvögel die Jagd nach Fluginsekten. Der Aktionsradius der Familie wird nun immer größer, und man schließt sich mit anderen Familien zusammen, sodass es im August und September durchaus möglich ist, dass sich Schwärme von hundert Bienenfressern und mehr bilden. Jetzt gilt es, Fettreserven für den Zug nach Afrika anzulegen. Bemerkenswert ist, dass die Vögel von Kolonien auf dem Zug und im Winterquartier zusammenbleiben und im Folgejahr gemeinsam zurückkehren. Paare bleiben, wenn beide überlebt haben, zusammen, während die Jungvögel –
wahrscheinlich im Winterquartier –
sich anderen Gruppen anschließen. Der Jahresablauf eines Bienenfressers ist kräftezehrend und gefahrvoll; Studien belegen, dass nur etwa die Hälfte der Altvögel und kaum mehr als 30 Prozent der Jungvögel das Jahr überleben.
In welche Regionen Deutschlands zieht es die Bienenfresser vor allem?
In Deutschland kommen Bienenfresser nicht gleichmäßig vor, sondern konzentriert in wenigen „Wärmeinseln“. Der Großteil der rund 6.600 Brutpaare im Jahr 2025 brütete in Sachsen-Anhalt sowie am Oberrhein, insbesondere in der Kaiserstuhlregion. Entscheidend sind dabei geeignete Brutplätze und ein hohes Nahrungsangebot, das solche Kerngebiete entstehen lässt.
Auch in Rheinland-Pfalz (circa 450 Brutpaare) zeigt sich dieses Muster deutlich: Die wichtigsten Vorkommen liegen im klimatisch begünstigten Windschatten von Eifel, Hunsrück, Pfälzerwald und Donnersbergmassiv.
In der Pfalz finden sich Bienenfresser zum Beispiel in einem Sandwerk in der Region Eisenberg (Donnersbergkreis), oder in einer Kiesgrube in Gerolsheim. An manchen Orten werden Pflegemaßnahmen an Steilhängen durchgeführt, um diese für Bienenfresser attraktiver zu machen. Wie genau sehen solche Maßnahmen aus und sind sie immer notwendig?
Sandgruben sind in Rheinland-Pfalz – auch in der Region Eisenberg und Gerolsheim – die wichtigsten Brutstandorte für Bienenfresser, während reine Kiesgruben nur selten genutzt werden. Viele größere Kolonien liegen in aktiven Abbaugruben, wo durch laufende Arbeiten regelmäßig neue Steilwände entstehen und Pflegemaßnahmen oft nicht nötig sind.
Wenn dennoch eingegriffen wird, dienen Pflegemaßnahmen vor allem dazu, Steilwände von Vegetation freizuhalten und „verbrauchte“ oder stark durchlöcherte Bereiche wieder abzustechen, um frische Brutwände zu schaffen. Gleichzeitig zeigen Beobachtungen, dass Bienenfresser auch alte oder leicht bewachsene Wände weiter nutzen oder neue Bereiche erschließen, da sie bei der Wahl ihrer Brutplätze relativ flexibel sind.
An manchen Beobachtungsstellen für Bienenfresser – etwa in Gerolsheim – herrscht ein reges Treiben von Naturfotografen und Interessierten. Kann dies zu Stress für die Vögel führen?
Die Beobachtungshütte wurde vor einigen Jahren eingerichtet, um Bienenfresser aus nächster Nähe beobachten und fotografieren zu können, ohne sie zu stören. Das funktioniert grundsätzlich gut: Die Bienenfresser tolerieren Menschen in der Hütte und gehen ihrem Brutgeschäft stressfrei nach.
Jedoch funktioniert das nur, solange Fotografen auch wirklich in der Hütte bleiben. Da der Beobachtungsstand nicht sehr groß und für nur zwei Personen gedacht ist, kommt es immer wieder zu Engpässen, und ungeduldige Fotografen stellen sich dann neben die Hütte oder gehen sogar in die Grube hinein. Das stört die Bienenfresser massiv, und dies ist dann auch nach dem Bundesnaturschutzgesetz strafbar. In der Vergangenheit wurde deshalb sogar diskutiert, den Standort ganz abzubauen. Umso wichtiger ist ein verantwortungsvolles Verhalten, damit dieser Beobachtungsplatz erhalten bleibt, denn die Stelle ist eine großartige Gelegenheit, um Bienenfresser zu beobachten.
Welches Verhalten möchten Sie generell den Besuchern von Vogelbeobachtungsständen nahelegen?
Ganz einfach: Bienenfresser sollten ausschließlich aus der Beobachtungshütte heraus beobachtet und fotografiert werden. Es ist wichtig, sich nicht neben die Hütte zu stellen oder gar in die Grube zu gehen. Innerhalb der Hütte sollte man sich ruhig verhalten, um die Tiere nicht zu stören. Außerdem sollte Rücksicht auf andere Interessierte genommen werden, die ebenfalls beobachten möchten. Die Hütte ist nicht für stundenlange Fotosessions gedacht, wie es leider bereits vorkam.
Sie sind Sprecher der Fachgruppe „Bienenfresser“ der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DOG) sowie Sprecher des Bundesfachausschusses Ornithologie und Vogelschutz des Naturschutzbundes Nabu und betreiben auch Forschung zu den Bienenfressern. Was genau erforschen Sie und was haben Sie schon nachweisen respektive dokumentieren können?
Die Fachgruppe „Bienenfresser“ der DOG erfasst bundesweit Brutvorkommen und Brutpaarzahlen, um die Ausbreitung der Art in Deutschland systematisch zu dokumentieren und Ursachen der Arealexpansion besser zu verstehen.
Darüber hinaus haben wir in den vergangenen rund 25 Jahren in Kooperation mit Universitäten zahlreiche Forschungsprojekte durchgeführt. Diese reichen von der Nahrungsökologie (der Bienenfresser ist kein Spezialist für Bienen, sondern jagt opportunistisch) über die Bedeutung der Witterung für Ankunft und Bruterfolg bis hin zu Fragen der Arealexpansion unter Einfluss des Klimawandels. Weitere Studien betreffen die Ermittlung der Aktionsräume während der Brutzeit, genetische Untersuchungen (keine erkennbare Differenzierung, kein Rückschluss auf Herkunft „unserer“ Bienenfresser möglich) sowie den Austausch zwischen Kolonien, der überraschend gering ist. Einige Themen – etwa Ursachen starker Bestandsschwankungen oder die Altersstruktur in Kolonien – werden aktuell weiter untersucht.
Wie entstand Ihr Interesse für Natur und Tiere, insbesondere für Vögel?
Mein Interesse für Natur und Tiere, insbesondere Vögel, besteht seit meiner frühen Jugend, sodass für mich früh feststand, Biologie zu studieren. Prägend war dann die Möglichkeit, meine Diplomarbeit an der Vogelwarte Radolfzell im Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie zu absolvieren, wo ich auch erste eigene Untersuchungen an Vögeln durchführen konnte und meine Frau kennenlernte, mit der ich seither gemeinsam ornithologisch arbeite.
Im Laufe der Jahre haben wir uns ehrenamtlich unter anderem mit Braunkehlchen, Zilpzalp, Rauchschwalbe, Zaunammer und Bienenfresser beschäftigt. Obwohl wir beruflich nicht in der Biologie geblieben sind, hat genau diese Konstellation es ermöglicht, uns intensiv mit diesen Themen der Ornithologie und des Naturschutzes zu befassen.
Für welche Themen und Tierarten engagiert sich der Nabu Eisenberg/Leinigerland (Landkreis Bad Dürkheim und Donnersbergkreis) außer den Bienenfressern noch?
Im Nabu Eisenberg/Leiningerland engagieren sich verschiedene Arbeitsgruppen für unterschiedliche Artenschutzthemen. Im Amphibienschutz werden im Frühjahr an Straßen Schutzzäune aufgebaut und Frösche, Kröten und Molche sicher über die Fahrbahn getragen. Eine weitere Gruppe kartiert Orchideenbestände, um Pflegemaßnahmen gezielt an die Blühzeiten dieser gefährdeten Pflanzen anpassen zu können. Die Fledermausgruppe versucht durch verschiedene Artenschutzprojekte, die Lebensbedingungen dieser seltenen Säugetiere zu verbessern. Die Ornithologiegruppe arbeitet nicht nur zum Bienenfresser, sondern engagiert sich auch an bundesweiten Kartierungsprojekten zur Erfassung von Vogelbeständen. Ergänzend läuft ein Beweidungsprojekt, bei dem Esel und Ziegen eingesetzt werden, um verbuschte Weinbergslagen zu öffnen und so die typische Biodiversität dieser Lebensräume zu fördern.