Mit einem medizinischen Magenbitter fing es vor 195 Jahren an. Heute steht das Berliner Traditionsunternehmen „Mampe“ für hochwertige Schnäpse und Liköre.
Es gibt Sätze, die muss man erst einmal sacken lassen, bevor man sie versteht – wirklich versteht, nicht nur denkt: Aha, ja passt schon irgendwie. So einen Satz hat Florian Löhlein gerade gesagt: „Wir verkaufen keinen Schnaps, wir machen Erinnerungen wertvoll.“ Das im ersten Moment Verwirrende an diesem Satz: Der Mann, der ihn ausgesprochen hat, steht mitten in einem Schnapsladen, hinter ihm wird gerade Hochprozentiges abgefüllt. Florian Löhlein ist hier der Chef. Er ist einer der Geschäftsführer der „Mampe Spirituosen GmbH“ in Kreuzberg. Und er leitet ein kleines Museum, das dieser Schnapsladen seit Mai dieses Jahres auch wieder ist.
„Wir verstehen ,Mampe‘ als Kulturmarke“, versucht Florian, die Sache mit den wertvollen Erinnerungen zu erklären. Anders formuliert: Gin, Wodka, Rum oder Liköre mit dem Elefanten sind Genussmittel im Hier und Jetzt, aber auch ein Stück Berlin, das den Erinnerungshorizont selbst sehr alter Berlinerinnen und Berliner weit übersteigt – nicht, weil sie zu tief ins Glas geschaut hätten, sondern weil nicht mal ihre Eltern geboren waren, als die Sache mit „Mampe“ anfing.
Den Magenbitter gibt es bis heute
Das war 1831. Der Berliner Sanitätsrat Dr. med. Carl Mampe entwickelte in jenem Jahr im pommerschen Stargard einen Magenbitter als Mittel gegen die Cholera. Die medizinische Wirkung kann nicht wirklich durchschlagend gewesen sein, das Zeug hat auch nicht unbedingt gut geschmeckt, aber – das vermutet Florian – „damit konnte man angenehmer sterben“. Das Präparat verbreitete sich jedenfalls rasch über die Apotheke hinaus und legte den Grundstein für eine hochprozentige Erfolgsgeschichte. 1851 zog es Doktor Mampe zurück nach Berlin, wo sich die Marke jenseits der medizinischen Verwendung einen Namen machte.
Zum Klassiker wurde aber eine Weiterentwicklung des Magenbitters, eine besser trinkbare Variante mit einer fast halbierten Alkoholmenge von „nur noch“ 31 Volumenprozent, die bis heute zu den meistverkauften Produkten der Firma gehört: der „Halb&Halb Kräuterlikör“. „Manche Dinge im Leben brauchen keine Verbesserung“, sagt Florian. Der „Halb&Halb“ gehört zu diesen Dingen. Seit 1895 wird er aus 67 Kräutern und Bitterorangen nach dem Originalrezept gemixt. „Halb herb, halb süß – der einzige Kräuterlikör, der die Kurve kriegt“, wirbt „Mampe“ und verspricht: „Ob du ihn dir pur auf Eis mit einer Zitronenzeste gönnst oder als Berlin Mule im Longdrinkglas: Dieser Berliner Kräuterlikör beweist, dass Tradition und Genuss sich nicht ausschließen.“ In Bars werde er mit Brausen jeder Art gemischt, wobei er in Kombination mit Ingwerlimo besonders beliebt sei, weiß Florian.
Und natürlich, betont der „Mampe“-Chef, besteht der „Halb&Halb“ nur aus natürlichen Zutaten. „Wir verwenden auch nie Farbstoff, in unseren Flaschen ist immer Realität – es ist also drin, was draufsteht“, versichert er. Und damit es keine Unklarheiten gibt, formuliert er es noch mal so: „Die Produkte unserer Manufakturlinie werden zu 100 Prozent handgemacht und enthalten nur natürliche Zutaten. Keine Chemie, – kein Chichi!“ Allen Spirituosen aus der „Mampe“-Produktion liege „ein regionales Weizendestillat von bester Qualität zugrunde“. Wobei man „regional“ großzügig auslegt. „Polen und Österreich sind ja noch Nachbarschaft“, sagt Florian.
Wer glaubt, dass das alles nur ein Marketinggag ist, dem bietet das Management an: „Die Türen unserer Manufaktur sind offen, unsere Produktion ist gläsern. Jeder, der möchte, kann uns über die Schulter schauen.“ Und bei dieser Gelegenheit auch einen Blick in die Geschichte der Marke werfen. Die ist phasenweise – zumindest aus heutiger Sicht – etwas unübersichtlich, weil es einen Familienzweig gab, der eine Zeit lang in Hamburg produziert hat und in Konkurrenz zu den West-Berlinern arbeitete. Und auch in Ostberlin gab es noch eine „Mampe“-Produktion.
Die, wie Florian sagt, wertvollen Erinnerungen sind aber eher die an die Zeit, als der „Mampe“-Elefant ab 1978 auf den Trikots der Bundesliga-Kicker von Hertha BSC prangte, zwischenzeitlich auch mal auf Formel-1-Rennwagen. David Bowie steigt in einer Filmszene in eine etwa zwei Meter hohe Berliner „Mampe“-Werbeflasche. In der Babylon-Berlin-Serie wird auch mal „Mampe“-Likör getrunken. Und schon in den 1920ern war „Mampe“ als Sponsor im Berliner Zoo aktiv – einer der Elefanten dort trug deshalb den Namen „Mampe“. Später folgte ein weiterer Elefant, der bis 1985 im Zoo lebte, wie es in der Firmenchronik heißt.
Ein Likör, der wie Popcorn schmeckt
Der Elefant hat im Laufe der Zeit sein Aussehen verändert. „Früher“, sagt Florian und zeigt auf alte Glas- und Porzellanelefanten in den Vitrinen, hing der Rüssel des Tiers nach unten. Dann hat ein Geschäftspartner aus Thailand gesagt, dass er das Produkt in seiner Heimat leider nicht verkaufen könne – ein hängender Rüssel, das bedeute: „Todeselefant“. Also hat der Elefant den Rüssel dann nach oben gereckt. „Wir haben da reagiert“, sagt Florian. Wobei das lange vor der Zeit war, in der er und seine Geschäftspartner das Unternehmen übernommen haben. Man habe „Mampe“ „in Coronazeiten als notleidendes Unternehmen kennengelernt“ und sich entschieden, die Marke zu retten. Zu viele alte Berliner Unternehmen seien schon untergegangen. Und was „Mampe“ angeht, sei es einfach so: „Mehr Berlin geht nicht.“
Wobei nicht in der Stadt destilliert wird. Das Weizenbrandfeindestillat, Grundlage der meisten „Mampe“-Produkte, wird eingekauft und dann entweder im eigenen Betrieb in Kreuzberg oder – wenn es sich um größere Mengen handelt – „bei Freunden“ veredelt, wie Florian erklärt. Also bei Profis, die – etwa in Hamburg – freie Kapazitäten haben. So entstehe auch der Eierlikör nach einem gut 100 Jahre alten Rezept und das, was sie bei Mampe „Kino im Glas“ nennen: ein Popcorn-Likör. „Wer sagt, dass Popcorn nur in die Schüssel gehört, hat diesen Likör noch nicht probiert“, lockt das Unternehmen die Experimentierfreudigen, die jenseits aller Tradition auch mal etwas Neues probieren wollen.
Ich kann nur empfehlen, es zu tun. Der Popcorn-Likör mit 24 Umdrehungen schmeckt nach dem, was drin ist: süßem Popcorn mit einem Hauch Karamell. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es stimmt, was Florian sagt: Als Shot sei dieses Zeug „ein Erlebnis, in Cocktails eine Überraschung und bei Partys der heimliche Star“.
„Steht für Genuss, nicht für Saufen“
Wozu er sich – wie alle „Mampe“-Produkte – nicht eignet, sei Kampftrinken, betont Florian. Ein paar Gehminuten vom Firmensitz in der ehemaligen Schultheiss-Brauerei am Tempelhofer Berg wirbt ein Schild an einer Kneipe am U-Bahnhof Mehringdamm zwar so: „Sind’s die Augen, geh’ zu Mampe, gieß’ Dir einen auf die Lampe, kannste allet doppelt sehn, brauchste nich zu Ruhnke geh’n“ – wobei Ruhnke ein Optiker war. Dennoch: „Komasaufen funktioniert mit ,Mampe‘ nicht“, beharrt Florian. Dafür sei das Produkt inzwischen auch viel zu hochpreisig. „Mampe“ stehe für Genuss, nicht für Saufen. Und um das zu unterstreichen, zeigt Florian auch einige Produkte, die „Mampe“ exklusiv für den Berliner Spitzenkoch Tim Raue produziert.
Dass sich die Trinkgewohnheiten verändern und immer mehr Menschen bewusster mit Alkohol umgehen oder ganz auf ihn verzichtet, treffe eher die Produzenten von Massenprodukten, sagt Florian. Wer „Mampe“ trinkt, der tue das eh sehr bewusst, glaubt er. Wobei sein Unternehmen auch einen alkoholfreien Gin im Sortiment hat.
Wie so vieles, ist das bei „Mampe“ aber nichts Neues. In einer der zahlreichen Vitrinen steht eine Flasche in Bärenform von 1925. „Allasch – Kümmel auf russische Art – Non Alkoholic“ steht auf der Flasche. Das Produkt wurde für den Export in die USA entwickelt. Zwischen 1920 und 1933 war dort Alkohol verboten.
„Wir waren also schon immer offen für neue Entwicklungen. Und wir freuen uns über jedes Getränk, das wieder in Mode kommt, weil wir in unserer Firmengeschichte alles schon mal gemacht und wundervolle Rezepte haben“, schwärmt Florian. Wer mit ihm redet, könnte glauben, dass er schon immer dabei war – auch als Carl Mampe vor 195 Jahren aus rein medizinischen Gründen die Kraft möglichst vieler Kräuter durch hochprozentigen Alkohol für seine Patienten wirksam machen wollte. Sich an etwas erinnern, auch wenn man selbst nicht dabei gewesen ist – auch das steckt in diesem Satz: „Wir verkaufen keinen Schnaps, wir machen Erinnerungen wertvoll.“