Die Regionalliga Südwest startet mit einem prominenten Absteiger, vier ambitionierten Neulingen und mehreren Vereinen in die Saison, deren Blick längst über die 4. Liga hinausgeht. Einen eindeutigen Favoriten gibt es nicht.
Der SSV Ulm ist innerhalb von zwei Jahren aus der 2. Bundesliga in die Regionalliga gefallen. Ein sportlicher Absturz, der den Club zu einem tiefgreifenden Neuanfang zwingt und ihn dennoch sofort in den Kreis der Aufstiegsfavoriten rückt. Die professionellen Strukturen, das Umfeld und die wirtschaftlichen Voraussetzungen heben die Spatzen von vielen Konkurrenten ab. Auf dem Platz ist von der Mannschaft, die 2024 den Durchmarsch in die 2. Bundesliga geschafft hatte, allerdings nur noch wenig übrig. Nach zwei Abstiegen in Serie muss aus zahlreichen neuen Spielern zunächst wieder ein belastbares Team entstehen. Ulm besitzt das Potenzial für die direkte Rückkehr, aber keine Garantie, dass der Neuaufbau schnell genug gelingt.
Der erste Härtetest wartet gleich zum Auftakt gegen die Stuttgarter Kickers. Der ehemalige Bundesligist beendete die vergangene Saison auf dem siebten Platz und blieb damit erneut hinter seinen Möglichkeiten. Die Kickers gehören aufgrund ihrer Infrastruktur, ihres Zuschauerzuspruchs und ihres Anspruchs grundsätzlich in den erweiterten Favoritenkreis. Doch in einer Liga, in der nur Rang eins zählt, genügt es nicht, über weite Strecken ordentlich mitzuspielen. Die Stuttgarter müssen aus ihrer Qualität mehr Konstanz entwickeln, wenn sie ernsthaft um den Aufstieg kämpfen wollen. Sportlich am nächsten dran war zuletzt die SGV Freiberg. Sie belegte mit 62 Punkten den zweiten Platz hinter der SG Sonnenhof Großaspach und erzielte 68 Tore. Trotzdem verändert sich beim Club mehr als bei fast jedem Konkurrenten. Die Mannschaft verlässt das Freiberger Wasenstadion und trägt ihre Heimspiele künftig im Frankenstadion in Heilbronn aus; auch Heilbronn soll Bestandteil des Vereinsnamens werden. Oberbürgermeister Harry Mergel sieht darin die Chance, „Heimat für hochklassigen Fußball mit einer Strahlkraft weit über die Stadt hinaus zu werden“. Der Umzug soll bessere Bedingungen, mehr Aufmerksamkeit und langfristig Drittliga-Fußball ermöglichen. Freiberg muss nun beweisen, dass das sportlich funktionierende Projekt seine Identität nicht mit der bisherigen Heimat verliert.
Zu den prominentesten Bewerbern gehört der SV Sandhausen. Zwei Abstiege in den vergangenen drei Jahren führten den langjährigen Zweitligisten bis in die Viertklassigkeit. Die erste Regionalligasaison endete lediglich auf Rang acht – zu wenig für einen Verein, dessen Möglichkeiten deutlich über dem Ligadurchschnitt liegen. Sandhausen hat den Kader erneut stark verändert und unter anderem Felix Lohkemper, Christoph Ehlich, David Deger und Stefan Maderer verpflichtet. Die individuelle Qualität dürfte für die Spitzengruppe reichen. Entscheidend wird sein, ob daraus diesmal eine Mannschaft entsteht, die den körperlichen, spielerischen und mentalen Anforderungen dieser Liga über 34 Spieltage gewachsen ist.
Auch der FC 08 Homburg meldet Ansprüche an. Die Saarländer schlossen die vergangene Saison als Vierter ab, erzielten 71 Tore und lagen am Ende sechs Punkte hinter Freiberg. Das war eine deutliche Verbesserung, reichte aber nicht, um dauerhaft in das Aufstiegsrennen einzugreifen. Im Sommer veränderte der FCH vor allem seine Offensive. Julian Günther-Schmidt bringt die Erfahrung aus 236 Drittligaspielen mit, Emir Kuhinja soll im Sturm zusätzliche Präsenz schaffen. Hinzu kamen Jacob Roden, Birkan Çelik sowie die Außenverteidiger Jan-Erik Eichhorn und Yohann Torres. Trainer und Sportlicher Leiter Roland Seitz setzt auf eine Mischung aus erfahrenen und entwicklungsfähigen Spielern.
Homburg verfügt damit über genügend Qualität für die Spitze, muss jedoch jene Punktverluste vermeiden, die den Club in den vergangenen Jahren regelmäßig früh zurückwarfen.
Dahinter lauert eine breite Gruppe. Der FSV Frankfurt wurde zuletzt Dritter und spielte über weite Strecken eine bemerkenswert stabile Saison. Allerdings verlor der Club mehrere wichtige Kräfte an Homburg, darunter Eichhorn und Çelik. Der TSV Steinbach Haiger beendete die Runde punktgleich mit dem FCH und stellte mit 78 Treffern sogar die stärkste Offensive der Liga. Solange die Mannschaft ihre defensive Anfälligkeit nicht reduziert, bleibt sie jedoch ein Kandidat für spektakuläre Spiele und nicht zwingend für Platz eins.
Hessen Kassel und die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz gehören zu jenen Clubs, die bei einem guten Verlauf in die Spitzengruppe vorstoßen können. Kassel erreichte zuletzt 54 Punkte und bestätigte damit seine Stabilisierung. In Fulda werden seit Jahren solide Strukturen aufgebaut, ohne sich auf wirtschaftliche Abenteuer einzulassen. Für beide wäre der Aufstieg eher das Ergebnis einer außergewöhnlichen Saison als eine planbare Erwartung. Ähnliches gilt für Eintracht Trier. Der Verein besitzt großes Zuschauerpotenzial und eine starke regionale Verankerung, muss sich aber zunächst dauerhaft in der oberen Tabellenhälfte festsetzen.
Besonders schwer einzuschätzen sind die Offenbacher Kickers. Der Name, der Bieberer Berg und das Umfeld erzeugen einen Anspruch, dem die Mannschaft seit Jahren nicht gerecht wird. Nach einer enttäuschenden Saison übernimmt Mark Zimmermann den Neuaufbau. Beim OFC ist vieles vorhanden, was einen Drittligisten ausmachen könnte – Tradition, Fans, Stadion und wirtschaftliche Möglichkeiten. Was fehlt, ist sportliche Verlässlichkeit. Offenbach bleibt deshalb eine Mannschaft, der der große Sprung ebenso zuzutrauen ist wie die nächste Saison voller Unruhe.
Die Zweiten Mannschaften sorgen zusätzlich für Unberechenbarkeit. Der SC Freiburg II kennt nach seiner Drittliga-Vergangenheit die Anforderungen an der Spitze, verfolgt aber vor allem einen Ausbildungsauftrag. Ähnlich arbeitet der 1. FSV Mainz 05 II. Beide Teams können technisch und läuferisch zu den Besten der Liga gehören, ihre Leistungen schwanken jedoch mit der personellen Verfügbarkeit und der Entwicklung junger Spieler. Für die etablierten Vereine sind sie unangenehme Gegner, als Aufstiegsfavoriten aber kaum seriös einzuordnen.
Die Favoriten dürfen sich keine Schwäche erlauben
Mit Eintracht Frankfurt II und dem 1. FC Kaiserslautern II kehren zwei weitere Nachwuchsmannschaften zurück. Beide Aufsteiger verfügen über erhebliche individuelle Begabung und können immer wieder Spieler aus dem erweiterten Profikader einsetzen. Zugleich wird ihr vorrangiges Ziel darin bestehen, Talente an den Männerfußball heranzuführen. Gerade die Lautrer U21 bringt nach einer starken Oberligasaison viel Selbstvertrauen mit. Ob daraus mehr als der Klassenerhalt entstehen kann, hängt auch davon ab, wie häufig der Kader verändert wird.
Der VfR Aalen kehrt ebenfalls in die Regionalliga zurück. Der frühere Drittligist bringt ein erfahrenes Umfeld und deutlich mehr Zuspruch mit als viele Konkurrenten. Dennoch dürfte zunächst die Stabilisierung im Vordergrund stehen. Gleiches gilt für den VfR Mannheim, der sich über die Aufstiegsrunde qualifizierte und nun in einer Liga bestehen muss, deren Tempo und Leistungsdichte deutlich höher sind. Für beide ist ein gesicherter Mittelfeldplatz ein realistischer Erfolg.
Der FC-Astoria Walldorf vervollständigt ein Feld, in dem kaum ein Club ohne Risiko in die Saison geht. Walldorf hat sich über Jahre als Regionalligist etabliert und kann junge Spieler entwickeln, wird aber ebenso wie die Aufsteiger zuerst den Abstand zur Abstiegszone im Blick behalten. Wie gefährlich der Tabellenkeller wird, hängt erneut von den Absteigern aus der 3. Liga ab. Dadurch kann die Zahl der Mannschaften, die die Regionalliga verlassen müssen, erheblich steigen.
Ulm, Freiberg, Sandhausen und Homburg bilden den engsten Favoritenkreis. Frankfurt, Steinbach, die Stuttgarter Kickers und vielleicht Offenbach besitzen das Potenzial, sich einzumischen. Doch die Regionalliga Südwest folgt einer besonders harten Logik: Es gibt keinen zweiten Weg, keine Relegation und keinen Trostpreis für eine gute Saison. Nur der Meister steigt direkt auf. In einer Liga voller Aufstiegspläne wird deshalb nicht allein die größte Qualität entscheiden, sondern die Fähigkeit, sich über zehn Monate kaum eine Schwächephase zu erlauben.