In Deutschland leiden viele Schwimmbäder unter einem Sanierungsstau. Häufig verfallen sie oder werden ganz geschlossen. Doch manche Städte finden ein Gegenmittel. Freiburg zum Beispiel, das mit seinem Freibad West zeigt, wie es gelingen kann − trotz finanzieller Schwierigkeiten.
Ein warmer Sommerabend im August. Ein Dutzend Schwimmerinnen und Schwimmer drehen eine Runde im Edelstahlbecken. Andere schlendern lässig über die Wiese, um das Freibad West im badischen Freiburg in Augenschein zu nehmen. Ein Bauzaun im Hintergrund lässt erahnen, dass hier bis vor Kurzem noch gearbeitet wurde. Ansonsten: Sonnenschirme, Palmen, Wasserspiele.
Das war nicht immer so. Jahrelang war das Freibad nicht mehr als eine Ruine. 1969 eröffnet, 2003 aus Kostengründen geschlossen – eine Geschichte, wie sie sich in vielen deutschen Kommunen abspielt. Statt Spiel und Spaß gab es jahrelang nur Absperrungen, hinter denen eine grünliche Brühe vor sich hin gammelte. Wie hat die Stadt Freiburg es also geschafft, dem totgeglaubten Schwimmbad neues Leben einzuhauchen? Und können andere Kommunen von diesem Beispiel lernen?
Proteste gegen Schließung
Zunächst muss gesagt werden: Auch Freiburg ist verschuldet. Zwar steht der Südwesten in wirtschaftlicher Hinsicht oft besser da als andere Regionen. Doch auch in Freiburg sieht der aktuelle Haushaltsplan vor, dass die Schulden im Jahr 2026 auf bis zu 439 Millionen Euro steigen. Obwohl es von Anfang an Proteste gegen die Schwimmbad-Schließung gab, ließ die Stadtverwaltung entsprechende Forderungen daher stets abblitzen. Zumal die 240.000-Einwohner-Stadt noch vier weitere Hallen- und drei Freibäder hat.
Viele Bürgerinnen und Bürger wollten sich damit trotzdem nicht zufriedengeben. „Unser Stadtteil wächst stark, hat aber bei den Angeboten oft das Nachsehen“, sagt Elke Haas. Sie ist die Vorsitzende des Freundeskreises Freibad West, der von Anfang an für die Wiedereröffnung des Außenbeckens kämpft. „Ich bin erst 2005 nach Freiburg gezogen und kannte es gar nicht mehr im Betrieb“, sagt Haas. „Das war so schade, denn gerade die Kinder brauchen einen Treffpunkt, an dem sie ihre Freizeit verbringen können.“
Im Laufe der vergangenen Jahre gab es deshalb immer wieder Anläufe, das Schwimmbad zu beleben. Mal war ein chlorfreies Naturbad angedacht, mal ein Holzsteg, der zum benachbarten Flückigersee führt. Nach Jahren der Proteste und Unterschriftenaktionen schafften es die Neuplanungen 2019 sogar in den Haushaltsplan. „Inbetriebnahme zur Freibadesaison 2022 geplant“, verkündete die Stadt in einer Pressemitteilung. Doch dann brach die Corona-Pandemie aus – und wieder fehlte das Geld.
Erst Ende 2022 tut sich eine neue Chance auf. Die Stadt bewirbt sich beim Bundesprogramm „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“. Und tatsächlich: Zwei Jahre später trifft der positive Förderbescheid ein, die Bundesregierung schießt 3,55 Millionen Euro zu. Parallel dazu sammelt ein neu gegründeter Förderverein Spenden bei Privatpersonen und Unternehmen. Für Letztere ist damit auch ein attraktiver Werbeeffekt verbunden. So heißt die Wasserrutsche „Sparkassen-Splash“ und der Strömungskanal „Badenova Strom“, benannt nach dem regionalen Energieversorger. Der Fußballplatz neben der Liegewiese heißt „SC-Soccercourt“, in Anlehnung an den Bundesligaverein SC Freiburg, der 50.000 Euro beigesteuert hat.
Auch der Baukonzern Unmüssig (20.000 Euro), die Leasingfirma Jobrad (20.000 Euro), die Badische Versicherung (15.000 Euro) und diverse Stiftungen gaben Geld.
Ihre Gemeinsamkeit: Alle haben Standorte in der Stadt, die meisten sogar ihren Hauptsitz. Unterschiede zeigen sich hingegen in der Art, in der das Engagement kommuniziert wird. Während ein Teil der Großspender konkrete Zahlen nennt, bleiben die genauen Summen bei anderen offen.
Die kommunale Freiburger Stadtbau GmbH teilt auf Nachfrage lediglich mit, es gebe eine Einzelspende „im unteren sechsstelligen Bereich“. Von wem sie stammt, bleibt unklar, ebenso die genauen Beträge, die der Energieversorger Badenova, die Sparkasse und der Pharmariese Pfizer beigesteuert haben. Klar ist: Am Ende kostet das Freibad rund elf Millionen Euro, wie die Stadt auf ihrer Website auflistet. Davon werden 3,55 Millionen vom Bund bezahlt. Weitere 355.000 Euro kommen durch Spenden und Sponsoring hinzu, eine erhebliche Summe.
Bleibt die Frage, ob sich das Freiburger Erfolgsrezept auch auf andere Städte übertragen lässt. Der Deutsche Städtetag hat dazu auf Nachfrage keine Informationen. Man habe „leider keinen Überblick oder statistische Zahlen“, antwortet die Pressestelle.
Öffentliche Fördermittel spielen große Rolle
Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen, in der sich Schwimmbadbetreiber organisieren, hat mehr Informationen. Aktuell gebe es 3.200 Hallen- und 2.800 Freibäder in Deutschland. Viele davon hätten mit einem Sanierungsstau zu kämpfen. Aber: „Neben all den Negativnachrichten über Bäderschließungen gibt es auch reihenweise Positives zu berichten“, sagt Vereinssprecherin Ann-Christin von Kieter. Immer wieder schafften es Bürgerinitiativen, totgeglaubte Bäder zu retten. Öffentliche Fördermittel spielten dabei eine wichtige Rolle.
Das große Problem: Das besagte Förderprogramm des Bundes, von dem auch das Freiburger Westbad profitiert hat, ist mittlerweile ausgelaufen. „Für dieses Programm brauchen wir dringend einen leicht zugänglichen Ersatz“, sagt Ann-Christin von Kieter. „Die neue Bundesregierung hatte während ihrer Koalitionsgespräche eine jährliche Bundesmilliarde für den Sport in Aussicht gestellt – doch die lässt auf sich warten.“
In einem Punkt scheint Freiburg aber doch etwas Besonderes zu sein: „Von der Finanzierung durch Großkonzerne oder Sponsoren haben wir noch nichts gehört, da es auch schwer mit kommunaler Daseinsvorsorge verknüpfbar ist“, findet von Kieter. „Das wäre eher etwas für privat betriebene Thermen und Spaßbäder, aber nicht für die kommunalen Schwimmbäder.“ Ob andere Städte das Freiburger Modell kopieren, liegt also auch an der Haltung. Und natürlich am Umfeld: Nicht jede Gemeinde hat einen Pharmakonzern oder einen Bundesligaverein, der mal eben die Geldbörse öffnet.
Am Ende – da sind sich alle Befragten einig – war es das jahrelange Engagement aus der Bürgerschaft, das in Freiburg zum Erfolg geführt hat. „Da können wir uns schon ein wenig auf die Schulter klopfen“, sagt Elke Haas vom Freundeskreis Freibad West. Den Stolz, den die Beteiligten empfinden, sieht man auf der Homepage des Fördervereins. Dort nennt man das Westbad nicht einfach nur Westbad – sondern „Bestbad“.