Eierkartons, Plastikflaschen, grenzüberschreitende Ausbildung und Studium – Europa ist konkreter Alltag mit Chancen und Möglichkeiten. Das Gefühl für eine europäische Identität mit ihren Perspektiven steht im Mittelpunkt der Schulworkshops der Asko Europa-Stiftung.
Es herrscht ein ziemlich wuseliger Betrieb kurz vor den großen Ferien im Saarbrücker Gymnasium am Rotenbühl. So ganz ist das Schuljahr noch nicht zu Ende, aber noch Zeit für besondere Projekte wie Schulworkshops unter dem Motto „Grenzen überwinden – Europa erleben“.
Start erst einmal mit einem kleinen Europaquiz. Schülerinnen und Schüler (Klassenstufen 10 und 11) tippen die Antworten auf ihren Smartphones oder Tablets, nach jeder Frage wird das Ranking gezeigt, wer bislang die meisten Punkte mit richtigen und schnellen Antworten gesammelt hat. Der spielerisch-interaktive Einstieg in den Vormittag zeigt einen erstaunlich guten Kenntnisstand über Europa und die Europäische Union. An diesem Gymnasium mit entsprechenden Schwerpunkten überrascht das nicht besonders.
Europäische Identität
„Ja, der Wissensstand ist schon da, das wird ja auch von den Schulen vermittelt“, sagt Lea Schäfer von der Asko Europa-Stiftung, die die Schulworkshops in diesem Jahr organisiert hat. „Was wir darüber hinaus versuchen, ist, die europäische Identität bewusst zu machen.“ Das heißt zu zeigen, wie viel Europa längst in unserem Alltag steckt und wie selbstverständlich das inzwischen gerade für die jüngere Generation geworden ist, ohne dass man großartig darüber nachdenkt, aber auch zu zeigen, welche Chancen und Möglichkeiten sich für junge Menschen bieten.
Das alles spielerisch und interaktiv. Da werden schon mal Plastikflaschen oder Eierkartons, Glühbirnen oder Führerscheine verteilt. In Kleingruppen stellen die Schülerinnen und Schüler schon mal zur eigenen Überraschung fest, dass sie da ein Stück teils mühsam errungenen Fortschritts in Europa in Händen halten. Da wird „sichtbar, wie Europa wirkt, und dass es sich lohnt, sich für dieses Europa zu interessieren und zu engagieren“, betont Lea Schäfer.
Diese Europa-Workshops gibt es bereits seit 2015, konzipiert ursprünglich von der Europäischen Akademie Otzenhausen (EAO), der Eures (European Employment Services, Netzwerk zur Förderung der beruflichen Mobilität zwischen Deutschland und anderen europäischen Staaten) und der Bundesagentur für Arbeit. In diesem Jahr, berichtet Lea Schäfer, hat die Asko Europa-Stiftung das Projekt „Grenzen überwinden – Europa erleben“ von der EAO übernommen (Eures und die Bundesagentur sind weiter dabei) und das Projekt um weitere Module ergänzt, zu deutsch-französischer Geschichte und deutsch-französischen Beziehungen, „weil wir merken, dass bei jungen Menschen Interesse daran besteht“.
Achim Dürschmid, Eures-Berater der Agentur für Arbeit, ergänzt: „Wir sind sehr stolz, dass wir schon das zehnjährige Jubiläum feiern und wir so viele junge Menschen aus dem Saarland und Lothringen auf die grenzüberschreitenden Möglichkeiten zur Berufsorientierung gewinnen konnten. Für viele Schülerinnen und Schüler auf beiden Seiten der Grenze ist es der erste Kontakt mit den Nachbarn und es sensibilisiert sie für eine weitere grenzüberschreitende Ausbildung oder deutsch-französische Austauschprogramme.“
Bei den Schulworkshops ist neben „Europa im Alltag“ vor allem auch „Mobilität“ ein Schwerpunkt. Das Besondere: Diese Workshops werden von „Mobilitätsbotschaftern“ gestaltet. Das sind deutsche und französische junge Erwachsene, oft Studierende deutsch-französischer Studiengänge, die über ihre eigene Biografie berichten und viel Erfahrung aus Mobilitätsprogrammen haben, an denen sie selbst teilgenommen haben. Dabei geht es auch darum, Schülerinnen und Schülern Ängste zu nehmen vor Auslandsaufenthalten. „Botschafterinnen und Botschafter können dann darüber berichten, was ihnen geholfen hat, etwa bei Heimweh oder wenn es am Anfang mit der Sprache noch nicht perfekt geklappt hat. Aus ihren eigenen Erfahrungen können sie dann Schülerinnen und Schülern Mut machen, einen solchen Schritt zu wagen“, erläutert Schäfer.
Tom und Julia sind solche Botschafter. „Wir Botschafter haben einen Hintergrund, der sehr international ist, haben selbst schon viele Programme gemacht, können also berichten, wie man von Europa profitiert. Wir beide machen einen deutsch-französischen Bachelor-Studiengang. Ich habe davor eine grenzüberschreitende Ausbildung gemacht. Wir können also aus unseren Erfahrungen berichten, wie sehr wir von Europa profitieren“, sagt Tom.
Und Botschafterin Julia hat ihre eigene Biografie, die sie nach Saarbrücken gebracht hat: „Ich komme eigentlich aus Flensburg, wollte Französisch studieren, in Deutschland und Frankreich, aber nicht auf Lehramt. So bin ich nach Saarbrücken gekommen. Ich war dann noch zwei Monate für ein Praktikum in Brüssel. Ich will dieses europäische Gefühl vermitteln, den Jugendlichen zeigen, wie sehr man von Europa und der EU profitieren kann.“
„Wir sollten Europa viel mehr schätzen“
Für Tom ist klar: „Hier am Gymnasium am Rotenbühl haben die Schülerinnen und Schüler gewisse Vorkenntnisse über die europäischen Institutionen. Aber Europa ist mehr als nur ein abstraktes Konstrukt, sondern im Alltag konkret.“ Julia ergänzt: „Ich denke schon, dass die viel mitnehmen konnten. Vieles ist selbstverständlich in diesem Alter, weil man es nicht anderes kennt. Es ist aber nicht so selbstverständlich. Umso wichtiger ist, die Vorzüge noch einmal zu betonen.“
Und das ist an diesem Vormittag offensichtlich ziemlich gut gelungen, wie Reaktionen von Schülerinnen und Schülern danach zeigen.
Die Kritik, die EU würde zu viel regeln oder zu viele Vorschriften machen, wollen sie nicht so nicht stehen lassen: „Kritische Diskussionen sollte es schon auch geben. Aber es ist besser, mehr reguliert zu haben, damit man sicherer ist“, sagt einer, vor dem noch der Eierkarton mit den vielen Detailangaben zur Herkunft der Eier steht.
Und was halten die jungen Menschen von Diskussionen darüber, Nationalstaaten sollten wieder mehr selbst in die Hand nehmen? „Ich unterstütze das nicht, denn ich meine, das Zusammenleben internationaler Staaten, wie es die EU praktiziert, ist superinteressant und superhilfreich, gerade für die Jugend. Allein das Reisen würde tausendmal schwieriger, wie es jetzt bei England ist seit dem Brexit. Dann braucht man ein Visum für ein Studium oder ein Arbeitsvisum, das ist superschwierig, und dann bekommst du das nur für zwölf Monate.“ Oder: „Es gibt so viele Dinge, die uns gar nicht so bewusst sind, weil sie eigentlich im Hintergrund laufen, aber so wichtig sind, und man dankbar dafür sein sollte und nicht aus der EU austreten sollte.“ „Ja, denke ich auch. Wir haben es ja beim Brexit gesehen. Die sind ja schon wieder dabei, zurückzurudern, und vielleicht kann man sich ja irgendwann nochmals darauf einigen, dass Großbritannien wieder der EU beitritt. Ich denke, dass die EU am Expandieren ist und das eine großartige Zukunft für Europa ist. Für mehr Zusammenarbeit und Sicherheit in der Welt.“ Eine Schülerin: „Ich sehe das eigentlich genauso. Europa ist eine super Sache, und es sollte eigentlich allen bewusst sein, dass wir das noch mehr schätzen sollten.“