Liverpools Fußballstar Diogo Jota ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wie gehen der Verein, der Trainer und die Spieler mit dem tragischen Verlust ihres beliebten Mitspielers um?
Es war einer der Momente, in dem die Fußball-Welt komplett stillstand. Und in dem die Fans aller Vereine, unabhängig von Rivalitäten, in ihrer Trauer vereint waren. Die Nachricht, dass Diogo Jota in der Nacht zum 3. Juli 2025 zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder André Silva auf der spanischen A 52 bei Cernadilla tödlich verunglückte, traf jeden, der davon hörte, bis ins Mark. Zwei Menschen, 28 und 25, wurden auf tragische Art und Weise aus dem Leben gerissen. Die Brüder waren unterwegs von Porto nach Santander, von wo sie mit der Fähre nach Portsmouth übersetzen wollten. Jota spielte beim englischen Meister FC Liverpool und wollte nach einem Urlaub in der portugiesischen Heimat in die Vorbereitung einsteigen. Auf einen Flug verzichtete er auf ärztlichen Rat nach einem Eingriff an der Lunge wegen der Druckschwankungen. Die Untersuchungen ergaben später, dass beim Überholen offenbar ein Reifen platzte, woraufhin der Wagen von der Straße abkam und ausbrannte.
Beliebt wie kaum ein anderer
Das Schicksal des jüngeren Bruders, der beim portugiesischen Zweitligisten FC Penafiel spielte, ist logischerweise genauso bedauerlich. Doch konzentrierte sich die öffentliche Trauer vor allem auf den bekannteren großen Bruder. Weil er ebenso bekannt war, dass ihn fast jeder Fußball-Fan weltweit kannte. Und dies die Trauer noch greifbarer machte. Und weil hinter seinem Schicksal auch eine markerschütternde Familien-Geschichte steckte. Jota war bereits dreifacher Familienvater. Ganze elf Tage vor seinem Tod hatte er eine Traumhochzeit mit der Mutter dieser drei Kinder gefeiert. Jota schien vor allem im halben Jahr vor seinem tragischen Tod auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Im Dezember 2024 wurde das dritte Kind geboren. Im Mai wurde er als Leistungsträger mit dem FC Liverpool englischer Meister. Im Juni gewann er mit Portugal die Nations League. Das Finale in München gegen Spanien, bei dem er eingewechselt wurde, war sein letztes Spiel. 13 Tage später heiratete er.
Hinzu kam, dass Jota in der Szene so beliebt war wie nur wenige andere. Er galt als höflicher, zuvorkommender und allürenfreier Star. Mit seiner Ehefrau Rute Cardoso war er seit der Schulzeit zusammen. „Das macht keinen Sinn“, schrieb Weltstar Cristiano Ronaldo nach seinem Tod: „Wir waren gerade erst zusammen in der Nationalmannschaft, du hattest gerade erst geheiratet. Deiner Familie, deiner Frau und deinen Kindern, spreche ich mein Beileid aus und wünsche ihnen alle Kraft der Welt. Ich weiß, dass du immer bei ihnen sein wirst. Ruhet in Frieden, Diogo und André. Wir werden euch alle vermissen.“ Zur Beerdigung erschien Ronaldo nicht, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dafür kontaktierte er die Familie persönlich. Auch Jürgen Klopp, der Jota nach Liverpool holte und vier Jahre trainierte, war bestürzt. „Das ist ein Moment, in dem ich mit mir kämpfe! Es muss einen größeren Zweck geben! Aber ich kann ihn nicht sehen!“, schrieb er und postete dazu einige gemeinsame Bilder: „Es bricht mir das Herz, vom Tod von Diogo und seinem Bruder André zu hören.“ Jota sei „nicht nur ein fantastischer Spieler, sondern auch ein großartiger Freund, ein liebevoller und fürsorglicher Ehemann und Vater“ gewesen. Der portugiesische Verbandspräsident Pedro Proença schrieb von einem „außergewöhnlichen Menschen, der von all seinen Mit- und Gegenspielern respektiert wurde, der eine ansteckende Lebensfreude ausstrahlte.“ Uefa-Präsident Aleksandar Čeferin schrieb: „Seine Leidenschaft, seine Energie und sein Geist auf dem Spielfeld inspirierten alle um ihn herum.“ Der Liverpooler Teamkollege Darwin versicherte: „Ich werde dich immer mit deinem Lächeln in Erinnerung behalten.“ Und Nationalmannschafts-Mitspieler Rúben Neves schrieb sehr bewegend: „Man sagt, dass wir Menschen nur verlieren, wenn wir sie vergessen. Ich werde dich nie vergessen.“
Klopps Suche nach dem Zweck
Dieser Diogo Jota war also ein besonderer Fußballer. Und ganz augenscheinlich auch ein besonderer Mensch. Was seinen Verlust noch unerträglicher machte. Sein Club zeigte in jedem Fall Größe. Jotas Rückennummer 20 wird in Zukunft nicht mehr vergeben werden. Vor allem aber handelte der Club sehr großzügig und sagte der Witwe und ihren drei Kindern zu, bis zum Auslaufen des Vertrages im Jahr 2027 weiter das Gehalt auszuzahlen. Offenbar rund 14 Millionen Euro.
Zwei Tage nach dem tragischen Unfall fand im portugiesischen Heimatort Gondomar eine Totenwache für die verstorbenen Brüder statt, einen weiteren Tag später die Beerdigung. Neben der Familie waren auch zahlreiche Politiker und Mitspieler aus Liverpool, der Nationalmannschaft und vorherigen Vereinen gekommen. Rúben Neves flog direkt aus den USA von der Club-WM ein. Noch am Vorabend hatte er dort mit dem saudischen Club al-Hilal gespielt und war bei der Gedenkminute für seinen Freund auf dem Platz in Tränen ausgebrochen. Liverpool-Kapitän Virgil van Dijk trug mit Teamkollege Andy Robertson ein rotes Blumengesteck in Form eines Trikots mit der weißen Rückennummer 20 ans Grab.
Schon am Unfalltag hatten Fans Trikots, Blumen und Kerzen auf dem Trainingsgelände hinterlegt. Und es stellt sich die Frage: Können Jotas engste Weggefährten den Verlust je verarbeiten? Allen voran natürlich seine Familie. Aber auch der Club. Ein Verein, dessen Geschichte neben vielen Erfolgen auch zahlreiche Tragödien begleiteten.
1985 war es vor dem Finale im Europacup der Landesmeister zwischen Liverpool und Juventus Turin im Brüsseler Heysel-Stadion zu schweren Zuschauer-Ausschreitungen gekommen, bei denen 39 Menschen starben. Sogar 97 Menschen ließen vier Jahre später ihr Leben bei der „Katastrophe von Hillsborough“ kurz nach Anpfiff des FA-Cup-Halbfinals zwischen Liverpool und Nottingham in Sheffield. Sie wurden in einem zu vollen Block zerquetscht, Jahre später zeigte ein Untersuchungsbericht das Versagen der Ordnungskräfte auf. In Liverpool gedenken sie immer der „97 von Hillsborough“, die Zahl 97 ist auch auf den Trikots kurz unter dem Nacken eingestickt.
„Ob wir wollen oder nicht“
„Das einschneidende Erlebnis war mein erster Memorial-Gottesdienst für die Hillsborough-Opfer am 15. April 2000. Danach bin ich nach Hause gefahren und habe mir gesagt: Ich muss alles in meiner Macht Stehende tun, um die Leute nicht zu enttäuschen“, sagte Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann, der von 1999 bis 2006 für die „Reds“ spielte, der Zeitung „Die Welt“. „Tragödien haben den Club zusammengeschweißt, und daraus wurde der Club stark“, sagte Hamann: „So etwas wie jetzt ist noch nie passiert. Aber auch im Fall von Diogo Jota werden sich Stadt und Verein dafür einsetzen, dass die Unterstützung und das Gedenken nicht nur symbolisch passieren wird.“ Die Zahlung des Gehalts sei schon ein entsprechendes Zeichen.
Doch wie gehen der Trainer und die Mannschaft um den gerade erst verpflichteten Nationalspieler Florian Wirtz mit der Tragödie um? „Es ist sehr schwierig, die richtigen Worte zu finden, weil wir ständig darüber diskutieren, was angemessen ist. Was ist angemessen in unserem Handeln? Was ist angemessen für das, was wir zu sagen haben?“, sagte Trainer Arne Slot zehn Tage nach dem Unglück in einem Vereins-Interview: „Können wir wieder trainieren? Dürfen wir wieder lachen? Können wir wütend sein, wenn wir eine falsche Entscheidung getroffen haben? Nichts scheint wichtig zu sein, wenn wir daran denken, was passiert ist.“ Er habe sich gefragt, was Jota sagen, denken und tun würde. Er sei immer er selbst geblieben. Deswegen habe er der Mannschaft gesagt: „Wenn wir lachen wollen, dann lachen wir. Wenn wir weinen wollen, dann weinen wir. Wenn ihr trainieren wollt, könnt ihr trainieren, wenn ihr nicht trainieren wollt, könnt ihr nicht trainieren. Aber seid ihr selbst, denkt nicht, dass ihr anders sein müsst, als es eure Gefühle euch sagen.“ Klar sei aber: „Wir sind ein Fußballverein und wir müssen trainieren und wir müssen wieder spielen, ob wir wollen oder nicht.“
Nach dem Gewinn der englischen Meisterschaft wollte Liverpool in dieser Saison die Champions League angreifen. Gab dafür trotz des Vorjahreserfolgs über 200 Millionen für Neuzugänge aus, investierte vor allem in die Leverkusener Double-Sieger Wirtz und Jeremie Frimpong. Nun scheint der Sport erst mal banal gegen das Geschehene. Doch es wird auch Triebkraft sein. Den Titel zu holen für Diogo Jota. Und ihn auf diesem Weg jeden Tag bei sich zu wissen.