Als kleines Kind hatte Pirmin Schwegler Leukämie. Trotzdem ist er Fußballer geworden. Ein sehr erfolgreicher sogar. Und auch die zweite Karriere lässt sich ähnlich erfolgreich an.
Pirmin Schwegler war schon immer eine besondere Persönlichkeit im Fußballgeschäft. Sicher auch, weil er eine ganz besondere Lebensgeschichte hat. Über diese spricht der neue Sportdirektor des Bundesligisten VfL Wolfsburg nicht oft – aber wenn, dann umso intensiver.
Im Herbst 1988 wurde bei dem gerade 18 Monate alten Pirmin Leukämie diaÂgnostiziert. „Die Ärzte sagten, wir sollen die Momente genießen, die wir noch zusammen haben“, sagte seine Mutter Annelis 2005 dem „Sportmagazin“: „Die Überlebenschance lag bei unter zehn Prozent. Wir haben uns innerlich auf den Abschied vorbereitet.“ 160 Tage lag der kleine Junge im Inselspital in Bern, in den ersten 14 Monaten nach der Diagnose musste er sich zwölf Chemotherapien unterziehen. „Bis zum vierten Lebensjahr wusste man nicht, ob ich durchkomme“, sagte er 2011 der „Zeit“.
Doch Schwegler war damals schon ein Kämpfer. Mit vier galt er zunächst als gesund. Aber elf Jahre lang musste er viermal im Jahr zur Nachsorge. Termine zwischen Hoffen und Bangen. Doch nie kam etwas zurück. Als er 15 war, wurde er offiziell als geheilt bezeichnet. Seine Fußballkarriere hatte er da längst ins Laufen gebracht. Ein Jahr später, mit 16, gab er für den FC Luzern in der 2. Liga der Schweiz sein Profidebüt.
Für die Schweiz bei der WM 2010
Es folgte eine durchaus beeindruckende Karriere mit rund 500 Profispielen für Luzern und die Young Boys Bern in der Schweiz, für Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt, die TSG Hoffenheim und Hannover 96 in Deutschland, für die Western Sydney Wanderers in Australien sowie für die diversen Nationalmannschaften seines Heimatlandes. 14-mal trug er unter Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld das Trikot des A-Teams, gehörte auch zum Kader bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika.
Und dennoch vergaß er nie, was war. „Meine Familie und ich sind dankbar und glücklich, dass es mir heute so gut geht und dass ich mir meinen Traum verwirklichen konnte: Ich bin Profifußballer. Meine Krankheit vergesse ich dabei nicht“, sagte er in einem Flyer der Berner Stiftung für krebskranke Kinder und Jugendliche. Betreut von Annette Ridolfi Lüthy, jener Ärztin, die ihn als Kind jahrelang behandelt hatte. „Sie ist mein Engel“, sagte Schwegler: „Ich bin davon ausgegangen, dass sie bereits im Ruhestand ist. Ich lag falsch.“
Die Angst, dass der Krebs zurückkommt, war zu dieser Zeit gebannt. Doch der Weg, den Pirmin Schwegler gehen musste, die Erfahrungen, die er machen musste, leiten ihn bis heute. Er ist extrem ehrgeizig, aber nicht verbissen, weil er weiß, dass es Schlimmeres im Leben gibt. „So schnell haut mich nichts mehr um“, sagte er der „Zeit“: „Ich sehe das Geschäft mit anderen Augen. Durch das Erlebte habe ich früh zu relativieren gelernt und sehe die Spiele als Geschenke an.“
Im Fußball werde „vieles durch eine schwarz-weiße Brille betrachtet. Da ist viel Show dabei. Und einiges erscheint mir ab und an übertrieben und unnötig. Aber ich liebe das Spiel und will es genießen.“ Ihm sei wichtig, „dass mich die Leute als Mensch und nicht primär als Fußballer wahrnehmen“. Einen großen Luxus brauche er auch als Star nicht. Dicke Autos, Villen – all dem habe er sich verwehrt. „Glück ist für mich, wenn ich gesund aufwache und meinen Traumberuf ausüben kann.“
„Fast mehr als jeder Sieg“
Gleichzeitig erlebte er natürlich die Höhen und Tiefen eines ganz normalen Profis. Als er 2009 mit 21 erstmals für die Nationalmannschaft nominiert wurde, riss er sich kurz zuvor das Innenband im Knie und musste absagen. „Die Enttäuschung ist riesig“, sagte er. Und als er unter Hitzfelds Nachfolger Vladimir Petkovic rund ein Jahr lang nicht eingeladen wurde, erklärte er seinen Rücktritt aus dem Nationalteam. „Ich habe immer auf die Nati hingearbeitet. Ich bin immer wieder enttäuscht worden. Es hat sehr an mir genagt, mich fast aufgefressen“, sagte er dem „Blick“. Petkovic habe jedem eine faire Chance versprochen. „Ich habe sie nicht bekommen. Darum stehe ich ab sofort nicht mehr zur Verfügung.“
Seine Erkrankung machte er während seiner Laufbahn nicht dauerhaft zum Thema, aber immer dann, wenn er sich sicher war, helfen zu können. 2016 gründete er das Projekt „Mein Klub – meine Hilfe“. 2018 erhielt er von der Krebsliga Schweiz den sogenannten Anerkennungspreis. „Das bedeutet mir extrem viel – fast mehr als jeder Sieg“, sagte er damals: „Ich habe da schon viel Zeit investiert, wirklich keine Mühen gescheut und konnte – glaube ich – auch vielen Leuten helfen. Es ist schön, dass das so anerkannt wird, aber in erster Linie habe ich es für die Kinder gemacht.“
In Wolfsburg herrscht Skepsis
Als er im September 2020 von seiner letzten Karrierestation aus Australien zurückkam, war in ihm längst der Gedanke gereift, weiter im Fußball bleiben zu wollen. Zwei Monate später begann er als Scout beim FC Bayern München. Nach einem Dreivierteljahr beförderte ihn der Rekordmeister zum Chefscout. Danach arbeitete Schwegler knapp zwei Jahre als „Leiter für Lizenzfußball und Fußballkooperationen“ bei seinem Ex-Club in Hoffenheim. Nachdem sein Förderer Alexander Rosen beurlaubt worden war, trat er – konsequent, wie er eben ist – zurück. Zum 1. Januar 2024 wechselte er als „Leiter Profifußball“ nach Frankfurt, zu einem weiteren Ex-Club. Nun folgte im Dezember schließlich der Schritt als Sportdirektor nach Wolfsburg, wo er sich mehr Gestaltungsraum verspricht. Die Rolle in Frankfurt sei im Endeffekt „zu klein für seine Ambitionen gewesen“, schrieb der „Kicker“. Sein Abgang sei „eine verpasste Chance für die Eintracht“, urteilte das Fachblatt: „Es wird der Tag X kommen, an dem Sportvorstand Markus Krösche seinen Schreibtisch räumt. Vielleicht hätte Schwegler in diese Rolle hineinwachsen können – doch nicht in dieser untergeordneten Funktion. (…) Kurzfristig ist sein Abgang in Frankfurt verschmerzbar. Doch es käme nicht überraschend, würden ihm auf lange Sicht doch noch ein paar Tränen nachgeweint werden. Einen klugen, integren Fachmann wie Schwegler findet man nicht an jeder Straßenecke.“
Die „Frankfurter Rundschau“ bedauerte den Abgang ebenfalls, kritisierte dafür aber eher Schwegler als den Club. „Schwegler, ein guter Typ, klug und empathisch, werkelte im Hintergrund. Er war nah dran am Team, Verbindungsglied zwischen Trainer und Mannschaft“, hieß es dort. „Doch das reichte ihm nicht – weshalb er nun zum zweiten Mal nach Hoffenheim mit einem astreinen Plastikclub anbandelt. Kann man so machen, muss man nicht. Und zeigt, dass da einer nicht die Geduld aufbrachte, auf Aufstiegsmöglichkeiten zu hoffen. Die hätte es in Frankfurt gegeben, nicht sofort, aber irgendwann: Der umworbene Sportchef Markus Krösche wird nicht auf ewig im Stadtwald arbeiten. Diese Tür ist für Pirmin Schwegler jetzt verriegelt. Er hat sie selbst zugeschlagen.“
In Wolfsburg wurde er dagegen zunächst als C-Lösung empfangen, nachdem der Hoffenheimer Andreas Schicker und der Hannoveraner Marcus Mann vor ihm abgesagt hatten. Eine „Wundertüte“ nannte ihn die „Wolfsburger Allgemeine Zeitung“. „A-Lösung, B-Lösung, Z-Lösung – das ist mir völlig wurscht“, sagte Schwegler unbeeindruckt und erinnerte an Bayern-Trainer Vincent Kompany. Der sei „auch nicht die A-Lösung“ gewesen: „Jetzt sind alle happy mit ihm.“
Und er sei sich sicher, in Wolfsburg, wo er zwölf Jahre zuvor fast einmal als Spieler hingewechselt wäre, auch happy zu werden. „Ich war relativ schnell Feuer und Flamme.“ Es habe „außergewöhnlich gute Gespräche“ gegeben: „Die Idee, wie man hier arbeiten will, hat mich vom ersten Moment an gepackt.“
Auch wenn sich die Situation bei den ambitionierten Wölfen bei seiner Ankunft alles andere als rosig darstellte. „Es ist eine große Aufgabe, deren sind wir uns alle bewusst“, sagte Schwegler. „Wir wissen, dass wir in einer Situation sind, die nicht so einfach ist. Aber wir alle lieben eine Challenge – und ich persönlich auch.“
Er hat schließlich schon weitaus Schlimmeres erlebt. Und auch überstanden.