Sibylle Dordel wollte schon immer auf der Bühne stehen. Doch erst mit Mitte 70 beginnt die ehemalige Lehrerin ihre Karriere in Film und Theater. Warum es sich lohnt, seine Träume nicht aufzugeben.
Ich bin Lisa“, sagt Sibylle Dordel, „und ich gehe dann ins Wasser“. Über ihre Figuren spricht sie immer so. Sie spielt sie nicht nur, sie ist sie auch. Wie im Herbst vergangenen Jahres an der Münchener Staatsoper, wo sie in „Die Passagierin“ das stumme Double von Lisa, der Hauptfigur, spielt. Die hat sich in Auschwitz als Aufseherin schuldig gemacht. Auf einer Kreuzfahrt wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt – weil sie glaubt, unter den Mitreisenden eine ehemalige Häftlingsfrau wiederzukennen. Man sieht das im Video, das mangels eines echten Tauchbeckens in der Oper kurz vor Ende des Stücks über den Bildschirm läuft. Wie sie den einen Schritt über den Beckenrand ins Wasser geht. „Es ist ganz still. Und ich sinke.“ Und dann, unter Wasser, den Schrecken in ihren Augen. Sibylle Dordel ist 77 Jahre alt und die Lisa war ihr vorerst größter Erfolg. Seit drei Jahren ist sie bei der Agentur 60plus unter Vertrag. Sie ist jetzt Schauspielerin. Das, was sie immer werden wollte. Das, was sie vorher nie sein konnte. Dass sie mit Mitte 70 ihren Lebenstraum verwirklicht, zehn Jahre nach Renteneintritt, findet Sibylle Dordel wunderbar. Sie ist auch stolz. Aber es überrascht sie nicht. Mit 68 ist sie Deutsche Meisterin im Modernen Vierkampf geworden, nachdem sie sich mithilfe ihrer Tochter das Fechten und Schießen beigebracht hatte. Ein Jahr Training später wurde sie Weltmeisterin der Frauen 60plus.
Schon im Gymnasium in der Theatergruppe
Die Welt aus ihrer Sicht ist voller Möglichkeiten, auf die man sich mit halb geschlossenen Augen nur einlassen muss. Sie erzählt eine Geschichte von einem Magnolienzweig, den sie geschenkt bekommen hat. Den ihr Mann schon aufgegeben hatte und wegwerfen wollte, weil er nach Tagen noch keine Blüten trug. Zwei Wochen hat es gedauert. Immer wieder hat sie das Wasser erneuert. Jetzt sind fast alle Blüten rosa. Sie sagt: „Manches braucht eben eine Weile.“
Sibylle Dordel ist ein Nachkriegskind, 1948 bei Lübeck geboren. Die geschiedene Mutter nimmt ihre drei Töchter ins Theater und in die Oper mit nach Hamburg. Damit sich die Kinder nicht danebenbenehmen, spielt die Mutter vorher im Wohnzimmer mit ihnen Theater. Sie üben, wie man richtig herum, mit dem Gesicht zu den Anderen, an einer Sitzreihe vorbeigeht. Sie lesen Textstellen in gelben Reclamheften. Für ihre Mutter hat Sibylle Dordel zwei Erzählungen, die beide in sich stimmig sind, die aber nicht gut zusammenpassen. Ihre Mutter ist eine Heldin, die es schafft, die Kinder alleine großzuziehen. Die ihnen Freiheit und Bildung schenkt, Theaterbesuche und Auslandsaufenthalte. Die jeder ihrer Töchter Abitur und Studium ermöglicht.
Das ist die eine Geschichte. Die andere geht so: Ihre Mutter war als Jugendliche begeistert vom BDM, der Jugendorganisation der Nazis, und blieb es im Grunde Zeit ihres Lebens. Zeitungen, Nachrichten und politische Diskussionen gab es einfach nicht.
Beide Geschichten sind wahr, sagt Sibylle Dordel. Und: „Wenn sie wüsste, dass ich die Lisa spiele!“
Auf dem Gymnasium geht sie in eine Theatergruppe. Bei der Aufführung bekommt sie nur einen Platz im Sprechchor. „Ich habe in der Nacht vorher einen Traum, ich falle in Ohnmacht“, sagt Sibylle Dordel. Geschichten aus ihrem Leben erzählt sie manchmal auf dieselbe Weise, wie sie über die Figuren spricht, die sie verkörpert: im Präsens und ein bisschen so, als würde sie einen Text deklamieren. „Und dann ist Aufführung. Die Scheinwerfer gehen an und ich falle wieder in Ohnmacht. Diesmal in echt.“
Sibylle Dordel wäre schon als junge Frau am liebsten Schauspielerin geworden. „Das kannst du dann machen, wenn du eine feste Stelle hast“, ordnet ihre Mutter an. Auch Ärztin findet sie riskant. „Da kriegst du nie einen Mann.“ Also wird sie Lehrerin in Sport und Französisch, ihre beiden besten Fächer in der Schule. Ihre Diplomarbeit schreibt sie zum Thema: „Arbeits- und Belastungsinsuffizienz des Herzens aus der Sicht der Sportmedizin“. Sie heiratet und bekommt drei Kinder. Mit denen spielt sie Rollenspiele und Verkleiden.
Unterricht in Tanz, Stimme und Mimik
Als Lehrerin fährt sie mit ihren Abschlusskursen regelmäßig Freitagnacht mit dem Bus nach Paris, geht in Theater und Museen, und Sonntag zurück. „Wahrscheinlich war ich mit einem Bein im Gefängnis“, sagt sie, „aber die Schüler fanden es toll.“ Sie bietet Theater-AGs an und bringt ihre Stücke auf die Bühne. Sie schreibt und liest und überlebt eine Ehe, in der sie nicht die sein kann, die sie ist.
Sie nimmt Tanzunterricht in Hannover und Stimm- und Mimikunterricht in Südfrankreich. Eine ihrer Töchter arbeitet in der Filmbranche und fragt ihre Mutter eines Tages: „Mama, du mit deinen Falten, willst du nicht zum Film?“ Und Sibylle Dordel, die damals schon seit ein paar Jahren mit selbstgeschriebenen und -inszenierten Stücken auf kleinen Bühnen auftrat, will.
So leicht ist es dann aber nicht. „Keine Agentur will jemanden haben, der noch nichts ist“, sagt sie. Ihr Durchbruch war eine Rolle im Kinofilm „The Ordinaries.“ Sie spielt darin zwar nur eine Nebenrolle, ein paar Minuten Spielzeit, aber diese wenigen Minuten werden der Trailer des Films. Sibylle Dordel glaubt, dass sie diesem Trailer auch die Lisa in der Staatsoper zu verdanken hat. „Ich wirke da so, als würde ich im Nebenraum Kinder an die Wand nageln“, sagt sie. „Das passte auf Lisa, die KZ-Aufseherin, perfekt.“ Mittlerweile wird sie so viel gebucht, dass es schwierig ist, einen Termin für ein Gespräch mit ihr auszumachen.
Den einen Tag sitzt sie gerade im Zug, auf dem Weg nach Köln, wo sie für „Notruf“ dreht. „Ich stoße mich am Tisch und verblute fast.“ Kurz darauf dreht sie einen Werbeclip für TUI in Berlin. Sie hat eine kleine Rolle im „Tatort“ mit Axel Prahl, spielt in der „Spreewaldklinik“ und in dem Film „Mein Falke“: „Ich bin da eine Frau, die ihren Mann umgebracht hat.“
An einem Wochenende im März spielt sie dann in der kleinen Bar „Kanapee“ in Hannover ihr Einpersonenstück „Camille Claudel“, das sie selbst geschrieben und an die 20 Mal auf kleinen Bühnen aufgeführt hat. Es ist ein Heimspiel, das „Kanapee“ ist voller Freunde und Weggefährten. Ein Sohn ist da, ihr Mann. Sibylle Dordel hat für das Stück die Lebensgeschichte der Bildhauerin recherchiert. Sie war in der ehemaligen psychiatrischen Anstalt in Montdevergues in Südfrankreich, wo Camille Claudels Familie sie über 30 Jahre lang wegsperren ließ, und hat meterweise Akten und Bücher gelesen. Auf der Bühne steht ein Holzstuhl, den sie aus der Anstalt mitgenommen hat. Im Wechsel mit der Stimme eines Psychiaters, der die Krankenakten auf Band gelesen hat, und zur Musik einer Akkordeonistin spielt Sibylle Dordel Camille Claudel. Nicht die Camille Claudel, die man aus ihren erfolgreichen jungen Jahren zu kennen glaubt, nicht die Geliebte von Auguste Rodin. Sondern die weggesperrte, wahnhafte, bittere Camille Claudel, die sich um Ruhm und Respekt gebracht sieht, die fürchtet, schleichend vergiftet zu werden, die ihre Familie in Briefen wieder und wieder anfleht, sie endlich rauszuholen. Sibylle Dordel schreit und fleht und wimmert. Ihre Haare sind wirr und ihr Gesicht dreckverschmiert. Sie isst Pellkartoffeln ohne Besteck und wirft mit Gegenständen.
Sie hat das Stück vor zwanzig Jahren, noch neben ihrer Arbeit als Lehrerin, geschrieben und dann viele Jahre lang aufgeführt. Sibylle Dordel will das Stück demnächst noch einmal filmen lassen, „so wie es jetzt ist, mit mir als alte Frau.“ Glaubt sie, dass es nun besser ist? „Damals wollte ich, dass es schön ist. Ich war eitel. Das bin ich nicht mehr, ich kann jetzt machen, was ich will. Alles ist richtig, was der Figur guttut. Je älter ich werde, desto mehr begreife ich, wie wenig Äußerlichkeit zählt. Das macht das Stück besser.“ Sie sagt, wenn man in einem Buch lesen will, muss der Buchdeckel offen sein.
Ein Leben zwischen verschiedenen Drehorten
Sibylle Dordel wirkt zart und energisch. Von Altersgebrechen weitgehend verschont, führt sie zurzeit ein Leben zwischen Drehorten. Ausgefüllt, angefüllt, mit dem, was sie immer machen wollte. Dabei umgeben von Familie und Freunden. Ein glückliches Leben, das sie sich in Geschichten erzählt. Ihren eigenen und denen ihrer Figuren.
Sie wünscht sich, einmal eine große Frauenrolle in einem Film zu spielen. Eine, die viel erlebt hat. So wie Camille. „Ich habe sechs Monodramen geschrieben und aufgeführt“, sagt sie. „Aber Camille Claudel, das ist mein Herzstück.“ Schon als sie das erste Mal in einer Ausstellung von Camille Claudel ist, muss sie Tränen runterschlucken.
In vielen der Figuren, die sie verkörpert, findet sie etwas von sich selbst. In dem Film „Mein Falke“ geht es zum Beispiel um eine Frau, die einen jungen Falken aufzieht. Sibylle Dordel hat auch einmal einen Vogel aufgezogen, einen Buchfinken. Alle vier Stunden hat sie ihn gefüttert, irgendwann ist er das erste Mal hochgeflattert, irgendwann ist er zu kleinen Rundflügen aufgebrochen. Irgendwann kam er nicht mehr zurück.
Als sie sich die Lisa in „Die Passagierin“ aneignet, sieht Sibylle Dordel den Auftrag, sich mit Schuld und der Nazizeit zu beschäftigen. „Wenn das meine Mutter schon nicht gemacht hat, dann wenigstens ich“, sagt sie. Sie fühlt sich in die Rolle ein, versteht in der Logik von Lisa, dass sie mit dieser Schuld nicht mehr weiterleben kann. „Ich seh ja, das habe ich gemacht, das habe ich alles gemacht! Das kann ich nicht aushalten.“ Der Schrecken in ihren Augen, als sie im Tauchbecken untergeht, der ist nicht gespielt, der ist echt. Sie hat zwei Kilo Blei in den Taschen, damit sie untergeht. Und egal, wie sehr sie versucht, an die Oberfläche zu kommen: „Ich werde nach unten gezogen, tiefer und tiefer. Ich denke und fühle, dass ich sterben werde.“
Warum will Sibylle Dordel Schauspielerin sein? „Ich wollte meinen eigenen Ausdruck finden. Als ich mit den ersten Stimmtrainings begonnen habe, war es, als ob ich mich besser, umfassender kennenlerne, eine vollständigere Version meiner selbst entdecke.“
Sibylle Dordel ist jetzt Camille Claudel. Sie ist eine, die sich am Tisch stößt und fast verblutet. Sie gibt Kriminalhauptkommissar Frank Thiel im Münster „Tatort“ die Hand. Sie ist die, die ihren Mann umgebracht hat. Sie ist Lisa, die ins Wasser geht.
Aber sie ist nicht ertrunken. Eine Taucherin, die zur Sicherheit am Beckenrand stand, ist hinterher gesprungen und hat sie nach oben gebracht, zum Licht. Im Frühjahr wird „Die Passagierin“ in der Nationalen Oper in Amsterdam gespielt. Ein Zimmer hat Sibylle Dordel schon gefunden.