Eine ungerechte Vermögensverteilung ist die Wurzel vieler Menschheitsprobleme von der Klima- bis zur Demokratiekrise, glaubt Sebastian Klein, der deshalb einen Großteil seines Vermögens abgegeben hat.
Herr Klein, was kann man als Millionär für eine gerechtere Gesellschaft tun?
Eine ganze Menge. Menschen mit viel Geld haben mehr Gestaltungsmöglichkeiten als andere – und damit auch mehr Verantwortung. Sie haben besseren Zugang zu Politikern, können NGOs unterstützen, Investitionsentscheidungen treffen, Dinge gestalten.
Sie haben einen großen Teil Ihres Privatvermögens abgegeben. Wie kam das?
Ich hatte die Bücher von Thomas Piketty gelesen, der vor einer demokratiegefährdenden Vermögenskonzentration warnt. Dazu kam ein Blick vor meine Haustür in Berlin: Wachsender Reichtum auf der einen Seite bedeutet mehr Armut auf der anderen Seite – Leute, die Flaschen sammeln müssen, die nicht wissen, wie sie ihr Essen bezahlen sollen. Und an mir selbst habe ich beobachtet, was Reichtum mit einem macht. Man denkt immerzu an Geld, identifiziert sich damit. Das fand ich keine gute Persönlichkeitsentwicklung.
Wie viel Geldballast haben Sie abgeworfen?
Von den gut fünf Millionen Euro, die ich zu dem Zeitpunkt besaß, habe ich 90 Prozent abgegeben.
Was hat das mit Ihnen gemacht?
In Summe hat das mein Leben verbessert. Ich habe ja immer noch genug, um keine Angst vor Altersarmut haben zu müssen. Dieses Sicherheitsgefühl ist wichtig. Aber ich fühle mich nicht mehr als Teil des Ungleichheitsproblems. Und ich empfinde es als Privileg, ganz normal als Teil der Gesellschaft leben zu können, anstatt mich abgeschottet und einsam in Limousinen herumfahren zu lassen.
Glück bedeutet also, nicht zu wenig Geld zu haben, aber auch nicht zu viel?
Genau, es gibt einen gesunden Korridor. Und eine zu große ökonomische Ungleichheit ist auch für die Gesellschaft ungesund. Man braucht sich nur die Spitzenpolitiker anzuschauen: Immer mehr von ihnen sind reich und verkehren in reichen Kreisen. Das geht ja schon in Richtung Oligarchie. Millionäre wie Friedrich Merz haben keine Ahnung, welche Probleme die Menschen im Land haben. Und es interessiert sie auch nicht. Das erklärt zum Teil den Erfolg der AfD.
Ein Kreuz bei der Wahl als Protest gegen die Geldelite?
Die AfD spielt geschickt mit diesem Gefühl der Ungerechtigkeit, des Abgehängtseins, und sammelt damit Wählerstimmen ein. Obwohl – und das ist das Verrückte – ihre eigene Wirtschaftspolitik die Ungleichheit noch verstärken würde. Die Reichen würden noch reicher werden. Deshalb gibt es auch einige sehr Vermögende, die die AfD unterstützen.
Sollte, wer die Demokratiekrise lösen will, den Reichtum umverteilen?
Ja, das gehört dazu. Denn jedes größere Problem hängt damit zusammen. Würden nicht einige reiche Menschen so von ihren fossilen Geschäftsmodellen profitieren, hätten wir die Klimakrise längst entschlossener angepackt. Und ohne Social Media, die in den Händen einiger weniger Milliardäre sind, wäre unsere Demokratie nicht ganz so im Eimer. Meta und Co. scheffeln Geld mit Algorithmen, die unsere Gesellschaft zersetzen.
Warum tut die Politik sich so schwer, Schwerreiche stärker zu besteuern?
Weil so viele Menschen sich diese große Ungleichheit gefallen lassen.
Und woran liegt das?
Ich glaube, das hängt mit dem Narrativ von der Leistungsgesellschaft zusammen, mit dem wir eingelullt werden. Ihm zufolge haben diejenigen, die Millionen besitzen, sich das eben durch Leistung verdient. Aber was leistet jemand, der ein Vermögen erbt? Eine alleinerziehende Mutter, die nebenbei noch arbeiten geht – sie ist für mich eine Leistungsträgerin.
Welche Reaktionen gab es, nachdem Sie mit der Umverteilung bei sich selbst angefangen haben?
Die meisten Leute finden das gut und sagen, dass es davon mehr bräuchte. Daneben gibt es auch eine kleine Gruppe von Menschen, die mir reflexhaft Sozialismus vorwerfen. Dabei sieht unser Grundgesetz einen sozialen Staat vor, in dem auch umverteilt wird. Das ist eigentlich die Basis unserer demokratischen Gesellschaft.