Der Name des kleinen Marktes in Saargemünd spricht für sich: „Gut & Bon“. Hier dreht sich alles um regionale Produkte kleiner Höfe, Produzenten und Manufakturen. Es ist eine Liebeserklärung an lokale Produkte.
Regelmäßige Leser meiner Gastro-Kolumne wissen, dass ich gerne in Hofläden und bei kleinen Genusshandwerkern einkaufe. Was ganz einfach daran liegt, dass ich in Supermärkten und Discountern nur selten so gute Produkte finde. Eine mir bekannte Ausnahme – zumindest für einige Produkte, die ich suche – ist der Edeka Lonsdorfer in der Mainzer Straße in Saarbrücken. Einen Einkaufsmarkt ganz ohne Produkte der Lebensmittelindustrie habe ich im Saarland allerdings noch nicht gefunden. Vor Kurzem erzählte mir mein Freund Patric Bies aber von genau solch einem Markt in Saargemünd: „Gut & Bon“. Dieser hat zudem ein kleines Bistro für ein regionales Mittagessen.
Das machte mich natürlich neugierig, und ein paar Tage später fuhren wir hin. Das Konzept von „Gut & Bon“ basiert auf der Zusammenarbeit mit regionalen Bauernhöfen, Produzenten und handwerklichen Herstellern. Der Markt in Saargemünd wurde als Bauern- und Genussmarkt mit Schwerpunkt auf lokalen und französischen Produkten am 10. November vorigen Jahres eröffnet und legt großen Wert auf die direkte Verbindung zwischen Erzeugern und Verbrauchern. Zu finden sind dort etwa Getreide wie Weizen, Gerste und Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben, Raps, Obst, Mirabellen (die berühmte Mirabelle de Lorraine), Gemüse verschiedener Arten nach Saison, Milch und Milchprodukte, Rind- und Schweinefleisch sowie Wein, vor allem aus dem Weinbaugebiet um die französische Mosel.
Lebensmittel ohne Industrie
Diese Region ist außerdem bekannt für Spezialitäten wie Mirabellenprodukte, etwa Konfitüren, Brände und Kuchen, Wurstwaren, Käse und regionale Backwaren. Als wir eintreten, bemerkt Patric: „Man sieht ganz deutlich den saisonalen Charakter. Zurzeit gibt es nicht so viel Gemüse wie im Herbst, also ist dieser Bereich nicht so groß. Aber ohne Tomaten geht es wohl doch nicht. Die Leute sollen ja nicht umsonst hierherkommen. Kompromisse müssen sie machen.“
Während unseres Aufenthalts erfahre ich: Hier geht es vor allem um Lothringen, Grand Est und Frankreich. Die Gründer des beliebten 400 Quadratmeter großen Bauernladens „Gut & Bon“ in Saargemünd sind der Schweinezüchter Jean Lukatschewitsch und der Imker und Safranproduzent Romaric Ortis. Die beiden moselländischen Produzenten haben das Projekt 2025 ins Leben gerufen, um lokale Erzeuger den Verbrauchern näherzubringen. Das war keine neue Idee, denn einen ähnlichen Laden gibt es bereits in Sarrebourg. Jean Lukatschewitsch züchtet Schweine auf dem Bauernhof Ferme de la Rose in Albestroff, Romaric Ortis ist Bienenzüchter und produziert Safran in Guinglange. Ihre Geschäftseröffnung war eine Liebeserklärung an lokale Produkte. Die Produkte stammen größtenteils direkt aus einem Umkreis von wenigen Kilometern und werden von lokalen Landwirten, Kleinbetrieben und Erzeugern aus der Region Ostfrankreich/Grand Est hergestellt.
Wir schlendern gemütlich durchs Geschäft, um alles in Ruhe zu entdecken. Das kleine Bistro bietet ein regelmäßig wechselndes regionales Tagesgericht. Bei unserem Besuch gibt es Nudeln Carbonara, Hähnchenschenkel, Kartoffelpüree mit Hackfleisch und gefüllten Kalbsbraten. Was ich probiere, schmeckt richtig gut. Köchin Estelle Sagnardon und Geschäftsführer Guillaume Fougerousse sorgen dafür, dass alle zufrieden sind.
Auch Deutsche kaufen hier Brot
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Produkte der Lebensmittelindustrie sind nicht per se schlecht oder gar schlimm. Aber es gibt Gründe, warum Läden wie „Gut & Bon“ ganz bewusst darauf verzichten. Denn häufig enthalten solche Produkte viel Zucker, Salz, Aromen und Konservierungsstoffe, um Haltbarkeit und Geschmack zu pushen. Das ist nicht immer schlecht, aber oft wird unnötig viel des Genannten dafür verwendet. Ein weiterer Minuspunkt solcher Produkte sind die langen Transportwege. Statt kurzer Wege wie bei regionalen Produkten findet man in der Lebensmittelindustrie häufig globale Lieferketten. Das schadet dem Klima und nicht selten auch dem Geschmack, denn gerade Obst und Gemüse werden dabei nicht selten geerntet, lange bevor sie richtig reif sind. Zudem herrscht hier meist ein enormer Preisdruck auf die Erzeuger, denn große Konzerne drücken in aller Regel die Preise. Kleine Bauern und Hersteller bleiben dabei auf der Strecke. Und zu guter Letzt natürlich der Geschmack. In der Lebensmittelindustrie sollen die Produkte überall gleich schmecken. Charakter und Saisonalität gehen dadurch völlig verloren.
Alles Gründe, warum ich das nicht brauche und lieber bei regionalen Erzeugern kaufe. Wenn ich dann noch höre, dass Bekannte hochverarbeitete vegane Produkte der Lebensmittelindustrie kaufen, kann ich nur noch den Kopf schütteln. Hochverarbeitete Produkte haben nun mal nichts mit gesunder Ernährung zu tun – egal ob vegan oder klassisch. Was soll da gut für den Körper sein?
Aber zurück zu „Gut & Bon“. Würste beispielsweise werden hier selbst im Haus hergestellt, nur das Lamm kommt aus dem Limousin. Im Sortiment finden sich klassische Fleischwurst, Grillwürste wie Bratwürste und Merguez, Spieße, marinierter Speck und vieles mehr. Das Schweinefleisch etwa wird auch nach seiner genaueren Herkunft innerhalb der Region Grand Est unterteilt: Manches kommt aus dem Département 57, Moselle, andere Stücke aus dem Département 54, Meurthe-et-Moselle. Das Fleisch stammt nach Angaben von „Gut & Bon“ aus artgerechter regionaler Tierhaltung, beispielsweise von Schweinen, die auf Vollstroh gehalten und garantiert gentechnikfrei gefüttert werden, beispielsweise mit frischem Brot.
In Saarbrücken habe ich immer wieder das Problem, die Käsesorten zu finden, die ich besonders mag. Keine Frage: Es gibt einige sehr gute Käse in Saarbrücken, aber eben nicht alle, die ich liebe. „Unser Käse stammt aus der lothringischen Campagne, der Munster natürlich aus den Vogesen. Wir haben einige regionale Käse aus der Moselle, aber auch aus Frankreich“, klärt mich Köchin Estelle Sagnardon auf.
Beliebt auch bei Deutschen, die das Wochenende an einem der benachbarten Weiher wie Hirbach, Remeringen oder Diefenbach verbringen, ist das Brot der Bäckerei, „La vieille grange“ aus Grundviller. Ich kenne einige, die auch am Weiher Brot bekämen, aber extra dafür eben gerne nach Grundviller fahren, um Croissants oder Brot zu kaufen. Das Brot, ob hell oder dunkel, sei ein ganz besonderes, erzählen sie immer. Morgens gibt es hier übrigens auch Frühstück, nachmittags auch Kaffee und Kuchen.
Fisch hat „Gut & Bon“ nicht im Sortiment, aber den kriegen wir auch anderswo in Lothringen oder an der Saar. Deshalb ist das kein Problem für mich. Dafür bieten sie hier regionale Produkte an, die ich nicht erwartet hätte: lothringisches Eis etwa oder Schnecken aus Lothringen. Da warten mit Sicherheit noch andere Überraschungen für meinen nächsten Besuch.
Lothringen ist Mirabellenland
„Gut & Bon“ in Saargemünd ist in Sachen Konzept wirklich konsequent: nur regionale Produzenten, und völlige Transparenz. Man weiß, wer den Käse, das Brot, das Gemüse gemacht hat. Bei Industrieprodukten verschwindet der Bauer oft hinter fünf Zwischenhändlern. Und die Produkte haben weniger Zusatzstoffe. Die Industrie muss für sechs Monate Haltbarkeit optimieren. Schauen Sie sich beispielsweise eine TV-Sendung von Sebastian Lege an, der im ZDF die Tricks der Lebensmittelindustrie immer wieder schonungslos offenlegt. Regional kann hingegen frisch und somit mit weniger Chemie auskommen. Tomaten im August von nebenan schmecken halt anders als Tomaten aus Spanien im Januar. Nicht zu vergessen die regionale Wertschöpfung: Das Geld landet beim Metzger aus der Nachbarschaft, hier aus der weiteren in Lothringen, und nicht beim Konzernhauptsitz irgendwo auf der Welt.
Nochmals: Die Industrie ist deshalb nicht „böse“. Sie sorgt dafür, dass alle satt werden und immer alles verfügbar ist. Und das zu meist günstigeren Preisen. Doch dafür bezahlt man eben auf andere Weise drauf. „Gut & Bon“ ist halt der Gegenentwurf: Qualität vor Masse, Herkunft vor Haltbarkeit.
Einzigartige Delikatessen
Lothringen ist das Mirabellenland, denn mehr als 90 Prozent der Mirabellen weltweit werden in Lothringen geerntet. Entsprechend hat sich dort ein ganzes Netzwerk von Obstbauern, Edelbrennereien, Konditoreien und Confiserien entwickelt. Deshalb suchte und fand ich vor der Heimfahrt noch einiges. Etwa Bonbons aus gekochtem Zucker mit Mirabellenmark oder Mirabellenaroma. Viele werden noch traditionell im Kupferkessel hergestellt. Gefüllte Bonbons mit Mirabellenkonfitüre. Fruchtpasten (Pâtes de fruits) aus Mirabellen. Marzipan- und Mandelkonfekt mit Mirabellenbrand. Kandierte und glasierte Mirabellen. Konfitüren, Gelees und Fruchtaufstriche. Sirup, Fruchtsoßen (Coulis) und Chutneys. Liköre, Edelbrände und das berühmte Mirabellen-Eau-de-vie. Dazu Gebäck wie Mirabellen-Tartelettes, Nonnettes (gefüllte Lebkuchen) und andere regionale Backwaren. Eis, Sorbets, Säfte und Nektare aus Mirabellen.
Neben Mirabellen verarbeitet das lothringische Genusshandwerk auch Quetschpflaumen (Quetschen), Birnen, Kirschen, Honig sowie regionale Milch- und Fleischprodukte zu traditionellen Spezialitäten. Ein Genuss! Ich kaufe mir noch einiges andere, vor allem aber Mirabellenmarmelade von „La corbeille Lorraine“, einer kleinen Manufaktur nördlich vom Mittersheimer Weiher, und Mirabellenbonbons der „Confiserie des Hautes Vosges“. Eines ist sicher: Dorthin werde ich ab jetzt öfter hinfahren. Mein Freund Patric Bies wohl auch. Es sei denn, sie eröffnen ein solches Geschäft direkt in Saarbrücken mit Produkten aus SaarLorLux.