Die Debatten rund um Bürgergeld, Teilzeit oder Achtstundentage seien irreführend, sagt Thomas Otto, Geschäftsführer der Arbeitskammer des Saarlandes. Das Bild, das gezeichnet werde, entspreche nicht den vorliegenden Tatsachen.
Herr Otto, wie zufrieden sind Sie als Vertreter einer öffentlichen Kammer für Arbeitnehmer mit dem bisherigen Kurs der Bundesregierung?
Gerade im Saarland interessieren uns Industriepolitik, der Arbeitsmarkt, Sozialpolitik. All diese Themen stehen derzeit besonders im Fokus. Aber das Menschenbild, das manche Arbeitgeberverbände und Parteien im Augenblick zeichnen, ist erschreckend. Der Mensch ist als Problem ausgemacht – arbeitet zu wenig, und wenn er Unterstützung braucht, wird er allzu schnell unter Generalverdacht gestellt, als sei Bedürftigkeit gleichbedeutend mit Faulheit und mangelndem Leistungswillen. Diese Erzählung ist respektlos und steht konträr zu unseren Daten und Erfahrungen. Wir haben gerade den „Index Gute Arbeit“ veröffentlicht. Eine der Kernbotschaften der repräsentativen Befragung unter saarländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist: Die meisten gehen hochmotiviert an ihren Job heran. Sie werden aber durch Belastungen gestört: etwa durch mangelnden Arbeitsschutz, Zeitdruck, fehlerhafte Arbeitsabläufe. Wer diese Realität ignoriert und stattdessen einfache Schuldzuweisungen bemüht, verkennt die tatsächlichen Herausforderungen der Arbeitswelt.
Können Sie anhand von Studien oder Forschungsdaten die – nun wieder eingefangene – Debatte
um „Lifestyle-Teilzeit“ und eine Abschaffung des Rechts auf Teilzeit nachvollziehen?
Ein Blick in die aktuelle Forschung zeichnet ein deutlich nüchterneres Bild, als es manche Debatten vermuten lassen. Gerade große Dax-Konzerne weisen im Vergleich zum gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt sogar eine geringere Teilzeitquote auf: je nach Unternehmen zwischen sieben und 25 Prozent. Dort, wo Teilzeit stärker genutzt wird, geschieht das vor allem, um Beschäftigte in konkreten Lebenslagen zu unterstützen, etwa bei Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen. Die oft behauptete massenhafte freiwillige Reduzierung auf Teilzeit aus reinen „Lifestyle“-Gründen findet sich in der produzierenden Industrie, wie auch in vielen anderen Branchen, schlicht nicht wieder. Gleichzeitig arbeiten bundesweit über 40 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit, und Teilzeit ist nach wie vor überwiegend weiblich geprägt. Würde man das Recht auf Teilzeit infrage stellen, hätte das erhebliche Folgen für den Kampf um mehr Gleichberechtigung. Viele Frauen arbeiten aus familiären Gründen reduziert – nicht aus mangelndem Engagement, sondern weil gesellschaftliche Realität und Sorgearbeit weiterhin ungleich verteilt sind. Die aktuellen Zahlen zeigen zudem ein differenzierteres Bild: Im ersten Quartal 2025 ist die insgesamt geleistete Arbeitszeit im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, ebenso die Erwerbsquote von Frauen. Dass der rechnerische Durchschnitt der Arbeitsstunden pro Kopf sinkt, liegt daran, dass mehr Menschen und insbesondere Frauen überhaupt am Arbeitsmarkt teilnehmen, häufig zunächst in Teilzeit. Insgesamt wird also mehr gearbeitet, nur anders verteilt. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel: Familien organisieren Erwerbs- und Sorgearbeit zunehmend partnerschaftlicher. Männer reduzieren in bestimmten Lebensphasen ihre Arbeitszeit, während Frauen aufstocken. Das Gesamtarbeitsvolumen bleibt also stabil, verteilt sich aber gerechter. Diese Entwicklung pauschal als „Lifestyle“-Phänomen abzutun, verkennt nicht nur die Realität moderner Arbeitsbiografien, sondern entwertet auch legitime Lebensentscheidungen vieler Beschäftigter und Familien.
Aber würden Unternehmen nicht auch ohne das Recht auf Teilzeit solche Jobs anbieten, schon allein wegen des Wettbewerbs um Fachkräfte?
In der Pflege streben viele in die Teilzeit, weil die Belastung im Job enorm hoch ist. In anderen Branchen wollen viele Vollzeit arbeiten, aber es werden nur Teilzeitstellen angeboten. Wenn der Wirtschaftsflügel also mehr Vollzeitarbeitskräfte sehen möchte, wie wäre es dann mit einem Recht auf Vollzeit? Oder ein generelles Recht auf eine Rückkehr in Vollzeit? Ein Vorwurf ist ja bei der Teilzeitdebatte, Teilzeitarbeitskräfte zahlen anteilig weniger in die Sozialkassen ein. Das trifft aber auch auf Gutverdiener oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze zu, gemessen an ihrem Lohn. Hier deutet sich eine Gerechtigkeitslücke an.
Das Bürgergeld steht ebenfalls als zu teuer in der Kritik, zu Recht?
Wir leiten von einer Handvoll Totalverweigerer – wir reden für 2024 über etwa 23.000 bundesweit – das Bild von Bürgergeldempfängern als faul ab. Das ist völlig falsch. Ein großer Teil der Bürgergeldempfänger arbeitet, verdient jedoch zu wenig fürs Leben und muss somit aufstocken. Viele Frauen, die gerade keinen Betreuungsplatz für ihr Kind finden, erhalten Bürgergeld, obwohl sie gerne mehr arbeiten würden, und so weiter. Wir führen in einer Transformation Debatten zulasten der Beschäftigten, die jedoch gerade in dieser Situation Sicherheit bräuchten. Die Transformation bringt unzweifelhaft Brüche im Erwerbsleben, und daher sollten die politisch Verantwortlichen den Beschäftigten ganz klar zeigen, dass sie dann in der Krise von der Solidargemeinschaft aufgefangen werden, statt ihnen zu unterstellen, dass sie unzulänglich sind.
Auch die telefonische Krankschreibung soll überprüft werden. Tatsache ist, dass Deutschland im Vergleich mit anderen Industrieländern einen sehr hohen Krankenstand aufweist.
Ja, aber die Ursachen sind komplexer. Wir messen auch immer noch eine hohe Zahl von Arbeitnehmern, die krank zur Arbeit gehen und dann Kolleginnen und Kollegen anstecken. Natürlich gibt es Blaumacher, aber auch die Ärzte sagen, dass es viel weniger missbräuchliche Fälle dieser telefonischen Krankschreibung gibt, als mancher Politiker sich das vorstellt. Das Bild, das hier aufgebaut wird, demotiviert und fördert nicht gerade das Vertrauen zwischen den Arbeitnehmern und der Politik. Wir haben einen hohen Krankenstand, ja, aber auch eine extrem hohe Überstundenzahl, hohe Belastungen durch Körperhaltungen im Arbeitsablauf, psychische Erkrankungen, Stress und Lärm. Daher fordern wir weiter, den Gesundheitsschutz und Arbeitsschutz ernst zu nehmen – das senkt den Krankenstand im Unternehmen. Es gibt immer mehr Unternehmen, die das sehr ernst nehmen. Gerade bei einem Mangel an Fachkräften, denn kranke Kolleginnen können nicht so leicht ersetzt werden.
Eine weitere Idee der CDU ist die Aufweichung des Achtstundentages. Wäre eine Flexibilisierung nicht zielführend?
Ein ebenfalls populistisches Argument. Die Botschaft dabei ist auch hier, dass Deutschland zu wenig arbeitet, was es nachweislich nicht tut. Wir befinden uns tatsächlich in einer Wirtschaftskrise mit weniger Aufträgen und nicht in einer Motivationskrise der Beschäftigten. Gerade Branchen wie Gastronomie, Hotellerie oder Pflege wissen, dass Flexibilität bereits möglich ist. Unser Arbeitszeitgesetz setzt mit acht Stunden einen klaren Schutzrahmen, erlaubt aber ausdrücklich Ausnahmen, nur eben nicht als Dauerzustand. Wer Flexibilität braucht, findet sie in den Öffnungsklauseln der Tarifverträge – übrigens ein gutes Argument zur Stärkung der Tarifbindung. Wir sehen daher hier keinen Regelbedarf. Zudem wäre das ganz klar ein Eingriff in die Selbstbestimmung der Beschäftigten, indem Betriebe deutlich mehr Einfluss darauf hätten, wie viele Stunden einzelne Arbeitnehmer wann arbeiten sollen. Uns fehlen Fachkräfte, ja. Aber wenn genügend Arbeit da ist, müssen Betriebe entsprechende Schichten einteilen und nicht einzelne Arbeitnehmer länger arbeiten lassen. Denn die Fachkräfte gehen im Zweifelsfall in Branchen, in denen es bessere Arbeitszeiten gibt. Und längere Arbeitszeiten bedeuten nicht automatisch mehr Leistung. Wer länger arbeitet, verliert Konzentration, seine Produktivität, und die Qualität der Arbeit leidet. Das erhöht die Fehlerquote. Und die ist einer der wichtigsten Produktivitätsfaktoren im produzierenden Gewerbe – nicht die Arbeitszeiten.
Nun hat die Sozialstaatskommission Vorschläge gemacht, den Sozialstaat effizienter, billiger zu machen. Gute Nachrichten für die Arbeitskammer?
Wir hatten Gelegenheit, mit Arbeitsministerin Bärbel Bas darüber zu sprechen. Natürlich wäre eine weitgehende Digitalisierung zu begrüßen, viele, die das Sozialsystem brauchen, erkennen in den notwendigen Behördengängen und -korrespondenzen auch immer wieder zum Teil sehr hohe Hürden. Diese gilt es zu senken. In der Regel bekommt der Staat ja schon mit, wenn ein Kind zur Welt kommt. Warum muss ich dann ein paar Tage später noch mal aufs Amt, um Kindergeld zu beantragen? Warum weiß das Finanzamt nicht automatisch, dass ich Anspruch auf einen Kinderfreibetrag habe? Das macht wenig Sinn. Dies zusammenzufassen entlastet ja auch den Staat, der selbst unter dem Fachkräftemangel leidet. Derzeit diskutieren wir intern auch den Vorschlag, Anträge auf Leistungen in Kitas und Schulen zu bündeln. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wir legen Wert auf das Kleingedruckte im Koalitionsvertrag: Es darf nicht zulasten der Bedürftigen gehen, es darf keinen Sozialabbau geben.
Deutschland muss künftig produktiver werden, heißt es – wie denn, wenn nicht durch mehr Arbeit oder mehr Technologie?
Die Produktivität steigt ja, aber die Steigerungsraten flachen ab. Ein Faktor ist die Auslastung. In der Wirtschaftskrise ist weniger zu tun als im Boom. Die Produktivität hängt aber auch an deutlichen Innovationen, an Technologie und Digitalisierung. Wir können zum Beispiel gut Autos bauen, aber uns fehlt aktuell die Innovationsleistung eines chinesischen Autobauers. Das ändern wir nicht durch schnelleres und mehr Arbeiten, dafür braucht es Ingenieurleistung und Mut im Management. Die Grundlagen dafür sind zwar vorhanden, vor allem in unserem agilen deutschen Mittelstand. Dafür braucht es aber auch die richtigen politischen Leitplanken, eine richtige Energiestrategie Richtung CO2-Reduzierung, eine zielführende klimafreundliche und soziale Industriepolitik. Hier sehen wir noch deutliche Defizite in der aktuellen deutschen Wirtschaftspolitik.
Aber gerade die erklärte Technologieoffenheit wie bei der Kraftwerksstrategie soll doch Innovationen Raum geben.
Vordergründig ja, aber wenn wir genau hinschauen, fallen wir hinter ältere Vorschläge zurück. Gaskraftwerke sollen nun nicht mehr H2-ready sein wie noch in der Ampel-Koalition. Natürlich dürfen wir nicht alles verteufeln, was heute gut funktioniert, das gilt auch für den Verbrenner. Unter den heutigen Strommix-Bedingungen ist ein solcher noch nutzbar unter CO2-Gesichtspunkten, weil Elektrofahrzeuge weiter zum Teil noch mit einem fossil geprägten Strommix betrieben werden. Auf dem Weg zur CO2-Freiheit Brückentechnologien zu nutzen, ist legitim. Das Ziel muss aber CO2-Freiheit sein, und hier der Bevölkerung die Wärmepumpe oder das Elektroauto schlechtzureden, wäre fahrlässig. Beim derzeitigen Herumgeeiere verzweifeln nicht nur Heizungsbauer, sondern auch Eigenheimbesitzer. Es braucht mehr Orientierung und Verlässlichkeit seitens der Politik, und die vermisse ich im vergangenen Jahr.