Wer mit dem Schiff nach Grönland reist, erlebt nicht nur eine überwältigende Natur, sondern auch die Kultur der Inuit im Umbruch.
Am zweiten Tag, nachdem die Gletscher und Gipfel von Island am Horizont verschwunden sind, rücken die Eisberge vor dem Schiff immer dichter zusammen. Es scheint, als ob sich die schwimmenden Giganten zu einem Schutzwall formieren. Als wollten sie jedem ungebetenen Eindringling den Zugang zur größten Insel der Erde verwehren.
Das Expeditionsschiff „MS Spitsbergen“ bewegt sich zwischen Gletscherzungen, wild gezackten Berggipfeln und steil aufragenden Felswänden. Noch vor wenigen Wochen blieben sie durch das Eis verschlossen. Der Kangertittivaq, auch Scoresby-Sund genannt, gilt als größtes Fjordsystem der Erde. Seine teils engen Arme greifen wie die Tentakel einer Koralle tief in den Osten Grönlands. Noch immer sind die Wasserstraßen von riesigen driftenden Eisbergen erfüllt. Leise dringt das Schiff in die stille Welt der Wunder aus Gletschereis vor. Unbeeindruckt fährt es vorbei an Trutzburgen aus diamant-silbern, aquamarin oder anthrazitfarben schimmerndem Bleikristall, an gewaltigen Sphinxen und Walkadavern, deren saphirblaue Eingeweide in der Sonne glitzern. Es passiert versinkende Bergspitzen, die mal dem Matterhorn, mal den Drei Zinnen der Dolomiten gleichen.
„Immer mehr Kreuzfahrtschiffe“
„Man kann einfach nicht genug davon sehen“, sagt Jørgine Tobiassen. Die Grönländerin hat sich soeben eine Zigarette angesteckt und sieht vom obersten Deck einem Eisberg nach, der einem eingestürzten Schloss mit einem saphirblau schimmernden Tor gleicht. Er driftet an einem schneefreien Gebirge vorbei. Mit seiner eisenroten Felssilhouette würde man es eher im australischen Outback verorten. Noch immer fotografiert Tobiassen die Eisgiganten mit ihrem Mobiltelefon, als hätte sie in ihrem Leben noch nicht genug davon gesehen.
Tobiassen ist in Qaarsut aufgewachsen, einer entlegenen Inuit-Siedlung mit weniger als 200 Einwohnern am Uumannaq-Fjord im Nordwesten Grönlands. „Als ich ein Kind war, gab es in meiner Heimatregion keine Touristen“, sagt die 30-Jährige. „Jetzt aber sieht man immer mehr Kreuzfahrtschiffe aus aller Welt.“ Das zunehmende Interesse der Weltpolitik und des Tourismus an ihrer Heimat hat das Leben von Tobiassen wie das vieler Inuit verändert. „Manche Leute, vor allem ganz im Norden, nutzen noch immer Kajaks und Hundeschlitten“, erzählt sie. Aber auch dort würde man immer häufiger Schneemobile und Motorboote sehen. „Mein Vater hat auch keine Schlittenhunde mehr“, sagt sie, „er lebt aber noch immer vom Fischen und der Jagd vor allem auf Robben, Rentiere, Belugas, Zwerg- und Narwale. Meine Mutter hilft ihm dabei.“
Dass der Alltag der Inuit auf Grönland immer schnellere Umbrüche erlebt, führt Tobiassen wie viele Grönländer auch auf den Klimawandel zurück. „Als ich ein Kind war, war es für meinen Vater sehr einfach, zu fischen“, sagt sie, „das Meer fror im Winter zu und die Eisbedingungen waren besser. Jetzt kann er manchmal zwei Monate nicht fischen gehen.“
Tobiassen wollte nicht den gleichen Weg wie Generationen vor ihr gehen. „Schon als ich etwa sechs Jahre alt war, wollte ich Küchenchefin werden“, sagt sie. Ihre Eltern hätten sie dabei immer unterstützt. Statt Tunniit, der traditionellen Stirn- und Kinn-Tattoos, die gerade auch unter vielen jungen Inuit wieder beliebter werden, hat sie sich ein modernes Tattoo aus ineinander übergehenden Blumen um den Hals stechen lassen. In der Nase, der Oberlippe und im Augenwinkel trägt sie Piercings. Während ihrer Ausbildung arbeitete sie in Hotels und Restaurants an Orten, die mehrere Tagesreisen von ihrer Heimatsiedlung entfernt sind.
Heute arbeitet Tobiassen als Köchin auf der „MS Spitsbergen“ der traditionsreichen norwegischen HX Hurtigruten Expeditions und hat ein besonderes Anliegen. Sie will den Touristen ihr Land und vor allem seine besonderen Esstraditionen näherbringen. „Unsere Küche wird überall beliebter“, sagt sie. Ihr Lieblingsessen, Mattak, die Haut und Fettschicht von Narwalen oder frittiertes Robbenfleisch mit Zwiebeln, kann sie ihren Gästen freilich nicht zubereiten. Stattdessen serviert Tobiassen an Bord Heilbutt, Lamm nach Grönländer Art und Steaks einer schottischen Rinderrasse, die seit neustem auch den harschen Wintern auf der größten Insel der Erde trotzen. Laut Medienberichten war dieses Jahr ein Rekordjahr für die Rinderzucht auf Grönland. Kälteresistente Rassen finden auf der zu über 80 Prozent von Eis bedeckten Insel anscheinend immer bessere Lebensbedingungen – der Klimawandel macht es möglich.
Rund 57.000 Einwohner
Tobiassen äußert wie viele junge Grönländer nicht nur ihre Sorge angesichts des Klimawandels, sondern auch vor den Begehrlichkeiten Trumps und anderer, die zunehmend auf die reichen Ressourcen ihrer Insel schielen. Der US-Präsident hatte in den letzten Monaten mehrfach geäußert, Grönland unter seine Kontrolle bringen zu wollen – notfalls auch mit militärischen Mitteln. Die große Mehrheit der Grönländer lehnt eine Übernahme durch die USA rigoros ab. Sie hat sich in aktuellen Umfragen aber auch immer wieder für eine Autonomie von Dänemark ausgesprochen – jedoch nicht um jeden Preis.
„Ich weiß nicht, ob Grönland komplett unabhängig sein sollte“, sagt Tobiassen. „Ich denke nicht an die Zukunft. Ich lebe Tag für Tag.“ Grönländische Politiker und Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen wiesen Trumps Vorstoß immer wieder scharf zurück. Die Insel mit ihren knapp 57.000 Einwohnern wurde seit dem frühen 18. Jahrhundert von Dänen kolonisiert, ist heute jedoch weitgehend autonom. Bedingt durch den Klimawandel wurden die Seefahrtrouten um die Insel in den letzten Jahrzehnten zugänglicher für den Schiffsverkehr. So gewann die Insel wirtschaftlich und militärisch zuletzt immer mehr an Bedeutung.
Über Ittoqqortoormiit, der nördlichsten Siedlung an der Küste Ostgrönlands, strahlt anderntags eine blendende Polarsonne von einem wolkenlosen Himmel. Sie lässt den Ort mit den kleinen Häuschen in Karminrot, Türkis, Tannen- und Mintgrün, Himmel- und Kobaltblau fast wie ein Miniatur-Dorf in einem Legoland erscheinen.
„Nur zwei Mal im Jahr kommt ein Container-Schiff zur Versorgung hierher“, erklärt Lana Bendtsen. Die 23-Jährige führt gerade eine internationale Touristengruppe durch den kleinen Ort vorbei an der roten Kirche, die wie aus einer Modelleisenbahnlandschaft gestohlen scheint, an einem zur Renovierung geschlossenen Museum und einem verwaisten Kinderhort. Die Tourismus-Studentin ist für ein Praktikum sechs Wochen in Ittoqqortoormiit und führt derweil vor allem Besucher von Kreuzfahrtschiffen durch den Ort.
„Ich wäre für Unabhängigkeit“
Bendtsen gehört wie fast alle Bewohner der Siedlung der indigenen Volksgruppe der Inuit an – und doch ist sie eine Fremde hier. Sie kommt aus Qaqortoq in Südgrönland. „Wir haben dort eine andere Sprache“, erklärt sie. Während in ihrer Heimat ein Dialekt des Westgrönländischen gesprochen wird, unterscheiden sich der Hauptdialekt in Nordwestgrönland und das in Ittoqqortoormiit gesprochene Ostgrönländisch deutlich voneinander. „Ich habe bereits begonnen, es zu lernen und würde es sehr gerne auch sprechen“, sagt Bendtsen.
Ittoqqortoormiit ist die entlegenste Siedlung Grönlands und wohl auch eine der abgeschiedensten weltweit. Um nach Nuuk zu reisen, müssen die etwa 350 Bewohner mit dem Hubschrauber ins etwa 500 Kilometer entfernte Island fliegen. Der nächstgelegene Ort in Grönland liegt fast 800 Kilometer entfernt im Süden.
„Es kommt nicht oft vor, dass andere Grönländer hier landen“, sagt Bendtsen. „Aber fast jeden Tag kommen im Sommer ein oder zwei Kreuzfahrtschiffe.“ Seit der Pandemie boomt der Tourismus in Grönland. 150.000 Touristen besuchten die Insel im letzten Jahr, die meisten auf Kreuzfahrtschiffen. In diesem Jahr könnten es noch mehr werden, glauben viele Menschen vor Ort. Ausgerechnet die Berichterstattung nach Trumps Aufruf, die Insel „kaufen“ zu wollen, dürfte die Nachfrage nach Grönlandreisen befeuert haben.
„Wenn dieses zunehmende Interesse all der anderen Länder nicht wäre, wäre ich für eine komplette Unabhängigkeit“, sagt Bendtsen. Aber so wie die Situation momentan ist, findet sie es wichtig, weiter mit Dänemark zu kooperieren.
Aus den kleinen Fenstern in seinem ockergelben Häuschen kann Erling Madsen einen riesigen Eisberg beobachten, wie er aus der gewaltigen Mündung des Fjords in das Nordmeer driftet. Der 63-Jährige war von 2005 bis 2009 Bürgermeister von Ittoqqortoormiit. Heute versucht er als Jagdverantwortlicher der Gemeinde einer Bedrohung Herr zu werden, die für die Ortsbewohner genauso präsent ist wie die Polarstürme und die Kälte: Eisbären. In wohl keiner anderen Ortschaft sonst in Grönland besteht so große Gefahr, dem größten Landraubtier der Erde zu begegnen.
„Wir sind gerade jeden Morgen zwischen 6 und 8 Uhr, bevor die Schule beginnt, unterwegs, um nach Eisbären Ausschau zu halten“, sagt Madsen. Auch weil aufgrund des Klimawandels das Eis des Nordmeers schneller schmilzt, tauchen in letzter Zeit immer mehr der Tiere um das Dorf auf. Studien der NASA zufolge hat die Arktis in den letzten beiden Jahrzehnten etwa ein Drittel ihres Meereisvolumens verloren. Die Folge: Für Eisbären wird es immer schwieriger, auf den schwindenden Eisschollen Robben zu erlegen, ihre Hauptbeute. Daher suchen sie an den Müllabladeplätzen menschlicher Siedlungen nach Nahrung, so auch in Ittoqqortoormiit.
Geheimnisvolle Narwale
„Wir versuchen, sie zu vertreiben, aber wenn ein Tier drei oder vier Mal ins Dorf zurückkommt und zur ständigen Gefahr wird, müssen wir es töten.“ 35 Eisbären dürfen die Jäger von Ittoqqortoormiit Jahr für Jahr offiziell erlegen, mehr als jede andere Gemeinde Grönlands. Außerdem hat die diesjährige Quote für Jäger 275 Moschusochsen und 20 Walrosse freigegeben. Hauptsächlich werden jedoch Robben erlegt. „50 bis 60 Prozent unseres täglichen Bedarfs kommt noch immer von Wildtieren“, sagt Madsen. Daneben gibt es auch eine Jagdlizenz für Narwale. In diesem Jahr dürfen 17 Tiere getötet werden. „Früher durften wir 50 Narwale im Jahr jagen“, sagt Madsen, „die Jäger und Biologen stimmen nicht darin überein, wie viele der Tiere es noch gibt.“ Die geheimnisvollen Wale mit den spiralförmigen Stoßzähnen, die ihnen den Namen „Einhörner der Meere“ einbrachten, gehören noch immer zu den am wenigsten erforschten Tieren der Arktis.
Neben der Jagd, der Fischerei und dem Kreuzfahrttourismus bleiben den Bewohnern von Ittoqqortoormiit nur wenige Einkunftsmöglichkeiten. Im Juni hat die grönländische Regierung jedoch dem kanadischen Unternehmen Greenland Resources eine Lizenz zum Abbau von Molybdän und Magnesium in der Nähe von Mestersvig im Nordost-Grönland-Nationalpark – etwa 190 Kilometer von Ittoqqortoormiit entfernt – erteilt. Das Schutzgebiet ist der größte Nationalpark der Erde. Eigentlich sind hier jegliche menschliche Eingriffe untersagt. Nur die Inuit dürfen im Park jagen. Kritiker fürchten jedoch durch die Mine unabsehbare Folgen für die Natur.
„Ich bin dafür, dass wir uns für den Bergbau öffnen“, sagt Madsen. „Wir können nicht allein von der Fischerei leben. Wir können keine Eisbären, Walrosse und Narwale exportieren.“ In der Gemeinde werde derzeit viel diskutiert. Auch über die Unabhängigkeit von Dänemark. „Die Hälfte ist dafür, die andere dagegen.“ Auch Donald Trump beschäftigt die Menschen in der weltabgeschiedenen Siedlung. „Wir haben Angst, dass er Grönland einnehmen will“, sagt Madsen.
Im Herbst, wenn das letzte Kreuzfahrtschiff Richtung Island verschwunden ist, kehrt in Ittoqqortoormiit eine schneeflockenumsäuselte Stille ein. Wenn das Meer sich langsam wieder mit Eis füllt, schwindet täglich das Sonnenlicht, bis es einer gänzlichen Dunkelheit weicht. „Im Winter jagen wir Moschusochsen, Robben und Eisbären“, sagt Madsen. „Uns wird es hier nicht langweilig.“
Bald schon werden über Ittoqqortoormiit die ersten bunten Polarlichter flackern. Dann schließt Fjord für Fjord mit Eis seine Tore für ungebetene Gäste. Um den Kangertittivaq steht dann die Zeit still. In Wahrheit scheint es jedoch nur so.