Die Lage, in der sich die Ukraine vier Jahre nach Beginn der russischen Invasion befindet, ist kompliziert, aber nicht aussichtslos. An der Front gelingt der russischen Armee weiterhin kein strategischer Durchbruch. Doch das langsame Vorrücken geht weiter.
Es ist schneidend kalt in der Ukraine. Der Boden ist hart gefroren – und deshalb kann der Krieg unvermindert weitergehen. Die russische Armee rückt weiter unendlich langsam vor. Wegen personeller und organisatorischer Probleme der Ukrainer dürfte sich daran auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Gerade dieser Umstand macht es für ukrainische Soldaten an der sogenannten Nulllinie in diesem Winter mit teils zweistelligen Minustemperaturen mental sehr schwer. Es ist mehr als erfreulich, dass die Ukraine trotz allem durchhält. Dass keine neuen Dynamiken entstehen, macht das Ganze jedoch nur schwer auszuhalten.
In diesem Winter kam jedoch auch eine bedeutende Eskalation des auf das ukrainische Hinterland und vor allem auf die Hauptstadt Kyjiw ausgerichteten Luftkrieges hinzu – mit der klaren Aufgabe, zumindest die Drei-Millionen-Stadt mitten im tiefsten Winter unbewohnbar zu machen. Schon beim ersten Angriff der aktuellen Beschusswelle am 10. Oktober war der klare Fokus auf Kyjiw bemerkbar. Bereits damals haben die Russen, so heißt es im Hintergrund, zwei der bedeutendsten Wärmekraftwerke der Hauptstadt hart getroffen. Und so ging es weiter mit den sogenannten kombinierten Angriffen: Etwa alle anderthalb Wochen schickte Russland Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen – mit erheblichen Folgen auch für das allgemeine ukrainische Stromnetz, welches rund die Hälfte der für den Winter notwendigen Produktionskapazitäten verloren haben soll. Die Folgen alleine für Kyjiw: Der Großteil der Menschen muss im Durchschnitt 14 bis 15 Stunden pro Tag ohne Strom verbringen, darüber hinaus gibt es massive Probleme mit Heizungs- und Leitungswasserversorgung. Ganze Stadtteile wie der Außenbezirk Trojeschtschyna müssen derzeit fast gänzlich ohne Strom, Heizung und Leitungswasser auskommen.
Durchhalten bis zum Frühjahr
Trotz teils extremer Temperaturen ist bislang eine eigentlich zu erwartende bedeutende Ausreisewelle aus Kyjiw ausgeblieben, wobei es natürlich durchaus Menschen gibt, die zeitweise umgezogen sind. Hauptsächlich geht es den Menschen schlicht darum, bis zum Frühjahr durchzuhalten, welches bereits vor der Tür steht. Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass sich die Situation dann völlig verbessert. Angesichts der Schäden an der ukrainischen Energieinfrastruktur ist davon auszugehen, dass die Stromausfälle das Land noch einige Jahre lang begleiten werden.
Die wirkliche Stimmung in der Bevölkerung ist neben dem Gefühl, dass man durchhalten muss, schwer messbar. In den schwersten Tagen gingen mehrere Partys im Netz viral, bei denen die mit Generatoren ausgestatteten DJs versuchten, die Menschen in Kyjiw aufzuwärmen. Die Zahl der positiven und negativen Kommentare in sozialen Netzwerken dazu war ungefähr gleich. Ein ähnliches Vorhaben der bekannten Sängerin Tina Karol ist ihrerseits völlig nach hinten losgegangen. In ihrem Lied zur Situation ging es grundsätzlich um Folgendes: „Wir haben keinen Strom, aber wir haben Wärme in unseren Herzen.“ Dass eine wohlhabende Sängerin so was unter den Umständen singt, kam überhaupt nicht gut an.
Auf der politischen Ebene markiert dieser Winter für die Ukraine einen großen politischen Umbruch, der im direkten Zusammenhang mit der Operation „Midas“ der ukrainischen Antikorruptionsbehörden steht. Diese stürzte Präsident Wolodymyr Selenskyj Ende 2025 in die bisher größte innenpolitische Krise seiner Amtszeit. Die Behörden deckten groß angelegte Korruptionsaffären ausgerechnet im ukrainischen Energiesektor auf. An der Spitze der Machenschaften soll mit dem Unternehmer Tymur Mindich ein enger ehemaliger Mitstreiter von Selenskyj gestanden haben. Mindich konnte jedoch das Land rechtzeitig vor der Bekanntgabe der Vorwürfe verlassen, er könnte gewarnt worden sein. Mittlerweile hat er die ukrainische Staatsbürgerschaft verloren, es wurden Sanktionen gegen ihn verhängt. Zudem mussten die darin verwickelten Minister und Beamten gehen – insgesamt eine harte Reaktion, die notwendig war, um verlorenes Vertrauen in der Bevölkerung wiederzuerlangen.
Personelle Entscheidungen
Die große Frage war allerdings nicht, was mit Mindich oder mit beteiligten Ministern passiert. Die ukrainische Gesellschaft interessierte vor allem die Personalie Andrij Jermak, die des mächtigen Stabschefs von Selenskyj, dessen Name in Tonaufzeichnungen, den sogenannten „Mindich-Bändern“, unter anderem unter dem Spitznamen „Ali Baba“ fungiert haben soll. Gegen Jermak, der enormen Einfluss auf die Innen-, Außen- und Personalpolitik des Regierungsapparates hatte, fehlen jedoch, anders als bei Mindich, weiterhin jegliche offiziellen Vorwürfe. Nach Durchsuchungen in seinen Wohnungen musste Selenskyj jedoch die wohl bisher schwerste personelle Entscheidung treffen und sich von seinem engsten politischen Begleiter, der bis dahin unter anderem für den schwierigen Verhandlungsprozess mit den USA verantwortlich war, trennen.
Selenskyj nahm sich reichlich Zeit, um die Nachfolgefrage zu klären. Zunächst einmal galt der 35-jährige Mychajlo Fedorow, erfolgreicher Digitalminister und eines der Regierungsmitglieder mit äußerst positivem Image, als großer Favorit für eine Rolle, die in der ukrainischen Verfassung nirgendwo steht, jedoch einen entscheidenden Einfluss auf politische Prozesse hat. Aus Fedorow wurde letztendlich jedoch der neue Verteidigungsminister, eine durchaus logische, schon lange anstehende Entscheidung: Fedorow ist der „Vater“ des ukrainischen Drohnenprogramms, ist in die Prozesse der Militärproduktion tief eingebunden und soll seine eigene Vision für die Zukunft des Verteidigungsressorts haben. Zu jenem Zeitpunkt hatten Berater dem Präsidenten noch davon abgeraten. Der Grund: Zu jenem Zeitpunkt war der langjährige Ministerpräsident Denys Schmyhal erst wenige Monate im Amt des Verteidigungsministers und konnte in dem berüchtigten „Ministerium des Chaos“ endlich für Ordnung sorgen. Er galt für viele Beobachter sogar in dieser kurzen Zeit bereits als der beste Verteidigungsminister der Gegenwart. Schmyhal, der vor seiner Karriere in der Politik als Top-Manager in der Energiebranche unterwegs war, wechselte nun jedoch ins nicht nur wegen des russischen Beschusses kriselnde Energieministerium, wo der erfahrene Krisenmanager erneut gut gebraucht werden kann.
Auch der 40-jährige Kyrylo Budanow, zu jenem Zeitpunkt Chef des Militärgeheimdienstes HUR, wurde von Anfang an als einer der Top-Anwärter für die Position des Leiters der Präsidialverwaltung genannt. So richtig glauben konnte im politischen Kyjiw jedoch niemand, dass der erfolgreiche Generalleutnant, der dafür bekannt ist, an gefährlichen Militäroperationen auch selbst teilzunehmen, tatsächlich einen eher bürokratischen Job übernimmt – obwohl Budanow intern nicht nur auch als jemand bekannt ist, der innerhalb der Ukraine mit allen politischen Kräften vernünftig reden kann. Vor allem gehört der 40-Jährige zu den wenigen in Kyjiw, die einen guten Draht in die US-Administration von Donald Trump haben. Zudem war Budanows Behörde stets für den komplizierten Prozess des Gefangenenaustauschs mit Russland verantwortlich.
Und so wurde es am Ende tatsächlich Budanow. „Wir müssen uns sowohl auf die Fortsetzung des Krieges als auch auf den Frieden vorbereiten“, hieß es dazu aus Kyjiwer Regierungskreisen. Kein Wunder also, dass die faktische Federführung über die Verhandlungen von nun an Budanow übernimmt. Mit dem mächtigen Fraktionsvorsitzenden von Selenskyjs Partei „Diener des Volkes“, Dawid Arachamija, ist eine zweite Figur mit guten Beziehungen nach Washington in den Prozess eingebunden. „Mit Budanows Ernennung hat der Verhandlungsprozess einen vollkommen neuen Charakter bekommen“, berichten die Innenpolitik-Journalisten Roman Krawez und Roman Romanjuk von der Online-Zeitung „Ukrajinska Prawda“ über die bisherigen Verhandlungsrunden, die zuletzt in Abu Dhabi stattfanden. Auch die Russen hätten auf die Veränderungen im ukrainischen Team reagiert und nicht zuletzt deswegen tatsächliche Militärs statt Pseudohistoriker wie Putins Kulturberater Wladimir Medinskij eingesetzt. Es werde mittlerweile ebenfalls viel über tatsächliche technische Fragen gesprochen, hieß es. Die neue Verhandlungsrunde aber wird erneut von Medinskij geleitet – ein sicheres Zeichen, dass selbst die zur Schau gestellte Ernsthaftigkeit der russischen Delegation wieder dahin sei.
Friedensprozess ohne Ergebnisse
Trotz der Änderungen im Verhandlungsprozess, bleibt er mehr oder weniger dort stecken, wo er zuletzt immer war: Der von Russland geforderte und wohl von den USA unterstützte freiwillige Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Norden der Region Donezk kommt für Kyjiw nicht infrage. Er wäre nicht nur politisch und humanitär eine Katastrophe. Er würde vor allem eine politische Sackgasse bedeuten: Sollte die Ukraine diese Forderung umsetzen, dürfte es nur wenig Zeit dauern, bis Russland die gleiche Forderung für die Gebiete Cherson und Saporischschja stellt. Denn diese stehen seit dem Scheinreferendum im Herbst 2022 ebenfalls als russische Gebiete in der Verfassung. Hinzu kommen weitere ungeklärte Streitfragen wie der Status des Atomkraftwerks Saporischschja oder die US-Sicherheitsgarantien für die Ukraine.
Auch sonst ist die Hoffnung auf baldigen Frieden recht gering. Von einem politischen Willen, den Krieg gegen die Ukraine einzustellen, kann bislang auf Seiten Russlands nicht die Rede sein. Sonst würde der Kreml kaum die absurde Forderung stellen, Kyjiw solle seine gut befestigten Stellungen im Norden der Region Donezk freiwillig aufgeben. Von einer Eroberung dieser ist Moskau weit entfernt.
Die Haltung in der ukrainischen Bevölkerung ist klar: 2025 war soziologisch, etwa durch das Forschungsinstitut KIIS, klar zu beobachten, dass mehr als zwei Drittel der Ukrainer einen sofortigen Waffenstillstand, vor allem entlang der Frontlinie, unterstützen. Aber eben nicht zu jeder Bedingung. Russlands Ultimaten werden ungefähr von der gleichen Anzahl der Menschen abgelehnt. Doch dass Wladimir Putin von seinen Forderungen abrückt, ist am Ende eher nicht zu erwarten. Innenpolitisch hat Wolodymyr Selenskyj die Krise bisher allerdings gut überstanden. Seine Vertrauenswerte liegen weiterhin bei rund 60 Prozent – ein unverändert beachtliches Ergebnis für die traditionell sehr wechselhafte ukrainische Innenpolitik. Die Ernennungen des beliebten Geheimdienstlers Budanow und des neuen jungen Verteidigungsministers Fedorow könnten sogar dafür sorgen, dass Selenskyjs Umfrageerwerte mittelfristig steigen. Eine große Bedeutung auf angeblich anstehende ordnungsgemäße Wahlen hat dies allerdings unverändert nicht. Diese bleiben trotz aller Spekulationen unter den gegebenen Umständen quasi unmöglich.