Nicht Tesla oder BYD, sondern Hyundai ist die erfolgreichste ausländische E-Auto-Marke in Deutschland. Warum die Koreaner technologisch führend sind, zeigt der neue Ioniq 6.
Wie schön, endlich mal kein SUV! Das ist der erste Eindruck, als der neue Hyundai Ioniq 6 anrollt. Geschmeidig wie ein Delfin ist der elektrische Viertürer gezeichnet, die Schnauze ist flach und windschnittig – keine Schrankwand wie bei vielen SUV. Kein Wunder, dass der Ioniq 6 ein Effizienzkönig ist – und das schon seit einigen Jahren. Ja, der Hyundai Ioniq 6 ist fast schon ein alter Bekannter auf den Straßen. 2022 vorgestellt, gehört der Stromer zu den sparsamsten und reichweitenstärksten Elektroautos, die man bekommen kann.
Nun haben die Koreaner die aerodynamisch geschliffene Mittelklasse-Limousine optimiert. Wir haben das „Facelift“ zehn Tage in und um Berlin getestet. So viel vorab: Viele Wünsche bleiben bei dem überarbeiteten Ioniq 6 nicht offen. Allerdings stellt sich die Frage, ob man es bei Komfort und Leistung nicht etwas übertrieben hat. Leidet die Effizienz sogar womöglich, wenn Highend-Autos mit noch mehr Extras überfrachtet werden?
Laden mit bis zu 260 kWh möglich
In jedem Fall wird das Jahr 2026 für die Elektromobilität spannend. Die Technologie stehe vor dem Durchbruch, prognostiziert der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). Endlich haben heimische Hersteller wettbewerbsfähige E-Autos entwickelt – etwa BMW den iX3 oder Mercedes-Benz den CLA, die beide viel Reichweite und dank fortschrittlicher 800-Volt-Bordspannung schnelles Aufladen bieten. Doch in München und Stuttgart ist man spät dran. Die Konkurrenz bietet derartige Modelle schon lange. Der Hyundai-Konzern aus Südkorea, zu dem auch die Marken Kia und Genesis gehören, brachte Autos mit 800-Volt-Schnellladetechnik schon vor fünf Jahren auf den Markt.
Der Ioniq 6 ist eines davon. Aerodynamisch optimiert spielt er seine Stärken vor allem auf der Langstrecke und bei ausgedehnten Autobahnfahrten aus. Am Heck trägt der Ioniq 6 einen Spoiler, der an eine Schwanzflosse erinnert. Beim Facelift ist er noch etwas verlängert. Er lenkt die Luft um und über das Fahrzeug herum, was die Aerodynamik bei höheren Geschwindigkeiten verbessert.
Und schnell fahren kann der Ioniq 6. Mit seinen 229 PS ist er für heutige Verhältnisse nicht einmal übermotorisiert. Doch wer vom Benziner oder Diesel kommt, wird überrascht sein, wie rasant so ein E-Auto beschleunigen kann. Dafür reichen beim Hyundai schon der Eco- oder der Komfortmodus aus, die Option „Sport“ ist überflüssig. Beim Ampelstart hängt er die meisten anderen Autos locker ab. Auf der Autobahn geht es zügig hoch bis auf 185 Stundenkilometer, wenn man möchte.
Doch so eine elektrische Komfortlimousine ist ja nicht zum Rasen, sondern zum Reisen da. Dafür hat Hyundai die Batterie bei der Neuauflage des Ioniq 6 vergrößert. Der große Akku hat statt 77 nun 84 Kilowattstunden Kapazität. Damit soll die Reichweite von 614 auf bis zu 680 Kilometer steigen. Auch die Ladeleistung steigerten die Ingenieure: Bis zu 260 Kilowatt in der Spitze sind an Schnellladestationen jetzt drin. Damit dauert es im Idealfall keine 20 Minuten, bis die Antriebsbatterie von zehn auf 80 Prozent gefüllt ist. Um den Akku dafür rasch auf Temperatur zu bringen, ist die Vorkonditionierung beim Ioniq 6 serienmäßig.
Zum Vergleich: Der VW ID.7, vergangenes Jahr das meistverkaufte Elektroauto in Deutschland, schafft nominal bis zu 200 Kilowatt Ladeleistung, bleibt real aber oft eher unter 150 Kilowatt. Das neue Tesla Model Y kommt offiziell auf bis zu 250 Kilowatt, blieb bei einem ADAC-Test aber ebenfalls deutlich darunter.
Sprachassistent ist ausgereift und gut
Tesla galt lange als Maßstab für Elektroautos, was Effizienz und Performance, aber auch die Software betrifft. Inzwischen ist der US-Hersteller böse abgerutscht, die Verkaufszahlen brachen weltweit ein. Firmenchef Elon Musk driftete politisch weit nach rechts ab und vergraulte mit seinen Eskapaden selbst eingefleischte Fans. Es hat aber auch mit der Qualität der Autos zu tun. Beim TÜV-Report 2026 landete Tesla erneut auf dem letzten Platz. Malade Achsaufhängungen, defekte Bremsscheiben und Beleuchtung: Bei keinem jüngeren Pkw war die Mängelquote so hoch wie beim Tesla Model Y.
Genervt sind Autokäufer zudem vom digitalen Overkill in vielen Neuwagen. Ohne den riesigen Touchscreen geht bei Tesla nicht mehr viel. Die aufstrebenden Marken aus China wie BYD, Nio oder Xpeng eifern diesem Trend nach, mit immer mehr digitalen Spielereien. Ob das bei den Kunden ankommt, ist fraglich. In Deutschland dominierte 2025 bei den Elektroauto-Verkäufen der Volkswagen-Konzern mit den Marken VW, Audi, Seat und Skoda. Dahinter kam BMW. Die erfolgreichste Marke, die nicht zu einem der deutschen Konzerne gehört, war Hyundai. Die Koreaner verkauften im vergangenen Jahr 25.246 E-Autos, das ist ein Zuwachs von beachtlichen 49 Prozent.
Vielleicht liegt es auch daran, dass der Hyundai Ioniq 6 im Innenraum viel eher wie ein VW wirkt und nicht wie ein Tesla: nämlich eher konservativ. Ja, einen Touchscreen gibt es, doch von moderater Größe. Für die wichtigsten Funktionen dienen klassische Schalter und Knöpfe. Anstatt mit der Hand Adressen ins Navi einzugeben oder nach dem Lieblingsradiosender zu suchen, kann man alternativ den angenehm ausgereiften Sprachassistenten aktivieren. So ist auch freihändiges Telefonieren möglich, das sorgt für weniger Ablenkung im Straßenverkehr.
Mehr Reichweite, mehr Ladeleistung, optimiertes Design: Es versteht sich von selbst, dass es so etwas nicht umsonst gibt. Die Kehrseite des neuen Ioniq 6 ist, dass er sich durch seine Überarbeitung verteuert hat. Bislang lag der Einstiegspreis bei 43.900 Euro, nun beginnt er bei 45.550 Euro für die Basisvariante mit 63-Kilowattstunden-Akku und 170 PS. Der Testwagen mit großem Akku und sportlicher N-Line-Ausstattung würde 64.000 Euro kosten – mit den Extras Panorama-Glasschiebedach (700 Euro) und digitale Außenspiegel (1.300 Euro) inklusive.
Digitale Außenspiegel eher unnötiges Gimmick
Diese digitalen Außenspiegel sind schon ziemlich abgefahren. Wo man bislang in einen gläsernen Spiegel blickte, sitzt jetzt eine kleine Kamera, die das rückwärtige Verkehrsgeschehen auf kleine Bildschirme im Cockpit projiziert. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig, funktioniert dann aber gut. Skepsis bleibt jedoch: Mehrfach erscheinen während des Tests Warnhinweise auf dem Borddisplay, dass die Fahrassistenzsysteme und die „Kamerasicht“ des Ioniq 6 eingeschränkt seien. Ein Außenspiegel jedoch ist elementar beim Autofahren und für die Verkehrssicherheit: Wer haftet, wenn so ein digitaler Außenspiegel unscharf filmt oder er ganz ausfällt?
Etwaige Reparaturkosten, die bei modernen Autos ohnehin schon auf Rekordniveau liegen, dürften mit derartigen Technologie-Features weiter steigen. Zudem bedeuten mehr Extras und Komfort mehr Gewicht, was die Effizienz schmälert. Zwei Tonnen bringt der Ioniq 6 mit 84-Kilowattstunden-Batterie auf die Waage. Wo die Aerodynamik glänzt, wird sie durch Extras wie die riesigen 20-Zoll-Räder mit 245er-Breitreifen konterkariert. Und sind belüftete Sitze oder ein beheizbares Lenkrad notwendig, um bequem von A nach B zu kommen? Letztlich lagen wir beim Test deutlich über den offiziell angegebenen 15,5 Kilowattstunden Verbrauch, der Bordcomputer zeigte nach 100 Kilometern mehr als 24 Kilowattstunden an. Allerdings herrschten winterliche Temperaturen und wir fuhren viel Kurzstrecke mit stromfressenden Kaltstarts. Auf der Langstrecke hatte der Überführungsdienst von Darmstadt nach Berlin (rund 600 Kilometer) zuvor 20,5 Kilowattstunden im Schneetreiben erreicht, was angesichts der Witterungsverhältnisse ein überragender Wert ist.
Bei einem aktuellen Winter-Stresstest des ADAC von 14 Familien-Elektroautos schnitt kein Fahrzeug derart gut ab. Dort ging der Sieg an den Audi A6 Avant e-tron – mit 23,2 Kilowattstunden Verbrauch. Das Schlusslicht bildete ein E-Auto aus China: Der BYD Sealion 7 genehmigte sich bei Autobahngeschwindigkeiten horrende 35,3 Kilowattstunden pro 100 Kilometer.
Dabei heißt es doch gerne, die neuen Elektroautos aus China hätten sich zur neuen Messlatte entwickelt, was Software, Preis-Leistung oder auch Ladetechnologie und Effizienz betrifft. Der Hyundai Ioniq 6 zeigt ein anderes Bild: Womöglich kommen die besten Elektroautos derzeit aus Südkorea.