ie Fußball-Bundesliga gilt seit Jahren als Wegbereiter für ganz große Karrieren. Rund ein Dutzend überwiegend junger Spieler wechselte deshalb in diesem Sommer nach Deutschland. Von den meisten wird man noch viel hören.
Borussia Dortmund hatte Erling Haaland und Jude Bellingham, RB Leipzig Dani Olmo, Xavi Simons oder Dominik Szoboszlai, Bayer Leverkusen Florian Wirtz, Jeremie Frimpong oder Granit Xhaka, und bei Eintracht Frankfurt spielten Hugo Ekitiké oder Omar Marmoush. Viele Stars haben in den vergangenen Jahren die Fußball-Bundesliga verlassen. Und ehrlich gesagt auch als Durchgangsstation genutzt. Doch ihr Weg ist für andere Jungstars aus aller Welt ein Vorbild. Und so kommen trotz des schwieriger gewordenen Marktes jedes Jahr neue Supertalente in die Liga. Wir haben uns angeschaut, wer von ihnen in dieser Saison für Furore sorgen könnte.
Ismael Saibari (25 / für 50 Millionen Euro von der PSV Eindhoven zum FC Bayern München): Den Namen hatte Uli Hoeneß Ende Juli noch nicht drauf. Doch mit fachmännischem Blick hatte der Ehrenpräsident des FC Bayern München schon ein Urteil gefällt. „Der Spieler aus Marokko hat mir gut gefallen bei der WM“, sagte Hoeneß und gab zu, „ihn vorher nicht so bewusst gesehen“ zu haben. Doch Trainer Vincent Kompany, Sportchef Max Eberl und sein Assistent Christoph Freund hätten „in den höchsten Tönen geschwärmt“. In der gut besetzten Bayern-Offensive bleibt spannend, wo der 25-Jährige seinen Platz findet, doch Saibari traf nicht nur in der Champions League gegen Bayer und die Bayern, sondern auch bei der WM in allen drei Gruppenspielen.
„Physisches Monster“
Joane Gadou (19 / für 19,5 Millionen von RB Salzburg zu Borussia Dortmund): Der französische U19-Nationalspieler ist manchmal noch etwas fehlerhaft, doch hat alle Anlagen für eine große Karriere. Mit 1,95 Meter Größe, körperlicher Wucht, starken Zweikampfwerten und auch guten Passwerten im Aufbauspiel ist das „physische Monster aus der PSG-Schule“ (Sky) eine vielversprechende Aktie. Sportchef Ole Book verspricht dem 19-Jährigen „die nötige Zeit“ zur Entwicklung, sagt aber auch: „Die Idee ist schon, dass er uns sofort helfen kann.“
Maxime Esteve (24 / für 25 Millionen vom FC Burnley zu RB Leipzig): Ist er die nächste Leipziger Entdeckung? Der Franzose ist mit 24 schon älter als die meisten RB-Verpflichtungen aus dem Ausland in den vergangenen Jahren. Doch der Innenverteidiger hat schon ein gewisses Niveau und weiteres Potenzial. Bis er 22 war, blieb der Junioren-Nationalspieler bei seinem Heimatclub Montpellier, in den vergangenen beiden Jahren sammelte er in Burnley, anfangs unter dem heutigen Bayern-Coach Vincent Kompany, Premier-League-Erfahrung.
Leo Sauer (20 / für 12,5 Millionen von Feyenoord Rotterdam zum VfB Stuttgart): Falls einem deutschen Fußball-Fan der Name des Stuttgarter Neuzugangs bekannt vorkommt, liegt das wohl am 0:2 der deutschen Nationalmannschaft im WM-Qualifikationsspiel im Vorjahr in der Slowakei. Denn dort drehte der linke Flügelflitzer dermaßen auf, dass Debütant Nnamdi Collins als sein direkter Gegenspieler zur Pause frustriert ausgewechselt werden musste. „Das Spiel war ein ganz großes Ding für den slowakischen Fußball“, sagt Sauer: „Alle meine Freunde erinnern sich bis heute daran und sprechen darüber.“
„Das Spiel war ein ganz großes Ding“
Nathan de Cat (18 / für 20 Millionen von RSC Anderlecht zur TSG Hoffenheim): Am Tag des WM-Endspiels wurde der belgische Mittelfeldspieler erst volljährig und dennoch jagten ihn schon die ganz großen Vereine. Auch der FC Bayern und Dortmund sollen de Cat beobachtet haben. Die Bundesliga war auch sein Ziel, mit Blick auf mögliche Spielanteile entschied er sich aber für Hoffenheim. Denn der Bank und dem Status als hoffnungsvolles Talent ist er eigentlich entwachsen: Im Vorjahr absolvierte er als 17-Jähriger für Anderlecht 36 Pflichtspiele. Im Nationalteam hat er auch schon debütiert. „Talent kennt kein Alter“, sagte der damalige Nationaltrainer Rudi Garcia.
Mats Rots (20 / für 12,5 Millionen von Twente Enschede zur TSG Hoffenheim): Und noch ein flämisches Super-Talent im Kraichgau. Als Hoffenheim den Transfer des 20-jährigen Mats Rots unter Dach und Fach gebracht hatte, freute sich Sportchef Andreas Schicker über einen „Außenverteidiger moderner Prägung“ mit „ungeheurem Entwicklungspotenzial“. In seinem Heimatclub in Enschede war er im Vorjahr Stammspieler, seine vier Tore bewiesen, dass er auch offensiv große Qualitäten hat. Auch Eindhoven, Newcastle oder Stuttgart sollen um den Defensivspieler geworben haben, der bereits 34 Junioren-Länderspiele absolviert hat und beim Neuaufbau nach der WM auch aufs A-Team hofft.
Würdiger Ersatz für Grimaldo
Afonso Moreira (21 / für 29,5 Millionen Euro von Olympique Lyon zu Bayer Leverkusen): Als Carles Martinez Trainer von Bayer Leverkusen wurde, äußerte er schnell einen Wunsch. Bayer müsse sofort Afonso Moreira holen, jenen Linksaußen, der bei Olympique Lyon durch die Decke gegangen war, was Martinez als Coach von Toulouse hautnah mitbekam. Bayer investierte 30 Millionen in den portugiesischen U21-Nationalspieler aus der Akademie von Sporting Lissabon, die einst schon Luis Figo oder Cristiano Ronaldo hervorbrachte. Das Paket ist wirklich beeindruckend: Moreira ist extrem schnell, torgefährlich, mannschaftsdienlich und gilt als harter Arbeiter. „Vom ersten Training an hat er Dinge gemacht, bei denen wir alle dachten: ‚Wow, er ist sehr gut für sein Alter‘“, sagte Mitspieler Nathan Tella: „Er ist so schlau und technisch so gut – es ist einfach gut, mit ihm zu spielen.“
Miguel (25 / für 30 Millionen vom SSC Neapel zu Bayer Leverkusen): Alejandro Grimaldo war in den vergangenen Jahren einer der besten Bundesliga-Spieler. Weil dieser seit Jahren auf einen Wechsel in die Heimat drängte und nun bei Atlético Madrid unterschrieb, brauchte Leverkusen einen neuen Linksverteidiger erster Güte, der hinter Moreira spielt. Die Wahl fiel auf den nächsten Spanier. Miguel Gutiérrez Ortega, von allen nur Miguel genannt, kommt für die etwa selbe Summe wie Moreira vom SSC Neapel. Weil er wirklich ein Eins-zu-eins-Ersatz sein kann und als Außenverteidiger, linker Mittelfeldspieler und auch im Zentrum einsetzbar ist. „Wenn Grimaldo letztes Jahr gegangen wäre, wäre Miguel schon da der Kandidat gewesen“, erklärt Sportchef Simon Rolfes: „Er ist Grimaldo in vielen Komponenten ähnlich.“ Da der bei Real Madrid ausgebildete Miguel in der Vorrunde 2021/22 einmal eingesetzt wurde und Real am Ende den Titel holte, darf er sich übrigens schon Champions-League-Sieger nennen.
Keisuke Goto (21 / für 10 Millionen von RSC Anderlecht zum SC Freiburg): Wer auf dem japanischen Markt früh dran ist, kann sich Spieler besonderer Güte mit hohem Renditeversprechen sichern. Gerade als Verein direkt hinter den Top-Clubs. Mainz machte mit Kaishū Sano im Vorjahr einen Super-Fang, ebenso Freiburg mit Yuito Suzuki. Der bekommt nun gleich zwei Landsmänner im Breisgau. Für Rihito Yamamoto überwies der Europa-League-Finalist sieben Millionen nach St. Truiden, für Keisuke Goto gar zehn Millionen nach Anderlecht. Da er im Vorjahr ausgeliehen war, spielte er da schon mit Yamamoto zusammen in St. Truiden. Mittelstürmer Goto zählte im Sommer schon zum japanischen WM-Aufgebot, kam aber nur für sechs Minuten zum Einsatz.
Jede Sekunde für Ghana auf dem Platz
Raphael Onyedika (25 / für 9 Millionen vom FC Brügge zu Eintracht Frankfurt): Er ist quasi Frankfurts Königstransfer. Denn in der Analyse der enttäuschenden Vorsaison hat die Eintracht einen neuen Sechser als wichtigsten Impuls ausgemacht. Das Werben um Onyedika dauerte bis in den August hinein, doch die Frankfurter wollten den Nigerianer unbedingt. Dass sein Vertrag auslief, machte ihn für einen Marktwert von 23 Millionen recht preiswert. „Raphael Onyedika überzeugt uns nicht nur mit seiner Robustheit und seinem strategischen Spielverständnis, sondern vor allem durch seine außergewöhnliche Konstanz“, sagte Frankfurts Sportchef Markus Krösche über den Mittelfeldspieler, der mit Brügge in vier Jahren vier Titel gewann und 24 Mal in der Champions League spielte.
Gideon Mensah (28 / für 4 Millionen von AJ Auxerre zum 1. FC Köln): Einen WM-Teilnehmer ablösefrei zu bekommen – das ist für den 1. FC Köln ein echter Coup. Zumal Gideon Mensah bei der Endrunde in Nordamerika gerade jede Sekunde für Ghana auf dem Platz stand. Laut Sportchef Thomas Kessler hatte Mensah „in Kombination mit seiner Entwicklung in den letzten Jahren und seiner Vita verschiedene Möglichkeiten“. Da zahlte sich auch das Netzwerk des neuen Recruiting-Direktors Tim Steidten aus, der zuvor in der Premier League bei West Ham United arbeitete und Mensah einst schon zu Bayer Leverkusen holen wollte. „Den ersten Kontakt hatte ich schon vor der WM. Das waren sehr gute Gespräche mit Tim Steidten“, sagte Mensah. Nach dem zweiten WM-Spiel sei dann „alles zu 100 Prozent klar“ gewesen. Wer danach kam, kam zu spät. Mensah bekommt übrigens die 14 – eine in Köln besondere Nummer. Denn die trug jahrelang Jonas Hector, Kölns letzter Nationalspieler, und wie Mensah Linksverteidiger.