In der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Tanz im Saarland lassen sich junge Menschen zu Tanzmentoren ausbilden, um ihre Leidenschaft zum Beispiel in Schulen oder Vereinen weiterzugeben. FORUM-Autor Thomas Annen war beim Training.
Samstagvormittag im Gästehaus des Saarländischen Turnerbundes in Braunshausen: Während sich viele Mitschüler zu Hause im Bett noch mal umdrehen, bringen 17 angehende Tanzmentoren – 16 junge Damen und ein junger Herr – ihren Kreislauf im Spiegelsaal schon ordentlich in Schwung. Im Choreografie-Workshop wird konzentriert gearbeitet. „Wie kann ich mich mit der Gruppe verbinden und gleichzeitig Individuum bleiben?“, lautet die Aufgabe. Zu ruhiger Klaviermusik bewegen sich die Tänzer langsam durch den Raum. Zunächst jeder für sich. Ausdrucksstark, mit ausladenden Armbewegungen. Körperspannung, Mimik und Gestik vermitteln Präsenz. Dann die erste Kontaktaufnahme, eine Hand berührt die Schulter des Nachbarn. Langsam rücken die Jugendlichen zusammen. Immer näher. Bis sie gemeinsam zu Boden sinken und in einem Kreis verschmelzen – ein beeindruckendes Gemälde aus menschlichen Körpern. Die Kollegen, die von der Bank aus zuschauen, applaudieren anerkennend. Ausbildungsleiterin Carmen Krämer ist ebenfalls zufrieden. Denn ihren Schützlingen ist etwas gelungen, was bei jeder Choreografie wichtig ist: Sie haben beim Zuschauer Emotionen geweckt.
Pädagogische und didaktische Themen
Welches Handwerkszeug man dazu benötigt, lernen die jungen Leute im Choreografie-Unterricht. Kontraste zum Beispiel spielen beim Entwickeln und Strukturieren von Tanz-Abläufen eine wichtige Rolle: Schnelle Bewegungen wechseln mit langsamen, fließende mit abgehackten. Die Frage, ob bei einer Sequenz alle dieselben oder unterschiedliche Bewegungen machen, muss ebenfalls geklärt werden. Ihre Performance werden die motivierten Nachwuchstänzer weiter verfeinern und dann Ende Mai bei der Abschlussveranstaltung vor Publikum präsentieren. Während des FORUM-Besuchs wollen die Jugendlichen zeigen, dass sie auch bei flotterem Tempo eine gute Figur machen. Doch bevor Michael Jacksons Song „Dangerous“ ertönt, müssen sich die Akteure erst mal ein wenig sammeln, ein Plausch mit dem Nachbarn hilft beim Abbau der Spannung. Haben vielleicht einige ein bisschen Lampenfieber? Es wäre kein Wunder: Schließlich stellt der Reporter nicht nur Fragen, er macht auch Fotos. „Durchatmen!“, beruhigt Projektleiterin Krämer. „Zehn, neun, acht, ...“, zählt sie wenig später runter. Der Countdown signalisiert den Teilnehmern: Es geht weiter, volle Aufmerksamkeit!
Das Choreografie-Modul ist Teil der Tanzmentoren-Ausbildung, die die Schüler am 10. Januar begonnen haben. Laut Lexikon ist ein Mentor eine erfahrene Person, die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten über einen längeren Zeitraum an eine weniger erfahrene Person weitergibt. Zur Zielgruppe der Schulung gehören junge Leute ab 15 Jahren, die ihre Tanzleidenschaft gerne weitergeben möchten. Aber wie schafft man es, dass der Funke auf andere Kinder und Jugendliche überspringt? Klar, Schrittfolgen einüben erfordert Disziplin. Aber die Freude am Tanzen sollte dabei nicht zu kurz kommen. Deshalb stehen auch pädagogische und didaktische Themen auf dem Lehrplan. Hinzu kommen Choreografie, Anatomie, Musik, Rhythmik, rechtliche Grundlagen und Organisation. Das inhaltliche Spektrum ist breit gefächert, Theorie und Praxis sind eng verzahnt. Ausgestattet mit dem nötigen Rüstzeug können die ausgebildeten Mentoren später Tanz-Arbeitsgemeinschaften an Schulen oder Tanzprojekte in Vereinen und Jugendzentren eigenständig organisieren und leiten. Wobei die Dozenten bei der Mentoren-Ausbildung nicht bei null anfangen müssen, alle Teilnehmer haben bereits Tanzerfahrung gesammelt.
Für die Konzeption und die Durchführung der Ausbildung ist die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Tanz im Saarland verantwortlich, in Kooperation mit dem Ballett des Saarländischen Staatstheaters. Träger und damit Hauptfinanzier des Projekts ist das saarländische Ministerium für Bildung und Kultur. „Wir suchen weitere Förderer, die uns unterstützen“, betont Carmen Krämer. Die jungen Leute leisten ebenfalls einen finanziellen Beitrag: Die Teilnahmegebühr für die 124 Unterrichtsstunden beträgt 220 Euro für Schüler und 800 Euro für junge Erwachsene, die sich in Ausbildung oder Studium befinden.
Studierende oder Auszubildende seien in der aktuellen Runde leider nicht dabei, erklärt Projektassistentin Vanessa Wichterich. Die fünfmonatige Ausbildung erfolgt an sieben Wochenenden – nicht nur in Braunshausen, sondern auch an der Landesakademie für musisch-kulturelle Bildung in Ottweiler. Seit 2013 haben über 165 junge Leute den Kurs erfolgreich abgeschlossen und das begehrte Mentoren-Zertifikat erworben. Die zehnminütige Lehrprobe, die Absolventen am Ende ablegen, muss nicht perfekt sein. „Es geht darum, zu sehen, dass sie sich weiterentwickelt haben“, erläutert Diplom-Tanzpädagogin Krämer. Nach der Pflicht folgt dann die Kür. Bei der Abschlussveranstaltung am 31. Mai um 19 Uhr in der Landesakademie in Ottweiler wird die Gruppe in einem selbst entwickelten Stück ihr Können zeigen. Nicht nur tänzerisch, sondern auch organisatorisch.
Klassisches Ballett und moderner Tanz
Viele Fragen sind im Vorfeld zu klären: Wie betreten wir die Bühne? Wer moderiert? Was ziehen wir an? Wo machen wir Werbung? Nicht nur Familienmitglieder werden im Publikum sitzen. Die kostenlose Aufführung ist für jedermann offen. Teilnehmer, die während der Ausbildung feststellen, dass ihr pädagogisches Talent nicht ausreicht, um später Tanzkurse zu leiten, werfen die Flinte nicht ins Korn. Auch sie nutzen die Gelegenheit, neue Tanztechniken und nette Gleichgesinnte kennen zu lernen. „Alle ziehen durch“, versichert Ausbilderin Krämer. Mit ihren Schülern ist sie sehr zufrieden: „Es ist eine sehr aufgeweckte, wissbegierige Gruppe.“ Die Choreografin lobt die Offenheit und den Mut, neue Dinge auszuprobieren.
Ihre Auszubildenden ziehen ebenfalls ein positives Zwischenfazit. „Es gefällt mir gut, jeder versteht sich mit jedem“, sagt Mira Feid. Die Schülerin des Deutsch-Französischen Gymnasiums in Saarbrücken findet es toll, dass sie ihre Gefühle beim Tanzen ohne Worte ausdrücken kann. Wobei sie sich auch gerne mit der sprachlichen Kommunikation beschäftigt, vor allem in Büchern. An der Universität des Saarlandes macht die 16-Jährige ein Juniorstudium in Literatur. „Für mich ist es etwas ganz Neues“, sagt Luca Krieger mit Blick auf die Ausbildung. Er tanzt seit zwei Jahren, vor allem urbane Tänze wie etwa Hip-Hop. Obwohl der 15-Jährige gerne lernt und seinen Horizont erweitert, hat es ihn etwas Überwindung gekostet, sich auf die klassischen Balletttechniken und Formen des Modern Dance einzulassen. Luca genießt es, beim Tanzen abzuschalten. Später will er Medizin studieren und vielleicht Unfallchirurg werden. Bleibt zu hoffen, dass dann keine Tänzer auf seinem Operationstisch landen. Denn das Verletzungsrisiko bei dem Sport ist relativ hoch. Deshalb beschäftigen sich die angehenden Tanzmentoren auch mit dem Thema Verletzungsprophylaxe. Es ist wichtig, sich aufzuwärmen, auf seinen Körper zu hören, Pausen einzulegen und seine Grenzen zu kennen.
„Ich habe mich tänzerisch weiterentwickelt“, versichert Angelina Messina. Die Elftklässlerin, die Grundschullehrerin werden möchte, tanzt bereits seit 14 Jahren. Sie ist schon in Ballett-Schläppchen, High Heels und Garde-Stiefeln übers Parkett gefegt. Gibt es auch etwas, das ihr bei der Ausbildung nicht so gut gefällt? „Das frühe Aufstehen“, verrät die 17-Jährige schmunzelnd. Am Samstagmorgen ist sie schon um sechs Uhr aus den Federn gesprungen, um pünktlich zum Start um neun Uhr in Braunshausen zu sein.
Nach dem aufregenden Vormittag mit dem Pressebesuch stärken sich die jungen Leute beim Mittagessen mit Käsespätzle. Am Nachmittag steht dann unter anderem noch das Thema Organisation auf dem Stundenplan. Erst gegen 21.30 Uhr ist Feierabend. „Es ist körperlich anstrengend, den ganzen Tag auf den Beinen zu sein“, sagt Angelina Messina. Obwohl sie sich mit ihren Kolleginnen im Zimmer gut versteht, hat am Abend niemand Lust, noch Party zu machen. Man plaudert ein wenig, dann wird das Licht gelöscht. Damit am nächsten Morgen alle fit sind. Am Sonntag um 8 Uhr treffen sich die jungen Tänzer zum Frühstück, danach geht die Ausbildung bis 13 Uhr weiter.