Zehn Jahre nach Angie Kerbers Grand-Slam-Sieg im Big Apple könnte die qualvoll lange Reise deutscher Tennisspielerinnen und -spieler glücklich enden. Auch Hitze-Trinkpausen sollen Zverev, Lys, Struff, Korpatsch und Co. in New York zu mehr Biss verhelfen.
Seit Angelique Kerber 2016 im dritten Satz des US-Open-Finales 1:3 zurücklag und doch am Ende 6:3, 4:6, 6:4 gegen Karolína Plíšková gewann, kamen deutsche Spielerinnen der Trophäe aus dem Big Apple viermal verführerisch nahe. Trotzdem steckte ein ums andere Mal der Wurm im Detail, und das große Slammen ging gegen die Granden aus Germany aus. So führte Alexander Zverev im September 2020 gegen Dominic Thiem 6:2, 6:4, 2:1 mit Break, servierte im fünften Satz bei 5:3 zum Titel und verlor 6:8 im ersten Tiebreak, der je ein US-Open-Herrenfinale entschied. Laura Siegemund und Vera Zvonarewa vergaben 2023 im ersten Satz des Doppelfinales gegen Gabriela Dabrowski und Erin Routliffe zwei Satzbälle und unterlagen 6:7, 3:6. Kevin Krawietz und Tim Pütz wehrten 2024 im Endspiel gegen Max Purcell und Jordan Thompson zwei Matchbälle ab, glichen das Break im zweiten Satz aus, führten im Tiebreak 3:1 und verloren ihn 4:7. Drei Endspiele, doch auch dreimal Pech. Heuer stellt sich deshalb sehr konkret die Frage nach einem „Happy End“: Wer gewinnt diesmal die Punkte, die vom 31. August bis 13. September in New York bei den Männern sogar erstmals seit 37 Jahren einen Deutschen ans Ziel der US-Open-Odyssee bringen könnten? Zumal der Hamburger Zverev mit einem frischen French-Open-Titel im Gepäck kommt, während die Vorjahressieger Jannik Sinner und Carlos Alcaraz mit Blessuren und fehlender Matchpraxis anreisen. Wenn überhaupt.
Erinnerungen an 2020
Zverev kennt das fatal frühzeitige Aus und die knappe Niederlage, wenn der Sieg beinahe bei ihm angelangt ist. Der Österreicher und Sascha-Freund Dominic Thiem war 2020 nach Zverevs 6:2, 5:1-Start fast aus dem Finale gespielt. Dann wurde der Hamburger vorsichtiger. Bei 5:3 im fünften Satz kosteten ihn ein einfacher Vorhandfehler und ein missratener Serve-and-Volley-Versuch den Aufschlag. Beide Männer krampften, Thiem konnte sich beim Service kaum noch abdrücken. Dennoch gewann der Österreicher im Tiebreak die härteren Ballwechsel. „Ich wünschte, wir könnten heute zwei Sieger haben“, sagte Thiem anschließend. Zverev fehlten zwei Punkte.
Fünf Jahre später rollten schon in der dritten Runde bittere Bälle in die Bilanz. Zverev gewann gegen Félix Auger-Aliassime den ersten Satz und hatte im Tiebreak des zweiten bei 6:5 Satzball. Der Kanadier rettete sich, verwandelte seinen zweiten Satzball mit einem Passierball, der die Netzkante streifte und ins Feld fiel, und gewann 4:6, 7:6, 6:4, 6:4. Zverev nannte den zweiten Satz „unglücklich“ und sagte: „Ich habe zu passiv gespielt, weil ich nichts im Schläger hatte.“
Doch 2026 bringt Deutschlands bester Spieler erstmals eine völlig andere Ausgangslage mit: Den French-Open-Titel, nachfolgend ein knapp verlorenes Wimbledon-Finale und die Genugtuung, endlich Zweiter der Weltrangliste zu sein. Doch Montréal setzte ein Warnlicht. Gegen Talon Griekspoor verlor der 29-Jährige sein erstes Hartplatzmatch der Saison in drei Sätzen und nannte es das „schlechteste Match des Jahres“. Besser könnte New York aussehen, wenn er aus 2020 und 2025 Lehren zieht: Bei Führung nicht hinter die Grundlinie zurückfallen, den zweiten Aufschlag des Gegners attackieren und die Punkte verkürzen. Bevor Hitze und Feuchtigkeit aus einem taktischen Problem ein körperliches machen. Denn eigentlich kommt Zverev mit den besten Konditionen nach New York: Sinner schreibt nach der Cincinnati-Absage, sein rechtes Knie mache Probleme und er sei „noch nicht bereit“. Dabei richtet er den Blick auf die US Open. Doch den Südtiroler plagen nicht nur Bein-Malesken: Nach seinem Sieg über Zverev in Wimbledon und anschließender Verletzungspause konnte er keine Matchpraxis auf Hartplatz aufbauen. Ähnlich Alcaraz: Der hat seit April und bis Redaktionsschluss wegen einer Handgelenkverletzung kein Match bestritten.
Wir schreiben 2026: Volle 37 Jahre nach Boris Beckers Triumph über Ivan Lendl wartet Deutschland noch immer auf den nächsten Sieger im Herreneinzel. Becker wiederum wäre 1989 beinahe schon in Runde zwei ausgeschieden: Gegen Derrick Rostagno wehrte er einen Matchball mit einem Netzroller ab.
Deutschlands beste Doppelspezialisten, Kevin Krawietz und Tim Pütz, kamen 2024 über einen Aufhol-Krimi ins Finale. Im Endspiel wehrten die Deutschen zwei Matchbälle ab und führten im Tiebreak 3:1. Dann gingen sechs der nächsten sieben Punkte an die Australier Max Purcell und Jordan Thompson. „Wir haben es genossen, zum ersten Mal im Arthur Ashe zu spielen“, sagte Krawietz. Pütz sprach von einer „großartigen Atmosphäre“.
Über allem liegt der Spätsommer von Queens. Die US Open warnen selbst vor sehr hohen Temperaturen Ende August und Anfang September und nennen starkes Schwitzen, Muskelkrämpfe, Schwäche, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Ohnmacht als Warnzeichen hitzebedingter Erkrankungen. Sportmedizinische Übersichten beschreiben für Tennismatches erhebliche Schweiß-, Flüssigkeits- und Elektrolytverluste: Von bis zu 2,5 Litern Schweiß pro Stunde ist die Rede.
Extreme Bedingungen
Bei den Männern verschärft das Best-of-five-Format die Härte eines Grand-Slam-Turniers und besonders eines Finales in Zeiten von Klimawandel und Hitzewellen-Rekorden. Ein potenzielles Fünfsatzmatch mit drei statt zwei Gewinnsätzen, wie in anderen Turnieren, bringt Spieler an ihre Grenzen und darüber hinaus: Trinken kann den Verlust während hoher Schweißraten oft nur begrenzen, nicht vollständig ausgleichen. Natriumdefizite begünstigen tennisbezogene Krämpfe. Hohe Luftfeuchtigkeit hemmt die Verdunstung und damit die Kühlung.
Die US Open haben bei extremer Hitze bereits Zehn-Minuten-Pausen vorgesehen: Im Männer-Einzel zwischen drittem und viertem Satz, bei Frauen und Jugendlichen zwischen zweitem und drittem: Die Trinkpausen der Fußball-WM lassen grüßen. Ältere Spieler wie Novak Djokovic, Jan-Lennard Struff, Laura Siegemund und Tatjana Maria kostet jeder zusätzliche Satz bei hohen Temperaturen besonders viel Kraft. Wobei „Struffi“ mit 36 Jahren jüngst in Wimbledon sein erstes Grand-Slam-Viertelfinale gewann. Starke Junge wie Rafael Jódar, Learner Tien, João Fonseca, Jakub Mensík oder Ella Seidel sind gefährdet, aus Unerfahrenheit zu früh im Match zu viel aus sich herauspressen zu wollen.
Steffi Graf stand in New York fünfmal, 1988, 1989, 1993, 1995 und 1996, auf dem Siegertreppchen. Tamara Korpatsch darf sich als ihre Nachfolgerin betrachten. Wenn auch bislang nur in Hamburg. Und nur auf Sand.
Korpatsch krönte sich zur ersten deutschen Rothenbaum-Siegerin seit Graf 1992 und gehört nun zu den besten 50 Spielerinnen der Welt. In Toronto verlor Korpatsch allerdings ihr Auftaktmatch auf Hartplatz. Im Hauptfeld im Big Apple die eine oder andere Runde zu gewinnen, wäre für die derzeit beste deutsche Spielerin ein großer Erfolg. Und das in ihren frühen 30ern, nach einer langen Leidensgeschichte.
Eva Lys riss sich Anfang dieses Jahres eine Kniesehne, verbrachte ein Jahr voller Handicaps und stieg von ihrem Januar-Allzeit-Hoch auf Platz 39 auf Rang 85 ab, trotz einiger beachtlicher Erstrunden-Erfolge. Ob die persönliche Odyssee der 24-Jährigen in Flushing Meadows zu Ende geht, ist nach ihrer Aufgabe in Toronto fraglich.
Laura Siegemund jedoch weiß, wie New York zu gewinnen ist. 2020 schlug die 38-Jährige mit Zvonarewa im Finale Nicole Melichar und Xu Yifan 6:4, 6:4. Zuvor hatten die beiden sogar die Titelverteidigerinnen Aryna Sabalenka und Elise Mertens ausgeschaltet. 2023 führte ihr Weg erneut ins Endspiel. 2026 könnte Siegemund im Doppel wieder weit kommen, wenn die Metzingerin am Netz nicht jeden Punkt selbst erzwingen muss.
Rybakina blickt auf die Spitze
Bei den Frauen zeigt Aryna Sabalenka als zweimalige Titelverteidigerin Schwachstellen. Nach frühen Niederlagen in Wimbledon und Toronto beschrieb Trainerlegende Rick Macci in den sozialen Medien ihre veränderte Position hinter der Grundlinie und ein angegriffenes Selbstvertrauen. Jelena Rybakina rückt in der Rangliste heran. Iga Świątek zeigte in Toronto wieder starke Form. Doch auch Coco Gauff, US-Open-Queen von 2023, Jessica Pegula, Amanda Anisimova und Naomi Osaka besitzen auf Hartplatz Titelqualität. Dazu kommen die jungen Major-Siegerinnen Mirra Andreeva und Linda Noskova sowie Iva Jovic und Diana Shnaider. Bei den Männern ist der Generationsdruck noch sichtbarer. Der 19-jährige Rafael Jódar stieg binnen eines Jahres vom Challenger-Sieger außerhalb der Top 300 bis an die Schwelle der Top Ten, erreichte in Montréal das Halbfinale und hatte zuvor in Paris das Viertelfinale gegen Zverev verloren. Ben Shelton bescheinigte ihm das „komplette Set“ aus Athletik, Vorhand, Rückhand, Aufschlag und Return.
Learner Tien, João Fonseca, Jakub Mensík und Arthur Fils stehen für eine Gruppe, die trotz ihrer Jugend den Court dominieren. Boris Becker nannte Tien den „real deal“ und schrieb in den sozialen Medien, man dürfe „in der nahen Zukunft große Sachen von ihm erwarten“. Der Druck auf die älteren Spieler wächst. Auch der deutsche Nachwuchs meldet sich, vorerst eher in Qualifikation- und Perspektivkadern als in der zweiten New Yorker Woche. Diego Dedura, Justin Engel und Tom Gentzsch.
Ein deutsches Happy End 2026 hängt nicht nur an Zverev. Der erste Grand-Slam-Titel hat den 29-Jährigen von einer Last befreit. In Wimbledon war mal wieder Sinner der Gewinner. New York wird zeigen, ob Zverev langfristig mit neuer Gelassenheit an die wichtigsten Tennisturniere herantritt. Siegemund könnte im Damendoppel erneut eine enge Partie in ihre Richtung ziehen. Krawietz und Pütz haben bewiesen, dass sie selbst ein 2:4, 0:40 noch drehen.