Ein Migrant, geflüchtet aus Eritrea, will unbedingt arbeiten – aber das ist in Deutschland nicht einfach. Schreinermeister Raphael Haas hat den Versuch gewagt, aber die bürokratischen Hürden waren manchmal schwer zu überwinden. Ein Fallbeispiel.
Ein vom afrikanischen Kontinent geflüchteter Migrant, integriert und im eigenen Unternehmen? Auf die Frage, ob dies in anderen Betrieben so möglich gewesen wäre, sagt Raphael Haas ganz klar „Nein“: Ohne gute Beziehungen, sein Ehrenamt und die Hilfe von Haas’ Familie wäre dies nicht möglich gewesen.
Banges Warten auf die Behörden
Raphael Haas führt seit 42 Jahren eine Schreinerei in Schwalbach-Elm, die vor allem Aufträge für andere Schreinereien ausführt – CNC-Fräsungen, Innenausbau, Möbelbau und Brandschutz. Heute ist die Schreinerei für den Kundenverkehr geschlossen, gearbeitet wird in der großen Halle dennoch. An einer der Maschinen steht Alex und fräst Bohlen zurecht, die später mit Nut und Feder zusammengeführt werden. Alex heißt jedoch nicht wirklich Alex, so nennen ihn alle, weil sein Vorname etwas komplizierter ist: Alemayenu H., geboren 1990 im heutigen Eritrea, damals noch ein kriegsgeschüttelter Teil Äthiopiens. Alemayenus Vorgeschichte ist die vieler Kinder aus dieser Zeit: Der jahrzehntelange Krieg zwischen Äthiopien und Rebellen Eritreas entzweite nicht nur das Land, sondern auch seine Familie. Alemayenus Mutter, mittlerweile verstorben, stammte aus Äthiopien und siedelte mit einem Teil seiner Geschwister nach der Trennung der beiden Länder nach Äthiopien um. Sein Vater aber war aus Eritrea, und weil er politisch aktiv war, sperrte das Regime des eritreischen Diktators Afewerki ihn ins Gefängnis. Auch Alemayenu saß mehrere Tage in Haft, kam jedoch frei und beschloss 2014, seine Heimat zu verlassen. Mithilfe von bezahlten Schleusern landete er mit vielen anderen in einem Boot an der Küste Italiens. Mit dem Bus fuhr er weiter nach Deutschland. Die Flucht endete in einem Auffanglager im Saarland.
Dort lebte er anderthalb Jahre – ohne etwas zu tun zu haben. Das änderte sich jedoch. „In der Wohnung war eines Tages der Rollladen kaputt“, erzählt Alemayenu. Einer der Gesellen von Raphael Haas war vor Ort, um ihn zu reparieren. Ihm blickte Alemayenu über die Schulter. „Ich wollte wissen, wie das geht, weil ich das künftig selbst reparieren wollte.“ Der Geselle berichtete seinem Unternehmenschef von der Begegnung. „Na schön, wenn du unbedingt willst, dann schauen wir mal“, sagte Raphael Haas, als er den wissbegierigen jungen Mann kennenlernte.
Der Weg, den er damit einschlug, war bürokratisch, schwierig, mit viel Bangen und Warten, drohender Abschiebung trotz Ausbildungsplatz. Haas sorgte dafür, dass Alemayenu 2016 ein Praktikum und die Erlaubnis für ein Einstiegsqualifizierungsjahr erhielt. Ende 2020 durfte er seine Ausbildung beginnen. Haas’ Familie, der Sohn, die Tochter und der Chef selbst fuhren ihn abwechselnd mit dem Wagen alle drei Monate ins Ankerzentrum Lebach, um seine Duldung verlängern zu lassen. Alle drei Monate Nummer ziehen, Warten auf einen Termin, 37 Euro Bearbeitungsgebühr.
Einen Sprachkurs gab es anfangs für ihn auch. Aber er musste ihn abbrechen, als Geflüchteter ohne Aufenthaltsstatus hatte er keinen Rechtsanspruch darauf. Laut Bundesregierung soll es kostenlose Kurse dieser Art nur noch für Personen mit Bleiberecht – anerkanntem Asylstatus und im begrenzten Umfang für Menschen mit Duldung – geben. Freiwillige Kurse soll es nicht mehr geben. Laut Bundesamt für Migration waren 40 Prozent der Sprachkursteilnehmer Freiwillige. Unternehmensverbände wehren sich aus nachvollziehbaren Gründen dagegen – arbeitswilligen Fachkräften auch noch die deutsche Sprache beizubringen, kostet deutsche Firmen Zeit und Geld. Die saarländische IHK beispielsweise spricht sich deutlich für eine Weiterführung von Sprachintegrationskursen aus. „Sprachkompetenz ist der Schlüssel für nachhaltige Beschäftigung und gelingende Integration“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Frank Thomé. Daran zu sparen, sei falsch. „Wenn Kapazitäten für Integrationskurse reduziert und lernwillige Geflüchtete vom Zugang ausgeschlossen werden, fehlt eine entscheidende Grundlage für den Einstieg in Arbeit.“ Die Folgen seien dann absehbar: verzögerte Integration, längere Abhängigkeit von Transferleistungen und zusätzliche Belastungen für Unternehmen. „Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist das ein falsches Signal. Der Zugang zu Sprachförderung muss gesichert und ausgebaut werden – auch für Geflüchtete ohne formalen Teilnahmeanspruch, etwa aus der Ukraine“, so Thomé.
Alemayenu H. lernte Deutsch in der Berufsschule, während der Einstiegsqualifikation und im Beruf. „In der Schreinerei lerne ich besser, berufliches Wissen und die Sprache“, sagt er. Deutsch, das er im Berufsalltag und im Umgang mit den Kollegen braucht.
2023 erhielt er die Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr und durfte damit zum ersten Mal Deutschland legal mit einem Reisepass verlassen, um sein Heimatland Äthiopien zu besuchen. Diesen Reisepass zu erhalten, war schwer genug, denn dazu brauchte Alemayenu eine Geburtsurkunde aus Äthiopien. Die jeweiligen Vertretungen in Deutschland, in Frankfurt sowie in Berlin, schickten ihn immer wieder weg: die äthiopische, weil er im späteren Eritrea geboren war, die eritreische, weil er einen äthiopischen Dialekt sprach. Alemayenu flog schließlich nach Äthiopien, um seinen Vater nach acht Jahren Haft mithilfe seiner Geschwister, von Freunden und mithilfe von Geld aus dem Gefängnis zu holen – und seine Geburtsurkunde in Äthiopien zu beantragen. Dortbleiben wollte er jedoch nicht. Sein Leben sei nun hier in Deutschland, sagt Alemayenu heute. Das Leben jetzt mache ihn glücklich, sagt er.
In der Flüchtlingsunterkunft war das anders. Anderthalb Jahre lang bestanden seine Tage aus Schlafen und Essen. Dann Fernsehen. Mal Fußballspielen mit anderen Migranten in der Unterkunft. Mit dem Smartphone Redewendungen übersetzen, aus dem Englischen ins Deutsche, damit er wusste, was er sagen musste, wenn er mal krank wurde. Er hatte nichts zu tun außer Warten auf die Behörden. „Ich konnte nicht raus, ich konnte die Sprache nicht. Drinnen bleiben war aber auch Stress, man ist mit seinen Gedanken allein.“ Als er Raphael Haas kennenlernte, änderte sich das. Denn der erkannte das Potenzial und den Willen des jungen Mannes. Und Alemayenu lernte mit Haas einen engagierten Ehrenamtler kennen.
„In der Schreinerei lerne ich besser“
Denn Haas ist geschäftsführender Landesinnungsmeister und stellvertretender Vorsitzender des Wirtschaftsverbandes Holz und Kunststoff Saar sowie Bezirksobermeister der Schreinerinnung Merzig-Saarlouis – gut vernetzt in der Selbstverwaltung des deutschen Handwerks. Klar, dass Haas eingriff, wenn es mal irgendwo hakte, denn die Mühlen des bundesdeutschen Migrations- und Arbeitsintegrationssystems arbeiten noch immer schwerfällig. „Ich vergesse nie, wie der damalige Innenminister Klaus Bouillon zur Innung während einer Sondersitzung zum Thema Ausbildung von Geflüchteten sagte: Männer, ihr bildet alles aus, wer sich ausbilden lassen will –
das kriegen wir hin! Rückenwind hatte ich also dafür.“ Der Fachkräftemangel war 2014 keine ferne Zukunft mehr, und schon gar nicht in dem Betrieb von Haas, wo die Leute wegen der teils sehr komplexen Auftragsarbeiten des Betriebes nicht gerade Schlange stehen, wie Haas es selbst beschreibt. „Unsere Anforderungen sind hoch.“
Also nahm Haas den Minister beim Wort und verschaffte dem Eritreer ein Praktikum. Kurz darauf, als Haas die Behörden über den Beginn der Ausbildung für Alemayenu unterrichtete, drohte das Bundesamt für Migration mit Abschiebung wegen illegaler Beschäftigung, denn ohne Aufenthaltsstatus darf in Deutschland kein Migrant arbeiten. Die Strafe konnte Haas nach vielen Telefonaten mit den Behörden abwenden, die Duldung wurde Alemayenu gewährt. Geld vom Staat gab es danach nicht mehr, der Betrieb ging für Alemayenu mit allen Geldleistungen in Vorlage. Das stundenlange Warten auf Verlängerung der Duldung in der Ausländerbehörde hat Haas mit einem Anruf auf ein paar Minuten verkürzt, er brauchte die Arbeitskraft im Betrieb.
Erfahrungen, die den jungen Eritreer für eine neue Heimat eingenommen haben. Alemayenu H. will in Deutschland bleiben, leben und arbeiten – als Deutscher, mit deutschem Pass. „Hier bin ich zu Hause“, sagt er. 2027 hat er die Chance, einen solchen zu beantragen und deutscher Staatsbürger zu werden. Die Grundlagen, eine eigene Wohnung und einen Job, hat er mithilfe von Raphael Haas, dessen Familie und seinen Kollegen gefunden. Und den Gesellenbrief hat er seit zwei Jahren auch in der Tasche.