Jürgen Klopp hat die Nationalelf übernommen. Danach sehnten sich die Fans. Danach sehnte er sich. Doch Klopp, der im Verband alle Macht bekommt, richtete auch gleich eine Warnung an die Medien.
Die Idee beim DFB gab es schon öfter. Und für Jürgen Klopp war der Job als Fußball-Bundestrainer schon lange ein Traumjob. Daraus hat er nie ein Hehl gemacht. Dennoch hatten beide Seiten bisher nicht zusammengefunden. Als Klopp vor einigen Wochen in seiner Funktion als „Magenta“-Experte gefragt wurde, warum es nie geklappt habe, sagte er schlicht „Timing“. Und fügte dann hinzu: „Das ist diesmal auch nicht perfekt. Aber besser, als es jemals gewesen ist.“
So war dann im Endeffekt die Tür auf. Und Klopp übernimmt mit 59 den Job, für den ihn alle seit jeher prädestiniert sahen. Schon 2006, als er als frischer Experte beim ZDF begeisterte, wurde er „TV-Bundestrainer“ getauft. Doch beim DFB war Joachim Löw bis 2021 immer im Amt und nach seinem Abgang sowie dem von Hansi Flick 2023 stand Klopp als Teammanager in Liverpool unter Vertrag. Nun war er globaler Fußball-Chef von Red Bull. Doch da kam er etwas leichter raus. Zumal sein Arbeitgeber ihm keine Steine in den Weg legte und auch keine klassische Ablösesumme forderte. Der DFB zahlt als Kompensation nun eine Million Euro an die Stiftung „Wings for Life“ und garantiert dem deutschen RB-Standort Leipzig drei Länderspiele bis 2030.
Und so saß Klopp am 24. Juli am Frankfurter DFB-Campus tatsächlich auf dem Podium und wurde als neuer Bundestrainer vorgestellt. 66 Minuten dauerte die Veranstaltung, nach einleitenden Worten von DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Vize Hans-Joachim Watzke redete fast nur Klopp. Und hätte es wohl noch länger getan, wenn Nationalmannschafts-Sprecherin Franziska Wülle das Ganze nicht irgendwann mit der Aufforderung zur Aufstellung für das finale Foto beendet hätte.
Alleine kann er nichts bewirken
Er habe „Bock“, ließ Klopp schnell wissen. Er wolle und müsse sich für nichts anderes mehr empfehlen. „Jürgen Klopp hat keine Karriere nach der Nationalmannschaft. Das ist idealerweise der Höhepunkt meiner Karriere, meines beruflichen Lebens. Ich werde alles da reinlegen, was mir zur Verfügung steht.“ Er mache das Ganze „für euch. Niemand muss mir dankbar sein. Ich habe es gesagt: Es ist eine Riesenehre. Ich werde dafür sehr gut bezahlt. Das ist also alles klar.“
Und dann legte der neue Bundestrainer klar seine Grenzen fest. Er übernehme den Job schließlich, „obwohl ich mitbekommen habe, wie Ihr mit Julian umgegangen seid“, sagte er mit Blick auf die letzten Amtswochen seines Vorgängers Julian Nagelsmann und stellte dann mit Blick auf die Journalisten klar: „An dem Tag, an dem Ihr das nicht mehr wollt, sagt ihr es. Und ich bin weg. Ohne Abfindung. Wenn Ihr morgen sagt: ‚Der ist scheiße‘, bin ich weg. Nicht einzelne, es müssten schon mehr sein. Wenn der DFB sagt: ‚Der ist scheiße‘, bin ich weg. Wenn Ihr Euch danebenbenehmt und meine Familie nicht in Ruhe lasst, bin ich weg.“
Erst mal ist er aber da. Doch „wer Jürgen holt, der kriegt ihn“. So einfach ist das. Für ihn ist das Wort „Menschenfänger“ erfunden worden. Klopp ist der Motivator schlechthin. „Wenn man meine Motivation in Flaschen abfüllt, dann kommt man dafür in den Knast, wenn man das verkauft“, sagte er einst zu seiner Dortmund-Zeit.
Zum DFB kommt er nicht als normaler Trainer. Nicht mal als normaler Teammanager, wie es in England üblich ist. Sondern als der stärkste Mann im gesamten DFB. Dorthin brachte er nicht nur seine drei Assistenten Sven Bender, Peter Krawietz und Pepijn Lijnders mit, sondern auch seinen langjährigen Freund und Berater Marc Kosicke, den Klopp als „Co-Trainer für Strategie, Entwicklung und Innovation“ vorstellte. „Es war schnell klar, dass Jürgen und Marc so eng miteinander verwoben sind, dass sie nur im Paket zu haben sind“, sagte Neuendorf. „Wir haben das gerne gemacht. Marc wird sich um Organisation und Administratives kümmern, um Kommunikation und Sponsoren, so unser Verständnis. Er ist eine wichtige Schnittstelle zum Verband.“ Kosicke, der dafür endgültig als Berater aufhört, sei zwar externer Mitarbeiter, „erhält aber jeden Zugang“ und sei „eng angebunden, bis hoch in mein Büro“.
Zum Start profitiert Klopp von der Umstellung der Länderspiel-Periode im Herbst. Statt zwei kleinen Abstellungs-Fenstern im September und Oktober gibt es nun nur noch ein großes im September. Somit beginnt Klopp mit vier Spielen in zehn Tagen, hat die Spieler länger um sich. Nach dem Start am 24. September in Amsterdam gegen die Niederlande folgen am 27. September das erste Heimspiel in Augsburg gegen Griechenland, am 1. Oktober das Spiel gegen Serbien in München und am 4. Oktober die Partie in Griechenland.
Er will jeden Stein umdrehen
Bis dahin soll sich schon einiges ändern. 57 Feldspieler habe er als Kader-Optionen in seinem Kopf, sagte Klopp. Und versprach, er werde „mutig“ sein. Es werde „kein wildes Casting à la Deutschland sucht den Fußballstar“ und doch: „Es werden Spieler Möglichkeiten bekommen, die jetzt vielleicht noch gar nicht damit rechnen. Jeder, der berechtigt ist, für Deutschland zu spielen, sollte sich Mühe geben, weil ich genau hingucken werde. Die Tür zur Mannschaft ist offen. Heute ist für alle, die Bock darauf haben, ein Neustart.“ Entscheidend ist aber auch die Einstellung. Klopp will seinen viel zitierten „Heavy-Metal-Fußball“ auf die Nationalmannschaft übertragen. Bei der WM hätte es schon „ein bisschen intensiver sein können“, sagte er, ohne einen großen Rückblick zu starten. Nur so viel: „Wir hatten viele gute Spieler bei der WM dabei, die aber nicht gut gespielt haben.“ Deshalb will er nun „jeden Stein“ rund um die Mannschaft umdrehen. „Wenn unter dem Stein was ist, was gut ist, dann machen wir es wie vorher. Wenn unter dem Stein was ist, was angepasst werden muss, dann machen wir das.“
Die Aufgabe wird groß. Klopp allein reicht nicht, ist die weit verbreitete Meinung aller Experten. Das sehe er genauso, erklärte Klopp. Doch wenn man ihm Zeit gibt, hat er immer viel bewirkt. Seit er am Rosenmontag 2001 in Mainz vom mittelprächtigen Stürmer („Ich hatte das Talent für die Landesliga und den Kopf für die Bundesliga. Herausgekommen ist die zweite Liga.“) zum Trainer umfunktioniert wurde, war er fast immer erfolgreich. Er wurde nie entlassen und hat in je sieben Jahren in Mainz und Dortmund und neun Jahren in Liverpool mehr hinterlassen als nur Erfolge. Doch eben auch die. Die Mainzer, laut Manager Christian Heidel einst die „graueste Maus der grauen Mäuse“, führte er erstmals in die Bundesliga und den Europacup. Dortmund, das bei seiner Ankunft gerade eine lange sportliche Durststrecke hinter sich hatte und der Insolvenz von der Schippe gesprungen war, machte er 2011 zum Meister, 2012 zum Double-Sieger und 2013 zum Champions-League-Finalisten. Liverpool bescherte er 2019 den Sieg in der Champions League und im Jahr darauf die ersehnte erste Meisterschaft seit 30 Jahren. Doch wie gesagt: Klopp hinterließ immer mehr. Schuf ein Fundament, eine Identität. „Manche sammeln Titel, ich sammle Beziehungen“, sagte Klopp einmal.
Nun will er noch mehr bewirken. „Ich hatte schon eine Ahnung, wie groß das Amt des Bundestrainers ist. Aber nun spüre ich die Größe und die Verantwortung noch viel mehr“, sagte er bei seiner Vorstellung. Und tat nichts dafür, das Ganze kleinzureden. Im Gegenteil. „Ich habe dreimal erlebt, wie erfolgreicher Fußball eine Stadt verändern kann. Und erfolgreicher Fußball kann auch ein Land verändern“, sagte er: „Stelle man sich mal vor, es wäre so: Am nächsten Tag wäre der Nachbar nicht mehr so ein Arsch, wie wir im Moment vielleicht denken, er ist. Oder das Wetter wäre nicht so schlecht oder Friedrich Merz würde nicht alles falsch machen, obwohl er versucht, alles richtig zu machen und so weiter.“
Das ist eine große Aufgabe. Aber er werde fleißig sein, versprach Klopp. Er habe immer schon eher ein bisschen mehr als ein bisschen zu wenig getan. Nun fühle er sich „allen Fußballfans verpflichtet, den Job so gut wie möglich zu erledigen“. Dafür werde er sich „Spiele angucken, in jedem Land, in dem unsere Spieler unterwegs sind“. Davon geht auch Sportdirektor Rudi Völler aus: „Jürgen wird sicher öfter in den Stadien sein, das war nicht so Julians Ding.“ Doch über Julian redeten bei der Vorstellung nicht mehr viele. Was diesem gefallen dürfte, nahm Klopp an: „Heute ist für Julian auch ein guter Tag, da das Kapitel jetzt abgeschlossen ist.“ So sollten dann am Ende auch wirklich alle zufrieden sein.