Deutschland braucht eine Energiestrategie für Dunkelflauten. Der Zehn-Punkte-Plan des Bundeswirtschaftsministeriums zur Energiewende folgt jedoch nicht überall den wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Desinformation wirkt. Viele Deutsche fühlen sich von der Energiewende „überfordert“. Sie klagen über „zu hohe Kosten“. Dennoch halten einer repräsentativen Umfrage zufolge 73 Prozent der Wahlberechtigten die Energiewende für „wichtig“. Sie wünschen sich mehr Investitionen in Solarenergie, Windkraftwerke, Geothermie und Stromspeicher. Neue Gaskraftwerke lehnen sechs von zehn Befragten ab. Dennoch will Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) in Gaskraftwerke investieren und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) glaubt, man könne „etwas weniger“ in Sachen Erneuerbarer Energien machen.
Dabei sagt der von der Wirtschaftsministerin in Auftrag gegebene „Monitoring-Bericht“ aus den Händen der Beratungsfirma BET und des Energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln das genaue Gegenteil: Die Forscherinnen und Forscher dort fordern mehr Erneuerbare, besseren Netzausbau, eine stärkere Digitalisierung der Netze.
Mitte September hat Reiche den Monitoring-Bericht zur Energiewende veröffentlich und dazu ihren Zehn-Punkte-Plan für die zukünftige Energieversorgung vorgelegt: Reiche spricht von „Planungsrealismus“ und will mehr „Technologieoffenheit“ – aber auch einen mit der Hochlauf-Geschwindigkeit der Erneuerbaren „synchronisierten Netzausbau“ und Digitalisierung. Insgesamt soll es „wirtschafts- und wettbewerbsfreundliche Schlüsselmaßnahmen“ geben – weniger Subventionen. Die fixe Einspeisevergütung für private Solaranlagen soll daher abgeschafft werden. Die Ministerin war bis vor Kurzem Vorstandsvorsitzende von Westenergie, der Verteilnetz-Tochterfirma von Eon, weshalb man ihr einen wirtschaftsfreundlichen Kurs nachsagt. Und einen, der vor allem Gas in den Mittelpunkt stellt. Reiche will nun in den kommenden Jahren wasserstofffähige Gaskraftwerke mit einer Leistung von zusammen 20 Gigawatt (GW) bauen lassen. Diese sollen zuverlässig Strom liefern, wenn die Erneuerbaren in einer Dunkelflaute zu wenig produzieren – 2024 waren dies aber gerade mal elf Tage im Jahr.
Damit das funktioniert, muss der Staat die Betreiber mit hohen Subventionen unterstützen, wenn das Strommarktsystem so bleibt wie bisher. Denn ein Kraftwerk, das nur wenige Tage oder Wochen im Jahr laufen muss, kann kaum wirtschaftlich arbeiten: Die hohen Kosten für Betrieb und Bereitschaft verteilen sich auf sehr wenig Strom, den die Betreiber verkaufen können. Folge: Hohe Stückkosten für jede Kilowattstunde, die den Strompreis in die Höhe treiben. Schon heute kostet Strom aus Gaskraftwerken etwa fünf Mal so viel wie die Elektrizität aus Wind und Sonne – am teuersten Stromerzeuger orientiert sich weiterhin der Marktpreis, und das ist mit Abstand Strom aus Gaskraft. Nachdem die Preise für Solarzellen und Batteriespeicher weiter fallen, wird sich der Abstand noch vergrößern.
2027 startet außerdem der neue Europäische Handel mit CO2-Emissionsrechten ETS2. Dann müssen die Betreiber von Gas- und Kohlekraftwerken für jede Tonne CO2, die ihre Anlagen ausstoßen, eine höhere Abgabe zahlen. Aktuell liegt der CO2-Preis bei rund 75 Euro/Tonne. Zu wenig. Rechnet man die Folgeschäden der Klimaerwärmung ein, müsste es nach Schätzungen des Umweltbundesamtes das Fünf- bis Zehnfache sein.
„Wirtschaftlichen Irrsinn“ gar nennt Autor und Wissenschaftler Tim Meyer die Gas-Pläne von Katharina Reiche. Meyer hat kürzlich seine Dokumentation „Strom. Das Buch“ veröffentlicht, in der er die Energiewende analysiert. Auch DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert warnt vor dem Bau neuer Gaskraftwerke: „Scheinbare kurzfristige Vorteile erzeugen langfristig höhere Kosten, mit mehr Emissionen und teuren Klimaschäden.“
Dennoch bestätigen viele Fachleute, dass Deutschland vorübergehend Gaskraftwerke brauchen werde, um „Dunkelflauten“ zu überbrücken. Fragt man nach der Menge, fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus. Schon der Strombedarf im Jahr 2030 lässt sich kaum vorhersagen. Die Bundeswirtschaftsministerin rechnet mit 600 bis höchstens 700 Terawattstunden (TWh) – weniger als noch unter ihrem Vorgänger Robert Habeck (Grüne).
Planungsrealismus oder Irrsinn?
„Viel zu wenig“, sagen zum Beispiel Andreas Luczak von der Fachhochschule Kiel und DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert. Seine Klimaziele könne Deutschland nur erreichen, wenn es weite Teile der Wirtschaft elektrifiziere. Statt mit Gas müssten Häuser mit Wärmepumpen geheizt, Benziner und Diesel durch Elektroautos ersetzt und Wärme für die Industrie aus Strom oder direkt aus Wasserstoff statt aus Gas gewonnen werden. Gleichwohl kostet auch die Herstellung von Wasserstoff jede Menge Strom. 2045 wird Deutschland nach Angaben des sogenannten Ariadne-Reports, einer Plattform unterschiedlicher Forschungsinstitute, die kosteneffiziente Wege zum Erreichen der Klimaziele 2045 aufzeigen, doppelt so viel Strom wie heute brauchen.
Bis 2038 sollen außerdem alle Kohlekraftwerke in Deutschland abgeschaltet sein. Diese liefern aktuell jährlich etwa 30 GW Elektrizität, die dann aus anderen Quellen kommen muss. Mit Stromspeicher-Batterien allein sei diese Menge nicht zu stemmen, sagt Luczak. Strom aus großen Akkus sei fünf bis zehnmal teurer als Elektrizität aus Gasturbinen. Noch. Denn die Preise für Batterien fallen rapide. Laufend erscheinen Berichte über neue, billigere und effizientere Techniken zum Speichern von Strom. Großspeicher kosteten vor zehn Jahren noch mehr als 1.000 Dollar je Kilowattstunde (kWh), jetzt sind es weniger als 100. China hat inzwischen schon Speicheranlagen für 50 Dollar je kWh gebaut.
In einem Beitrag von Mitte September wirft selbst das eher konservativ ausgerichtete Magazin „Focus“ Ministerin Reiche „Taschenspielertricks“ vor: Sie rechne den Strombedarf klein, um dann behaupten zu können, dass Deutschland wie versprochen in fünf Jahren 80 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien decken werde. Je weniger Strom gebraucht werde, desto leichter sei dieses Ziel zu erreichen.
Strom ist in Deutschland derzeit teurer als in den meisten anderen Ländern. Grund dafür sind allerdings weniger Solar- und Windkraftwerke als hohe Steuern und Abgaben. Dank Wind und Sonne ist der reine Strompreis an der Börse 2024 in 457 Stunden ins Negative gefallen: Wer Strom abgenommen hat, bekam dafür sogar Geld. Teuer sind auch die Netzentgelte, die die Nutzer an die Betreiber der Stromnetze für deren Betrieb und Ausbau bezahlen. Nach einer Berechnung der Uni Mannheim und des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung kosten Ausbau und Modernisierung des Stromnetzes für den kompletten Umstieg auf Erneuerbare voraussichtlich 651 Milliarden Euro. Eine Studie des Wirtschaftsverbands DIHK rechnet mit 113 bis 316 Milliarden Euro Kosten für den Ausbau der Stromnetze im Jahr 2035. Allerdings könnte die Wirtschaft dann auch Milliarden sparen, die sie bisher für Gas, Kohle und Öl als Brennstoffe ausgibt. Nach Berechnungen der EU spart die europäische Wirtschaft bis 2040 bei den Brennstoff-Importen dank der Energiewende bis zu 260 Milliarden pro Jahr. Im Augenblick bezahlt die deutsche Wirtschaft für die Einfuhr von Öl, Kohle und Gas nach Berechnungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW jedes Jahr noch durchschnittlich 81 Milliarden.
Diese Zahlen hat das Bundeswirtschaftsministerium ebensowenig in den Zehn-Punkte-Plan zur Energiewende eingerechnet wie die Folgekosten der menschengemachten Erderwärmung und die Umweltschäden durch Gaskraftwerke: Zu den Treibhausgasemissionen beim Verbrennen des Erdgases kommen die Methan-Verluste beim Transport und der enorme Wasserverbrauch der Anlagen. Auch politisch und wirtschaftlich bergen fossile Kraftwerke hohe Risiken: Wer jetzt neue Gaskraftwerke baut, macht sich auf Jahrzehnte von fragwürdigen Lieferanten wie Katar, Saudi-Arabien oder den von Donald Trump regierten USA abhängig. Einmal gebaute Infrastruktur muss sich über Jahrzehnte amortisieren. Energiexpertin Franziska Holz vom DIW warnt: „Wenn jetzt Verträge bis weit in die 2040er-Jahre abgeschlossen werden, wird das die Umstellung auf klimafreundliche Technologien weiter verzögern.“
Auch zu einer stabilen, sicheren Energieversorgung tragen viele kleine Solar- und Windkraftwerke bei. Fallen Großkraftwerke durch eine Panne, Sabotage oder einen Cyberangriff aus, sitzen ganze Regionen im Dunkeln. Versagt eine kleine private Photovoltaikanlage oder ein einzelnes Windrad, springt automatisch das Netz ein: Die Stromversorgung läuft weiter. Je dezentraler die Energieversorgung organisiert ist, desto weniger Schaden kann ein Angriff anrichten.
Smartmeter und flexible Preise
Alternativen zu Reiches Erdgas-Plänen gibt es: Christian Rehtanz, Leiter des Instituts für Energiesysteme, Energieeffizienz und Energiewirtschaft an der Technischen Universität Dortmund, verweist zum Beispiel auf § 14a des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Dieser erlaubt es, Stromverbraucher vorübergehend zu drosseln, wenn das Netz überlastet ist. Das würde bedeuten, dass man vorübergehend ein Elektroauto nur sehr langsam aufladen kann. Die Netzausbaukosten ließen sich durch solche Abregelungen „um 30 Prozent senken“.
Entscheidend für eine kostengünstigere Energiewende sind so genannte intelligente Stromzähler, also Smartmeter. Diese ermöglichen, dass zum Beispiel Batterien in Privathäusern oder E-Autos bei hoher Stromnachfrage Energie ins Netz einspeisen und dieses so stabilisieren. Auch flexible Strompreise helfen. Wenn mittags im Sommer die Solaranlagen das Netz mit Elektrizität fluten, wäre der Strom billig, bei Dunkelflaute teuer. Verbraucher können dann ihre Nachfrage den Preisschwankungen anpassen und zum Beispiel die Wasch- oder Spülmaschine mittags anschalten. Statt wie geplant die Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen auf Hausdächern zu streichen, könnte man sie flexibel an die Stromnachfrage und ans Wetter anpassen. Sind die Panels nach Osten und Westen statt nur nach Süden ausgerichtet, liefern sie verteilt über den Tag gleichmäßiger Strom. Auch einfache Mieterstrom-Modelle und das so genannte Energysharing würden die Stromnetze entlasten. Privatleute könnten damit ihren überschüssigen Strom ohne Umweg über die öffentlichen Netze an die Nachbarn oder Vermieter an ihre Mieter im Haus verkaufen.
Inzwischen liefern die Erneuerbaren, also Solar- und Windkraftwerke sowie etwas Geothermie und Wasserkraft, rund 60 Prozent des in Deutschland produzierten Stroms. 2030 sollen es 80 Prozent sein. Für die Zeiten, in denen weder Wind weht noch die Sonne scheint, die so genannten „Dunkelflauten“, will Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche neue Gaskraftwerke bauen.
Die sollen mit Erdgas befeuert werden. Aktuell bezieht Deutschland den größten Teil seines Erdgases aus europäischen Nachbarländern und acht Prozent aus den USA. Gewonnen wird das Gas dort aus Fracking. Um den Rohstoff aus dem Gestein im Boden zu lösen, verpressen die Förderunternehmen hochgiftige Chemikalien. Die Folge: enorme Umweltschäden. Der Anteil des LNG aus Nordamerika am hierzulande verbrauchten Erdgas wird in Zukunft deutlich steigen:
Im Zollabkommen mit den USA hat sich die EU in diesem Sommer verpflichtet, Energie für 750 Milliarden Euro in den Vereinigten Staaten zu kaufen. Viel zu viel, sagen die meisten Fachleute. „Die Kommission hätte dem Vertrag niemals zustimmen dürfen“, kritisiert etwa der grüne Energiepolitiker Michael Bloss. „Es führt Europa in neue Abhängigkeiten.“
LNG wird für den Transport nach Europa mit hohem Energieaufwand so weit abgekühlt, dass es als Flüssigkeit in Tankern verschifft werden kann. Deutschland baut für die Anlieferung an den Küsten Terminals, die das verflüssigte Gas für die hiesigen Gasleitungen aufbereiten und ins Netz einspeisen. Teuer und klimaschädlich.
„Flüssiggas aus den USA und anderen Ländern schadet dem Klima über den gesamten Produktions- und Transportweg hinweg deutlich mehr als Pipeline-Gas“, zitiert das Fachmagazin „Nature“ eine kürzlich veröffentlichte Studie. Fracking-Gas sei nicht besser als Steinkohle, eventuell sogar schlechter, sagen auch Andreas Luczak und Stefan Krauter. Die beiden Wissenschaftler forschen an der Fachhochschule Kiel und der Universität Paderborn zur Energieversorgung. Genaue Zahlen zum Vergleich haben sie aber ebensowenig wie andere Fachleute.
Eines ist jedoch klar: Erdgas besteht im Wesentlichen aus Methan (CH₄) und nach Berechnungen des Weltklimarats befeuert das Gas die Erderwärmung über 20 Jahre 82-mal stärker als Kohlendioxid (CO2). „Niemand weiß, wie viel Methan bei Förderung und Transport von Erdgas entweicht“, kritisiert die Energieexpertin Franziska Holz am DIW in Berlin. Bisher gibt es dazu weder weltweite Messungen noch verlässliche Schätzungen. Daher lassen sich die Auswirkungen von Kohle und Erdgas aufs Klima kaum vergleichen. Franziska Holz hält Erdgas allerdings für weniger umweltschädlich als Kohle, weil es bei der Verbrennung weniger Feinstaub und Quecksilber abgibt.