Die saarländische Brückenfunktion zwischen Deutschland und Frankreich ist historisch, die Aufnahme in die „Frankophonie“ folgerichtig. Trotzdem bleiben hohe Hürden zwischen beiden Ländern bestehen.
Scharnier zwischen Frankreich und Deutschland, eine bewegte deutsch-französische Geschichte, Sitz zahlreicher deutsch-französischer Institutionen, enge Verbindungen auf wirtschaftlicher, kultureller und sportlicher Ebene, viele Städtepartnerschaften: Der einstige Zankapfel Saarland hat längst eine Brückenfunktion in beide Richtungen zwischen diesen beiden großen europäischen Nationen übernommen. Der Lohn dafür: Der Landtag, die Landesregierung und die Landeshauptstadt sowie die Hochschulen des Saarlandes sind seit einigen Monaten in allen wichtigen Gremien der frankophonen Institutionen vertreten. Was bedeutet dies? Das Saarland als Mitglied der sogenannten Frankophonie, der weltweiten französischsprachigen Gemeinschaft mit über 320 Millionen Menschen, erringt ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland. Das Problem daran: Außerhalb der Landesgrenzen ist das in Deutschland kaum bekannt und in Berlin eigentlich auch nicht so richtig gewollt.
Selbst viele Saarländerinnen und Saarländer verbinden mit Frankreich eher den Wochenendeinkauf in einem der Supermärkte hinter der Grenze. Umgekehrt ist das nicht anders: Die französischen Kunden lassen in Drogeriemärkten, bei Discountern und Tankstellen entlang der deutsch-französischen Grenze auf saarländischer Seite regelmäßig die Kassen klingeln, und die Geschäfte in der Landeshauptstadt Saarbrücken machen im Durchschnitt 20 bis 25 Prozent Umsatz mit unseren Nachbarn. Funktionierender, aber emotionsloser kleiner Grenzverkehr, der lediglich durch abstruse Entscheidungen aus Paris oder Berlin wie Grenzschließungen oder Grenzkontrollen gestört wird.
Es hakt an den Sprachkenntnissen
Doch schlägt das Herz im Saarland wirklich gleichmäßig deutsch-französisch, wie es das neue Markenbild der Eurometropole Saarbrücken der hiesigen Bevölkerung suggerieren möchte? Fühlen sich die Lothringer, oder besser gesagt die französischen Ost-Moselaner entlang der Grenze, tatsächlich unter dem Dach der deutsch-französischen Stadt Saarbrücken und nicht eher zur Stadt Metz hingezogen, die selbst allzu gerne Eurometropole wäre, aber zu wenige internationale Institutionen beherbergt und geografisch betrachtet mit rund 70 Kilometern zu weit von der Grenze entfernt liegt?
Für Saarbrückens Oberbürgermeister Uwe Conradt steht die Identifikation als Eurometropole außer Frage. Schließlich haben die Kommunen und Gemeindeverbände des Eurodistricts Saar-Moselle sowie zahlreiche Städte und Gemeinden des Saarlandes die Erklärung zur Eurometropole Saarbrücken im Januar 2025 unterschrieben. „Das bezieht sich nicht allein auf die Stadt Saarbrücken, sondern auf alle Kommunen von Sarreguemines über Forbach bis Völklingen. Wir sind zusammen eine grenzüberschreitende Metropole mit zusammen rund 500.000 Einwohnern, einer gemeinsamen Geschichte und ein Wirtschaftsraum.“ Das sieht auch Gilbert Schuh so, Bürgermeister im lothringischen Morsbach und langjähriges Präsidiumsmitglied des Eurodistricts Saar-Moselle. „Aufgabe ist es, die Eurometropole in die Herzen der Menschen zu bringen.“
Während die wirtschaftlichen Aspekte eine deutliche Sprache sprechen – für das Saarland ist Frankreich seit vielen Jahren wichtigster Handelspartner, gleiches gilt auch für Lothringen in umgekehrter Richtung –, hakt es nach wie vor an den mangelnden Sprachkenntnissen. Deutsch oder Französisch zu lernen ist bei einer Vielzahl der Schülerinnen und Schüler unbeliebt und in beiden Ländern seit Jahren insgesamt rückläufig, obwohl das Saarland beim Französischlernen leicht gegen den Bundestrend schwimmt. Hinzu kommt der Lehrermangel auf beiden Seiten und die extrem große Bedeutung des Englischen. Das Beherrschen der englischen Sprache sei heute ein Muss für alle, und jede weitere Kenntnis einer Fremdsprache, vor allem Französisch und Deutsch, nur ein Plus auf dem Arbeitsmarkt, betont die Saarlandbotschafterin Prof. Dr. Anemone Geiger-Jaillet von der Universität Straßburg.
Zahlreiche Unternehmen auf beiden Seiten der Grenze aber suchen händeringend zweisprachiges Personal. Dass sich Mehrsprachigkeit auszahlt, zeige beispielhaft das Großherzogtum Luxemburg mit Französisch, Deutsch, Lëtzebuergesch und Englisch. Allein das Elsass habe in den letzten 20 Jahren einen Verlust von 50.000 Arbeitsplätzen aufgrund des Sprachmangels zu verzeichnen, da viele junge Menschen im Elsass kein Deutsch mehr sprechen, und habe heute mit einer Arbeitslosenquote zwischen zehn und zwölf Prozent zu kämpfen.
Zweisprachiges Personal gesucht
Bis zum Sprachniveau in Luxemburg ist es noch ein weiter Weg, obwohl das Saarland im Rahmen seiner Frankreichstrategie bis 2043 gerne zweisprachig sein möchte oder zumindest Französisch als Verkehrssprache etabliert sähe. Realistisch ist das wohl kaum, trotz zweisprachiger Kitas, einer französischen Schule, eines deutsch-französischen Gymnasiums und eines engmaschigen deutsch-französischen Hochschulnetzes. Drei bis vier Stunden regelmäßiger Fremdsprachenunterricht in der Woche wären aus der Sicht Geiger-Jaillets gut, aber es bedürfe vor allem auch motivierter Lehrkräfte. Und die fehlen zunehmend.
Mitglied in der frankophonen Welt zu sein, eröffnet langfristig gute Perspektiven in der Wirtschaft, vor allem im Hinblick auf Afrika. Das betont der saarländische Finanz- und Wissenschaftsminister Jakob von Weizsäcker. „An den saarländischen Hochschulen sehen wir verstärkt Studierende aus dem frankophonen Raum, weil sie sehr europäisch ausgerichtet sind, mit französischen Studiengängen, die wie ein Magnet wirken.“ Wie sich die Vorteile der Frankophonie auf das Saarland auswirken, sei allerdings zurzeit schwer messbar, jedoch eine kulturelle Bereicherung als Voraussetzung für den deutsch-französischen Austausch.
Das sieht auch der Geschäftsführer der Französischen Industrie- und Handelskammer in Saarbrücken, Frédéric Berner, so. „Französische Unternehmen, die auf den deutschen Markt wollen, sind froh, wenn sie einen frankophonen Standort vorfinden. Für das Saarland mit seiner Frankreichstrategie ist das eine klare Imageverbesserung und passt wie ein Puzzle zusammen, selbst wenn das in wirtschaftlichen Zahlen momentan nur schwer darstellbar ist.“ Die Saar-LB, die sich als deutsch-französische Bank bezeichnet und inzwischen gute Geschäfte in Frankreich macht, sieht in der Frankophonie-Mitgliedschaft des Saarlandes geschäftliche Opportunitäten, die es vorher so nicht gegeben hat. Der französische Generalkonsul Jérôme Spinoza fordert sogar eine noch stärkere grenzüberschreitende Vernetzung in Wirtschaft, Forschung und Bildung, um die Vorteile der Frankophonie zu nutzen. „Die Wasserstoffwirtschaft mit dem grenzüberschreitenden Netz ‚mosaHYc‘, die regenerativen Energien mit dem Solarmodulhersteller Holo-Solis oder der Verteidigungssektor müssen noch mehr deutsch-französisch gedacht werden.“
Neben der erwünschten, aber nicht immer machbaren Mehrsprachigkeit sieht Geiger-Jaillet in der Begegnung den Schlüssel zum besseren Verständnis von Franzosen und Deutschen. Da bietet das Saarland aufgrund der geografischen Nähe unschlagbare Vorteile. Viele Sport- und Kulturvereine richten den Blick inzwischen über die Grenze, einmal im Jahr findet dazu die Großveranstaltung „Moselle Sport Nature“ in Grosbliederstroff statt. Trotz administrativer und bürokratischer Hindernisse wie unterschiedlicher Vereinsrechte, anderer Zuständigkeiten oder fehlender Gelder finden die Menschen zueinander, gehen ihrem gemeinsamen Hobby nach, reden auch mal gerne im Dialekt, wenn es auf Französisch oder Deutsch nicht klappt, und entdecken Vielfalt in den Unterschieden. Nicht nur konsumieren, sondern machen, lautet die Devise. Es bedarf nur motivierter Partner auf beiden Seiten.