Vor der Ligapause will Hertha BSC endlich den ersten Saisonsieg einfahren. Doch Elversberg ist wieder einmal sehr stark. Aber die Leistung in Darmstadt gibt Anlass zur Hoffnung.
Unter den gegebenen Voraussetzungen von bislang drei wenig überzeugenden Auftritten in dieser Spielzeit konnte das torlose Unentschieden, das Hertha BSC am vergangenen Sonntag beim SV Darmstadt 98 erreichte, durchaus ambivalent gesehen werden. Einerseits war der erzielte Punkt am für Gästeteams oft ungemütlichen Böllenfalltor in dieser Situation positiv zu bewerten – ebenso wie die gezeigte Leistung der Hauptstädter. Andererseits wäre vielleicht sogar mehr möglich gewesen, doch die Torflaute mit bislang nur einem Treffer hielt auch im vierten Pflichtspiel an.
„Vielleicht fehlt momentan einfach das Quäntchen Glück“, suchte Trainer Stefan Leitl angesichts einiger vergebener Chancen nach Abpfiff zunächst die Ursache im Unwägbaren. In der Tat war schwer zu erklären, wie etwa Maurice Krattenmacher nach einer Viertelstunde den Ball nach Zuspiel von Fabian Reese freistehend verpasste – oder wie Letzterer in der achten Minute der Nachspielzeit allein auf 98-Keeper Schuhen zulief und dann am Tor vorbeischoss. Die Zahl der Aluminiumtreffer (je zwei) und Abseitstore (je ein) war jedoch ausgeglichen verteilt – was bewies, dass die Darmstädter ebenfalls ihre Gelegenheiten hatten. So war die Punkteteilung in einer über weite Strecken sehenswerten Partie durchaus folgerichtig.
Aber: In der Tabelle bedeutet das eben auch, dass Hertha BSC nach dem dritten Spieltag noch ohne Sieg den vorletzten Platz belegt – was allein schon optisch für erhöhte Reizbarkeit im Umfeld sorgen dürfte. Dem Heimspiel gegen die SV Elversberg am heutigen Freitag – der letzten Partie vor der länderspielbedingten Ligapause – kommt somit eine besondere Bedeutung zu. Vor dem Duell bei den mit sechs Punkten gestarteten Darmstädtern hatte Stefan Leitl dabei das Weiterkommen im DFB-Pokal als Hoffnungsschimmer genommen, um befreiter an die schwere Aufgabe gehen zu können.
Das erste Erfolgserlebnis der Saison – als Weiterkommen nach Elfmeterschießen gilt es statistisch nicht als Sieg – hatte allerdings einen faden Beigeschmack: Denn Preußen Münster dominierte zumindest über die reguläre Spielzeit eindeutig. Dazu wusste Hertha BSC neben der Glücksgöttin Fortuna an diesem Tag auch einen starken Torwart in seinen Reihen. Tjark Ernst war es jedenfalls, der das Team vor dem sicher scheinenden Ausscheiden bewahrte – und im „Shoot-out“ dann das Glück des Tüchtigen besaß, dass Münsters Makridis seinen Strafstoß an die Latte setzte. Dass der Einzug in die zweite Runde schmeichelhaft ausfiel, konnte auch der Trainer nicht leugnen – er wählte aber die in solcher Situation typische, am positivsten erscheinende Formulierung: „Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, dass wir in der nächsten Runde sind.“ Mit dieser Erleichterung im Rücken, so Leitl vor der Aufgabe in Darmstadt, erwarte er eine Steigerung der Mannschaftsleistung gerade im Spiel mit dem Ball. Diese war dann immerhin tatsächlich auch zu registrieren – trotz aller bereits aufgekommenen Zweifel im Umfeld.
Diskussion um Reeses Rolle
Einen Anteil an dieser Skepsis hatte in Münster allerdings auch der Trainer selbst geweckt. Dass die Leitlsche Erfolgsformel der Rückserie 2024/25 in dieser Saison noch nicht greifen wollte, mag am Lernprozess der Konkurrenz liegen. Die Aufstellung im DFB-Pokal als Reaktion darauf ließ dann allerdings schon Fragen aufkommen: Die erneute Startelfnominierung von Marton Dardai war möglicherweise noch zur Stabilisierung des Spielers zu verstehen, der in der vergangenen Spielzeit 26 seiner Einsätze von Beginn an auch über die volle Distanz spielte. Allerdings rechtfertigte der 23-Jährige, der seit dem Saisonstart offenbar seine Form sucht, diese Maßnahme in Münster wieder nicht.
Als nicht gelungen musste auch die Idee des Trainers bezeichnet werden, Kevin Sessa seine erste Einsatzzeit 2025/26 von Beginn an auf der „Sechs“ zu geben. Nicht nur wegen des Saisondebüts auf dieser besonders wichtigen Position, sondern auch, weil der 25-Jährige bekanntlich seine Stärken eher mit als gegen den Ball besitzt. Die beiden Fehlbesetzungen zusammen führten defensiv zu einer vogelwilden ersten Halbzeit von Hertha BSC – dass Dardai und Sessa nicht schon zur Pause in der Kabine blieben, war das i-Tüpfelchen auf dem Unverständnis vieler Beobachter. Nach zehn Minuten im zweiten Durchgang erfolgten ihre Auswechslungen dann doch – die Ersatzspieler Niklas Kolbe in der Abwehrkette und Leon Jensen sorgten bald für mehr Stabilität.
Letzterer war eigentlich für die Startelf im defensiven Mittelfeld erwartet worden, nachdem Diego Demme erneut mit gesundheitlichen Problemen passen musste – schließlich ist das diesen Sommer vom KSC nach Berlin zurückgekehrte Hertha-Eigengewächs genau dort „zuhause“. Kolbe und Jensen standen dann auch in der Startelf bei Darmstadt 98 und sorgten dort für verbesserte Kompaktheit.
Und noch eine weitere Maßnahme Leitls in Münster sorgte für Stirnrunzeln: Quasi als „Kompromiss“ zwischen seiner eigenen Auffassung und den lauter gewordenen Stimmen, Fabian Reese wieder auf dem Flügel statt direkt im Sturm aufzustellen, stellte der Trainer eine Dreierspitze mit Herthas Kapitän in der Mitte auf. Doch auch in dieser Konstellation blieb der Ausnahmespieler und Hoffnungsträger in den Reihen der Blau-Weißen blass. In dieser Position bekam er allerdings auch keine verwertbaren Bälle – weshalb der Trainer nach der Partie Fragen nach der Form Reeses konsequent abblockte. Die Verbesserung im Spiel nach vorne, so Leitl, sei „ein Gesamtauftrag an alle Beteiligten der Mannschaft“ – was in Darmstadt dann in der Tat besser funktionierte und auch Reese stärker in Szene setzte.
Form und Menge der bislang offenbarten Mängel, so räumte Leitl allerdings ein, habe er nicht kommen sehen. „Es gibt aber Dinge, die erklärbar sind“, spielte der 48-Jährige auf die anhaltenden personellen Probleme an: Neben Demme fielen die Torhüter Marius Gersbeck und Tim Goller aus, dazu John Anthony Brooks, Michal Karbownik, Pascal Klemens, Luca Schuler und Neuzugang Paul Seguin (immer noch ohne Pflichtspieleinsatz für Hertha). Nur im Fall von Demme und Seguin besteht offenbar am ehesten Hoffnung auf eine baldige Rückkehr – was Leitls Einschätzung zufolge nach der Ligapause im September heißen würde.
In der gesamten Ausführung des Trainers versteckte sich aber auch ein bedeutsames Wörtchen – nämlich: „Vielleicht“.