Hertha BSC waren auf dem Transfermarkt zuletzt weiter die Hände gebunden. Während wichtige Personalentscheidungen noch ausstehen, richtet sich der Blick zunehmend auf mögliche Abgänge, die den finanziellen Spielraum für Verstärkungen schaffen sollen.
Locker präsentierte sich die Alte Dame zum Aufgalopp in die Saisonvorbereitung – den ersten Test beim Sechstligisten Frohnauer SC entschied man am 4. Juli deutlich mit 15:0 für sich, und auch bei Lichtenberg 47 (NOFV-Oberliga Nord) am Mittwoch vor zehn Tagen fielen die Tore und hielt die Defensive die Weste weiß. Am Ende stand ein 9:0-Erfolg, zu dem Sebastian Grönning drei Treffer beisteuerte – schon in Frohnau war der Däne zweimal erfolgreich gewesen. Der 29-Jährige spielte dabei vergangene Saison (20 Einsätze/3 Tore) eher die dritte Geige hinter Luca Schuler (27/8) und Dawid Kownacki (21/5) in der Sturmzentrale – der Pole hat den Verein jedoch nach einer insgesamt eher unglücklichen Performance im Sommer wieder verlassen. Schuler klagte nach dem Frohnau-Test dazu über Adduktorenprobleme und fällt vorläufig erst einmal aus, dazu ist das Kapitel mit Fabian Reese (2025/26: 33/10 – nach Wolfsburg) bekanntlich Geschichte. Daher richtete sich bei den Testspielen auch die Aufmerksamkeit neben Grönning auf Youngster wie Kian Todorovic (19), der in beiden Vorbereitungsspielen traf, sowie Niklas Hildebrandt (18). Weitere Personalien verdeutlichten jedoch außerdem, dass hinter dem entspannten Start weiterhin ein dickes Fragezeichen steht: etwa die Tatsache, dass Leihrückkehrer Gustav Christensen (21, zurück nach anderthalb Saisons beim FC Ingolstadt) als eigentlich offensiver Außenbahnspieler in Lichtenberg den Linksverteidiger gab. Grund: Hertha BSC hatte zu diesem Zeitpunkt im Profikader schlicht keinen einsatzbereiten Spieler mit diesem Jobprofil.
Überhaupt, so stellte die Hauptstadtpresse mit bangem Unterton fest, hatte die Alte Dame zu diesem Zeitpunkt als einziger Verein aus Deutschlands drei (!) höchsten Fußballligen noch keinen einzigen Neuzugang vorzuweisen. Der VfL Bochum, Kontrahent zur Eröffnung der Saison am 7. August, konnte hingegen immerhin derer acht vorweisen, wie „Bild“ vorrechnete – während die Hauptstädter in gleicher Anzahl Talente aus dem Nachwuchs hochziehen mussten, um nach elf Abgängen den Zweitligakader kurzfristig auf Normalgröße zu bringen. Dies untermauerte die Spekulationen, dass trotz der Transfers von Kennet Eichhorn (nach Leverkusen für neun Millionen Euro), Michaël Cuisance (RC Lens, fünf Millionen) und Reese (VfL Wolfsburg, acht Millionen) immer noch kein finanzieller Spielraum für Neuzugänge besteht. Die designierten Abgänge von Tjark Ernst, Linus Gechter oder Marten Winkler ziehen sich jedoch vor diesem Hintergrund aktuell noch quälend in die Länge. Auch die Worte von Trainer Stefan Leitl zum Thema „Transferstau“ schürten zuletzt kaum Zuversicht: „Es wird bald etwas kommen, davon gehe ich aus – schön wäre es, wenn es Richtung Trainingslager passiert.“ Das beziehen die Hauptstädter aber erst an diesem Freitag im österreichischen Kitzbühel – drei Wochen vor dem Saisonstart. Zwar ist man in der Hauptstadt aufgrund der finanziellen Zwänge inzwischen gewöhnt, dass der Kader erst bis zum Stichtag Ende August steht – geholfen hat es bei den Aufstiegsambitionen der vergangenen drei Jahre aber sicher auch nicht. Und bei dem zu erwartenden, größeren Findungsprozess im Kader inklusive noch nicht absehbaren Potenzials für die neue Saison wäre das ebenso wenig der Fall. Aber: Sachzwänge bleiben nun einmal Sachzwänge im Westend – es gilt also, Ruhe zu bewahren und das Bestmögliche aus der Situation zu machen. Der viel zitierte „Berliner Weg“ – von dem sich Trainer Leitl in der Praxis bislang nicht als großer Fan erwies, da er die Talente aus dem Nachwuchs eher in der Warteschleife beließ – könnte so aus einem Engpass heraus endlich mal in größerem Stil beschritten werden.
Nur noch als Zuschauer dabei
Momentan gilt dabei zwar der Transfer von Tjark Ernst am wahrscheinlichsten und angesichts einer festgeschriebenen Transfersumme von fünf Millionen Euro als der mögliche Faktor, der die Ampel auf dem Transfermarkt für die Berliner auf Grün stellt. Der Torwart aber überlegte seine Entscheidung reiflich – galt etwa der VfL Wolfsburg bis vor Kurzem noch als Anlaufpunkt Nummer eins, so scheint die Spur mittlerweile doch deutlich abgekühlt zu sein. Aktuell liegt jedenfalls Feyenoord Rotterdam in der Poleposition um die Gunst des 23-Jährigen: Doch beide Verhandlungspartner kamen bis Anfang des letzten Wochenendes noch nicht zum finalen Abschluss. Die Niederländer, als Champions-League-Teilnehmer natürlich sehr attraktiv, wollten die Ablöse dem Vernehmen nach noch drücken – während Hertha BSC zwar jeden Erlös braucht, aber möglichst wenig Abstriche machen möchte. So ging es den Verantwortlichen in der vorentscheidenden Phase des Pokers offenbar darum, bei einer Ablöse unter fünf Millionen Euro durch zusätzliche Abmachungen wie eine Weiterverkaufsklausel und erfolgsabhängige Boni-Zahlungen den „Verlust“ zumindest über perspektivische Lösungen abzufedern. Auch hier ließen die beiden erwähnten Testspiele jedenfalls aufmerksame Beobachter registrieren, dass Ernsts Abgang eigentlich nicht mehr lange auf sich warten lassen kann – denn der Schlussmann war jeweils nur als Zuschauer dabei und kam nicht zum Einsatz. Stattdessen durften sich in Lichtenberg etwa Marius Gersbeck (31) und Tim Goller (21) jeweils eine Halbzeit zwischen den Pfosten bewähren – einer der beiden dürfte auch die Nachfolge von Tjark Ernst antreten, wobei dem erfahreneren Gersbeck die besseren Chancen im Rennen um die Nummer eins eingeräumt werden. Da auf der Torwartposition mit Konstantin Heide (20) ein weiterer, vielversprechender Kandidat zur Verfügung steht, dürften die Berliner den Erlös aus einem Ernst-Transfer so eher für andere Positionen ausgeben. Durch die Verletzung von Deyovaisio Zeefuik zum Saisonende 2025/26 könnte etwa auf der Position des Linksverteidigers noch Nachbesserungsbedarf gesehen werden. Und natürlich besteht die Baustelle in der zentralen Spitze weiterhin: Doch ein perfekter Griff wie einst der für 500.000 Euro von Austria Wien geholte Haris Tabakovic, der 2023/24 mit 22 Treffern zum Torschützenkönig avancierte, gelingt eben auch nicht alle Tage. Schließlich verließ der bosnische WM-Teilnehmer Hertha BSC zwar nach einem Jahr – angesichts der Ablöse von drei Millionen Euro aus Hoffenheim machte der unmittelbare Gewinn aus An- und Verkauf den Abschied allerdings zumindest noch zu einem sehr guten Geschäft.