Der Iran-Krieg provoziert hohe Preise: an der Tankstelle, bald auf der Stromrechnung und in der Landwirtschaft. Denn auch Dünger, hergestellt mit Gasprodukten aus den Golfstaaten, wird weltweit teurer.
Deutschland, einig Autoland – auch an der Zapfsäule. Zähneknirschend werden dieser Tage dort Preise deutlich über zwei Euro pro Liter gezahlt. Nun hat die Bundesregierung reagiert: Zum einen sollen Tankstellen ihre Preise nur noch einmal am Tag erhöhen dürfen, verbilligen zum anderen dagegen so oft sie wollen. Das soll die extremen Ausschläge dämpfen und einen transparenteren Wettbewerb ermöglichen. Bisher änderten die Betreiber ihre Preise laut Bundeskartellamt im Durchschnitt 22 Mal am Tag, mit der neuen Regelung übernimmt Deutschland nun die österreichische Praxis. Außerdem sollen deutsche Ölreserven freigegeben werden, um die Preise mittelfristig weiter zu stabilisieren. Zu Beginn des Ukrainekrieges wurden bereits weltweit 182 Millionen Barrel Öl freigegeben, um die Preisausschläge infolge des Krieges unter Kontrolle zu bringen. Der Unterschied: Der Aufschlag erfolgte 2022 wegen des Risikos des Krieges, es fehlte nicht an Öl. Diesmal ist das anders: Dem Markt fehlt nun tatsächlich Öl, das nicht mehr gefördert, verarbeitet oder abtransportiert werden kann.
Alleine die Meldung, dass die größten Industrieländer verabredeten, die Rekordsumme von 400 Millionen Barrel an Ölreserven freizugeben, reichte bereits aus, um den Ölpreis zunächst zu senken. Das aber wird nicht so bleiben. Unter Teuerungsdruck bleibt er weiterhin, solange die gegenseitigen Angriffe in Nahost weitergehen. Öl und dessen Transport, dies hat der Iran verstanden, bleibt ein entscheidender Faktor im Krieg gegen Israel und die USA: Dem islamischen Regime geht es darum, die ökonomischen Kosten für seine Gegner in schwindelerregende Höhen zu treiben.
Im Persischen Golf befinden sich nach Expertenangaben Hunderte Schiffe, die die Straße von Hormus, jene 54 Kilometer breite Engstelle zwischen dem Iran und dem Oman, nicht passieren können. Zu groß das Risiko, von den Islamischen Revolutionsgarden des Irans ins Visier genommen zu werden. Zahlreiche Reedereien, darunter auch die deutsche Hapag-Lloyd und die französische CMA CGM, haben den Transport in diese Region eingestellt. Zuvor passierten jeden Tag etwa 20 Millionen Barrel diese Engstelle, 20 Prozent des täglichen Weltbedarfs an Öl. Vor allem asiatische Länder wie China, Südkorea oder Japan beziehen einen Großteil ihrer Erdölbedarfs aus der Region. Durch das Kappen der Schifffahrtsroute stiegen die Preise – Einkäufer schwenkten auf andere Anbieter um.
„Strategische Planungen sind immer weniger möglich“
Nicht alles aber muss innerhalb des Persischen Golfs verladen werden: Um in Notfällen trotzdem Öl exportieren zu können, hat Saudi-Arabien bereits vor Jahrzehnten vorsorglich eine Pipeline quer über die arabische Halbinsel gebaut – die sogenannte East-West-Pipeline. Nach Angaben des saudischen Königshauses soll diese nun für den Abtransport von Öl genutzt werden. Ihre Kapazität beläuft sich auf zirka sechs Millionen Barrel pro Tag, die im Roten Meer verladen werden könnten. Auch eine Pipeline von Abu Dhabi nach Fujairah südlich der Straße von Hormus mit einer Kapazität von 1,5 Millionen Barrel pro Tag könnte genutzt werden, ein Terminal wurde jedoch kürzlich von einer iranischen Drohne getroffen. Andere Gas- und Ölförderstaaten wie Bahrain oder Kuwait besitzen keinerlei Bypässe, sie sind auf den Schiffsverkehr angewiesen. Als größter Kunde Irans hat China derzeit keinen Grund zur Sorge: Laut dem „Wall Street Journal“ verlässt pro Tag weiterhin ein Kontingent von zirka zwei Millionen Barrel Öl den Persischen Golf, mehr als vor dem Krieg – iranisches Öl auf Schiffen, die von den drohenden Attacken und Seeminen der Revolutionsgarden ausgenommen sind.
Besorgniserregend aber ist nicht nur die mangelnde Ölversorgung, sondern auch fehlendes Flüssiggas (LNG) und seine Folgeprodukte in der chemischen Industrie. Die Region ist für 20 Prozent der weltweiten Gaslieferungen verantwortlich. LNG wird nicht nur in der Stromversorgung gebraucht und in deutschen Gaskraftwerken verfeuert. Einer der entscheidendsten Einsatzorte von Gas ist die Produktion von Düngemitteln über die Zwischenschritte Ammoniak und Harnstoff. Fast die Hälfte der weltweiten Harnstoffproduktion passiert die Straße von Hormus. Jetzt nicht mehr. In der chemischen Industrie schrillen die Alarmglocken, vor allem in Südostasien, das erheblich von der Harnstoffproduktion in der Golfregion abhängt. Eine der größten Fabriken für Harnstoff in Katar musste mangels Gases am 4. März den Betrieb einstellen. Vier weiteren harnstoffproduzierenden Ländern kann dies finanziell in die Karten spielen: den USA, Kanada, China und Russland, denn der Preis für Harnstoff hat sich seit Kriegsbeginn gegenüber dem Vorjahr um mehr als 50 Prozent erhöht. Der Krieg trifft somit die globale Landwirtschaft, die sich gerade mitten in der Aussaat dieses Jahres befindet, besonders hart durch gleichzeitig höhere Diesel- und Düngerpreise.
Wegen des Irankrieges lässt sich laut der deutschen Chemieindustrie auch dort derzeit nichts verlässlich planen. „Je länger der Krieg dauert, desto heftiger sind die Folgen. Die hohen Preise und die anhaltende Unsicherheit bringen viele Betriebe an ihre Grenzen. Strategische Planung ist immer weniger möglich. Stattdessen fahren die Unternehmen auf Sicht. Die Weltordnung wird neu vermessen“, so VCI-Geschäftsführer Wolfgang Große Entrup in einem aktuellen Bericht zum vierten Quartal 2025 der Branche. Europa ringe um Orientierung, während Deutschland im Schneckentempo reformiere. „Ohne echten Reformwillen und mächtig Tempo in Berlin und Brüssel droht ein Strukturbruch für die industrielle Basis.“ Die Strompreise waren nach VCI-Angaben Ende 2025 doppelt so hoch wie noch 2021, während die Gaspreise auf das Niveau vor dem Ukraine-Krieg abfielen und sich auch der Ölpreis deutlich verbilligte. Infolgedessen wurde auch Naphtha, ein Erdölprodukt und Grundstoff zahlreicher chemischer Industrieprozesse, billiger.
Dieses Preisgefüge wird sich in diesem Jahr massiv ändern. Der Preis für Naphtha ist in Europa seit Beginn des Krieges vor knapp zwei Wochen um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, der Preis für Öl um 43 Prozent. Ausgang unklar, außer: Es wird teuer. Dass sich die Trump-Administration wie auch die israelische keine Gedanken über die katastrophalen Auswirkungen einer möglichen Sperrung der für den Welthandel so wichtigen Straße von Hormus gemacht hat, lässt einmal mehr an ihren Kompetenzen zweifeln.