80 Prozent aller E-Autos werden zu Hause geladen – praktisch, wenn man ein Eigenheim hat. Und wenn nicht? Eine neue Fraunhofer-Studie erläutert, wie sich die Situation in Mehrfamilienhäusern verbessern lässt.
Ladezeiten, Reichweite, hübsche Autos: All das spielt eine Rolle, um die Elektromobilität voranzubringen. Ein wichtiger Punkt wird in der Debatte um E-Autos jedoch oft vergessen: die Situation für Mieterinnen und Mieter. Mehrfamilienhäuser mit eigener Tiefgarage bergen ein enormes Potenzial für den Umstieg auf Elektroautos. Mit eigenen Heim-Ladestationen („Wallboxen“) werden die Fahrzeuge bequem über Nacht geladen. Damit dieses Szenario aufgeht, müssen aber noch allerlei rechtliche, politische und auch mentale Hürden fallen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) im Auftrag des Bundesforschungsministeriums erstellt hat. Dies sind die wichtigsten Erkenntnisse:
Ohne Mehrfamilienhäuser bleiben E-Autos eine Nische
Rund 80 Prozent aller Elektroautos werden laut ISI zu Hause geladen, und zwar hauptsächlich in Einfamilienhäusern. In der heimischen Garage oder im Carport lässt sich eine Wallbox vergleichsweise einfach installieren. Wer dann noch eigenen Solarstrom vom Dach bezieht, kann das E-Auto konkurrenzlos günstig betanken. 70 Prozent der Deutschen wohnen jedoch in Mehrfamilienhäusern, in denen die genannten Vorteile nicht zum Tragen kommen. „Für diese Gruppe (zukünftiger) Elektroautonutzender gestaltet sich die Versorgung mit Ladeinfrastruktur als besonders herausfordernd“, heißt es in der Studie. Damit mehr E-Autos auf die Straße kommen, müssen sich also genau dort die Rahmenbedingungen verbessern.
Mieter sind zu Zugeständnissen bereit
Um ein Stimmungsbild zu erhalten, hat das Fraunhofer-Institut 1.472 Personen befragt, die in Mehrfamilienhäusern leben. Rund 70 Prozent waren Mieter, der Rest Eigentümer. Viele zeigten sich gegenüber E-Autos durchaus offen, sofern ihnen der Umstieg leicht gemacht wird. Dazu gehört komfortables Laden, möglichst zu Hause. „Natürlich ist die Wallbox in der heimischen Garage beliebt“, sagt Studien-Mitautorin Josephine Tröger. „Aber es gibt durchaus die Bereitschaft, ein paar Meter bis zur nächsten Ladestation zu gehen. Die Benzin-Tankstelle hat man ja auch nicht direkt vor der Nase.“ Konkret gab die Hälfte der Befragten an, einen Fußweg von 100 Metern bis zur Stromquelle in Kauf zu nehmen. 30 Prozent wären bereit, 250 Meter oder mehr zu gehen. Nur ein Viertel der Teilnehmenden wünscht sich eine Lademöglichkeit in unmittelbarer Wohnungsnähe (bis zu 41,75 Meter). Auch der Strompreis stellt keine unüberwindbare Hürde dar. So gaben die Befragten an, aktuell im Schnitt 11,64 Euro pro 100 Kilometer an Kraftstoffkosten für ihr Verbrenner-Auto auszugeben. Um aufs E-Auto umzusteigen, müsste der Strompreis bei durchschnittlich 6,84 Euro pro 100 Kilometer liegen – die tatsächlichen Ladestrompreise liegen laut ISI nur knapp darüber. In den höheren Einkommensschichten stimmen Wunsch- und Realpreis fast überein.
Die Rechtslage hat sich verbessert – aber oft scheitert es am Geld
Beim Thema „Wallboxen“ scheint die Politik den Bürokratieabbau ernst zu nehmen. So ist ab 2026 in keinem Bundesland mehr eine Baugenehmigung nötig, um Ladepunkte in Betrieb zu nehmen. Wer zur Miete oder im Eigentum wohnt, darf grundsätzlich eine Wallbox installieren. Vermieter dürfen dies nicht verbieten. Die größte Hürde bleibt das Geld. Mieter müssen die Kosten in der Regel selbst tragen. Kümmert sich eine Wohnbaufirma um gemeinschaftliche Lösungen, gibt es oft Streit um die Aufteilung. In der Studie kommt der Vertreter eines kommunalen Wohnungsunternehmens zu Wort, der ein fiktives Szenario nennt: Von 20 Wohnungen wollen nur drei eine Wallbox. „Dann zahlen die drei sämtliche Umlagekosten“, erklärt der Verantwortliche. „Also wird es noch weniger attraktiv. Oder ich muss es so regeln, dass alle das zahlen, dann haben Sie den nächsten Protest.“ Lade-Lösungen scheitern also mitunter am Kleinklein. „Wer zahlt was, wann und wie viel – das ist bei Genossenschaften oft der Knackpunkt“, sagt Studienautorin Tröger. Solche Streitfälle beschränken sich allerdings nicht nur auf Ladestationen. Zahlt das Erdgeschoss auch für den Fahrstuhl, obwohl ihn nur die höheren Etagen nutzen? Ein typischer Zank, den jeder kennt, der schon in einem Mietshaus gewohnt hat.
Ohne Förderung zögern die Menschen
In den Interviews mit Verantwortlichen von Wohnungsbaufirmen wird deutlich, warum viele zögern: Sie können nicht einschätzen, ob und wie schnell sich Elektroautos durchsetzen. „Der politische Wille ist daher ganz wichtig“, schlussfolgert Studienautorin Tröger. „Die Politik muss sich klar zur Elektromobilität bekennen, damit es vorangeht.“ In ihren Empfehlungen an die Politik nennt die Studie explizit neue Förderprogramme. Nur so werde es gelingen, die „aktuellen marktwirtschaftlichen Herausforderungen zu adressieren“. Einkommensschwache Bevölkerungsgruppen sollten aus Gerechtigkeitsgründen besonders in den Blick genommen werden. Auch wenn es weder die Autorinnen noch die Studie explizit sagen: Dass die Bundesregierung das ab 2035 geplante EU-Neuzulassungsverbot für Verbrenner infrage stellt, wirkt in diesem Zusammenhang kontraproduktiv.
Es geht auch ohne eigene Wallbox
Wallboxen in Tiefgaragen oder auf Stellplätzen nachzurüsten, kostet viel Geld. Doch sind diese Investitionen am Ende überhaupt nötig? Oder sind öffentliche Ladesäulen am Ende der bessere Deal? Die Fraunhofer-Studie geht auf diese Fragen nicht explizit ein. In einem Absatz wird aber zumindest die „mangelnde Bereitschaft zur Verhaltensänderung beziehungsweise zu wenig Wissen über Elektromobilität“ als Hürde genannt. Laden ist nicht tanken – diese Erkenntnis hat sich offenbar noch nicht durchgesetzt.
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) betont, dass die Ladeinfrastruktur in Wohnhäusern zwar ausgebaut werden müsse. Aber: „Es braucht keine Vollversorgung, da sich das öffentliche Laden künftig vor allem an sogenannten ,Points of Interest‘ konzentrieren wird.“ Anders als bei der Tankstelle fahre man eben nicht extra zum Laden, „sondern lädt sein Auto dort, wo bestimmte Aktivitäten erfolgen, wie eben beim Einkaufen, beim Besuch im Kino, Konzert oder beim Sport.“ Der ADAC äußert sich ähnlich (siehe Infobox). So gesehen ist eine heimische Wallbox zwar komfortabel, aber nicht unbedingt nötig – zumindest dort, wo es genügend Ladestationen gibt.