„Der letzte linke Kleingärtner“ und die Normierung im Garten
Auch bei der Ordnung in meinem Gemüsegarten lerne ich ständig dazu. In den üblichen Gartenbüchern ist meist von geraden Pflanzreihen die Rede. Deshalb lese ich sie nur selten. Jeder Autor eines Gartenbuchs hat seine Gartenphilosophie. Viele dieser Bücher sind für Menschen geschrieben, die Zeit haben und sich über die Platzierung von Pflanzen und Samen stundenlang ihre Gedanken machen möchten. Meins ist dies nicht. Ich will Ertrag mit einem erträglichen Zeitaufwand.
Überhaupt gleichen Gartenbücher nicht selten grafisch besser layouteten Gebrauchsanweisungen. Von Schritt eins bis zu Schritt zwölf wird minutiös erklärt, was man tun muss, um Erfolg zu haben, also um den Gegenstand der Begierde – Kühlschrank, Handy oder eben das Pflanzenbeet – in Schwung zu bringen. Da bleibt wenig Raum für Vielfalt und Irrtum.
Das beste Gartenbuch, das ich seit Langem las – im Urlaub natürlich –, versteckt sich in einem politikwissenschaftlichen und kulturanthropologischen Buch, „Applaus dem Anarchismus“ von James C. Scott. Der war im Brotberuf Professor an der Yale Universität und ist voriges Jahr mit 87 Jahren verstorben. Das Buch erschien bereits 2014 im Wuppertaler Peter Hammer Verlag und lädt den Leser ein zu einer Reise und zu einer etwas anderen Sicht auf die Welt. Es ist weniger die große Politik, der sich der Autor widmet, sondern im Mittelpunkt stehen die kleinen alltäglichen Geschichten von Ordnung und Struktur.
So tauchen dann mitten in den kulturanthropologischen Abhandlungen plötzlich vier Seiten auf über das Ordnungssystem von Bauerngärten in Mittelamerika. Die entziehen sich der deutschen und europäischen Vorstellung von Ordnung im Garten und auf den Feldern, die doch stark von der geraden Linie und dem rechten Winkel geprägt ist. Die Pflanzen stehen in Reih und Glied, und dem Bauern wie dem Kleingärtner obliegt zur Ernte nur die Abnahme dieser militärisch anmutenden Pflanzenparade. Entsprechend findet vorher auch eine Zurichtung des eigenen Denkens statt. Vor allem aber fand über einen längeren Prozess eine Zurichtung, genauer eine Reduzierung lokaler Vielfalt statt, was die Ernährung der Menschen in ihrer Gesamtheit nicht sicherer gemacht hat. Für viele ist diese Form wissenschaftlich unterfütterter Ordnung mit geraden Reihen und einer Frucht pro Feld das Idealbild von Landwirtschaft und Gartenbau.
Es kam, wie es kommen musste: Irgendwann fand ein im westlichen Wissenschaftsbetrieb ausgebildeter Botaniker heraus, dass dem unordentlich daherkommenden Garten in Guatemala, noch dazu in einer Steillage gelegen, ein durchdachtes Ordnungssystem zugrunde lag. Na also, Ordnung ist also immer nur ein bestimmtes System. Das Gleiche hatte schon der UN-Weltagrarbericht von 2008 herausgefunden. Eine kleinräumige und an Vielfalt orientierte Landwirtschaft kann die Menschheit ernähren, weniger die Vereinheitlichung von Saatgut, Pflanzen und Feldern.
Diese mit wissenschaftlichem Geplänkel daher- kommende Normierung mag für einen schmalen Korridor, in dem die Variablen wie Wetter, Sonne, Regen, Boden keine großen Ausschläge nach oben und unten liefern, passen und den besten Ertrag geben. Aber letztlich ernährt Vielfalt die Welt. Kann sie zumindest.
Hand in Hand mit der Normierung von Saatgut und der Reduzierung von Sortenvielfalt geht die Züchtung von Hochertragssorten einher, die jede Menge Stickstoffdüngung benötigen, um die blühenden Landschaften auf den Feldern zu schaffen. Dem entgegengesetzt ist das Züchten auf Ertragssicherheit.
Auch der eigene Gemüsegarten spiegelt diese Normierung und Reduzierung von Sortenvielfalt wieder. Alleine vom Grünkohl gibt es über 200 essbare Sorten. Für den Kleingärtner erhältlich sind nur knapp eine Handvoll. Ähnlich verhält es sich übrigens bei Automodellen. Da wird eine Modellvielfalt vorgespielt, die sich bei näherem Hinsehen als das recht gleiche Verwenden von zentralen Bauteilen über mehrere Modelle und Marken hinweg entpuppt. Wirkliche Vielfalt sieht anders aus.