Vier Oktaven umfasst die Stimme des 47-Jährigen: Michael Patrick Kelly, früherer Mädchenschwarm der Kelly Family, ist heute als Solokünstler erfolgreich. Auf seinem sechsten Album „Traces“ singen neben Opernstar Jonas Kaufmann erstmals auch wieder alle Kellys mit.
Herr Kelly, in Songs wie „K.H.A. (Keep Hope Alive)“ ermutigen Sie dazu, die Hoffnung nicht aufzugeben. Wie schaffen Sie es, optimistisch zu bleiben trotz widriger Umstände?
Ich versuche, Menschen regelmäßig zu danken für das, was ich an ihnen schätze. Durch meine Friedensarbeit kenne ich viele Menschen, die sich ihr ganzes Leben selbstlos dafür einsetzen, andere zu retten. Ich durfte vor einigen Jahren die gerade verstorbene Forscherin Dr. Jane Goodall kennenlernen. Auch von ihr habe ich gelernt: Ohne Hoffnung geht der Motor der Welt aus. Zu hoffen heißt ja nicht, dass man sich selbst mit Wunschdenken belügt. Es geht uns im Vergleich zu vor 100 oder 200 Jahren, in denen es Weltkriege gab, Hungersnöte und viele andere entsetzliche Dinge, in manchem wesentlich besser, dank der medizinischen Mittel und vieler sehr engagierter Menschen. Es ist nicht alles nur negativ. Ich glaube, die miese Stimmung auf dem Planeten wird der Realität teilweise nicht gerecht. Über positive Geschichten und die Menschen dahinter versuche ich, Songs zu schreiben.
Einer dieser Menschen heißt Kevin Briggs. Ein Highway Patrol Officer, der 15 Jahre lang in San Francisco für die Golden Gate Bridge zuständig war.
Während seiner Zeit als Streifenpolizist hat er über 200 Menschen davon abgehalten, von der Brücke zu springen. Er hat so viele Leben gerettet, von 13-jährigen Mädchen bis zu 80-jährigen Großvätern. Unfassbar, was er für Spuren hinterlassen hat! Nicht nur im Leben der Geretteten, sondern auch in deren Familien und Freundeskreisen. Das Schöne ist die Art und Weise, wie er das gemacht hat – nämlich nicht mit Gewalt. Er drängte die Leute nicht runter von der Brücke, sondern er suchte immer das Gespräch mit ihnen. Es konnte manchmal bis zu acht Stunden dauern, bis sich jemand umentschied. Und oben auf dieser Brücke ist es windig, kalt und laut. Helden wie diese geben mir Hoffnung und machen mir Mut.
Und wo sind Sie dem „Calcutta Angel“ begegnet?
„Calcutta Angel“ ist ein Song, inspiriert von einer Erfahrung, die ich mit Mitte 20 machen durfte. Ich lebte damals in Schloss Gymnich in Saus und Braus, hatte eigentlich alles, war aber todunglücklich, innerlich leer und ein bisschen verloren. So fängt auch der Song an: „I was lost, I was searching“. Ich war auf der Suche nach mehr als dem, was man auf Amazon bestellen oder auf Netflix sehen kann. Dieses Mehr an Sinn und Erfüllung, das man nicht beschreiben, aber schon erfahren kann. Ich bin dann nach Kalkutta geflogen, 2003. Dort habe ich mehrere Wochen als Freiwilliger bei den Missionaries of Charity, dem Orden von Mutter Teresa, mitgeholfen. Die Ordensleute holen Menschen, die kurz vorm Sterben sind, von der Straße und bringen sie in ein Sterbehaus, genannt Kalighat. Um ihnen einen würdigen Tod zu ermöglichen oder sie manchmal sogar wieder auf die Beine zu bringen.
Waren Sie dort der einzige ehrenamtliche Helfer?
Nein, da waren über 150 junge Freiwillige aus der ganzen Welt. Gar nicht so wenige davon sind wohlhabende Kids wie ich gewesen. Ich hatte Fortune and Fame, die zwei Glückssymbole, die einfach nicht das erfüllen, was sie versprechen. Sich um Lepröse zu kümmern, um Sterbenskranke, sie zu begleiten, zu waschen, zu ernähren, das hat mein Herz verwandelt. „Now I know where my heart is“, singe ich im Chorus. Ein Problem unserer Zeit ist, dass sich alles um einen selbst dreht. Da spielt Gier eine destruktive Rolle. Gier nach Macht, Gier nach Geld, Gier nach Anerkennung. Dafür gehen nicht wenige auch über Leichen. Mich in den Dienst der anderen zu stellen, hat mich glücklich gemacht und die innere Leere gefüllt.
In Kalkutta haben Sie großes Elend gesehen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber damals lebten dort eine halbe Million Menschen auf der Straße. Es gab Kinder, die hausten an Müllhalden. Sie haben Müll selektiert und versucht, irgendetwas zu finden, was wertvoll war. Das zu sehen, bricht einem das Herz. Mitten in diesen Communitys, die um diese Müllhalden herum lagerten, gab es Schulen. Und die habe ich mit meiner damaligen Stiftung finanziell unterstützt. Ein Kind oder ein Jugendlicher mit einer Schulausbildung kann eine ganze Familie aus dem Elend holen.
Spielte Ihre Musik in dem Sterbehaus auch eine Rolle?
Ich hatte immer meine Gitarre dabei. Einmal sagte jemand zu mir: ‚Sing doch mal!‘ Die Männer dort waren nur noch Haut und Knochen und würden bald sterben. Als ich anfing zu singen, kam so etwas wie eine Welle von Lebenskraft in sie zurück. Es war ergreifend, zu sehen, wie sie sich zur Musik noch mal aufrichteten und ihre matten Augen ein kleines Leuchten bekamen. In dem Moment stockte mir der Atem. Ich dachte: Entweder du heulst jetzt oder du lachst, und dann habe ich mich fürs Lachen entschieden. Im Kalighat gab es noch eine Halle, wo nur Frauen lagen. Dort herrschte großes Geschrei, denn die Frauen wollten, dass ich auch für sie singe. Eine von ihnen hat dann völlig außer Takt geklatscht, das war so lustig, dass alle anderen anfingen zu lachen. Es ist verrückt, zu sehen, was Musik bewirken kann in einem Zustand zwischen Leben und Tod.
Mit „The Day My Daddy Died“ setzen Sie Ihrem 2002 verstorbenen Vater Dan Kelly ein musikalisches Denkmal. Wie hat er Sie auf das Leben vorbereitet?
Meine Eltern hatten den Traum, ein sehr alternatives Leben zu führen. Sie wollten als Familie mit Musik Menschen Freude und Ermutigung geben. Natürlich hat Idealismus einen Preis, und es ist für meine Eltern nicht immer einfach gewesen. Es war auch eine gewisse Armut und Bescheidenheit da, in einem Doppeldeckerbus zu leben und später auf einem Hausboot. Aber es gab einfach diese Freiheit. Ich bin nicht zur Schule gegangen, mein Vater hat das Homeschooling aus den USA nach Europa importiert, lange bevor es zum Beispiel in der Pandemie Normalität wurde. Immer wenn die Behörden fragten: ‚Was ist jetzt mit Schule?‘, sind meine Eltern mit uns einfach weitergezogen. Meine Eltern waren wie ein spannender Cocktail aus liberalen Ideen und konservativen Werten. Mein Vater ist immer wieder mit der ganzen Familie in Gefängnisse gegangen, um für Häftlinge zu singen. Das mache ich bis heute. Weil ich häufiger erlebt habe, dass sogar junge Männer, die jemanden ermordet haben, am Ende des Besuchs auf mich zukamen und fragten, was sie tun können, um ihr Leben wieder in Ordnung zu bringen.
Bei dem Song werden Sie von Ihren Geschwistern begleitet. Wie hat es sich angefühlt, wieder mit der Kelly Family zu singen?
Kurz vor der Abgabe des Album-Masters an die Plattenfirma kam die Idee auf: Hey, eigentlich müsste man jetzt die Geschwister fragen, ob sie in diesem Chorus mitsingen wollen. Ich habe sie alle angerufen, und dann wurde der Chorus in verschiedenen Tonstudios in Irland, in den USA, in Spanien und in Deutschland aufgenommen. Ich musste schon beim Einsingen meines Parts mehrmals abbrechen, weil mir das Lied so naheging. Als ich dann beim Abmischen auch die Stimmen meiner Geschwister gehört habe, ging das schon sehr tief. Ich weiß wirklich nicht, ob ich den Song live einfach so dahersingen kann.
In dem Song an den Vater singen Sie „You taught me how to fight“. Was meinen Sie damit?
Mit dem Kampf ist kein Streit gemeint, sondern der Wille, für etwas Sinnvolles und Gutes einzustehen. Es ist eine Herausforderung, Böses nicht auf gleiche Art zu vergelten, wenn man schlimme Dinge erfahren hat. Man schließt ja Frieden mit dem Feind und nicht mit dem Freund. Sich nicht in Hass und Bitterkeit, Wut und Gewalt auszudrücken, sondern den anderen Weg zu gehen, das ist der Fight for peace, den zum Beispiel Martin Luther King meinte, als er sagte: „Auge um Auge, und die ganze Welt wird blind.“
2024 wurden Sie vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zum Botschafter für Frieden und Gerechtigkeit (SDG #16) der Vereinten Nationen in Deutschland ernannt. In den USA sind Sie einmal verhaftet worden, als Sie für den Frieden demonstrierten. Wie kam es dazu?
2003 hat die Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire aus Belfast einen friedlichen Protest in New York organisiert, an dem ich teilgenommen habe. Mir war von vornherein klar, dass wir verhaftet werden würden. Das Schlimmste, was ich an Strafe bekommen konnte, war, meine US-Staatsbürgerschaft zu verlieren. Das habe ich aufs Spiel gesetzt, zwei Tage vor dem Angriffskrieg der USA gegen den Irak. Uns ging es darum, ein Zeichen zu setzen, weil George W. Bush ohne Zustimmung der Mehrheit des Weltsicherheitsrates der Vereinten Nationen handelte. Es war ein Bruch mit der UN-Charta. Wir haben diesen Krieg nicht verhindert, es war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber ein Fotograf aus Bagdad hat mir später erzählt, dass vor dem Hotel, in dem die ganzen Journalisten waren, Plakate aufgehängt wurden mit einem Foto von meiner Verhaftung. Da stand drauf: Wenn ihr so mit euren Celebritys umgeht, wollen wir eure Demokratie nicht haben.
Würden Sie solche Aktionen wie die von damals heute noch einmal machen?
Eher nicht. Heute setze ich den Fokus eher darauf, Momente zu erschaffen, die Menschen mit verschiedensten Ansichten zusammenführen, für ein positives Wir-Erlebnis. Die Peace Bell, eine tonnenschwere Glocke, die aus Kriegsschrott gegossen wurde, mit einem G3-Gewehr als Klöppel, läutet bei jedem meiner Konzerte eine Schweigeminute für den Frieden ein. Es ist immer ein Gänsehautmoment, wenn Tausende das Tanzen, Lachen und Feiern unterbrechen, kurz gemeinsam still sind und sich in den Armen liegen. Bei manchen fließen auch Tränen.
Und wie kam es zu der ungewöhnlichen Fusion zwischen Ihnen als Pop-Rock-Künstler und dem Opernsänger Jonas Kaufmann?
Ich wollte schon lange eine Friedenshymne schreiben, habe aber gemerkt, dass das nicht so einfach ist. Es sollte ja nicht kitschig oder seicht daherkommen. „Symphony of Peace“ war dann endlich die Komposition, die ich zu hundert Prozent spüren konnte und als authentisch empfand. Das Zusammenkommen von Klassik und Pop mit einem Rockgitarrensolo scheint auf den ersten Blick widersprüchlich zu sein, kann aber eine atemberaubende Harmonie erzeugen, wenn es wirklich eine Einheit bildet. Jonas Kaufmann liefert hier eine Weltklasse-Performance ab.