Professor André Hajek, Experte für Einsamkeit, spricht im Interview darüber, warum sich gerade einsame Menschen oft zurückziehen, und über den Einfluss der sozialen Medien und der Arbeitswelt.
Herr Hajek, wie kann man Einsamkeit definieren?
Es ist eine gefühlte Diskrepanz zwischen den tatsächlichen und den präferierten sozialen Beziehungen. Das kann qualitativ, aber auch quantitativ sein. Zum Beispiel, dass man einfach Freunde vermisst, die man gerne hätte. Es kann aber auch die Qualität der Beziehung betreffen, dass man einfach spürt, dass man gerne etwas tiefere Beziehungen hätte.
Was ist denn Einsamkeit im Unterschied zu Alleinsein?
Allein sein kann mit Einsamkeit zusammengehen, muss aber nicht. Eine hohe Präferenz für das Alleinsein ist nicht tragisch. Nur dann, wenn es nicht den Präferenzen entspricht. Dann wird es zum Problem.
Eine kurze Einsamkeitsphase kennt wahrscheinlich jeder. Aber wenn die Einsamkeit chronisch wird, wie kann das das Denken und Fühlen von Menschen verändern?
Es kann zu Stress im Körper führen, es kann zu Entzündungsreaktionen kommen. Und zu sozialem Rückzug. Auch das Sterblichkeitsrisiko erhöht sich.
Eigentlich paradox, dass einsame Menschen sich dann zurückziehen.
Genau. Das ist eigentlich genau das, was man vermeiden sollte. Aber chronische Einsamkeit kann zu kognitiven Verzerrungen führen, dass man beispielsweise skeptischer gegenüber anderen Menschen wird. Oder auch gegenüber staatlichen Institutionen. Einige könnten auch weniger prosozial agieren.
Offenbar betrifft Einsamkeit immer mehr junge Menschen. Warum ist das so?
Es gibt bei jüngeren Menschen Veränderungen, zum Beispiel, dass man von zu Hause auszieht, in den Beruf startet oder man verlässt die Schule und kommt in ganz neue Kreise. Das können Faktoren sein. Wobei diese Dinge es noch nicht ganz beantworten, warum es bei jungen Menschen zunimmt. Dann hatten wir natürlich die Pandemie, das ist sicherlich ein Faktor gewesen. Stellt man sich vor, man hat sein Studium komplett online gemacht. Das ist sicherlich nicht die Idealform. Zudem haben wir auch viele Krisen. Also gerade, wenn man an den Klimawandel denkt. Klimaangst hängt vor allen Dingen auch mit Einsamkeit im jüngeren Alter zusammen. Auch Kriegsangst, die seit 2022 ein großes Thema ist. Nach der Pandemie ist die Einsamkeit aber insgesamt wieder zurückgegangen, in allen Altersgruppen.
Inwiefern hängt Klimaangst mit Einsamkeit zusammen?
Es gibt viele Klimaemotionen, auch Klimawut. Das kann auch dazu führen, dass man sich zu bestimmten Gruppen nicht mehr zugehörig fühlt. Die vielleicht nicht die gleiche Überzeugung haben. Die sich gefühlt wenig darum kümmern, die immer noch viel fliegen, große Autos haben und so weiter.
Das ist dann wohl so ähnlich, wie wenn man als Veganer im Freundeskreis nur noch Fleischesser hat.
Ja, genau. Wobei gerade die vegetarische und vegane Ernährung bezüglich Einsamkeit noch wenig untersucht ist. Aber man hat vielleicht dann in bestimmten Gruppen einen starken Zusammenhalt, aber in anderen Teilen der Gesellschaft wird man teilweise eher kritisch gesehen.
Kann man sagen, dass Einsamkeit in den letzten Jahren mehr geworden ist, oder ist das Thema einfach mehr in den Fokus gerückt?
Vor der Pandemie hatte man noch sehr wenige Studien zum Thema Einsamkeit und Isolation. Mit der Pandemie ist die Einsamkeit stark gestiegen und es gibt nun auch mehr Studien. Vielfach ist es auf einem doch etwas höheren Niveau wieder zurückgegangen, und trotzdem, glaube ich, haben wir jetzt die verstärkte Betrachtung von Einsamkeit sowohl in der Gesellschaft als auch in der Forschung.
Wie wird Einsamkeit wissenschaftlich überhaupt untersucht?
Man nutzt teilweise Single-Items mit Fragen, zum Beispiel, ob man sich entsprechend einsam fühlt. Genauer wird es dann, wenn man beispielsweise sechs bis zehn Items nimmt, wo dann zum Beispiel Aussagen dazu getroffen werden, wie: Ich vermisse eine wirklich enge Beziehung, mir fehlt eine richtig gute Freundin beziehungsweise ein richtig guter Freund.
Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?
Zunächst kann man sagen, dass es in Studien häufig keine Stadt-Land-Unterschiede gibt beziehungsweise diese nur gering ausfallen. In den Städten hat man häufig mehr soziale und kulturelle Angebote, in den kleineren Städten hingegen hat man beispielsweise eher die freiwillige Feuerwehr, kleinere Vereine, die vielleicht auch einen starken Zusammenhalt haben.
Welche Faktoren begünstigen denn sonst noch die Einsamkeit?
Bei Menschen im jüngeren Alter, so zwischen 18 und 29, sind die sozialen Medien ein großes Problem. Gerade diese ganzen idealisierten Porträts. Man vergleicht sich viel mit Leuten, die sich sehr idealisiert darstellen. Man sieht, die haben so viel, die haben so viel Kontakt und dann kommt man häufig in einen negativen Vergleich. Insbesondere bei jüngeren Männern kann auch Computerspielsucht ein großes Problem sein. Im mittleren Alter, so ab 30 bis 35, kommen sicher auch noch andere Faktoren ins Spiel. Zum Beispiel Freizeitmangel, weil man Kinder hat oder Eltern, um die man sich kümmern muss. Man hat in vielen Studien auch gesehen, dass private Pflege stark mit Einsamkeit und Isolation zusammenhängt. Auch Alleinerziehende haben ein höheres Risiko für Einsamkeit. Und gerade im höheren Alter ist die Gesundheit ein ganz zentraler Faktor. Denkt man an die Funktionalität, gerade bei alten Menschen: Das Treppensteigen fällt schwerer, das Telefon zu bedienen, finanzielle Angelegenheiten zu regeln und so weiter. Da zieht man sich häufiger eher zurück. Das kann dann eher zur Einsamkeit führen. Auch Probleme mit Hören und Sehen können zur Einsamkeit führen. Oder der Partner oder die Partnerin stirbt, das ist ein ganz zentraler Treiber von Einsamkeit, beziehungsweise auch, wenn Freunde oder Freundinnen sterben.
Gibt es bestimmte Persönlichkeiten, die mehr zur Einsamkeit neigen?
Neurotizismus (unter anderem allgemeine emotionale Instabilität, Stressanfälligkeit und Anfälligkeit für negative Gefühle, Anm. d. Red.) hängt stärker mit Einsamkeit zusammen. Auch Menschen, die stärker introvertiert sind, haben gewisse Tendenzen, etwas stärker einsam zu sein. Auch weniger gewissenhafte Personen neigen mehr zur Einsamkeit. Etwas ähnliches hatte ich selbst mal untersucht und festgestellt, dass Personen, die stärker prokrastinieren, tatsächlich auch einsamer sind. Das kann man darüber erklären, dass sie vielleicht dann auch die Kontakte etwas prokrastinieren und schleifen lassen und dadurch die Beziehungsqualität leiden kann.
Welche Zusammenhänge zwischen Einsamkeit und dem Wandel in der Arbeitswelt gibt es?
Es gibt seit ein paar Jahren den Forschungsbereich der arbeitsplatzbezogenen Einsamkeit. Ich habe dazu auch selbst gerade etwas publiziert. Man sieht, dass, je nach Land, um die 12 bis 15 Prozent der Befragten angeben, dass sie arbeitsplatzbezogen einsam sind. Es hing auch mit pandemiebedingten veränderten Arbeitsbedingungen zusammen, weil inzwischen viele zu Hause arbeiten und dann nicht mehr den täglichen Kontakt zu den Kollegen haben.
Macht die Arbeitswelt auch was mit den Menschen, dass sie nach Feierabend mehr in den Rückzug gehen?
Unvorteilhafte Arbeitsbedingungen, denkt man zum Beispiel an Zeitverträge oder generell prekäre Arbeitsverhältnisse, erzeugen Stress und können allgemein mit Einsamkeit zusammenhängen. Es gibt dazu aber noch nicht so viele Studien. Es gibt aber noch den Punkt: Menschen, die arbeitslos sind, sind häufig einsamer und isolierter. Viele andere gehen zur Arbeit, man selbst ist gerade arbeitslos, dann ist man natürlich aus einem zentralen Bestandteil des Lebens ausgeschlossen.
Was müsste sich denn gesellschaftlich oder politisch ändern?
Ich finde es immer gut, wenn Individuen dazu angeregt werden, selbst Dinge zu ändern. Trotzdem können natürlich die Politik und die Gesellschaft Rahmenbedingungen ändern, damit wir einfach besser in den Kontakt kommen. Man kann entsprechende Aufklärungskampagnen durchführen, um der Stigmatisierung von Einsamkeit entgegenzuwirken. Man kann auch an Grünflächen und Parkanlagen denken. Als wir privat vor ein paar Jahren in Südkorea waren, ist uns aufgefallen, dass in den Parks wirklich viel los ist, dass auch ältere Menschen, die dort Sport treiben, sich treffen und unterhalten. In Deutschland habe ich eher das Gefühl, dass es nicht unbedingt immer so sehr genutzt wird und sich vielleicht auch viele gar nicht so in die Parkanlagen trauen. Da spielt sicherlich auch die – gefühlte – Kriminalität eine Rolle. Kulturelle Angebote können helfen, und Möglichkeiten schaffen, sich auszutauschen. Soziale Teilhabe sollte auch finanziell erschwinglich bleiben, zum Beispiel Theater- oder Kinobesuche. Auch Möglichkeiten für körperliche Aktivitäten schaffen, da können zum Beispiel Radwege helfen. Unterstützung bei der Pflege kann helfen, dass Menschen, die Angehörige pflegen, entlastet werden.
Auch Tiere, insbesondere Hunde, kann man erwähnen. Es ist mittlerweile belegt, dass Hunde helfen können. Natürlich muss man eine Präferenz dafür haben. So kommt man raus und kommt mit anderen ins Gespräch. Bei älteren Menschen kann Enkelkinderbetreuung eine schöne Beschäftigung sein. Auch die sozialen Medien können im höheren Alter ein Freund sein. Darüber kann man zum Beispiel mit ehemaligen Schul- oder Studienfreunden noch mal in Kontakt treten, auch wenn die viele Hundert Kilometer entfernt leben.