Saskia M. Fischer, Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkt Entwicklungspsychologie, spricht im Interview über die Folgen von Mobbing bei Kindern und Jugendlichen und darüber, was Eltern tun können.
Frau Fischer, warum mobben Menschen andere Menschen?
Die Mobbingforschung hat sich lange mit der Frage beschäftigt, warum bestimmte Menschen gemobbt werden. Da gibt es bestimmte Risikofaktoren, wir wissen aber auch etwas über die Risikofaktoren von denjenigen, die Mobbing ausüben. Wir kommen seit einigen Jahren davon weg, das als individuelles Problem zu sehen, sondern sehen es eher als komplexeres soziales System. Das bedeutet, wenn wir über Mobbing bei Kindern und Jugendlichen sprechen, gehen wir heute vor allem davon aus, dass es etwas ist, was sich zwischen mindestens zwei Personen zeigt. Was aber durchaus im kompletten sozialen Kontext entsteht. Anders ausgedrückt: Wenn wir von Kindern und Jugendlichen sprechen, hat Mobbing häufig damit zu tun, dass wir von Kindern sprechen, die Konfliktlösungen ausprobieren. Die versuchen, aus Situationen rauszukommen, die für sie schwierig sind, und das natürlich nicht mit erwachsenen gewünschten Konfliktlösungsmustern machen. Wenn das dann in einem Umfeld passiert, wo es soziale Bestätigung von anderen gibt, und es keine Erwachsenen gibt, die sagen, so gehen wir hier nicht miteinander um, dann verfestigt und etabliert sich das. Warum einzelne Personen das ausüben, da gibt es verschiedene Antworten. Es gibt die, die das nicht besser können, und dann gibt es die, die ihre Empathie nicht so weit ausgeprägt haben, die nicht sehen, was sie damit anrichten. Dann gibt es die, die durchaus einen hohen sozialen Status haben und ihn einfach ausspielen. Es sind aber nicht immer die sozial machtvollen Personen. Es können auch Personen sein, die selbst in der Hackordnung tief unten stehen und versuchen, ihren eigenen bedrohten sozialen Status zu sichern. Mobbing ist immer etwas, wo nach unten getreten wird.
Man hat das Gefühl, Mobbing hat zugenommen. Stimmt das?
Das ist ein typischer subjektiver Eindruck, den wir in unseren Daten aber nicht bestätigen konnten. Die letzten Daten einer deutschlandweiten Studie, an der ich beteiligt bin und auf die ich mich beziehe, sind aus dem Jahr 2022, eine aktuelle Erhebung im Rahmen der Studie wird dieses Jahr durchgeführt. Da schauen wir uns an, wie sich Mobbing entwickelt hat. Nach den aktuellen Zahlen können wir sagen, dass Mobbing abgenommen hat. Im Moment gehen wir davon aus, dass es zu einer Stagnation kommt. Es könnte sein, dass wir eine Zunahme des Cybermobbings sehen, das können wir aber noch nicht genau sagen, weil wir Cybermobbing erst seit 2018 erheben. Da die Studie alle vier Jahre durchgeführt wird, haben wir im Moment dazu nur zwei Messzeitpunkte. Das reicht nicht aus, um Aussagen zu Entwicklungen zu treffen.
Wir sehen aber eine höhere Sensibilität, kombiniert mit mehr Maßnahmen. Das ist vermutlich mitverantwortlich für den Rückgang des Mobbings. Wir haben aber auch einen Berichtseffekt. Wir sehen einen größeren Rückgang bei denjenigen, die sagen, ich habe andere gemobbt, als bei denjenigen, die sagen, ich wurde gemobbt. Es zeigen auch andere Studien, dass wir keine Explosion des Problems haben. Das heißt aber nicht, dass wir nicht ein Problem haben. Die erste Studie, an der ich beteiligt war, wo wir uns Mobbing an Schulen angeschaut haben, war 2013. Das ist noch nicht so ewig her. Aber natürlich ist viel passiert seitdem. Wenn wir früher Schulen kontaktiert haben, haben wir häufig so etwas gehört wie „Mobbing gibt es bei uns nicht“. Das haben wir heute seltener. Wir haben ein anderes Bewusstsein. Und während wir damals den Schülerinnen und Schülern Mobbing erst mal erklären mussten, ist es heute so, dass es ein totaler Alltagsbegriff ist. Was aber auch dazu führt, dass es eine Verwässerung des Phänomens gibt.
Es wird vieles als Mobbing bezeichnet, was es gar nicht ist …
Genau. Schülerinnen und Schüler neigen sehr dazu, sehr schnell zu sagen „Der mobbt mich“ oder „Ich werde gemobbt“. Das ist auch das, was die Lehrkräfte uns zurückmelden.
Was ist denn die genaue Definition von Mobbing?
Aus wissenschaftlicher Sicht definieren wir Mobbing als ein Gewaltphänomen. Eine Art der Gewaltausübung, die spezifisch ist. Das heißt, es ist eine Form der Gewalt mit Machtungleichgewicht, die über einen längeren Zeitraum ausgeübt wird. Dieses Machtungleichgewicht führt auch dazu, dass man sich in der Regel als Betroffener nicht alleine aus der Situation rauslösen kann. Man braucht mindestens eine weitere Person, die einem hilft, das zu beenden.
Mobbing wird es dann, wenn zu einem Schüler zum Beispiel immer wieder gesagt wird: „Wie siehst du denn aus, was hast du wieder an.“ Und wenn vielleicht auch andere mitmachen. Und wenn derjenige keine Freunde um sich herum hat, die dem Mobber mal sagen, lass den mal in Ruhe. Wenn das nicht passiert, dann haben wir dieses Machtungleichgewicht.
Ist Mobbing in seinen Ausmaßen schlimmer geworden?
Ich kann es nicht an Daten festmachen, weil es schwer ist, das zu untersuchen. Von den Beobachtungen würde ich sagen, nein. Die Mobbingforschung begann in Skandinavien in den 1970er-Jahren, ist also ein relativ junges Forschungsfeld. Der Auslöser der Mobbingforschung waren Suizide von Betroffenen. Das heißt, diese schlimmen Konsequenzen sind nicht neu. Was vielleicht anders ist, ist der Berichterstattungseffekt. Wir wissen aber, dass Mobbing, dass die Erfahrung, gemobbt zu werden, zu den größten Risikofaktoren für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gehört. Es gibt sogar Studien, die sagen, es ist DER größte Risikofaktor. Es ist nicht trivial. Wir haben Studien, die nahelegen, dass die Konsequenzen von Mobbingerfahrungen bis ins Erwachsenenalter reichen können. Es gibt eine höhere Anfälligkeit für psychische Erkrankungen, ökonomische Benachteiligungen, ein höheres Risiko, die Schule früher zu verlassen und einen schlechteren Schulabschluss zu erlangen. Es ist natürlich immer eine Frage der Resilienz, wie geht die einzelne Person damit um. Wenn wir in die Biografien schauen, dann finden wir häufig Geschichten von Menschen, die gemobbt wurden und bis heute darunter leiden. Und das ist kein neues Phänomen.
Welche Gesundheitsgefahren gibt es für Kinder und Jugendliche, die gemobbt werden?
Die möglichen negativen Konsequenzen sind vielfältig. Es macht was mit der Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung, wenn ich die Rückmeldung bekomme, so wie ich bin, bin ich nicht gut. Es macht was mit den sozialen Beziehungen. Das hat natürlich Konsequenzen für den späteren Beziehungsaufbau. Es kann zu Depressionen, Angststörungen, Aggression führen. Die Folgen können alle Bereiche des Lebens betreffen.
Gibt es das typische Mobbingopfer?
Es gibt bestimmte Vulnerabilitäten. Wir gehen mittlerweile von den individuellen Risikofaktoren etwas weg. Weil die nicht ausreichen, um die Mobbing-Dynamik verstehen zu können. Aber was jemanden in ein Risiko bringt, ist, nicht stark sozial eingebunden zu sein. Alles, was einen irgendwie anders macht. Und dann kommt es auf die Gruppe an, denn wir alle haben ja Aspekte, die uns anders machen. Alles, was dazu führt, dass man schwerer Freunde findet. Aber nur, wenn das auf ein schlecht moderiertes soziales Umfeld trifft. Dann entsteht eine komplexe Mobbing-Dynamik.
Was heißt, ein schlecht moderiertes Umfeld?
Wenn wir an eine Schulklasse denken, oder andere Kontexte, dass da niemand ist, der sich ausreichend verantwortlich fühlt für das soziale Gefüge. Lehrkräfte können da eine wichtige Rolle spielen.
Ist Mobbing auch ein Spiegel der Gesellschaft? In der Gesellschaft herrscht etwa mehr Druck …
Das ist naheliegend, das anzunehmen. Weil wir uns ja immer im sozialen Kontext bewegen und der immer was macht mit dem Einzelnen und den einzelnen Handlungen. Wir können das ableiten aus Beschreibungen von Lehrkräften und von Schülerinnen und Schülern. Insgesamt ist der Ton rauer geworden zwischen den Schülerinnen und Schülern. Das muss nicht zwingend bedeuten, dass Mobbing stärker geworden ist. Aber insgesamt arbeiten viele Lehrkräfte hart daran, ein respektvolles Miteinander zu schaffen. Das ist tatsächlich schwieriger, weil wir eine andere soziale Akzeptanz haben für Arten, miteinander zu sprechen, wie wir es vor einigen Jahren noch nicht hatten.
Und natürlich spielt auch das familiäre Umfeld eine Rolle. Wenn dort die Einstellung herrscht, es ist okay, schlecht über andere Menschen zu reden und degradierend mit anderen umzugehen, hat das Auswirkungen auf die Kinder.
Jedes Kind hat mal die Phase, sich über andere lustig zu machen und zu schauen, ob es damit soziale Aufmerksamkeit bekommt. Vollkommen normales Verhalten. Am Ende ist es nicht unbedingt die Schuld des Kindes, wenn es diese Aufmerksamkeit bekommt. Und nicht die Erfahrung macht, dass die Erwachsenen es nicht gut finden, wenn es so über andere redet.
Wie können Eltern ihr Kind schützen, das zum Beispiel sensibel und anders ist, damit es gestärkt in die Schule reingeht?
Je mehr Selbstbewusstsein das Kind mitbekommt, desto besser. Das heißt aber nicht, dass das übertrieben werden soll, im Sinne von „Ich bin der Beste“. Eine gewisse Stärkung ergibt Sinn. Gemobbt zu werden ist immer schambesetzt. Egal wie gut die Beziehung zu meinem Kind ist, wir können uns nicht darauf verlassen, dass das Kind sofort sagt, wenn es gemobbt wird. Trotzdem muss man sagen, je besser die Beziehung, je größer das Interesse an dem, was das Kind macht, je besser die Beobachtung des Kindes, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Eltern das früh mitbekommen. Und je früher, desto besser kann man handeln. Das Handeln muss an der Schule stattfinden. Die meisten Schulen sind da auch gut drin, sind aber auch darauf angewiesen, dass die Eltern auf sie zukommen und ihnen sagen, wenn ihnen was aufgefallen ist. Was uns nicht weiterbringt, sind Schuldzuweisungen an die Schule. Erst mal rausfinden, was los ist.
Der umgekehrte Fall, die Schule ruft an und sagt den Eltern, dass ihr Kind andere mobbt. Was tun?
Erst mal glauben, dass das passieren könnte. Man kann es sich schwer vorstellen, dass das eigene Kind so etwas tut. Und dieses Kind ist jetzt kein schlechter Mensch. Wir müssen es im entwicklungspsychologischen Kontext sehen. Es ist ein Versuch des Kindes, der schiefgegangen ist. Das nimmt vielleicht schon mal Druck raus. Natürlich mit den Lehrern sprechen und denen das auch glauben. Denn die werden sich nicht melden, wenn sie sich nicht sicher sind. Und dann natürlich mit dem Kind ins Gespräch gehen. Keine Strafen androhen, lieber mit dem Kind reden und klarmachen, dass das nicht in Ordnung ist. Die Empathie stärken.