Die neu initiierte Reihe „Kunst Am Anger“ von Victor’s Servicewohnen in Dudweiler erlebt ihre Fortsetzung mit einer Ausstellung von Karin Borscheid.
Frau Borscheid, Sie sind die zweite Künstlerin – nach Ingrid Gaber (siehe www.magazin-forum.de) –, die in diesen Räumen ausstellt. Sie haben Vernissage gefeiert und waren am „Tag der Bildenden Kunst“ präsent. Wie sind Ihre Eindrücke und Erfahrungen?
Für mich war es eine tolle Erfahrung, dass Herr Tittelbach (Leiter von Victor’s Servicewohnen Am Anger, Anm. d. Red.) bei meiner vorherigen Ausstellung in der Mainzer Straße auf mich zugekommen ist, um mich zur Reihe „Kunst Am Anger“ einzuladen. Er hat mir vertraut, diese große Location bespielen zu können. Man hat mich offen und herzlich empfangen und betreut, auch was die Räumlichkeiten, die Organisation, die Pressearbeit und die Einladungen anbelangt – das waren für mich sehr schöne Erfahrungen. Die Bewohner der Häuser von Victor’s Servicewohnen habe ich als an meiner Kunst sehr interessiert erlebt.
Sie haben sich mit „Process Painting of Intuitive Power“, das die Malerin Gabriele Musebrink kreiert hat, beschäftigt. War das für Sie als Künstlerin wegbereitend?
Ja, ich bin vor 15 Jahren bei Gabriele Musebrink mit dieser Art der Malerei in Kontakt gekommen. Es geht dabei um Techniken und Fachwissen: Wir stellen unsere Bindemittel und Farben selbst her, wir arbeiten vorrangig mit Sumpfkalk, einem historischen Baustoff. Es geht auch um Haltung: Ich habe von Anfang an gelernt, in liebevollem Kontakt mit der Arbeit zu sein, und das, was auf der Arbeit passiert, anzunehmen und darauf zu reagieren – im Dialog mit der Arbeit zu sein. Ich habe gelernt, mit Inkohärenzen umzugehen, mit Widrigkeiten, die im Schaffensprozess passieren. Wenn etwas rausbricht, runterfällt oder kaputtgeht, dann sind das nachher genau die Geschenke, die die Arbeit ausmachen. Ich finde diesen Transfer sehr wichtig, weil so meiner Meinung nach auch das Leben funktioniert. Was passiert, hat immer irgendetwas mit mir zu tun. Etwas, was mich in meinem Inneren beschäftigt, oder Beobachtungen, die ich im Außen wahrgenommen habe, finden Raum in der Arbeit. Der Dialog, der entsteht, das ist das Besondere – die intuitive Power, ja!
Wer Ihre Werke betrachtet, erkennt: Sie haben eine eigene künstlerische Handschrift entwickelt. Können Sie die beschreiben?
Ich würde auf jeden Fall das Attribut kraftvoll benutzen. Aber trotzdem auch gerne mal filigran.
Ja, ich sehe Meditatives wie Explosives. Wenn Sie mit einer Arbeit beginnen: Wissen Sie, wohin die Reise geht?
Tatsächlich habe ich oft eine Idee im Kopf, aber dann gehe ich in die Meditation. Ich bin dann auch im Prozess des Malens in einem meditativen Zustand und dann passieren Sachen, die nichts mit meiner Anfangsidee zu tun hatten. Ich nehme die Beize, jetzt ruft es nach dem Pigment, jetzt schütte ich, jetzt puste ich das Pigment, jetzt mache ich diese Sicherung, jetzt schütte ich alles wieder runter – das sind Vorgänge, die ich vorher nicht planen kann, die passieren genau dann.
Sie verwenden ungewöhnliche Materialien, sogar Kaffeesatz. Die pure Lust am Experiment?
Ja, ich bin sehr experimentierfreudig, das sieht man insbesondere an meinen Pergamentarbeiten. Ich benutze Sumpfkalk, angerührt mit Marmormehl, eine Mischung, wie sie früher in der Freskomalerei verwendet wurde. Pergamentpapier mag nicht nass werden, das wellt sich, und der Sumpfkalk, der möchte einen nassen Untergrund haben, um langsam zu trocknen. Es ist ein Widerspruch und eine Herausforderung, diese beiden Materialien zusammenzubringen, um daraus etwas zu erschaffen.
Und der Kaffeesatz?
Den habe ich nach dem Sonntagsgeschäft im Saarbrücker Café „Thonet“ eingesammelt. Ich bin ein absoluter Freund von Nachhaltigkeit. Ich nutze die Kombination von Kaffeesatz und Warmleim, das habe ich während meines Studiums gelernt.
Ihr Arbeitsort befindet sich in der Kultgießerei in Dudweiler. Vor einem Jahr haben Sie entschieden, sich gänzlich auf die Kunst zu konzentrieren und ein Leben als freischaffende Künstlerin zu wagen. Was gab den Ausschlag für den Schritt?
Ich bin Diplom-Kauffrau und habe im steuerlichen Bereich selbstständig gearbeitet. Ich bin zweigleisig gefahren mit Kunst und mit meinem Beruf. Meine künstlerische Entwicklung hat immer mehr Raum eingenommen. In der Corona-Zeit war ich gesundheitlich angeschlagen und beruflich ausgefallen. Ich hatte Zeit, nachzudenken: Ich entschied mich, den Grund- und Aufbaustudiengang „Process Painting of Intiutive Power“ an der Akademie der Bildenden Künste in Kolbermoor bei München zu belegen. Bei Ausstellungen bekam ich viele Anfragen, ob ich Workshops anbiete. Für mich kam die Frage auf: Wie gehe ich mit Leuten um, wenn sie sich auf solche Prozesse einlassen? Man malt ja nicht nur, es werden ja auch innere Prozesse bei den Menschen angestoßen. Also habe ich eine Ausbildung zum zertifizierten Potenzialentfaltungscoach bei Professor Dr. Gerald Hüther absolviert. Über diese Ausbildung ist mir bewusst geworden: Ich kann meinen alten Beruf nicht mehr weitermachen.
Sie zeigen mehr als 40 Werke, darunter viele Großformate, die mit vierstelligen Verkaufssummen ausgeschrieben sind. Ansprechende kleinformatige Werke sind bereits von 60 bis 135 Euro zu erwerben. Welche Überlegung steckt dahinter?
Generell habe ich feste Preisvorgaben, die ermitteln sich aus Höhe mal Breite mal Faktor. Der Faktor ergibt sich aufgrund meiner Ausbildung und der verwendeten Materialien. Ich benutze nur hochwertige Pigmente, die ich selbst anrühre – acrylfrei, ohne Plastik und nachhaltig. Die kleinen Arbeiten, die ich sehr preisgünstig anbiete, habe ich bewusst so gewählt. Zum einen, weil ich keine Farben wegwerfe, die ich für die großen Arbeiten angerührt habe, zum anderen, meiner Haltung entsprechend, dass sich Kunst auch jeder leisten kann. Die Rahmen sind im Preis auch noch mit enthalten, auch ein Student kann sich meine Kunst in diesem Format leisten.
Stimmt es, dass man Werke mieten kann?
Ja, ich denke, es ist manchmal für Leute leichter, zu sagen: „Ich hänge mir eine Arbeit ein halbes Jahr auf, dann kann man immer noch entscheiden, ob man sie kaufen oder tauschen möchte.“ Wir verändern uns, und die Kunst muss immer passend sein – das ist die Idee. Man denkt: „Okay, ich häng mir das jetzt mal hin und guck mal, was mit mir passiert.“ Das Mieten von Kunst kann eine spannende Sache für Unternehmen, aber auch für Privatleute sein.
Ein Künstler muss seine Werke loslassen können. Fällt Ihnen das leicht oder eher schwer?
Ich denke, ich bin in dem Moment, als ich mich entschieden habe, professionell in der Kunst zu arbeiten, auch den Weg gegangen, dass ich mich von den Bildern trennen muss. Dieser Prozess, dieses Loslassen-Können fällt mir nicht ganz leicht. Es fällt mir aber leichter, seitdem mir bewusst geworden ist, dass meine Arbeiten auch einen Auftrag mitbekommen. Es sind Transformationsarbeiten, und die arbeiten auch mit dem Käufer. Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass die Menschen, die meine Kunst kaufen, in Resonanz mit diesen Themen gehen und irgendwas mit ihnen machen. In dem Moment entsteht ein Auftrag in der Berechtigung für die Bilder, und damit fällt es mir auch leicht, die Bilder gut loszulassen.
Welches Ihrer Werke ist für Sie,
aus einem Grund, den Sie nennen können, besonders?
Ich liebe alle meine Arbeiten, aber diese, die ich an der Stelle nennen möchte, ist eine besondere: „Despierta“ ist Spanisch und bedeutet: Wacht auf! Ich verwende die Materialien Bitumen für die Unterschicht und zusätzlich Marmormehl, Sumpfkalk, Sand und Asche. Durch den Bitumen hat der Sumpfkalk sich nach außen gewölbt, eine Eierschalenoptik produziert. Auch Drachenblutharz ist aufgetragen. Es kommen immer wieder bei mir Themen auf, die etwas mit Drachenenergie zu tun haben. Es sind ganz dünne Weißschüttungen drauf, die den Nebeleffekt ergeben, der zu dem oberen Bereich den besonderen Übergang erschafft. Es geht um Bewusstwerdungsprozesse. Etwas möchte aus dieser Asche entstehen, etwas Neues. Für mich eine sehr wichtige Arbeit: Ja, wacht auf!