Die EU will mit ihrer neuen KI-Strategie und digitalen Großprojekten ihre Abhängigkeit von den USA und China überwinden. Ein „dritter Weg“ soll KI transparent, sicher und wirtschaftlich gestalten.
Europa will die Kontrolle über die Künstliche Intelligenz zurückgewinnen – oder sie zumindest nicht vollends verlieren. Mit dem Bau von sechs neuen sogenannten KI-Fabriken in Tschechien, Litauen, Polen, Rumänien, Spanien und den Niederlanden startet die EU-Kommission den nächsten Versuch, im globalen Wettlauf mit den USA und China aufzuschließen. Mehr als 500 Millionen Euro investieren die Mitgliedstaaten gemeinsam mit Brüssel, um den Zugang zu KI-optimierten Supercomputern zu öffnen – vor allem für Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen. Was nach technokratischem EU-Jargon klingt, ist Teil eines weit größeren politischen Projekts: der neuen europäischen KI-Strategie. Im Oktober 2025 hat die Union mit der Annahme des Aktionsplans für den KI-Kontinent die Richtung vorgegeben. Europa soll zum weltweiten Innovationsführer werden und das mit einem Modell, das technologische Innovation und demokratische Werte miteinander verbinden soll.
Denn Europas KI-Politik will Forschung, Industrie und öffentliche Verwaltung digitalisieren, ohne Grundrechte preiszugeben. Die Union formuliert damit einen klaren Gegenentwurf zu den unregulierten Märkten der USA und der staatszentrierten Kontrolle Chinas. Künstliche Intelligenz soll nicht nur die europäische Produktivität steigern, sondern gesellschaftlichen Nutzen entfalten – von der Medizin über den Verkehr bis hin zur öffentlichen Verwaltung.
Programme wie „Apply AI“ und „GenAI4EU“ sollen KI-Anwendungen in Schlüsselbranchen verbreiten. Ergänzend sollen Initiativen wie Invest AI, KI-Fabriken und künftige Gigafactories Start-ups und Forschungseinrichtungen den Zugang zu Rechenleistung und hochwertigen Daten erleichtern. Über eine neue KI-Allianz will die Kommission zudem einen Austausch zwischen Forschung, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft institutionalisieren – eine Art „soziales Rückgrat“ der europäischen KI-Politik. Die Programme „Horizont Europa“ und „Digitales Europa“ investieren gemeinsam rund eine Milliarde Euro jährlich in KI-Forschung. Hinzu kommen nationale Beiträge und privates Kapital, was langfristig auf bis zu 20 Milliarden Euro pro Jahr steigen soll. Das Ziel: ein europäisches Ökosystem, das Innovation ermöglicht, ohne ethische Prinzipien zu opfern.
Flankiert werden die Investitionen von neuen Regularien. Mit dem Datengesetz und dem Daten-Governance-Gesetz will die EU die rechtlichen Voraussetzungen für den Zugang zu vertrauenswürdigen und hochwertigen Daten schaffen. Kern des rechtlichen Rahmens bleibt der AI Act – das weltweit erste umfassende Gesetz zur Regulierung Künstlicher Intelligenz. Er legt risikobasierte, produktsicherheitsorientierte Vorgaben fest, die Menschenrechte und Grundrechte schützen sollen. Ergänzend arbeitet die Kommission an zivilrechtlichen Haftungsregeln und Transparenzpflichten für sogenannte General-Purpose AI. Ein neu geschaffenes europäisches KI-Büro soll künftig die Einhaltung dieser Regeln in allen Mitgliedsstaaten überwachen. Einerseits soll so Vertrauen geschaffen werden, andererseits will man verhindern, dass der Kontinent durch Überregulierung seine Innovationskraft verliert. Kritiker aus der Tech-Branche warnen bereits, der AI Act könne die Dynamik bremsen, bevor sie entsteht.
„Paradigmen-Wechsel“ für viele Branchen
Mit der „AI First“-Strategie geht Brüssel nun einen Schritt weiter: Unternehmen sollen künftig bei der Lösung von Problemen prüfen, ob KI einen Beitrag leisten kann, diese schnell, effizient und kostengünstig zu lösen. Ursula von der Leyen spricht von einem „Paradigmenwechsel für alle Schlüsselbranchen“ – von Robotik über Energie bis hin zur Automobilindustrie. Besonders groß sind die Erwartungen im Gesundheitswesen: durch automatisierte Diagnosen, präzisere Therapien, effizientere Verwaltung. KI soll helfen, den Personalmangel in Kliniken abzufedern und Bürokratie abzubauen. Auch in den Bereichen Mobilität, Fertigung, Klima und Energie will die EU ihre Anstrengungen bündeln. Der von der Kommission beauftragte Bericht des früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi diente dabei als Orientierung: Europa müsse „radikal innovativer“ werden, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, hieß es darin. Die KI-Strategie ist die erste konkrete Umsetzung dieser Empfehlung.
Mit den erwähnten KI-Fabriken entsteht nun nach den Vorstellungen der EU eine Art industrielle Infrastruktur für das KI-Zeitalter – Hochleistungsrechenzentren, die europaweit zugänglich sein sollen. Deutschland ging mit dem Projekt „HammerHAI“, einem Höchstleistungsrechenzentrum in Stuttgart, bereits voran. Die neuen Standorte in Osteuropa und Südeuropa sollen regionale Lücken schließen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit fördern. Für die noch größeren Gigafactories steht eine Entscheidung allerdings aus.
Doch selbst mit diesen Projekten bleibt die Dimension begrenzt: Eine Milliarde Euro aus EU-Programmen ist beachtlich – aber sie verblasst neben den Milliardeninvestitionen amerikanischer Tech-Konzerne. Microsoft, Google oder Amazon investieren allein in ihre Cloud- und KI-Infrastruktur ein Vielfaches dessen, was Brüssel als gesamteuropäische Offensive aufbietet. Offenbar will die EU einen „dritten Weg“ im Umgang mit KI definieren: Zwischen US-amerikanischem Marktliberalismus und chinesischem Technonationalismus will sie technologische Souveränität voranbringen, aber keine Abschottung; Regulierung, aber keine Lähmung. Dieser Anspruch ist hoch – und bislang kaum eingelöst. Mit der neuen KI-Strategie deutet sich jedoch ein Kurswechsel an: Weniger Reaktion, mehr Gestaltung könnte die Devise lauten. Wenn die Kommission die Verbindung von Rechtsrahmen, Investitionen und industrieller Infrastruktur durchhält, könnte Europa tatsächlich zu einem Ort werden, an dem KI „im europäischen Sinn“ entsteht: indem diese transparent, fair, sicher und zugleich wirtschaftlich tragfähig ist.
Die neue europäische KI-Strategie ist mehr als ein technisches Programm. Sie ist auch ein politisches Bekenntnis, dass Technologie im Dienste des Menschen stehen soll. Ob das genügt, um den Rückstand aufzuholen, bleibt offen. Doch zumindest hat Europa wieder begonnen, nicht nur über Regeln zu reden, sondern auch über Rechenleistung.