Beth Dutton und Rip Wheeler reiten wieder. Nach dem Ende der Kultserie „Yellowstone“ wagen die beiden in Texas einen Neuanfang. „Dutton Ranch“ ist viel mehr als nur ein Spin-Off, meint Protagonistin Kelly Reilly.
Die „Yellowstone“-Saga (2018 bis 2024) ging nach der fünften Staffel abrupt zu Ende. Der Grund für das überraschende Aus war der Streit zwischen dem Showrunner Taylor Sheridan und seinem Hauptdarsteller Kevin Costner. Costner, der als John Dutton seine Yellowstone-Ranch in Montana viele Jahre vor diversen feindlichen Übernahmen erfolgreich verteidigt hatte, wollte lieber seinen eigenen Western „Horizon“ drehen, statt sich nach Sheridans Drehplan für eine avisierte sechste „Yellowstone“-Staffel zu richten. Nach dem gewaltsamen Tod von John Dutton (der ohne Costner inszeniert wurde) gingen die Ranch und das Land wieder an die Ureinwohner zurück. Doch die Geschichte der Familie Dutton war damit noch nicht auserzählt. Zurück blieben nämlich Beth Dutton (Kelly Reilly), Johns attraktive und absolut furchtlose Tochter, sowie ihr wortkarger Ehemann Rip Wheeler (Cole Hauser), ein Bär von einem Mann, der gerne seinen Zahnstocher im Mundwinkel zerkaut.
„Dutton Ranch“ knüpft dort an, wo „Yellowstone“ aufhörte: Beth und Rip haben sich inzwischen auf das Stück Land zurückgezogen, das ihnen noch geblieben ist. Durch einen verheerenden Schicksalsschlag müssen sie, zusammen mit ihrem Ziehsohn Carter (Finn Little), ihr geliebtes Montana jedoch verlassen – und wollen in Texas noch einmal ganz von vorne anfangen. In Rio Paloma übernehmen sie eine 3.000 Hektar große, traditionsreiche Ranch mit erstklassigem Viehbestand und machen sie zur „Dutton Ranch“, ihrem neuen Zuhause. Rip heuert neue Cowboys an, Beth kümmert sich um die Vermarktung des kostbaren Rinder-Bestands.
Es dauert nicht lange, da gerät die heißblütige Beth bereits mit der alteingesessenen Rancherin Beulah Jackson (Annette Bening) heftig aneinander. Die beiden werden schnell zu erbitterten Rivalinnen, weil Jackson die Dutton-Rinder nur zu einem überteuerten Preis schlachten lassen will. Und mit einem süffisanten Lächeln klarmacht, dass sie die unumschränkte Herrscherin von Rio Paloma ist. Beth hat ihre Feindin gefunden. Als Freund entpuppt sich hingegen der Tierarzt Everett McKinney (Ed Harris), der die Neuankömmlinge mit den rauen texanischen Gepflogenheiten vertraut macht. In einer Schlüsselszene begegnen sich Beth und Everett nach einem blutigen Unfall, bei dem ein Pferd fast zu Tode kommt. McKinney will es von seinem Leid erlösen und schnell erschießen. Beth bittet ihn, es gesund pflegen zu dürfen. Hier zeigt sich einmal mehr, dass die oft zynisch-aggressive Beth doch ein Herz aus Gold hat.
Western-Träume werden Wahr
Wie Beth ihre innige und oft stürmische Beziehung zu Rip und Carter bis aufs Blut gegen die neuen Konkurrenten und Widersacher verteidigt, muss man gesehen haben. Für idyllische Western-Romantik ist hier kaum Platz. In „Dutton Ranch“ geht es ums harte Überleben. In einem sonnenverbrannten Land, wo Rivalitäten selten mit Worten, sondern immer noch mit den Fäusten geregelt werden – und manchmal mit dem Colt.
Der Showrunner Chad Feehan („Lawmen: Bass Reeves“) hat in der hochdramatischen Fortsetzung der „Yellowstone“-Saga den richtigen Ton getroffen, ohne in Nostalgie oder Sentiment abzugleiten. „Dutton Ranch“ ist ein staubiger, hitzeglühender, Whiskey-befeuerter Western-Eskapismus, in hohem Tempo erzählt und bevölkert von charismatischen Neuzugängen – allen voran Annette Bening („American Beauty“) und Ed Harris („Apollo 13“). Die impulsive Beth und ihr stoischer Cowboygatte haben mit ihnen ihre Meister gefunden. Diesen hochkarätigen Schauspielern zuzusehen, wie sie miteinander –
und auch gegeneinander – agieren, ist die reine Freude. Und wenn sich Beth in einem stillen Moment ein einfaches Leben und vor allem Frieden wünscht, gibt Rip zu bedenken: „Frieden kann man nicht einfangen, man muss ihn leben!“ Aber ist es nicht genau die Sehnsucht danach, aus der die meisten Western-Träume sind?
Chad Feeham wurde inzwischen als Showrunner bei „Dutton Ranch“ abgelöst. Man kann nur hoffen, dass dies nicht das Ende der Serie bedeutet. Denn es gäbe noch immer sehr viel zu erzählen.