Hat Rudi Dutschke Sprengstoff aus Berlin ins Saarland gebracht? Zeitgeschichtliche Bücher und Medien haben diese Story aus der bewegten Zeit der 68er-Revolte tausendfach verbreitet und auch politisch instrumentalisiert. Offensichtlich sind sie aber einer Täuschung aufgesessen.
Eine Maschine der amerikanischen Fluggesellschaft Pan Am landet in Frankfurt. Wir schreiben den 29. Februar 1968, 17.50 Uhr. Ein prominenter Passagier wird bereits erwartet und von der Polizei, die einen Tipp aus Berlin bekommen hat, in „vorläufige Verwahrung“ genommen. Damit soll er „an einer unmittelbar bevorstehenden Begehung einer mit Strafe bedrohten Handlung“ gehindert werden, wie es in dem Protokoll des Reviervorstehers heißt.
Bei dem gefürchteten Mann handelt es sich um Rudi Dutschke. Als Galionsfigur des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und charismatischer Redner war der 27-Jährige zugleich Medienstar und bei Konservativen verhasstes Schreckgespenst.
Galionsfigur des Studentenbundes
Gut drei Wochen zuvor hatten Teilnehmer einer Vietnam-Demonstration in Frankfurt versucht, das US-Konsulat zu stürmen. Dutschke wurde als ein mutmaßlicher Rädelsführer kurzzeitig festgenommen, das Ermittlungsverfahren jedoch später eingestellt. Am letzten Donnerstag im Februar war für den frühen Abend wieder eine Anti-Kriegskundgebung anberaumt, allerdings ohne den SDS als Mitveranstalter. Die Polizeispitze befürchtete jedoch, Dutschke wolle beim anschließenden Protestzug erscheinen und dort zu Übergriffen animieren – im schlimmsten Fall sogar in amerikanischen Wohnsiedlungen. Also ließ sie den vermeintlichen Revoluzzer sicherheitshalber für die fragliche Zeit aus dem Verkehr ziehen.
Diese an eine Vorbeugehaft erinnernde präventive Maßnahme führte zu einer bislang fast völlig unbeachteten juristischen Auseinandersetzung, die sich nunmehr aus Archivmaterial rekonstruieren ließ. Der Rechtsstreit zog sich über sechs Jahre. Schließlich wies das Bundesverfassungsgericht als letzte Instanz Dutschkes Klage ab. Da hatte der Revolutionär, der ausnahmsweise selbst die bürgerliche Justiz in Anspruch nehmen wollte, die ganze Geschichte längst vergessen.
Doch zurück zum Geschehen auf dem Flughafen. Dort wurde Dutschke von einem Frankfurter Genossen bereits erwartet. Mit ihm wollte Dutschke über verbandsinterne Fragen sprechen. Ein weiterer Genosse war mit aus Berlin gekommen. Und an diesem Punkt beginnt eine brisante Melange aus Dichtung und Wahrheit.
21 Jahre nach dem Vorfall berichtete der Exil-Iraner Bahman Nirumand, ein dank seines Engagements gegen den persischen Schah einflussreicher Mitstreiter, er sei der Begleiter seines Freundes Dutschke gewesen. Da die Polizei sie beide zur Befragung ins Polizeipräsidium bringen wollte, hätten sie ihren Koffer mit Billigung der ahnungslosen Beamten so lange in ein Schließfach gestellt. Der Inhalt: eine Bombe, um im Saarland gemeinsam mit dem promovierten Juristen und Uni-Assistenten Franz Josef Degenhardt einen AFN-Sendemast zu sprengen. Doch „Väterchen Franz“ – so der spätere Spitzname des bissigen und populären Liedermachers – habe kalte Füße bekommen. Deshalb hätten Dutschke und er die brisante Fracht unverrichteter Dinge wieder nach Berlin zurückgebracht.
Im Saarland gab’s nie einen AFN-Sender
Die Sache hat allerdings gleich mehrere Haken. Über Jahrzehnte fiel niemandem auf, dass der US-Soldatensender AFN im Saarland überhaupt nicht präsent war. Auch zahlreiche Widersprüche in den von Nirumand mehrmals variierten Überlieferungen blieben unbeachtet. Und schließlich als Höhepunkt der Camouflage: Nach Ausweis der Prozessakten, in denen Nirumand nicht einmal vorkommt, begleitete ein ganz anderer SDS-Promi Dutschke nach Frankfurt, nämlich der kluge, aber auch besonders militante Christian Semler.
Dies zeigt: Manche Geschichte ist derart amüsant, dass man sie einfach glauben möchte und unbewusst alle Zweifel beiseiteschiebt. Davor sind auch Medien und sogar gestandene Historiker nicht gefeit. Bedenklich stimmt allerdings die auffällige Zurückhaltung fast aller Zeitungen oder Zeitschriften, die auf den Fake hereingefallen sind und ihn verbreitet haben, nunmehr auch die neuen, ernüchternden Erkenntnisse zu präsentieren.
Das wäre angesichts der täglich auf uns hereinprasselnden Informationsflut auch weiter nicht tragisch, wenn es sich bei der Story nur um eine noch dazu unterhaltsame Klatsch- und Tratschgeschichte aus einer sehr kurzen, aber bewegten Nachkriegsphase handeln würde, an der das Interesse seit einigen Jahren rapide zu sinken scheint.
Infos aus freigegebenen US-Geheimdienstakten
In Deutschland hatte die sogenannte 68er-Revolte im engeren Sinne mit der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg am Rande des Schah-Besuchs in Berlin durch einen Polizeibeamten in Zivil am 2. Juni 1967 begonnen. Nicht einmal ein Jahr später setzte bereits ihr Niedergang ein. Viele Anstöße, die damals als provokativ empfunden wurden, sind inzwischen längst gesellschaftliches Gemeingut – man denke nur an den Bruch mit blindem Gehorsam, an eine freiere Erziehung, an die Überwindung verkrampfter Moralvorstellungen oder an die Reformprozesse an Universitäten. Im politischen Bereich hat die Revolte dagegen weniger Spuren hinterlassen: Rätesystem, sozialistische Utopien, Internationalismus – die Themen der 68er scheinen heutzutage völlig aus der Zeit gefallen.
Doch zumindest für eine wahrhaftige Geschichtsschreibung ist die Sache von einiger Relevanz. Der angebliche Anschlagsplan und Bombentransport wurde nämlich immer wieder auch als Beleg dafür herangezogen, Dutschke und seine Mitstreiter seien Vorläufer des RAF-Terrors der 70er-Jahre gewesen. Dass „Militanz“ und ein unscharfer Gewalt-Begriff bei allen 68ern hoch im Kurs stand, ist unumstritten. Aber gerade Dutschke war auf der anderen Seite sehr skrupulös, wenn es um die Gefährdung von Menschenleben ging. Vermutlich war dies nicht zuletzt seiner religiösen Sozialisation durch Elternhaus und evangelische Jugendgemeinde in der DDR geschuldet, der er als 21-Jähriger endgültig den Rücken kehrte. Und so geriet er, dem trotz bürgerlicher Ehe und asketischem Lebenswandel ohne Alkohol, Zigaretten und Führerschein zunehmend die Rolle des revolutionären Anführers und Kämpfers gegen die repressive Staatsmacht zukam, immer stärker in einen inneren Zwiespalt.
Auch das konnte anhand inzwischen freigegebener US-Geheimdienst- und Regierungsakten geklärt werden: Dutschke versuchte mit Nachdruck, diesem Dilemma durch eine zumindest zeitweise Auswanderung nach Amerika zu entgehen. Die Heimat seiner Frau verweigerte ihm jedoch ein Visum. Eine Entscheidung für oder gegen eine weitere Radikalisierung bis hin zu einem möglichen Abdriften in den Untergrund wurde ihm dann wenige Wochen nach der Frankfurt-Episode von einem Rechtsextremisten abgenommen. Durch dessen Schüsse am 11. April 1968 schwer verletzt, fiel Dutschke als aktive Führungsfigur aus und musste hilflos zusehen, wie der SDS und die 68er-Revolte sich selbst zerfleischte und schließlich zerfiel.
Symptomatisch dafür ist die weitere politische Entwicklung der in unserer Fake-Geschichte handelnden Personen. Nirumand profilierte sich als Iranist, freier Autor und politischer Analyst für die Grünen. Degenhardt fand in der DKP und damit im orthodoxen Kommunismus seine politische Heimat. Semler gründete eine maoistische K-Gruppe, später stand er als „taz“-Journalist der grün-alternativen Szene nahe. Der angebliche Bombenlieferant in Berlin versorgte Aktivisten mit Molotow-Cocktails, bevor er sich als V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes entpuppte und nach Amerika absetzte.
Dutschke selbst starb 1979 an den Nachwirkungen des Attentats: An Heiligabend erlitt er in der Badewanne einen epileptischen Anfall und ertrank. Zuvor war er – auch durch die gesundheitlichen Einschränkungen gezwungen – ein Stück weit wieder politisch der Mensch geworden, als der er in den 60er-Jahren angefangen hatte: voll Neugier (sein Leseeifer war zu SDS-Zeiten berüchtigt) und wieder bereit, zu lernen und sich einzumischen. So beteiligte er sich an den Anfängen der Grünen – allerdings nicht mehr an vorderster Front. Seichte „Enthüllungen“ wie die Bombenstory mit dem Potenzial, politisch ausgenutzt zu werden, blieben ihm zu Lebzeiten erspart.