Der Erfolg der AfD speist sich aus einer emotionalen Dynamik.
Als der spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky am 3. Januar 1933 in seinem berühmten Text „Wintermärchen“ über den Aufstieg der Nationalsozialisten schrieb, formulierte er eine pointierte Beobachtung: Die Brutalität, Großmäuligkeit und Hirnlosigkeit der Bewegung hätten auf viele Menschen „nicht abschreckend, sondern anziehend gewirkt“ und eine „bedingungslose Gefolgschaft“ erzeugt. Damit benannte er ein politisches Wahrnehmungsproblem, das heute beim Umgang mit der AfD von neuer Aktualität ist.
Nicht jeder wählt eine Partei, obwohl sie extrem, rücksichtslos oder intellektuell dünn strukturiert auftritt, nein, viele entscheiden sich gerade wegen dieses Verhaltens für sie. Wer aus diesem Befund heraus die Strategie ableitet, man müsse die AfD im politischen Alltag lediglich „inhaltlich stellen“, sie also mit besseren Argumenten und gar Logik widerlegen, unterliegt einer folgenschweren Illusion. Diese Haltung überschätzt das Rationale von Wahlentscheidungen maßgeblich und unterschätzt die enorme Macht emotionaler Bindungen.
Der Erfolg der AfD speist sich in erster Linie aus einer emotionalen Dynamik. Wenn die Sozialpsychologin Eva Walther in ihren Untersuchungen auf drei zentrale Konfliktlinien verweist – eine ökonomische, eine identitätsbezogene und eine vertrauensbezogene –, dann wird deutlich, dass alle drei Achsen an unerfüllten Grundbedürfnissen ansetzen. Wie der Extremismusforscher Matthias Quent ähnlich zusammenfasst, organisieren sich moderne Wahlentscheidungen primär entlang von Kategorien wie Identität, Anerkennung und Emotion. Bei weiten Teilen der AfD-Anhängerschaft sind es Empfindungen von Kontrollverlust, persönlicher oder kollektiver Kränkung, Wut, Trotz und das tief verankerte Bedürfnis nach einer verbindenden Wir-gegen-die-Identität.
Wer eine Partei aus einer tiefsitzenden Erfahrung eingebildeter oder realer Zurücksetzung heraus wählt, wiegt im Kopf keine Sach-argumente gegeneinander ab. Das klassische inhaltliche Stellen bedient schlicht die falsche psychologische Ebene. Genau hier greift Ossietzkys Einsicht: Das, was der politische Gegner als geistige Schlichtheit oder Radikalismus kritisiert, ist kein Konstruktionsfehler, der Unterstützer verschreckt. Es dient vielmehr als Transportmittel eines Attraktivitätsversprechens: der Befreiung von einer Welt, die als überkomplex, kränkend und ohnmächtig machend erlebt wird.
Zudem widerspricht die empirische Befundlage der beruhigenden Annahme, man habe es hierbei lediglich mit kurzfristig verführten Protestwählern zu tun, die man durch Aufklärung schnell wieder zurückholen könnte. Studien des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) – und zuletzt auch von Soziologen der Universität des Saarlandes – verdeutlichen, dass AfD-Wähler ihre Entscheidung keineswegs nur aus spontaner Verärgerung treffen. Sie verfolgen klare politische Zielsetzungen, die sich grundlegend vom gesellschaftlichen Durchschnitt unterscheiden. Das Problem liegt in einer tiefen Verschiebung der politischen Koordinaten: Viele Unterstützer betrachten nicht etwa die AfD als extremistisch, sondern nehmen die politische Mitte selbst als Bedrohung wahr.
Wenn sich das Empfinden für das, was die „normale Mitte“ ausmacht, derart verschoben hat, verfehlt die inhaltliche Widerlegung ihr Ziel komplett. Ein argumentatives Korrigieren wird von den Betroffenen nicht als erhellend erlebt, sondern als erneute Bestätigung der Idee, dass Eli-ten und Medien die Stimme des Volkes mundtot machen wollen. Das erzeugt eine paradoxe Dynamik: Der lauteste inhaltliche Vorwurf gegen das rechtslastige Umfeld liefert dem Lager oft die wirksamste Mobilisierungsvorlage. Das gilt besonders für die stark identitätsstiftende Fremden-feindlichkeit. Die argumentative Widerlegung bricht eine solche Gefolgschaft nicht, die von außen herangetragene Kritik verfestigt die Loyalität nur noch.
Solange die demokratischen Parteien ihren Umgang mit den Positionen der AfD nicht auf diese Fakten ausrichten, wird jede politische Aktion, jede Reform und jede Rhetorik wirkungslos verpuffen, da sie den Kern des Problems nicht angreift.