Das Atlantikstädtchen Kristiansund im Nordwesten Norwegens verfügt über ein Stadtzentrum, das vollständig vom Meer umgeben ist, und punktet mit einzigartigen Festivals. Auf der Bucket List von Norwegenreisenden steht es trotzdem nicht. Zu Unrecht.
An der „Klippfiskkjerringa“ kommt man nicht vorbei. Sie ist der Hingucker am Hafen von Kirkelandet und die meistfotografierte „Einwohnerin“ Kristiansunds. Die in Bronze gegossene „alte Klippfischfrau“ ist eine Hommage an die unzähligen Frauen, die in den vergangenen Jahrhunderten in der Klippfischproduktion tätig waren. Der gesalzene und auf Klippen luftgetrocknete Kabeljau war einst der wichtigste Industriezweig und das Fundament für den Wohlstand der heute knapp 24.600 Einwohner zählenden Stadt. Zu verdanken ist das den drei Schotten John Ramsay, William Gordon und George Leslie, die 1737/1738 in den abgelegenen Hafenort Fosna kamen und Klippfischproduktion im großen Stil betrieben. Weil das Geschäft florierte, bekam das Dorf 1742 das Stadtrecht und wurde nach dem dänisch-norwegischen König Christian VI. benannt. Kristiansund dominierte die Klippfischindustrie bis in die 1950er Jahre. Mit dem Festival „Klippfiskdagan“ feiert die Stadt jährlich im Juni mit viel Programm den getrockneten Fisch, über dessen Geschichte das „Klippfiskmuseet“ informiert, das sich in einem alten Klippfischspeicher aus dem Jahr 1749 auf der Insel Gomalandet befindet. Das Museum ist nur im Sommer (21. Juni bis 31. August) geöffnet.
Die Stadt liegt auf vier Inseln
Kristiansund (nicht zu verwechseln mit Kristiansand im Süden) liegt auf vier Inseln, die auf „landet“ (Land) enden: Kirkelandet, Gomalandet, Innlandet und Nordlandet, wobei Gomalandet heute durch Aufsandung mit Kirkelandet verbunden ist. Bevor es weder Unterseetunnel noch Brücken gab, die Kristiansund mit dem Festland verbanden, konnte man die Stadt nur mit dem Schiff erreichen. Bis heute ist die kleine Hafenfähre Sundbåten im Einsatz, die zweimal stündlich Fußgänger und Radfahrer kostenlos zu den Inseln schippert. Sundbåten wurde 1876 gegründet und gilt als ältestes öffentliches Verkehrsunternehmen der Welt, das kontinuierlich in Betrieb ist. Kirkelandet ist die Hauptinsel und das Zentrum Kristiansunds. Entlang der Hafenpromenade befinden sich Restaurants, Cafés, Kneipen, Geschäfte und das hübsche Einkaufszentrum „ALTI“.
Der Name der Insel, „Kirchenland“, ist ein Hinweis darauf, dass hier 1709 die erste Kirche der Stadt errichtet wurde. An ihrer Stelle thront seit 1964 die Kirkelandet Kirke, die mit ihrem ungewöhnlichen Baustil Norwegens erstes modernes Gotteshaus war. Der markante Bau am oberen Ende des Nerparken brach mit den traditionellen Vorstellungen, wie eine Kirche aussehen sollte. Dank der schrägen Wände hat man beim Betreten des Gotteshauses das Gefühl, bergab Richtung Altar zu schreiten, auch wenn das täuscht. Blickfang ist die 30 Meter hohe Altarwand, die in einer einzigartigen Farbsymphonie erstrahlt, wenn das Licht durch die 320 bunten Glasfenster fällt.
Picknick in der hügeligen Grünanlage
Auf dem Weg zur Kirche über den langsam ansteigenden Langveien, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt, hört man das Plätschern von Wasser, noch bevor man es sieht. Es ist der Byfossen, der künstliche Stadtwasserfall, den Kristiansund 1992 zum 250. Stadtjubiläum unterhalb des Nerparken anlegen ließ. Der Park wurde 1742 angelegt und seitdem mehrfach erweitert und neugestaltet. In der hügeligen Grünanlage mit Skulpturen und Brunnen laden Bänke unter Bäumen zum Tagträumen und Tische mit Stühlen zum Picknicken ein.
Dort, wo die Straße links zur Kong Olav V’s gate hinaufführt, fällt am oberen Ende ein massives Steinhaus ins Auge, das sich von den anderen Gebäuden deutlich abhebt. Es ist das Opernhaus. Dass es in dem abgelegenen Städtchen an der Nordwestküste eine Oper und noch dazu die älteste des Landes gibt, ist dem Klippfisch zu verdanken. In den goldenen Jahren der Klippfischproduktion beschloss der Stadtrat Ende des 19. Jahrhunderts den Bau eines Kulturzentrums. Der Grundstein wurde 1910 gelegt und das Gebäude im Sommer 1914 als „Festiviteten“ eingeweiht. Erst die Gründung des Kristiansunder Symphonieorchesters fünf Jahre später markierte den Beginn einer stetig wachsenden Aktivität im Gebäude, und mit der ersten Opernproduktion im Festiviteten 1928 (Glucks „Orpheus und Eurydike“) wurde die Kristiansunder Oper gegründet – 29 Jahre vor der Gründung des ersten Opernensembles in Oslo.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kulturgebäude durch deutsche Bombenangriffe fast vollständig zerstört, aber schnell wieder aufgebaut und als Gefängnis sowie bis Anfang der 1970er-Jahre als Polizeiwache genutzt. Kaum war die Polizei weg, fanden im Gebäude wieder Opernaufführungen statt, was 1971 zur Gründung der Opernfestspiele „Operafestukene“ führte, die seitdem jährlich im Februar 17 Tage lang stattfinden und mehr als 10.000 Opernfans aus ganz Norwegen anziehen.
Im September ist das Festiviteten einer der Veranstaltungsorte der Musik- und Kunst-Festspiele „Festspillene i Kristiansund“, die jährlich in der 38. Woche stattfinden. Von der Oper sind es 1.000 Meter bis zum höchsten Punkt von Kirkelandet. Dort, am Hagbart Brinchmanns vei, steht der achteckige Aussichtsturm „Vardetårnet“, der einen atemberaubenden 360°-Panoramablick auf die vier Inseln und das Meer bietet.
Eine Werft aus dem Jahr 1856 wurde als Museum wiedereröffnet
Der am meisten besuchte Ort Kristiansunds ist die Mellemværftet im Stadtteil Vågen auf Kirkelandet, Norwegens einzige aktive Museumswerft. Die Werft aus dem Jahr 1856 wurde 1979 geschlossen und als Museum wiedereröffnet. Das Werkstattgebäude beherbergt eine Schmiede, eine Tischlerwerkstatt und eine Maschinenhalle, in der es immer noch nach Schmieröl riecht. An Haken hängen unzählige Werkzeuge und Overalls, auf langen Arbeitstischen liegen Hämmer und Schrauben. Auf dem Außengelände befinden sich drei Bootsrampen, die Schiffe von bis zu 27 Metern Länge aufnehmen können, sowie alte Boote, die auf der Werft restauriert werden.
Während der Sommersaison sorgen die Museumshandwerker, der Slipmeister und die Mitglieder des Vereins zur Erhaltung der Schiffe für Betriebsamkeit in der historischen Werft. Das Außengelände ist ganzjährig geöffnet und frei zugänglich, und man kann auch einen Blick in die Werkstätten werfen.
Nur wenige Fährminuten sind es vom Hafen auf Kirkelandet nach Tahiti. Nicht zur Trauminsel in der Südsee, sondern zur Insel Innlandet. Wem und was Kristiansunds kleinstes Eiland den exotischen Spitznamen zu verdanken hat, weiß niemand so genau. Er soll jedoch aus der Zeit der Schifffahrt und des internationalen Klippfischhandels stammen.
Auf der Insel stehen die ältesten Häuser Kristiansunds, darunter das erste Zollhaus der Stadt und das heutige Kulturcafé Dødeladen. Während Ende April 1940 Bomben auf Kristiansund hagelten und auf Kirkelandet 60 Prozent der Gebäude zerstört wurden, blieb Innlandet weitgehend verschont. Seit dem Jahr 2000 findet hier in der letzten Juniwoche das dreitägige Musikfestival „Tahiti-Festivalen“ mit bekannten norwegischen Künstlern statt.
Aus Salzlager wurde ein Kulturzentrum
Wahrzeichen der Insel ist das Pier Tahiti-Brygga mit dem großen weißen Gebäude, das bei Ankunft mit der Fähre sofort ins Auge sticht. Erbaut wurde es im 19. Jahrhundert als Salzlager, in den 2000er-Jahren entwickelte es sich zu einem Kulturzentrum mit Brauerei, Galerien, Tapas-Bar und Konzertsälen. Da die Firma Tahiti-Brygga AS im Juni 2024 Konkurs angemeldet hat, ist das Gebäude seitdem geschlossen. Wie es mit Tahiti-Brygga weitergeht, ist unklar.
Vier Fährminuten weiter liegt Nordlandet, das den Spitznamen Marokko trägt. Eine gängige Erklärung dafür ist, dass das Gebiet früher „weit entfernt“ vom Stadtzentrum lag – also jenseits der Meerenge. Für viele Kristiansunder fast so weit weg wie Marokko, wohin auch Klippfisch exportiert wurde. Manche glauben, dass der Name in diesem Zusammenhang entstanden sein könnte – als eine Art Insider-Humor unter Fischern und Exportarbeitern.
Das weithin sichtbare Wahrzeichen der Insel ist die 1914 im Jugendstil erbaute Kirche mit Buntglasfenstern von Emanuel Vigeland, dem Bruder des berühmten Bildhauers Gustav Vigeland. Viel gibt es auf Nordlandet nicht zu sehen, denn die Insel ist hauptsächlich Wohngebiet. Das Leben spielt auf Kirkelandet.