Bodo Wartke ist Pianist, Schauspieler und ein Meister des Zungenbrechers. Seit 30 Jahren begeistert er sein Publikum und bleibt dabei unberechenbar.
Herr Wartke, Sie stehen seit 30 Jahren auf der Bühne. Sie waren damals 19. Können Sie sich noch daran erinnern, wie das war?
Ja. Es kommt mir aber vor allem nicht so vor, als wäre das schon 30 Jahre her. Die Erinnerung ist sehr wach und leuchtend. Es war vor 30 Jahren aber nicht der erste Abend, an dem ich vor Publikum stand. Es war das erste Konzert mit ausschließlich eigenen Stücken. Deshalb rechne ich ab dem Datum.
Vorher waren das Auftritte im privaten Kreis?
Ich bin vorher auch schon bei Schulkonzerten aufgetreten, die habe ich nur nicht selbst veranstaltet. Wenn ich mit meiner Mutter im Cluburlaub war, habe ich an Kinder- und Gästeshows teilgenommen und war da sehr in meinem Element. Was mich in der Rückschau erstaunt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der ich auf die Bühne gegangen bin: Ich habe mir was ausgedacht, ich zeige Euch das mal.
Viele haben ja da eher Hemmungen oder sogar Angst, dass sie versagen, sich blamieren.
Die Freude an der Sache und die mit den Menschen zu teilen überwiegt bis heute. Die ist größer als die Angst, dass etwas schiefgehen könnte. Und es ist ja auch oft genug etwas schiefgegangen auf der Bühne. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass dadurch die Show besser wird – eigentlich immer. Deshalb habe ich keine Angst, Fehler zu machen. Wenn sie kommen, umarme ich sie. Was nicht heißt, dass ich absichtlich Fehler mache, denn dann wären es ja keine mehr. Aber ich empfinde Fehler zu machen nicht als Scheitern, sondern als Bereicherung der Show.
War das am Anfang auch schon diese Liebe zur Sprache oder kam diese Freude über die Musik?
Vor allem die Liebe zur Sprache. Ich habe auch zuerst angefangen, Gedichte zu schreiben, bevor ich anfing, Lieder zu schreiben.
Rindfleischetikettierungs … Ich kriege es nicht raus. Moment, ich muss es nachlesen: Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Wie schafft man es, solche Wörter fehlerfrei auszusprechen oder komplizierte Reime zu bilden – und das auch noch auf der Bühne, wenn man im Licht steht? Ist das eine reine Trainingssache?
Ja, auch ich muss diese Sachen üben. Dadurch, dass ich die Texte so schreibe, wie ich sie schreibe, macht es mir aber auch Spaß, sie zu üben: Es reimt sich, es ist witzig, es erzählt eine spannende Geschichte. Das führt dazu, dass es Spaß macht, auch dranzubleiben und nicht sofort aufzugeben und die Flinte ins Korn zu werfen, den Wunsch zu haben, es zu meistern. Die gute Nachricht lautet: Das ist auch zu schaffen. Denn Sprechen ist letztendlich ein komplexer muskulärer Vorgang. Und wir sind in der Lage, uns sehr komplexe muskuläre Vorgänge anzutrainieren, Sprechen ist da keine Ausnahme. Das heißt: Auch wirklich schwere Zungenbrecher, bei denen man denkt: „Oh Gott, wie soll ich das nur hinkriegen?“, kann man irgendwann.
Wo Menschen das geübt haben und auch das richtige Tanzen dazu, das war die Sache mit Barbaras Rhabarberbar. Da sind plötzlich auch Menschen auf diesen Bodo Wartke aufmerksam geworden, die nicht zu einem Klavier- oder Kabarettabend gehen. Ist das ein Fluch oder ein Segen, wenn man so einen Hit landet, der vieles von der anderen Arbeit überlagert?
Ich empfinde es eher als Segen. Es ist eine Erweiterung meines künstlerischen Spektrums und meines Publikums. Es ist ja ohnehin schwierig, mich in eine Schublade zu stecken. Ich sage immer gerne: Wer mich in eine Schublade stecken möchte, braucht inzwischen eine Kommode. In den Augen vieler junger Menschen bin ich ein Rapper. Es kam vor, dass Kinder ihren Eltern auf dem Handy ein Tiktok-Video von mir gezeigt haben und die Eltern gesagt haben: „Den kennen wir auch und zwar schon ganz lange. Der macht noch ganz andere Sachen.“
Viele werden ganz überrascht sein, was Sie noch alles machen. Es sind aktuell drei Klavierprogramme und zwei Theaterstücke und einige kreative Projekte.
Und ein Programm mit Band. Es sind sechs aktive Programme, mit denen ich gerade toure.
Verliert man da nicht den Überblick – auch weil die Texte ja sehr ambitioniert sind?
Das sind alles Programme, die ich sehr gerne mag und die sehr unterschiedlich sind. Ich muss das dann halt üben und parat halten.
Wobei vielen Menschen nicht bewusst ist, dass der größte Teil der künstlerischen Arbeit nicht da passiert, wo sie zuschauen.
Nein, das ist sogar der angenehmste Teil (lacht). Ich trete ja wirklich sehr gerne auf. Und es sind für mich die entspannendsten Stunden des ganzen Tages. Das Anstrengende ist vorher.
Sie beziehen in einigen Ihrer Programme auch politisch Stellung – wenn Sie etwa von dem Land singen, in dem Sie leben wollen. Sehen Sie sich als politischen Kabarettisten?
Ab wann ist man ein politischer Kabarettist? In dem Moment, in dem man über Politiker und Parteien spricht? Das tue ich eher im Ausnahmefall. Aber ich spreche viel über die Gesellschaft, gesellschaftliche Utopien und wie ich mir das menschliche Miteinander vorstelle.
Nun gibt es ja Menschen, die sagen, Künstler sollen Kunst machen und sich ansonsten raushalten.
Das wäre ja eine Trennung zwischen Kunst und Leben. Was soll denn das? Kunst ist das, was uns Menschen verbindet und uns Menschen auch ausmacht. Die Fähigkeit und das Bedürfnis, sich künstlerisch über das Leben auszudrücken – das ist das, was uns zu Menschen macht. Viele meinen mit einer Kritik daran: „Hör auf, mich zu belehren!“ Aber das mache ich ja auch nicht. Ich habe ja auch nicht die Wahrheit gepachtet. Ist auch nicht mein Anliegen, die Leute zu missionieren. Es geht eher darum, die Leute zu inspirieren.
Wenn Sie auf 30 Jahre zurückblicken: Welchen Tipp würden Sie jungen Künstlerinnen und Künstlern geben? Welchen Fehler sollte man nicht machen? Oder muss man Fehler machen?
Auch aus Fehlern können neue tolle Dinge entstehen. Man denke zum Beispiel an Porzellan, Teflon und Penizillin. Das ist alles nur entstanden, weil jemand einen Fehler gemacht hat. Fehler können auch Verbündete sein. Ein Motto von mir lautet und auch der Titel eines Programms: „Was, wenn doch?“ – als Gegenfrage zu: „Was, wenn es nicht klappt?“ Für möglich halten, dass es geht. So entstehen alle meine Songs.
Das macht Mut.
Ja. Und wenn man mal auf die Probleme schaut, die wir gelöst haben als Menschheit, also auch existenzbedrohende Krisen – Ozonloch zum Beispiel –, dann traue ich uns zu, alle Probleme zu lösen. Es besteht also Anlass zu Hoffnung und Optimismus. Wir sind immer noch da. Und wir werden die Klimakrise auch in den Griff bekommen. Wir müssen nur endlich anfangen. Das ist auch ein Motto, das ich habe: „Einfach machen!“ Losgehen! Auch wenn noch nicht klar ist, welche Richtung die beste ist. Die besten Reime, die ich gefunden habe, sind die, nach denen ich nicht gesucht habe.
Manchmal wird man ja gefunden.
Genau! Genau!