Im Friedensdorf Oberhausen werden Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten medizinisch versorgt. Trotz schwerer Diagnosen ist das Gelände kein Ort der Traurigkeit: Zwischen Mahlzeiten, Therapien und dem Fußballplatz wird gelernt, gelacht und gelebt.
Maryam schenkt Tee in kleine Plastikbecher ein und verteilt sie auf den Tischen. Die Elfjährige hilft mit, räumt auf und kümmert sich um die anderen Kinder. Dabei wirkt sie oft eher wie eine Erwachsene als wie ein Kind. Nur die schmale Narbe, die am Halsausschnitt ihres grauen Pullovers hervorblitzt, verrät etwas von dem, was hinter ihr liegt.
„Maryam kam im vergangenen Herbst aus der afghanischen Provinz Kapisa mit einer schweren Verätzung der Speiseröhre zu uns“, erzählt Claudia Peppmüller, die seit rund 30 Jahren im Friedensdorf International in Oberhausen arbeitet. Über lange Zeit konnte das Mädchen nicht schlucken und musste künstlich ernährt werden. „Solche Verätzungen entstehen, wenn Kinder Flüssigkeiten wie Laugen in unbeschrifteten Flaschen mit Getränken verwechseln oder Seifenstücke essen, die wie Bonbons aussehen“, erklärt Peppmüller.
Auch komplizierte Operationen
Nach einer komplizierten Operation, bei der der Magen zu einer schmalen Ersatz-Speiseröhre umgeformt und hochgezogen wurde, kann Maryam inzwischen wieder essen. Das Erlebte wird immer Teil ihrer Geschichte bleiben, bestimmen soll es ihr Leben jedoch nicht. Sie schlägt ein neues Kapitel auf. So wie die anderen 130 Kinder, die derzeit im Friedensdorf ein Zuhause auf Zeit gefunden haben. Seit knapp 60 Jahren bringt die Organisation schwer kranke und verletzte Kinder aus Krisen- und Kriegsregionen nach Deutschland. Hier erhalten sie medizinische Hilfe, die in ihren Heimatländern nicht möglich wäre. Die kleinen Patientinnen und Patienten kommen mit Kriegs- und Unfallverletzungen, Knochenentzündungen, Verbrennungen, Fehlbildungen oder Tumoren nach Oberhausen und werden in Kliniken und Krankenhäusern im gesamten Bundesgebiet operiert. Bis sie in ihre Heimat zurückkehren können, verbringen sie oft viele Monate, manchmal sogar Jahre, fernab ihrer Familien.
Die Kinder kehren nach Hause zurück
Claudia Peppmüller zeigt auf eines der wenigen Gebäude, die noch aus den Anfangsjahren erhalten geblieben sind. Eigentlich sollte das Friedensdorf nur eine vorübergehende Einrichtung sein. Auslöser war der Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten 1967. „Doch kurze Zeit später brach der Vietnamkrieg aus.“ Bürger aus Oberhausen, Freiwillige und sogar Angehörige der britischen Rheinarmee bauten das Friedensdorf auf. Von Anfang an finanziert sich die Organisation fast ausschließlich aus Spenden.
Aus den Erfahrungen der ersten Jahre entstand ein Grundsatz, der bis heute gilt: Jedes Kind kehrt nach der Behandlung in seine Heimat zurück. Bei den ersten vietnamesischen Kindern funktionierte das nicht immer, weil verlässliche Partner vor Ort fehlten. Manche blieben dauerhaft in Deutschland und fühlten sich später weder hier noch in Vietnam wirklich zu Hause. „Deshalb halten wir an der Rückkehr fest“, sagt Peppmüller. Das Friedensdorf bringt Kinder nur dann nach Deutschland, wenn eine Rückkehr gesichert ist. Wo immer möglich, finanziert der Verein stattdessen Operationen und medizinische Hilfe direkt vor Ort, denn die beste Lösung sei oft die, bei der ein krankes Kind seine Eltern gar nicht erst verlassen müsse.
Peppmüller erreicht den großen Hof, um den herum zahlreiche Gebäude stehen. Drei Jungs auf bunten Kinderrädern kommen auf die zierliche Frau zu geradelt. „Claudi, Claudi“, rufen sie. Einer steigt ab und umarmt sie. „Osman, mein Schatz“, sagt Peppmüller und drückt ihm einen Kuss auf den Helm auf. „Die Fahrräder sind neu“, sagt Osman, zehn Jahre alt. Ein Ehrenamtlicher hat ein kaputtes Fahrrad repariert und gleich noch zwei gebrauchte Fahrräder dazugekauft. „Guck mal, wie schnell ich fahren kann“, sagt ein anderer Junge und düst los. Was auffällt: Alle Kinder sprechen Deutsch. „Wir sprechen die Sprache konsequent“, sagt Peppmüller.
Osman kam mit einer angeborenen Fehlbildung der Harnwege und nur einer eingeschränkt funktionierenden Niere nach Deutschland. Eine lange medizinische Reise folgte: Nach eigener Zählung hat Osman inzwischen fast 20 Operationen hinter sich. Er erzählt davon mit einer Nüchternheit, die überrascht. Als wäre es selbstverständlich, berichtet er von Kathetern, Operationen und Krankenhausaufenthalten. „Das hat nicht so gut funktioniert“, sagt er über einen Eingriff. „Dann haben sie etwas anderes ausprobiert.“ Verbitterung schwingt dabei nicht mit. Stattdessen erklärt er sachlich, dass nun noch eine weitere Operation ansteht.
Osman holt derweil einen blauen Hefter aus seinem Zimmer. Zwischen Klarsichthüllen stecken kopierte Fotos. „Das ist mein Papa“, sagt er, dann zeigt er auf seine Mutter, auf eine verheiratete Schwester, auf Brüder und Schwestern. Der Junge lebt seit drei Jahren in Oberhausen. Er sehnt den Moment herbei, in dem er den blauen Hefter nicht mehr braucht, weil er die Menschen auf den Fotos endlich wieder in den Arm nehmen kann.
Auf dem Hof umringen ein paar Mädchen Claudia Peppmüller. „Warum dürfen wir nicht mit unseren Eltern telefonieren?“, fragen sie. „Weil gar nicht alle Familien ein Telefon haben und die Kinder, die nicht telefonieren können, dann traurig sind“, antwortet Peppmüller. Telefonate verstärken das Heimweh, erklärt sie später. Manche Eltern machten ihren Kindern aus Verzweiflung Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr, andere könnten medizinische Eingriffe aus der Ferne kaum einordnen. Deshalb läuft der Kontakt über die Partnerorganisationen vor Ort, die die Familien regelmäßig über den Gesundheitszustand informieren.
Nur wenn wichtige medizinische Entscheidungen anstehen, werden die Eltern einbezogen. „Bei gravierenden Eingriffen wie einer möglichen Amputation oder grundlegenden Änderungen der Behandlung sprechen wir immer mit ihnen“, sagt Peppmüller. Stirbt trotz aller Bemühungen der Ärztinnen und Ärzte ein Kind, wird es in seine Heimat zurückgebracht. „Selbst dann bedanken sich Eltern noch dafür, dass wir versucht haben zu helfen.“
Der Andrang auf die Plätze im Friedensdorf ist groß. „Zu einer Sichtung in Kabul kommen schon mal 2.000 Familien in einer Woche“, sagt Peppmüller. Viele nehmen weite Strecken und hohe Kosten für die Anreise in Kauf. Anstrengende Tage seien das, körperlich und emotional. „Vor allem dann, wenn die Erkrankung so weit fortgeschritten ist, dass wir nicht mehr helfen können“, sagt Peppmüller und blickt über den nun fast leeren Hof.
„Frieden“ rufen die Kinder im Chor
Aus der Kantine dringt Stimmengewirr. In langen Reihen sitzen die Kinder an den Tischen, manche im Rollstuhl, andere mit bandagierten Armen oder Beinen, wieder andere mit sichtbaren Narben im Gesicht. Aus der Küche kommt Küchenleiter Sandro Somigli, 64, und schiebt einen Wagen mit großen Schüsseln voller Couscous-Salat in den Speisesaal. „Schokolade hat hier den Wert von Gold“, sagt Somigli. Gerade neu angekommene Kinder versteckten Nutella, Süßigkeiten oder Brot in ihren Zimmern. „Dahinter steckt keine Gier, sondern die Erinnerung an den Hunger, den viele seit ihrer Geburt kennen“, sagt er. Manche Kinder kämen so mangelernährt an, dass sie zunächst langsam ans regelmäßige Essen gewöhnt werden müssten.
„Frieden“, rufen die Kinder im Chor, bevor das Mittagessen beginnt. Eine halbe Stunde später stürmen sie wieder hinaus auf den Hof. Einige jagen einem Fußball hinterher, andere sausen mit Rollern über das Gelände. Auf einer Bank am Rand des Bolzplatzes sitzt Andreas Sauerlund und beobachtet das Treiben. Seit drei Jahren arbeitet der 56-Jährige als Betreuer im Friedensdorf.
Wenn neue Kinder ankommen, seien die ersten Tage oft schwer. Manche riefen nach ihrer Mutter, andere verstünden weder die Sprache noch, warum sie plötzlich in einem fremden Land sind. „Dann nehmen wir sie in den Arm und trösten sie“, erzählt Sauerlund. „Wir können den Schmerz nicht wegnehmen, aber versuchen, eine Art Familienersatz zu sein.“ Er staune immer wieder, wie schnell die Kinder dennoch Anschluss fänden. Die Widerstandskraft und Resilienz der Kinder sei unglaublich. „Wenn wir Erwachsenen mit solchen Krankheiten leben müssten, würden viele in Selbstmitleid versinken“, sagt er und blickt zu den Kindern auf dem Fußballplatz. „Sie dagegen freuen sich einfach über den Tag.“
Am Abend kehrt im Friedensdorf langsam Ruhe ein. In einem Gemeinschaftsraum flimmert ein Superheldenfilm über den Fernseher. „Es ist Duschtag“, sagt Betreuer Sauerlund. „Wer gerade nicht duscht, darf fernsehen.“ Vor dem Bildschirm sitzt auch Rasmanullah, fünf, der am nächsten Morgen im hauseigenen Operationssaal operiert wird.
Mit der Arbeit Leben verändern
Simone Zeh, 56, Fachkraft für Intensiv- und Anästhesiemedizin, holt ihn am nächsten Morgen früh ab und bringt ihn in den OP-Bereich. Rasmanullah erlitt als Kleinkind schwere Verbrennungen an den Füßen und Beinen. „In Afghanistan nutzen die Menschen Erdöfen“, erklärt Zeh. „Die kleinen Stöpsel fallen einfach hinein.“ Die Verbrennungen seien oft so schwerwiegend, dass Zehen abgenommen werden müssen. Bei Rasmanullah zog das vernarbte Gewebe seine Füße über Jahre immer weiter in Fehlstellungen. „Er hatte die Schuhe seitenverkehrt an, weil sie nur so zu seinen Füßen passten“, erzählt Zeh. Zunächst wurde das eine Bein korrigiert, nun ist das andere an der Reihe.
Für die Operationen im Friedensdorf reisen ehrenamtlich tätige Anästhesisten und Chirurgen an, viele von ihnen längst im Ruhestand, andere operieren die Kinder in ihrer Freizeit. Zeh lässt Rasmanullah erst einmal fernsehen, legt die Zugänge und bereitet ihn vor. „Wir sind hier kein Krankenhaus“, sagt sie. „Wir haben Zeit.“ Das Ziel sei, dass die Kinder keine Angst vor dem Ort entwickeln, an dem ihnen geholfen wird. Denn viele von ihnen müssen den Operationssaal nicht nur einmal betreten. Damit Narben nicht erneut verhärten und die Gelenke beweglich bleiben, schließt sich oft eine monatelange Rehabilitation im Medizinischen Zentrum des Friedensdorfs an. Dort arbeiten Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Pflegekräfte täglich mit den Kindern weiter.
In einem der Behandlungsräume beugt sich Ergotherapeutin Minori Nakaoku, 41, über den Fuß eines Jungen. Vorsichtig massiert sie das verhärtete Narbengewebe zwischen den Zehen und bewegt das Gelenk. Vor wenigen Wochen wurde der Fuß operiert, nun soll verhindert werden, dass sich die Haut erneut zusammenzieht. „Ganz fest mit den Zehen gegen meine Hand drücken“, sagt sie, während sie eine spezielle Creme für Verbrennungsnarben aufträgt. Der Junge verzieht keine Miene. Dass Minori heute hier arbeitet, begann mit einem Fernsehfilm in ihrer japanischen Heimat. In der sechsten Klasse sah sie eine Dokumentation über das Friedensdorf und die schwer verletzten Kinder aus Kriegsgebieten. „Ich war schockiert“, sagt sie. „Ich konnte die Bilder nicht vergessen.“ Aus der Betroffenheit entstand ein Ziel: Eines Tages wollte sie selbst helfen. Vor zwölf Jahren kam sie zunächst für ein einjähriges Praktikum, später kehrte sie dauerhaft ins Friedensdorf zurück. „Ich habe das Gefühl, dass ich hier mit meiner Arbeit Leben verändern kann“, sagt sie.
Auch Maryams Leben hat sich von Grund auf verändert. Als sie vor einem halben Jahr nach Oberhausen kam, war sie ein stilles Mädchen. „Dass sie trotz ihrer schweren Erkrankung nicht völlig ausgezehrt war, verdankte sie der beharrlichen Fürsorge ihrer Mutter“, sagt Claudia Peppmüller. Tag für Tag kochte die Mutter Suppe, zog sie mit einer Spritze auf und gab sie ihrer Tochter über einen Zugang direkt in den Magen.
Als Maryam nach Deutschland aufbrach, füllte die Mutter Suppe in einen kleinen Henkelbehälter. Im Friedensdorf erinnern sich die Betreuer bis heute daran, dass das Mädchen den „Henkelmann wie ein Bergarbeiter“ trug und nicht aus der Hand gab. Heute steht er in einem Schrank. Wenn Maryam im November zurückfliegt, will sie ihn wieder mit nach Hause nehmen. Auch wenn sie ihn dann eigentlich gar nicht mehr wirklich braucht.