Plötzlich sind wir mittendrin im „Camp Fire“, der katastrophalsten Feuersbrunst, die je in Kalifornien wütete. In der Hauptrolle von „The Lost Bus“ sehen wir Matthew McConaughey als Schulbusfahrer, der in einer lebensbedrohenden Krise über sich hinauswächst.
Kevin McKay (Matthew McConaughey) ist eine gescheiterte Existenz. Längst hat er sich vom American Dream verabschieden müssen und hält sich nun mit schlecht bezahlten Jobs nur mühsam über Wasser. Nach dem Tod seines ungeliebten Vaters wohnt er bei seiner pflegebedürftigen krebskranken Mutter, zusammen mit seinem rebellierenden 15-jährigen Sohn Shaun (Levi McConaughey); der Teenager hält den Vater für einen Loser und reibt ihm das bei jeder Gelegenheit unter die Nase. Außerdem würde Shaun eigentlich viel lieber bei seiner Mutter, Kevins Exfrau, leben. Und dann liegt auch noch Kevins Hund im Sterben. Was wie der Auftakt zu einer melodramatischen Schnulze aussieht, ist alles andere als das. Ganz ohne Sentimentalitäten wird geschildert, wie Kevins desolate Lebenssituation bereits auf seinen Charakter abgefärbt hat. Und wie er versucht, sich trotz allem nicht unterkriegen zu lassen. Deshalb gibt er auch sein Bestes, im neuen Job als frisch angeheuerter Schulbusfahrer seine Aufgaben verantwortungsvoll und gewissenhaft zu erledigen.
Doch auf der Camp Creek Road, nahe dem Städtchen Paradise in Kalifornien, kommt es in einer schlecht gewarteten Stromleitung zu einem folgenschweren Kurzschluss. Funken sprühen und setzen die ausgedörrte Vegetation in der Umgebung in Brand. Das zunächst eher kleine Feuer wird von starken Winden immer weiter angefacht und breitet sich dann mit rasender Geschwindigkeit aus. Bald stehen ganze Wälder lichterloh in Flammen. Die Feuerhölle greift auch schnell auf die ersten Wohngebiete über. Die Feuerwehr ist alarmiert, und die Einsatzleitung versucht, des Feuers Herr zu werden. Denn mittlerweile ist eine weitere Feuerfront im Anmarsch, und das Städtchen muss evakuiert werden.
Also bekommt Kevin von der Schulbus-Disponentin Ruby (Ashlie Atkinson) den Auftrag, eine Grundschulklasse, die vom Feuer schon fast vollständig umzingelt ist, dringend abzuholen und zu einem sicheren Abholpunkt zu fahren. Kevin fährt vor, sammelt die Kinder und ihre Lehrerin Mary Ludwig (America Ferrera) ein und versucht, so schnell wie möglich aus dem Feuerchaos herauszukommen. Doch auf den Straßen stockt der gesamte Verkehr in einem kilometerlangen Stau. Nichts geht mehr. Viel zu viele Menschen befinden sich bereits auf der Flucht vor dem verheerenden Feuer und blockieren die Durchfahrt mit ihren Autos. Da trifft Kevin eine waghalsige Entscheidung: Er fährt mit seinem Bus von der Straße ab und nimmt eine Abkürzung – in der Hoffnung, die Kinder über diese Strecke schneller in Sicherheit bringen zu können. Doch sehr bald steckt der Bus mitten in einem brennenden Wald fest.
Sehr intensive Bildgestaltung
„The Lost Bus“ (auf Apple TV+) basiert auf dem Buch „Paradise: One Town’s Struggle to Survive an American Wildfire“ von der Journalistin Lizzie Johnson vom „San Francisco Chronicle“. In diesem Buch dokumentierte sie minutiös den verheerenden Feuersturm, der im Jahr 2018 in den Gemeinden rund um die Ortschaft Paradise wütete. Weit über 60.000 Hektar Waldfläche brannten dabei nieder, mehr als 13.000 Gebäude wurden zerstört. Und 85 Menschen verloren dabei ihr Leben.
Der britische Regisseur Paul Greengrass hat aus diesem tragischen Unglück nun ein packendes Drama gemacht. Durch seine intensive Bildgestaltung, vor allem durch die Sequenzen, die er mit nervöser Handkamera gefilmt hat, scheint man als Zuschauer selbst mitten im Flammeninferno zu stecken. Man spürt die Angst und die Verzweiflung.
Die (echte) Lehrerin Mary Ludwig bekommt noch heute Gänsehaut, wenn sie sich an die erste Begegnung mit dem (echten) Kevin McKay erinnert: „Als er mit seinem Schulbus vorfuhr, dachte ich, jetzt kommt einer der erfahrenen Busfahrer, die ich natürlich schon alle jahrelang kannte, um uns zu retten. Doch da stand plötzlich dieser Fremde vor mir. Ich war ziemlich erschrocken und begrüßte ihn mit: ‚Wer zum Teufel bist du denn? Ich hoffe sehr, dass du der Situation gewachsen bist!‘ Und Kevin war viel mehr als das – er war unser Schutzengel, unser mutiger Retter.“ Nach einer fünfstündigen Odyssee gelang es ihm tatsächlich, den sicheren Stützpunkt zu erreichen und alle Kinder unversehrt bei ihren Familien abzuliefern. Mary und Kevin sind seitdem übrigens dicke Freunde. Den Loser, der inmitten der Katastrophe heldenhaft über sich hinauswächst, spielt Matthew McConaughey („Interstellar“, „Dallas Buyers Club“) mit beeindruckender Glaubwürdigkeit. Man vergisst schnell, dass hier ein Oscar-prämierter Hollywoodstar bei der Arbeit ist; vielmehr hat man das Gefühl, er würde tatsächlich schon lange am unteren Ende der Wohlstandsskala herumkrebsen und sein Geld als Busfahrer verdienen.
In diesem Film spürt man seit langer Zeit auch mal wieder seine Leidenschaft, ganz und gar in einer Rolle aufzugehen. McConaughey meint: „Das war wirklich etwas, in das ich mich hineinknien konnte. Und dem echten Kevin zu begegnen, der diesen Horror nicht nur überlebt, sondern auch noch viele Leben gerettet hat, war für mich eine ganz besondere Ehre. Solche Menschen sind die wirklichen Helden im Leben.“