Vor 35 Jahren, am 2. März 1991, starb Serge Gainsbourg in Paris. Er war Sänger, Komponist, Schauspieler, Maler, Frauenversteher und Mädchenflüsterer. Das Multitalent und Enfant terrible des Chansons gilt bis heute als der größte Popstar Frankreichs. Gegen ihn werden jedoch auch schwere Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben.
Wie könnte es anders sein: Hinter seinem größten Hit steckt eine pikante Anekdote. Serge Gainsbourg hatte die Beischlafode „Je t’aime ... moi non plus“ ursprünglich mit seiner Ex-Geliebten Brigitte Bardot (verstorben 2025) aufgenommen, und zwar Ende Oktober 1967. Doch die Filmdiva untersagt ihm vorerst die Veröffentlichung, weil sie ihren Noch-Ehemann Gunter Sachs nicht brüskieren will. Gainsbourg muss zähneknirschend die Schallplattenfirma bitten, die bereits fertig hergestellten 40.000 Vinylsingles einzustampfen. Die Kosten dafür trägt der Sänger selbst. Erst 19 Jahre später gibt Bardot die pikante Aufnahme frei.
Das Jahr 1958 wird zum Wendepunkt in seinem Leben
So kommt es, dass Gainsbourgs neue Muse, die junge Britin Jane Birkin, 1969 in einem zweiten Anlauf den weiblichen Part übernimmt – und mit dem anzüglichen Stöhn-Duett prompt weltberühmt wird. Bis dahin ungehörte Zeilen wie „Ich gehe und komme zwischen deinen Lenden“ bringen den Vatikan in Aufruhr, und ein italienischer Vertriebsleiter der Plattenfirma Philips wird exkommuniziert. Ein anderer Branchenvertreter kommt sogar kurzzeitig hinter Gitter. Der 40-jährige Gainsbourg und die 18 Jahre jüngere Birkin haben sich darüber wahrscheinlich köstlich amüsiert. Kennen- und liebengelernt hatten sie sich 1968 bei den Dreharbeiten zu Pierre Grimblats Streifen „Slogan“, dem „Kultfilm aus dem Sommer der Liebe 68“. Bis heute zählen die beiden zu den charismatischen Paar-Ikonen des Pop.
Serge Gainsbourg heißt eigentlich Lucien Ginzburg und wird am 2. April 1928 als Sohn russisch-jüdischer Emigranten in Paris geboren. Vater Joseph ist diplomierter Musiker aus Charkiw in der Ukraine und arbeitet als Pianist in Kabaretts; er fördert die musische Begabung seines Sohnes und dessen Zwillingsschwester Liliane (heute 97) nach Kräften. Bereits im Alter von acht Jahren ist Lucien als Wunderkind am Klavier zu bestaunen. Weil er sich auch für Malerei interessiert, darf er eine Kunstschule am Montmartre besuchen. Bald darauf besetzen die Nazis Frankreich, und die jüdische Familie muss Paris verlassen. 1941 fliehen die Ginzburgs nach Limoges im Department Haute-Vienne, wo sie täglich Verrat und Verfolgung ausgesetzt sind. Doch sie haben Glück. Nach dem Krieg kann Lucien sein Kunststudium in Paris fortsetzen.
Initation zu höheren Weihen
Ginzburg hat Kontakte zur Pariser Kunstszene; er ist mit Fernand Léger und Salvador Dalí befreundet. Doch er ringt mit seiner Begabung als Maler und stürzt sich hemmungslos ins Pariser Nachtleben. Durch Vermittlung seines Vaters arbeitet er als Pianist; so kann er sich und seine frisch gebackene Ehefrau, die Malerin und Psychoanalytikerin Elisabeth Levitsky (verstorben 2022), über Wasser halten. Bald beginnt er, zu komponieren und eigene Chansons zu schreiben. 1958 verbrennt Ginzburg fast alle seine Bilder, trennt sich von seiner Frau und nimmt einen neuen Namen an: Serge Gainsbourg. Über diesen Namenswechsel wurde viel spekuliert; unter anderem bemühte man russische Ahnen und den englischen Maler Gainsborough als Referenzen. Fakt ist: Mit dem neuen Namen hat sich Gainsbourg endgültig für die Musik entschieden. Fortan ist er in den angesagten Musikclubs in Paris zu Gast; aufstrebende Künstler wie Michèle Arnaud singen seine Chansons. Noch 1958 erscheint sein Debütalbum „Du chant à la une“ – Vorläufer einer Reihe erfolgreicher LPs, die er von nun an nahezu jährlich veröffentlicht. Sie enthalten so legendäre Singles wie „La chanson de Maglia“ oder „Couleur Café“. Auch als Hitschreiber für singende Kollegen kann sich Gainsbourg etablieren; er selbst ist als Vorprogramm der Chanson-Granden Jacques Brel und Juliette Gréco gefragt. 1964 heiratet Gainsbourg Françoise-Antoinette Pancrazzi und wird Vater einer Tochter.
1965 schreibt Gainsbourg Popgeschichte, als die 16-jährige France Gall mit seiner Komposition „Poupée de cire, poupée de son“ (Wachspuppe, Klangpuppe) den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewinnt. Davor hatte sich die Schlager-Lolita mit der unschuldigen Mädchenstimme bereits mit Gainsbourgs doppeldeutigem Song „Les Sucettes“ („Die Süßigkeiten“ oder „Die Lutscher“) an die Spitze der französischen Charts gesungen – was nicht nur die konservative Presse mit moralischer Empörung quittierte. Für Gainsbourg ist der Grand-Prix-Erfolg die Initiation zu internationalen Weihen. Stars wie Marianne Faithfull und Petula Clark vergeben Aufträge an den Franzosen, Françoise Hardy startet ihre Karriere mit Gainsbourg-Kompositionen. Auch Brigitte Bardot klopft bei ihm an. Er schreibt ihr die Hits „Bonnie and Clyde“ und „Harley Davidson“ auf den Leib. Eine gemeinsame Tournee muss er abbrechen, weil man ihm droht, ihn von der Bühne zu holen. Daraufhin meidet Gainsbourg fast zehn Jahre lang jeden Live-Auftritt, komponiert aber fleißig Filmmusik und ist immer öfter als Schauspieler an der Seite namhafter Leinwandstars zu sehen.
In der „Ära Birkin“ (1968–1980) zeigt sich Serge Gainsbourg einerseits als liebender Ehemann und Vater: Tochter Charlotte wird 1971 geboren; man lebt mit Birkins Tochter Kate in einer Patchwork-Familie zusammen. Andererseits pflegt Gainsbourg intensiv sein Image als Rebell mit den Dauerrequisiten Zigarette und Whiskeyglas, das ihm die Aufmerksamkeit der Medien sichert – und ihm 1973 einen Herzinfarkt beschert. Geschickt nutzt er das Erregungspotenzial von Tabubrüchen für seine Zwecke. 1971 erscheint das Konzeptalbum „Histoire de Melody Nelson“ – eine in Paris angesiedelte Lolita-Story über ein 15-jähriges Mädchen (Jane Birkin), das in einem Hotel einen älteren Herrn sexuell beglückt, aber auch seine Kindnatur in infantilen Spielen ausleben darf. Es wird als seine kohärenteste und perfekt umgesetzte Studioplatte gelobt. Weniger Aufmerksamkeit erhält der Mädchenflüsterer mit seinem Album „Rock Around The Bunker“ (1975), auf dem er mit Titeln wie „SS in Uruguay“ provozieren will.
Maison Gainsbourg heute ein Museum
Eine Dekade später erlangen Gainsbourg und seine 13-jährige Tochter Charlotte zweifelhaften Ruhm, als sie 1984 zusammen den Song „Lemon Incest“ (Zitronen-Inzest) veröffentlichen – inklusive eines Videos, in dem beide leicht bekleidet auf dem Ehebett posieren. 1986 darf das Teenager-Mädchen gar in einem provokanten Spielfilm ihres Vaters auftreten – ebenfalls zum Thema Inzest („Charlotte for Ever“). Gainsbourg spielt darin einen alkoholkranken singenden Witwer, der sich mit der Tochter über den Verlust der Ehefrau hinwegtröstet (Filmdienst: „Ein quälerisches Kammerspiel“).
Am 2. März 1991 stirbt Serge Gainsbourg an Herzversagen in seinem Bett, wo er von seiner jüngsten Tochter aufgefunden wird. Charlotte legt sich mit ihren Geschwistern so lange zu dem Dahingeschiedenen, dass ein Einbalsamierer kommen muss, um die gemeinsame Zeit der Kinder mit ihrem toten Übervater zu verlängern. Dessen dunkles Alter Ego, das er „Gainsbarre“ nannte und das für seine selbstzerstörerische Seite, seine lebenslangen Zweifel und Ängste stand, hatte endgültig den Sieg davongetragen. Bis heute schmücken Fans aus aller Welt sein Grab auf dem Pariser Friedhof Montparnasse mit Gitanes und Whiskey-Gläsern. Aber selbst 35 Jahre nach seinem Tod kommt seine dunkle Seite noch zum Vorschein: Die heute 63-jährige belgisch-portugiesische Sängerin Lio alias Vanda Maria Ribeiro Furtado Tavares de Vasconcelos schimpft den Sänger einen „Weinstein des Chanson“ und einen Belästiger.
Jane Birkin (verstorben 2023) hingegen ließ bis zuletzt nichts auf ihren umstrittenen Ex kommen: „Serge schrieb Songs, die skandalös waren, er war jemand, dem es gefiel, zu provozieren, er schrieb die krassesten Gedichte, er konnte grausam, sarkastisch und schwierig sein, aber er hatte ein Herz aus Gold. Jeder, der ihn kannte, weiß, dass man seine Skandale nicht auf ihn als Menschen projizieren konnte. Er schlich auch keinen Teenagern hinterher und drohte ihnen später, damit sie ja nichts ausplauderten.“ Auch dieser Skandal scheint der Faszination des Chanson-Dandys keinen Abbruch zu tun.
Im September 2023, zwei Monate nach Jane Birkins Tod, macht Charlotte Gainsbourg das ehemalige Wohnhaus ihres Vaters in Paris mit der Adresse 5 bis rue de Verneuil öffentlich zugänglich. Mehrere Hunderttausend Besucher beziehungsweise Pilger haben das private Museum mit einem seit 1991 unveränderten Interieur und einem wunderbaren Chaos seitdem besichtigt. Zuletzt gab es juristische und finanzielle Turbulenzen um das Anwesen, aber jetzt ist die Maison Gainsbourg endlich wieder geöffnet.