Mauritius galt lange als typische Honeymoon- und Golfer-Destination. Jetzt positioniert sich die Insel auch als Öko-Reiseziel mit Dschungel-Wanderungen, Canyoning und Kajak-Exkursionen. Der Weg zu echter Nachhaltigkeit ist jedoch ein weiter.
Die Uhrzeit ist recht gewöhnungsbedürftig. Zumindest für die unausgeschlafenen Urlauber, die sich zum Delfin-Kayaking noch vorm Morgengrauen verabredet haben. Und zwar mit Anne Venkiah, einer blonden Französin mit charmantem Lächeln und mauritianischem Pass, Mitbegründerin und Co-Chefin von „Lokal Adventure – Moris Out Of The Box“.
Anne dagegen scheint putzmunter, hat bereits die Seekajaks vorbereitet und begrüßt jeden einzelnen mit einem erfrischenden „Bonjour“. Die Selfmadefrau beginnt sogleich mit dem Briefing. Denn jetzt gilt es, keine Zeit zu verlieren und noch vor Tagesanbruch in See zu stechen. „Für ein paar Augenblicke kurz vor Sonnenaufgang taucht der Himmel die Lagune ist ein wahrhaft mystisches Licht“, weiß Anne zu berichten – und die Spannung zu erhöhen. „Dann erstrahlt King Kong dort drüben in den Bergen und die Delfine begrüßen spielerisch den neuen Tag. Meistens jedenfalls. Und manchmal sogar uns.“ Außerdem durchpflügten so früh noch keine Motorboote voller Touristen das Revier, um die Großen Tümmler und Spinnerdelfine regelrecht zu jagen für ein imperfektes Selfie.
Ein Hauch von Magie in der Morgenluft
Gesagt, getan. Noch im Dunklen gleiten die Kajaks fast lautlos durch die Tamarin Bucht. Eine sanfte tropische Brise sorgt für entspanntes Paddeln bei ruhiger See. Im Osten schon ein zarter Silberstreif am Horizont, der von Minute zu Minute an Leuchtkraft gewinnt. Orange übernimmt die Regie und wie von Zauberhand erhebt nun King Kong sein steinernes Antlitz aus der Bergkette vom Rivière Noire. Die markante Form des Felsens erinnert wirklich an den berühmten Affen. Nur die weiße Frau fehlt noch zum großen Kino. Dafür kreuzt ein paar Minuten später eine Schule Spinnerdelfine die Bahn. Was für ein Geschenk! Wie viele mögen es wohl sein? Zwanzig? Oder gar dreißig? Schwer zu sagen und eigentlich auch belanglos. Ein Hauch von Magie liegt in der Morgenluft, erschaffen vom Spiel der Elemente.
Ein sehr vergänglicher Zauber allerdings. Denn nur wenige Augenblicke später sind die Spinnerdelfine wieder abgetaucht. „Sie drehen meist Kreise in der Lagune“, erklärt Anne. „Schaut euch also um.“ Doch statt der Delfine tauchen nun immer mehr PS-strotzende Motorboote auf, an Bord Dutzende Touristen, eng an eng, in Badekleidung, bewaffnet mit GoPros, Tauchermaske und Schnorchel. Als die Delfine ein paar Hundert Meter entfernt wieder auftauchen, beginnt eine unschöne Hatz. Die Motoren heulen auf, über den Bugwellen, die unerfahrene Kajakfahrer schnell zum Kentern bringen können, wabert eine riesige stinkende Abgaswolke. Wenig später stürzen sich die Flipper-Jäger auf ihre Beute.
„Diese Form von Tourismus lehnen wir ab. Sie sollte auch auf Mauritius endlich der Vergangenheit angehören“, erklärt Anne, die zusammen mit ihrer einheimischen Partnerin Elodie Audibert-Lagourgue verschiedene Outdoor-Abenteuer wie Dschungel-Wanderungen und Fahrradtouren nach konsequent ökologischen Gesichtspunkten anbietet. „Wir schwimmen beispielsweise nicht mit den Delfinen. Mal davon abgesehen, dass der Lagunengrund eh recht dunkel ist und die Sichtweite meist nur drei, vier Meter beträgt, man also ohnehin kaum einen Delfin zu Gesicht bekommt, verunreinigen die Schwimmer mit ihren Sonnencremes auch den Lebensraum der Meeressäuger, in den wir eindringen. Von Lärm und der Hektik ganz zu schweigen.“ Dies nehmen die meisten umliegenden Hotels billigend in Kauf und bieten diese Touren unbeirrt feil.
Dabei gäbe es so einige Alternativen in dem kleinen Land, das sich seit jeher als unbefleckte Perle im Indischen Ozean mit paradiesischer Natur vermarktet. Eine der schönsten und beeindruckendsten Tagestouren ist sicherlich die Wanderung durch dichten Regenwald zu den Tamarin Falls und den Seven Cascades.
Auf der recht überschaubaren Insel mitten im Indischen Ozean, die nicht mal so groß wie das Saarland ist, hat der Wanderer Häuser wie Zuckerrohrfelder schnell hinter sich gelassen und taucht in eine üppige Natur mit leuchtend roten und rosa Blüten des endemischen Mauritius-Roseneibisch, süßlich duftenden Frangipani-Blüten oder den kleinen unscheinbaren Blüten, die eine noch unscheinbarere Kletterpflanze zieren, und zwar den Schwarzen Pfeffer. Hin und wieder kreuzt eine Echse den schmalen Pfad, der oft von kleinen Bächen zerschnitten wird. Vogelgezwitscher ist zu hören, die Piepmätze selbst sind im dichten Grün nur selten auszumachen. Anne erklärt Flora und Fauna, zeigt endemische Pflanzen und essbare wie ungenießbare Beeren.
Nach drei schweißtreibenden Stunden und 400 Höhenmetern hören die Wanderer bereits das Dröhnen der Tamarin Falls, die ihre Wassermassen in sieben Becken stürzen lassen. Dann heißt es endlich Kaskaden gucken. Aber nur im Liegen und nur mit dem Kopf über dem Abgrund. Der fällt nämlich 30 Meter fast senkrecht in die Tiefe. Was für ein Anblick! Gleichzeitig auch der, im wahrsten Sinne des Wortes, Höhepunkt der Exkursion.
Beim Abstieg zur ersten Kaskade gleich der nächste Wow-Moment. An einer Stelle ist die Felswand großflächig um gut 20 Meter ausgehöhlt. Der Weg führt also zwischen Felsen und Wasserfall. Wer ein Erinnerungsfoto schießen will, muss schnell sein. Im Nu hat die feine Gischt die Lupe benetzt.
An einer der unteren Kaskaden in der Schlucht bleibt Zeit für ein erfrischendes Bad und eine leckere Lunchbox. Ein paar Wagemutige mit Schutzweste und Helm gesellen sich dazu. Sie haben sich von Kaskade zu Kaskade abgeseilt. Canyoning ist im Kommen auf der Insel.
Tourismus ist der Devisenbringer
Langsam findet wegen der umweltschädlichen Aktivitäten und dank der umweltfreundlichen Alternativen ein Umdenken statt in Mauritius. Bei kühl rechnenden Tourismusstrategen und selbst bei mauritianischen Politikern, die sich zuverlässig als Schwachstellen der Gesellschaft positionieren, da ihr Zeithorizont meist nur bis zur nächsten Wahl reicht. Der ist bekanntlich zu kurz für einen umfassenden ökologischen Umbau.
Denn wenn erst einmal die letzten schützenden Korallenriffe tristen Unterwasserfriedhöfen gleichen und Zyklone weiter an den einstigen Traumstränden nagen, wenn die letzten Delfine weitergezogen sind und der verbliebene Regenwald im Süden der Insel monotonen Zuckerrohrfeldern gewichen ist, dann ist es endgültig aus mit dem „Wunder von Mauritius“, wie man in der westlichen Welt einst anerkennend und zugegebenermaßen auch etwas naiv zu sagen pflegte. Aus mit dem natürlichen und wirtschaftlichen Reichtum auf der kleinen Scholle mitten im Indischen Ozean, die offiziell zu Afrika gehört und sich doch so ganz anders anfühlt. Immerhin gilt der Tourismus als der Devisenbringer schlechthin. Corona hatte das überdeutlich gezeigt. Und spätestens seit dem Ukraine-Krieg, sprich gestiegenen Transportkosten, Lieferengpässen und einem verdoppelten Benzinpreis, ist jedem klar, dass die Landwirtschaft diversifiziert werden muss. Auf 90 Prozent der kultivierten Fläche wird Zuckerrohr angebaut, Gemüse und Obst im großen Stil aus Südafrika importiert. Und der Rohrzucker, für den Mauritius so berühmt ist? Der wird größtenteils in die EU exportiert, dafür wird billigerer aus Brasilien und Vietnam eingeschifft. Ähnlich sieht es mit dem Salz aus – ein trauriges Bild. Die ersten heimischen Salinen mussten bereits dichtmachen, nachdem die Regierung einen umstrittenen Deal eingefädelt hat: Salz wird jetzt zu noch niedrigeren Preisen in Vietnam gekauft. Ökonomische Logik, ökologischer Wahnsinn. Quer durch die Konfessionen und Ethnien des Vielvölkerstaates nur Kopfschütteln. Wenigstens in diesem Punkt sind sich die Hindus, Buddhisten, Christen, Animisten, Taoisten, Muslime und Heiden mal einig: Da landet wohl viel Geld in den tiefen Taschen der Mächtigen. Touristen bekommen von all dem jedoch kaum etwas mit. „Sie können zudem locker zwei Wochen auf Mauritius verbracht haben, ohne die Insel wirklich gesehen zu haben“, weiß Anne zu berichten. „Luxushotels gibt es so einige im Land. Sie sind beliebt bei Amerikanern, Europäern und zunehmend auch bei Chinesen. Viele Gäste machen dann nur ein, zwei Ausflüge zu den Siebenfarbigen Erden bei Chamarel mit anschließender obligatorischer Rumverkostung oder eine Whale-Whatching-Tour oder so. Wirklich schade.“
Verschiedene lokale Umweltprojekte
Bei einigen wenigen Häusern könnte man vielleicht sogar noch verstehen, dass die Urlauber ihre Anlage nicht verlassen wollen. Das „Heritage Le Telfair“ gehört dazu. Das elegante Golf- und Wellness- Resort ganz im idyllischen Süden der Insel gehört zu den Small Luxury Hotels of the World und lockt vor allem – wie könnte es anders sein – betuchte Golfer an. Sogar Profis aus aller Welt wissen den 45-Loch-Golfplatz zu schätzen, der als der beste im Indischen Ozean gilt.
Ökologisch sind die endlosen, Wassermassen verschlingenden Rasenflächen natürlich überhaupt nicht. Und gut fürs Image in einer sensibler gewordenen Welt auch nicht mehr. Das ist in den Chefetagen der mauritianischen Luxushotellerie angekommen. Im „Heritage“ greift man in die Trickkiste und kauft Kohlenstoffzertifikate und operiert so ganz offiziell Kohlendioxid-neutral. Das ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber immerhin ein Anfang. Ein umfangreiches Food-Waste-Programm flankiert die Maßnahme. Die Küchenabfälle konnten dadurch um mehr als die Hälfte reduziert werden. Außerdem unterstützt man verschiedene lokale Umweltprojekte finanziell. Geht doch. „Mauritius’ größtes Kapital sind jedoch weder die devisenbringenden Luxusherbergen an Bilderbuchstränden noch unser berühmter Rohrohrzucker“, sagt Anne. „Es sind die warmherzigen Mauritianer, die die Insel so liebenswert machen. Sie werden am meisten vom ökologischen Umbau profitieren. Es gibt noch so viel zu tun. Aber der Anfang ist getan, wir sind auf einem guten Weg. Dem einzigen.“