Die Ama sind Japans berühmte Freitaucherinnen. Als Kolleginnen, Freundinnen und Verbündete hüten sie eine uralte Tradition. Zusammen kämpfen sie für sich, die Natur und ihre Zukunft.
Wenn Sayuri Nakamura untertaucht, senkrecht mit dem Kopf zum Meeresgrund, sind ihre orangenen Flossen das Letzte, was verschwindet. Die Wellen umarmen sie. Sie gleitet hinab in die Tiefe. Zehn, zwanzig, dreißig Sekunden verstreichen. Unter Wasser scheint die Welt für sie stillzustehen. Ihr Herzschlag pocht in ihren Ohren. Das Licht bricht sich über ihr, das dichte Seegras tanzt im Rhythmus der Strömung unter ihr. Dazwischen sucht sie nach Meeresfrüchten. Vierzig, fünfzig, sechzig Sekunden vergehen. Dann kräuselt sich die Wasseroberfläche. Keuchend taucht Sayuri auf und zieht scharf die Luft ein. Sie reckt ihre Hand mit einer Auster darin in die Höhe und lässt sie in das Netz an ihrem Tampo, ein schwimmender Plastikring, gleiten. Sie stützt sich darauf ab, atmet tief durch. Mit einem Tabakblatt wischt sie ihre einäugige Taucherbrille sauber, bevor sie erneut untertaucht.
Es sind die Schätze des Meeres, die Sayuri seit einem halben Jahrhundert immer wieder in den Ozean ziehen. „Dabei mag ich das Meer nicht einmal besonders“, offenbart sie. „Doch wenn ich an einem Tag viel sammeln kann, macht mich das glücklich.“ Zwei Goldzähne blitzen auf, wenn sie lacht. Nass kleben die Locken an ihrer Stirn. Die Falten in ihrem Gesicht erzählen von 72 Jahren, geprägt von harter Arbeit. Sie hat drei Töchter großgezogen, ist Großmutter von fünf Enkeln. Und sie ist eine Ama, eine der letzten Frauen des Meeres. Seit Jahrhunderten praktizieren die Ama Apnoetauchen – ohne Sauerstoffflasche oder Schnorchel. Wie Meerjungfrauen schweben sie an der Küste durch das Wasser in Tiefen von bis zu zwanzig Metern. Bis zu vier Minuten dauern manche der Tauchgänge im rauen Pazifik. Ihr Beruf ist eine Berufung, weitergetragen von Generation zu Generation. Die meisten Ama haben Mütter, Großmütter und Urgroßmütter, die ebenfalls als Ama Schalen- und Krustentiere sammelten, so wie Sayuri.
Ein Museum über die Ama
Die anderen Taucherinnen nennen Sayuri respektvoll „unsere Ama-Veteranin“. Keine kann länger unter Wasser bleiben, keine ist geschickter. Sayuri winkt nur ab, wenn andere sie loben. Sie zählt nicht, wie lange sie ihre Luft anhalten kann, sammelt keine Bestzeiten und Tauchrekorde, vergleicht sich nicht mit anderen. In Sayuris Heimat besagt ein Sprichwort: „Wenn du nicht tauchen kannst, kannst du nicht heiraten.“ Ihr Mann Nasumi Nakamura ist stolz auf ihren Erfolg und arbeitet wie die meisten Männer hier als Fischer. Wenn Gatten vom guten Fang ihrer Frauen schwärmen, gilt das im Fischerdörfchen Osatsu an der westjapanischen Küste als schönste Liebeserklärung.
Nur noch rund 1.500 aktive Ama gibt es in ganz Japan. Die meisten von ihnen leben hier in der Region Ise-Shima in der Präfekur Mie. Vor der Küste mit ihren kleinen Landzungen liegen verstreut kleine Inseln. Sayuris Heimat Osatsu dehnt sich am Pazifischen Ozean aus, umgeben von sattgrünen Wäldern und sanften Hügeln. Die Buchten sind bekannt für ihren Reichtum an Fisch, für Zuchtperlen und Aquakulturen, die mit steigenden Wassertemperaturen zu kämpfen haben. Am Strand sammeln sich Plastikflaschen und Müll. Schilder warnen vor Tsunamis. Mehr als hundert Ama wohnen hier, so viele wie nirgendwo sonst. Überall auf den Straßen sind sie und ihre Spuren zu sehen: Es gibt ein Museum über ihre Geschichte, kleine Cafés, einen Tante-Emma-Laden, geführt von einer Ama, die selbstgemachten Schmuck aus Muscheln verkauft. Die Ama strahlen von Plakaten und Ortsschildern, eine Schaufensterpuppe in Ama-Kluft mit einäugiger Taucherbrille steht vor einem Restaurant. Sie trägt das Erkennungszeichen: ein weißes Tuch um den Kopf. Wie alle Ama trägt auch Sayuri es bei ihrer Arbeit. „Für uns Ama ist es wie eine Uniform“, sagt sie. Das strahlende Weiß soll Haie abhalten – und es hilft den Frauen, sich in den Tiefen des Meeres zu erkennen. Mie Nakaseko, ihre engste Vertraute, taucht neben Sayuri auf, hebt stolz eine große Schnecke in die Höhe, mit der anderen hält sie einen flachen Meißel fest. Mit diesem „Nomi“ lösen sie und ihre Kolleginnen die Schalentiere vom Meeresgrund. Mit dem scharfen Haken fangen sie Tintenfische oder Seeigel. Je nach Jahreszeit finden sie Itabogaki, große wilde Austern, Seegras wie Wakame und Arame, Sazae, die Turbanmuscheln, sowie Iseebi, Langusten. Am begehrtesten jedoch sind die Awabi, Abalone: Die Seeohren bringen rund 10.000 Yen ein, etwa 60 Euro pro Kilo. Sie gelten in Asien als aphrodisierende Liebesfrucht, als Delikatesse in Gourmetrestaurants und Speise der Götter. Die Ama lösen sie vorsichtig vom Fels, prüfen ihre Größe und legen zu kleine Tiere zurück. Respekt vor dem Meer und seinen Bewohnern ist für sie ebenso wichtig wie der Fang selbst.
„Vor drei Jahren war das Meer so warm, dass uns alle Abalone weggestorben sind“, erinnert sich Mie. Ihr Fang schmälert sich mit den Folgen des Klimawandels. Da gleichzeitig auch die Preise steigen, können die Ama die geringere Ausbeute ausgleichen, noch. Bei jedem Tauchgang spüren sie den Klimawandel. Die Ernte in ihrem Garten des Meeres nimmt ab. „Als unsere Mütter noch Ama waren, gingen sie täglich ins Wasser“, erzählt Sayuri. Doch mit dem Aufkommen der Tauchanzüge in den 60er-Jahren blieben viele immer länger im Wasser, sammelten mehr und mehr Muscheln. Um die Ressourcen zu schützen, gibt es heute strenge Einschränkungen. Es ist einer der Gründe, warum die Ama nach wie vor mit einfachsten Mitteln tauchen. Sie wollen so wenig wie möglich in die Natur eingreifen. Nach eineinhalb Stunden haben sich ihre Netze gefüllt, die Frauen beenden ihren Tauchgang. „Wir müssen uns immer aufeinander verlassen können“, sagt Mie. Mit ihren 60 Jahren zählt sie noch zu den jüngeren Taucherinnen. Die jüngsten in Osatsu sind 40, die ältesten doppelt so alt. Für Mie begann ihr Leben als Ama erst mit Ende 30, nachdem ihr jüngster Sohn gerade drei Jahre alt war. „Es gibt kein offizielles Training“, erklärt sie. „Doch als Ama musste ich viel beobachten und lernen.“ Sayuri war ihre Mentorin.
Viele von ihnen sehen im Muscheltauchen die Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinen. Es bringt ihnen seit hunderten Jahren Unabhängigkeit und Selbstwert – einmalig im patriarchalen, konservativen Japan. Die Ama-Kultur gehört zu den ältesten und faszinierendsten Traditionen Japans. Ihre Wurzeln reichen 5.000 Jahre zurück. Bereits die Gedichtsammlung Manyoshu, die „Sammlung der zehntausend Blätter“, aus dem 8. Jahrhundert erwähnt die Frauen des Meeres. Warum vor allem Frauen tauchen, darum entspinnt sich seitdem Seemannsgarn. Die wahrscheinlichste Erklärung: Es liegt schlicht daran, dass der weibliche Körper dank mehr Unterhautfett der Kälte besser trotzen kann. 2019 erklärte die japanische Regierung die Ama-Tradition zum kulturellen Erbe. Das „Säuseln“ der Ama, ihr lautstarkes Aufatmen nach jedem Tauchgang, steht auf der Liste der hundert charakteristischen Klänge Japans.
Die Hütte dient als Treffpunkt
Mit lautem Dröhnen fährt das kleine Motorboot mit den Ama zurück zum Hafen von Osatsu. Sie laden den Inhalt ihrer Netze auf einen weißen Pickup und gehen zu ihrer kleinen Hütte, ihrer Amagoya: Hier bereiten sie sich an jedem Arbeitstag vor und hierher kehren sie nach jedem Tauchgang zurück. Im Inneren prasselt ein Feuer. Rundherum stehen Plastikflaschen mit Wasser. „Unsere Ama-Dusche“ sagt Mie. Sie lassen das Wasser über sich fließen, um ihre ausgekühlten Körper aufzuwärmen. Von ihrem Neoprenanzug waschen sie Salz und Schlick, spülen ihre Flossen und das Werkzeug. Die Frauen setzen sich ans Feuer. Ihre Männer, die Fischer, dürfen die Hütte dem Brauch nach nicht betreten. Sie dient als Umkleide, Ort zum Aufwärmen, Treffpunkt für die Pausen, für den Austausch unter Frauen. Taucheranzüge hängen an den Wänden, die weißen Kopftücher trocknen am Feuer. Die Ama leben nicht nur vom Meer – sie leben auch mit seinen Geschichten. In der Amagoya erzählt Sayuri oft von den Mythen, die sie schon als Kind gehört hat: von Meeresgeistern, die Taucherinnen beschützen, wenn sie sich an die Regeln halten, und von Kreaturen, die die Gier bestrafen.
Es sind Geschichten, über Generationen weitergegeben, die immer mehr zu verblassen drohen. Mit jeder Ama, die sie verlieren, erleben die Frauen die soziale Realität einer überalterten Bevölkerung. Gleichzeitig sind die Taucherinnen ein Symbol für alternde Japanerinnen, die der Zeit trotzen, indem sie gebraucht werden und in Bewegung bleiben. Das Weitermachen, zur Gemeinschaft beizutragen, für ihre Familien zu sorgen, haben sie zur Lebensphilosophie erhoben. „Ich werde tauchen, bis ich 80 bin – oder bis zum Ende“, sagt Sayuri entschlossen. „Routine ist wichtig. Sie hilft uns, dranzubleiben“, pflichtet Mie ihr bei.
In der Hütte steht ein kleiner Shintō-Hausaltar, der Kamidana. Dort hat Sayuri eine Tasse mit Reis gefüllt, die sie zu Neujahr erneuert. Neben der Schale steckt ein Zweig des Sakaki, einer heiligen Pflanze des Shintō, Japans Volksreligion. Sie gilt als Trägerin göttlicher Kraft und wird in Schreinen und an Hausaltären verehrt. Sayuri wirft die vertrockneten Zweige des Strauchs in die Flammen. Salzige Meerluft mischt sich mit dichtem Rauch. Über den Flammen brutzeln und zischen nun Turbanschnecken und Muscheln. Auf dem Gitter über dem Feuer dreht und wendet sie die Meeresfrüchte.
Sayuri stochert in der Glut. Sie hält inne und blickt auf ihre Hände. Erst kürzlich hatte eine Muräne sie beim Tauchen überrascht. Der Fisch hatte sich in den Felsen versteckt und zugebissen. Eine tiefe Narbe an ihrem Daumen hat sich in die Haut gegraben. Der fehlende Ringfinger ihrer rechten Hand zeugt von einem anderen Unfall beim Fischen. Ihren Töchtern und Enkelinnen rät sie vom Tauchen ab. Zu hart ist das Leben einer Ama, zu bedrohlich.
„Es fühlt sich natürlich an“
Längst ist das Tauchen nur noch ein Teil der Arbeit der Ama. Neben ihrer kleinen Hütte steht inzwischen eine deutlich größere, mit Holzverkleidung statt Wellblech und großen Fenstern zum Meer. Vor über zwanzig Jahren begann die Stadt Toba zusammen mit den Ama, Wege zu finden, um mehr ausländische Gäste anzulocken. So entstand die Idee, die große Ama-Hütte am Ende der Landzunge als Restaurant zu nutzen. Heute servieren Sayuri, Mie und ihre Kolleginnen dort Meeresfrüchte. Mittags bereiten sie Hummer, Abalone und Turbanmuscheln zu, kochen Misosuppe und Reis. Die Frauen sitzen um den Grill, eine fährt mit ihrem Roller los, um neues Bier zu holen, eine andere deckt die kleinen Tische. Ein Reisebus hält und spuckt eine Gruppe Senioren aus Tokio aus. Die Ama begrüßen sie winkend. Längst ziehen die Ama nicht nur Meeresfrüchte aus dem Wasser, sondern Touristen an ihre zerklüfteten Küsten. In der Amagoya posieren die Ama-Frauen für Fotos mit Gästen, fotografieren sie, wie sie Langusten probieren und in die Kamera blinzeln. Viele Touristen kommen mit romantischen und längst überholten Vorstellungen an die Küste. Denn auch das ist Teil ihrer Geschichte: Das verklärte Bild der Ama hat eine lange Tradition. Sie tauchen auf in James-Bond-Filmen oder Romanen. Schon 1925 zierten sie Postkarten. Damals waren die Ama lediglich in weiße Tücher gehüllt. Noch früher trugen die Ama beim Tauchen nichts als ein Fundoshi, eine Art Lendenschurz. Von Dichtern wurden die nackten Frauen aus dem Meer verklärt. Erst als Ende des 19. Jahrhunderts der damalige Kaiser seinen Besuch ankündigte, hielt der Perlen-Züchter Makimoto ihre unbedarfte Nacktheit für unangebracht. Seitdem hüllten sie sich in weiße Tücher. Geblieben ist nur das geweihte Kopftuch, nach alter Tradition gebunden. Die Schutzzeichen wie Saiman und Daemon gelten als Talismane gegen böse Geister und die Gefahren des Meeres, stehen für Sicherheit und Wohlstand. Heute kaufen Touristen Souvenirs mit den Zeichen. Sie finden sich auf den Shirts der Ama, auf Gebäck in Cafés, auf Räucherstäbchen, Tassen, Schmuck, Seife, Hotdogs. Der Tourismus hilft den Ama, ihr Einkommen aufzubessern. Doch manche kritisieren, dass viele Touristen vor allem Ama-Folklore erleben, dass die Kultur verwässert. „Wir sind doch nichts Besonderes“, sagt Sayuri. „Ama zu sein fühlt sich für uns einfach natürlich an.“ Mie nickt. „Ich habe nie bewusst entschieden, Ama zu werden, sondern bin einfach in diese Rolle hineingewachsen.“ Ihre Stimme wird weicher, als sie hinzufügt: „Unsere Verbindung zur Natur, zum Ozean – das lässt sich schwer in Worte fassen.“
Laut den Mythen Japans entstand das Meer aus den Tränen der Götter. Ihren Glauben finden die Ama nicht im Schrein oder in Tempeln, sondern im Meer. Doch vor jeder Tauchsaison im Frühjahr bitten sie um den Beistand der Götter. Dann versammeln sich die Ama von Osatsu an ihrem Schrein und bringen Abalone als Opfergabe. Sie beten für einen reichen Fang, für ihre Sicherheit, für das Wohl des Meeres und all seiner Lebewesen. Der Schrein, gewidmet der „Ehrwürdigen Steingöttin“ Ishigami-san, ist seit der Antike ein Ort, wo die Ama verehrt werden. Und jede Frau, die hierherkommt, hat einen Wunsch frei.
Was sich Sayuri und Mie wünschen, darüber denken sie nicht lange nach. Sie wollen weiter tauchen. „So lange, wie es das Meer es zulässt.“ Und sie hoffen noch eines: dass viele Frauen des Meeres ihnen noch folgen werden.