Ein aktuelles Phänomen moderner Beziehungskultur nennt sich Situationship, eine Mischung zwischen Partnerschaft und Affäre ohne Verpflichtungen.
Es beginnt mit einer Geschichte, die so absurd ist, dass sie fast schon wieder typisch ist. Typisch für das, was man heute eine „Situationship“ nennt. Meine beste Freundin, nennen wir sie Anna, lebt seit Jahren in Düsseldorf. Sie ist 38, alleinstehend, voller Lebenslust und mit einem feinen, fast schmerzhaft ehrlichen Humor ausgestattet. Nach ein paar frustrierenden Episoden in klassischen Dating-Szenarien, inklusive der obligatorischen Kaffees mit Männern, die sich in ihrer Midlife-Crisis verirrt haben, beschloss sie irgendwann, dem digitalen Liebesmarkt über Tinder eine neue Chance zu geben. „Vielleicht bin ich ja reifer geworden“, sagte sie lakonisch, als sie mir erzählte, dass sie jetzt auch auf Frauen steht, oder eher: Frauen trifft. Nicht ausschließlich, aber zunehmend. Fluid halt. Modern.
Für viele ist das die Freiheit der modernen Zeit
So kam es, dass sie vor einigen Wochen ein Date hatte. Es war eine dieser lauen Frühsommernächte, in denen die Düsseldorfer Altstadt vor Leben vibriert, und sie sich mit einer Frau traf, die auf ihrem Profil charmant-intellektuelle Andeutungen machte – Literatur, Feminismus, Indie-Rock. Doch die Situation, die sich ihr bot, war alles andere als romantisch. Die Frau, nennen wir sie Lisa, erschien nicht alleine, sondern brachte „ihre Mitbewohnerin“ mit. Die sich im Gespräch allerdings als feste Freundin entpuppte. Und ja, das wurde auch genau so gesagt. Mit einem Lächeln. Die Freundin saß dabei, trank ihren Wein und nickte gelegentlich anerkennend, wenn Lisa meiner Freundin Avancen machte. „Ich will sie ja nicht stören“, meinte sie sogar irgendwann, während Anna sich innerlich fragte, ob sie sich im Drehbuch einer surrealen französischen Komödie befindet. Lisa, die aktiv Suchende, erklärte dann auch recht bald: „Ich möchte etwas Ernstes. Aber sie nicht. Also guck ich mal.“ Es war nicht ironisch gemeint. Willkommen in der Situationship.
Der Begriff ist eine Wortneuschöpfung aus „Situation“ und „Relationship“, also eine „Beziehungssituation“. Eine nicht klar definierte emotionale oder körperliche Verbindung zwischen zwei Menschen, bei der zentrale Komponenten einer Beziehung vorhanden sind, Intimität, Exklusivität, Regelmäßigkeit, aber ohne offizielle Verbindlichkeit, Absprache oder ein gemeinsames Ziel. Man ist „irgendwie zusammen“, aber nicht wirklich. Man liebt, vielleicht, aber man weiß nicht, ob es erwidert wird. Man teilt Zeit, aber keine Zukunftspläne.
Der Begriff kommt, wie so viele zwischenmenschliche Unschärfen unserer Zeit, aus dem amerikanischen Sprachraum und hat seinen Siegeszug vor allem über soziale Medien und Dating-Apps angetreten. Es ist der perfekte Ausdruck für ein Beziehungsmodell, das keines sein will, aber viele leben. Es beschreibt das, was entsteht, wenn zwei Menschen nicht allein sein wollen, aber auch nicht bereit sind, sich aufeinander einzulassen. Es ist ambivalent. Und es ist oft einseitig.
Natürlich: Solche Konstellationen gibt es auch auf dem Dorf. Aber sie gehören zur DNA des urbanen Lebens. In Städten wie Düsseldorf, Berlin, Köln oder Hamburg, wo berufliche Mobilität, kreative Lebensentwürfe und Selbstverwirklichung in den Vordergrund treten, ist die klassische romantische Beziehung längst nur noch eine Option unter vielen. Situationships funktionieren hier fast wie ein Beziehungsbetriebssystem, das sich jederzeit neu konfigurieren lässt, je nach Bedürfnislage, Tinder-Match oder seelischer Wetterlage.
Man will Nähe, aber keine Abhängigkeit. Man wünscht sich Verbindlichkeit, aber keine Verpflichtung. Für viele ist das die Freiheit der Moderne. Für andere ein emotionaler Schleudergang. Situationships bieten Flexibilität. Keine Verpflichtungen, kein Drama, keine engen Korsetts von „Wir müssen jetzt …“. Das Modell erlaubt es Menschen, sich emotional auszuprobieren, Grenzen zu verschieben, Zeit zu teilen, ohne dabei das volle Beziehungsprogramm absolvieren zu müssen. Gerade für Menschen, die frisch aus einer langen Partnerschaft kommen, sich beruflich verändern oder einfach nicht wissen, was sie eigentlich wollen, kann diese Form des Zusammenseins eine willkommene Übergangsphase sein.
Aber genau darin liegt auch die Krux. Denn Situationships sind fast immer asymmetrisch. Einer will mehr. Einer hängt mehr. Einer interpretiert mehr. Und der andere … schweigt oder flüchtet. Es ist eine ständige Verhandlung mit unausgesprochenen Verträgen. „Wir haben nie darüber geredet“, wird zum zentralen Satz dieser Konstellationen. Kommunikation ist vage. Gefühle sind implizit. Verbindlichkeit ist ein Tabu.
Die Geschichte meiner Freundin zeigt, wie grotesk dieses Modell manchmal wird. Dass eine Frau ihre Partnerin zum Date mitbringt, mit der Begründung, dass sie eh keine Beziehung will und deshalb kein Problem darin sieht, dass ihre Freundin auf Dates geht, ist eine Parodie auf das, was eigentlich eine offene Beziehung sein könnte. Aber es ist keine echte Offenheit, sondern ein Mangel an Auseinandersetzung. Es ist der Wunsch, alles zu haben, ohne etwas zu verlieren. Eine emotionale Convenience-Beziehung, in der das Risiko ausgelagert wird – an den Dritten im Bunde.
Fast immer einer, der darunter leidet
Und genau das macht Situationships so gefährlich. Sie suggerieren Freiheit, sind aber oft ein Symptom emotionaler Feigheit. Sie klingen nach Emanzipation, sind aber häufig Ausdruck von Bindungsangst und Egoismus. Es ist kein Zufall, dass der Begriff meist ironisch verwendet wird. Er ist ein Euphemismus für eine Beziehung, die nicht den Mut hat, sich selbst beim Namen zu nennen.
Steigen die Zahlen der Situationships? Empirische Daten gibt es kaum, was auch an der Natur der Sache liegt. Denn Situationships tauchen in keiner Statistik auf. Sie sind zu flüchtig, zu uneindeutig. Aber wenn man mit Menschen spricht, die aktiv daten, egal ob queer oder hetero, dann ist die Antwort fast immer: Ja. Es ist das neue Normal.
Und dennoch: In fast jeder Situationship sitzt jemand, der sich etwas anderes erhofft. Der wartet. Der leidet. Und das macht die vermeintliche Freiheit fragwürdig. Denn der Preis für diese Art von Beziehungsform ist oft die Einsamkeit. Die emotionale Eigenverantwortung wird zur Bürde. Es gibt keinen, der einen auffängt. Keine Regeln, auf die man sich berufen kann. Kein Versprechen, auf das man hoffen darf.
Situationships sind ein Spiegel unserer Zeit. Sie zeigen, wie kompliziert Nähe geworden ist – in einer Welt, die auf Individualismus, Selbstoptimierung und permanente Optionen setzt. Sie sind ehrlich – und genau darin brutal. Wer sich darauf einlässt, muss wissen, dass sie selten zu einer klassischen Beziehung führen. Sie enden meist abrupt, leise oder in einer bitteren Erkenntnis.
Anna lacht heute über ihr absurdes Date. Aber sie hat die App gelöscht. „Ich will jemanden, der weiß, was er will“, sagt sie. Vielleicht ist das altmodisch. Vielleicht aber auch nur menschlich. Und vielleicht ist das, was wir Beziehung nennen, am Ende doch nur eine Situationship, aber mit klaren Absprachen, geteiltem Einkauf und einem zweiten Hausschlüssel.