Wie aus dem Nichts fordert US-Präsident Trump neue Atomtests. Was steckt hinter dem Tabubruch, der selbst für seine Vertrauten überraschend kommt?
Im aktuellen Netflix-Film „A House of Dynamite“ ist das Horrorszenario schon eingetreten: Eine Atomrakete rast über dem Pazifik auf die Vereinigen Staaten zu. Den Überwachungssatelliten entgeht das Geschoss zunächst, niemand weiß, woher es kommt. Russland? China? Nordkorea? Selbst ein durchgedrehter U-Boot-Kapitän kann als Verursacher nicht ausgeschlossen werden.
Was folgt, sind dramatische Szenen. Militärs, Regierungsbeamte und der US-Präsident müssen binnen weniger Minuten entscheiden, ob sie einen Gegenschlag einleiten – und wenn ja, gegen wen und in welchem Ausmaß. Ohne zu viel über die Handlung verraten zu wollen: Es sind Entscheidungen, die über das Fortbestehen der Menschheit entscheiden. Am Ende lässt einen der Film ziemlich verstört zurück.
Zum Glück handelt es sich nur um ein dystopisches Hollywood-Szenario, könnte man meinen. Doch just in dem Moment, in dem der Film die Streaming-Charts emporklettert, meldet sich Donald Trump zu Wort. „Aufgrund der Testprogramme anderer Länder habe ich das Kriegsministerium angewiesen, unsere Nuklearwaffen auf gleicher Basis zu testen“, schrieb der US-Präsident am 30. Oktober auf seiner Nachrichtenplattform Truth Social.
Ankündigung aus dem Nichts
Im Grunde handelte es sich um eine typische Trump-Ankündigung: Sie kommt aus dem Nichts, stiftet maximale Verunsicherung und wird schon am nächsten Tag durch ein anderes Thema ersetzt. Mit dem Unterschied, dass es sich dieses Mal nicht um Strafzölle oder Schimpftiraden gegen die Opposition handelt, sondern um Massenvernichtungswaffen.
Die Äußerung kam auch deshalb überraschend, weil sich Trump in jüngster Zeit regelmäßig als Kandidat für den Friedensnobelpreis inszeniert hat. Von seinen Fans lässt er sich als „Friedenspräsident“ feiern, der zahlreiche internationale Konflikte beendet habe, zuletzt den Krieg zwischen Israel und der Hamas.
Bisher hatte sich Trump immer zurückhaltend zu den atomaren Kapazitäten der USA geäußert. In Bezug auf den Ukrainekrieg warnte er wiederholt vor einer Eskalation und einem „Dritten Weltkrieg“. Nicht einmal den Begriff „Nuklearwaffe“ solle man in den Mund nehmen, hatte Trump noch im September gegenüber Generälen verkündet. Nuklearwaffe sei „ein zweites N-Wort“.
Was seinen plötzlichen Stimmungswandel verursacht hat, ist unklar. Schon seit einigen Wochen verfolgt der Republikaner einen verschärften militärischen Kurs. Im September ließ er das Verteidigungsministerium in Kriegsministerium umbenennen, in Venezuela hat die US-Armee wiederholt Boote versenkt, mit denen angeblich Drogen transportiert wurden. Beweise dafür, dass es sich tatsächlich um Kriminelle handelte, hat die US-Regierung bislang nicht vorgelegt. Im Inland setzt die Regierung derweil die Nationalgarde ein, um gegen Migrantinnen und Migranten vorzugehen.
Dennoch: Mit nuklearen Drohungen hatte sich Trump bislang zurückgehalten. Die „New York Times“ mutmaßt, er verwechsle womöglich Atomtests mit Russlands jüngstem Test eines atomwaffenfähigen Torpedos. Wie die Zeitung betont, hat Russland zuletzt vor 35 Jahren Atombomben getestet. Die letzten chinesischen Sprengversuche liegen 29 Jahre zurück. Das einzige Land, das aus der Reihe fällt, ist Nordkorea. Hier fanden die letzten Versuche 2017 statt.
Fest steht, dass Trumps lapidare Atomtest-Bemerkungen besorgte Reaktionen in den USA, aber auch weltweit ausgelöst haben. Zugleich bemühten sich führende Militärs um Deeskalation. „Ich würde nicht annehmen, dass die Worte des Präsidenten Atomtests meinen“, sagte der zuständige Vizeadmiral Richard Correll bei einer Anhörung im US-Senat. Schließlich hätten weder Russland noch China kürzlich Atomwaffen getestet.
Auch mehrere demokratische Senatorinnen und Senatoren meldeten sich zu Wort. „Ich werde dafür kämpfen, das zu stoppen“, schrieb etwa Jacky Rosen auf dem Portal X. Rosen stammt aus dem Bundesstaat Nevada, in dem das Militär zuletzt 1992 eine Atombombe getestet hat. 1996 kündigte der damalige US-Präsident Bill Clinton einen Teststopp an, der formal zwar nie in Kraft trat. Die führenden Atommächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich haben seither trotzdem keine neuen Atombomben getestet.
Eskalation der Drohungen
Wie häufig bei Trumps Kommentaren halten sie einem Faktencheck auch in diesem Fall nur bedingt stand. So ist in den USA nicht etwa das Kriegsministerium für Atomwaffentests zuständig, sondern das Energieministerium. Auch die Behauptung, die USA hätten die meisten Atombomben weltweit, stimmt nicht: Laut der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen besitzt Russland die meisten Sprengköpfe. Solche Feinheiten werden in der derzeitigen Debatte freilich schnell übersehen. Immerhin geht es um ein potenzielles Wettrüsten.
Sollte es in den Vereinigten Staaten tatsächlich zu neuen Versuchen kommen, wäre Nevada auch diesmal der wahrscheinlichste Ort. Das Armeegelände „Nevada National Security Site“ liegt knapp hundert Kilometer nordwestlich von Las Vegas. Hier hatte die Armee bereits in der Vergangenheit unterirdische Tests durchgeführt. Mehrere US-amerikanische Medien weisen jedoch darauf hin, dass die Anlage veraltet ist. Um sie wieder in Betrieb zu nehmen, könnten Monate, wenn nicht Jahre vergehen.
„Solche Versuche wieder aufzunehmen, wäre extrem gefährlich und würde unseren Feinden mehr nutzen als den Vereinigten Staaten“, sagte Corey Hinderstein von der Denkfabrik „Carnegie Endowment for International Peace“ dem Nachrichtensender NPR. Immerhin könnten sie so ihre neuesten Waffen verfeinern – der Kreml droht bereits mit eigenen Versuchen, sollten die USA ihre Experimente wieder aufnehmen.
Zugleich warnte Hinderstein, dass auch bei unterirdischen Experimenten Radioaktivität freigesetzt werden könne. Die Gefahr von Erdbeben dürfe man ebenfalls nicht unterschätzen. Die Tests könnten Gebäude bis nach Las Vegas erschüttern, warnte Hinderstein. „All diese Hochhäuser – inklusive dem Trump-Hotel – sind nicht für massive seismische Aktivitäten konstruiert.“
Es mag zynisch klingen, aber die Anspielung auf sein Hotel verschreckt Trump am Ende wahrscheinlich mehr als jegliche Angst vor Aufrüstung und Atomkrieg. Oder er nimmt sich zwei Stunden Zeit und schaut „A House of Dynamite“. Danach dürfte selbst Hardlinern nicht mehr nach Atomkrieg zumute sein.