Nicht mehr nationalistisch, sondern weltoffen: Ungarns Wahlsieger Péter Magyar will sein Land neugestalten. Eine große Aufgabe nach 16 Jahren Viktor Orbán.
Wer dieser Tage durch Ungarns Städte, Dörfer und Landschaften streift, spürt es sofort: Der Frühling ist da. Rund um den Plattensee leuchten Tulpen als Vorboten von Neubeginn und Erneuerung. In der Stadt Debrecen setzen Gärtner ein ehrgeiziges Aufforstungsprogramm für 30.000 Zierbäume und 40.000 Forstsetzlinge fort. Die ungarische Bahn hat die Ausflugssaison gestartet und bietet mehr Verbindungen rund um Budapest. Überall haben Cafés geöffnet, Festivals beginnen, das Leben kehrt nach draußen zurück.
Doch in diesem Jahr ist der Frühling in Ungarn anders. Sechzehn Jahre nach der ersten Regierungsübernahme von Viktor Orbán weht ein neuer politischer Wind durch das Land – politisch wie gesellschaftlich. Die frische Luft kommt aus dem Országgyűlés, dem prächtigen Parlament an der Donau, wo Péter Magyar nun die Mehrheit stellt.
Klare Entscheidung für Europa
Der 46-jährige Ex-Diplomat hat sein junges Oppositionsbündnis zum Sieg geführt – gegen den vermeintlich unbesiegbaren Amtsinhaber. Bei außergewöhnlich hoher Wahlbeteiligung gaben die Ungarn dem Christdemokraten das Mandat für einen politischen Neustart. Nach Jahren muffiger Stagnation soll nun eine Frischluftära starten.
Das Ende Orbáns ist für Ungarn und Europa mehr als ein Regierungswechsel. Es markiert den Systembruch mit einer Figur, der die SPD-Europaabgeordnete Katarina Barley „eine diabolische Genialität“ bescheinigt. Orbán herrschte mit einem – laut Brüsseler Ermittlungen – korrupten Geflecht aus politischer Macht, wirtschaftlicher Loyalität und institutioneller Kontrolle.
Dass Orbáns Gebäude bröckeln konnte, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis schleichender Erosion. Viele Ungarn haben Orbán nicht mehr geglaubt. Sein Stabilitätsversprechen klang zunehmend nach Stillstand, die beschworene nationale Souveränität erinnerte an Isolation und der Ruf nach Stärke wirkte wie Selbstabschottung von Rest-Europa.
Vor allem die junge Generation hat sich abgewandt. Sie will „frei sein von der Hasspropaganda“, schildert die österreichische Newsplattform Standard. Für viele Erstwähler sei Europa kein Gegner, wie Orbán trotz Brüsseler Milliardensubventionen immer wieder behauptete, sondern ein Zukunftsversprechen in Freiheit.
Magyar hat die Stimmung der Jungen bei seinen Auftritten ebenso getroffen wie die Sorgen der Älteren über Inflation, Bürokratie und wirtschaftliche Unsicherheit. Der Aufstieg des einstigen Orbán-Parteigängers ist ein Lehrstück moderner Politik: Da war kein lauter Oppositionskämpfer am Werk, sondern ein Insider, der das System kennt – und daher glaubwürdig kritisiert.
Der Jurist, ausgebildet auch in Deutschland, hat Erfahrung in Staatsunternehmen und EU-Fragen. Er verbindet wirtschaftliche Kompetenz mit politischer Angriffslust. Seine Botschaft ist klar: Veränderung ohne Risiko, Erneuerung ohne radikalen Bruch. Damit überzeugte Magyar selbst bisherige Orbán-Wähler.
Im Wahlkampf verschob Magyar die Themen: Korruption statt Kulturkampf, realer Alltag statt Ideologie, Zukunft statt Vergangenheit. Magyar sprach über Lebensrealität – und traf damit einen Nerv. Orbán dagegen schürte Ängste, etwa vor Migration, beschwor die angeblich gefährdete nationale Souveränität und malte Brüssel als Feind – das nahmen ihm viele nicht mehr ab.
Besonders wirksam war Magyars Fokus auf wirtschaftliche Missstände. Immer wieder griff er die Verflechtung von Politik und Wirtschaft an und kündigte an, „industrielle Korruption gezielt zu bekämpfen“. Da sprach kein Revoluzzer, sondern ein Korrektiv – konservativ im Wertekanon, aber offen und proeuropäisch.
Besonders deutlich wird der Kurswechsel in der Sicherheitspolitik. Magyar will die Verteidigungsausgaben erhöhen, Korruption in dem Sektor bekämpfen und das Vertrauen der Nato-Partner wiederherstellen. Schluss mit Kreml-Kriecherei und China-Charmieren. Ungarn rückt zurück in den westlichen Mainstream.
Reformdruck vom ersten Tag an
Nun allerdings beginnt die eigentliche Herausforderung. Magyar muss ein ganzes System verändern, ohne den Staat zu destabilisieren. Es geht darum, den Rechtsstaat wiederherzustellen, die Medien zu pluralisieren und politische Einflussnahme zurückzudrängen – alles ambitionierte Ziele. Auf Knopfdruck geht da gar nichts.
Das Problem: Orbáns Netzwerke in Politik, Ministerien, Wirtschaft und Medien bleiben bestehen. „Was auch immer kommt, wir werden auch in der Opposition der Heimat dienen“, versprach Orbán am verlorenen Wahlabend. Das klang nicht wie das Anerkenntnis einer Niederlage, sondern eher wie eine Drohung. Ähnlich sieht es der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky: „Er will pure Panik schüren und nutzt die Sorgen und Ängste der Menschen aus.“ Die Frage könnte nicht sein, was Magyar will, sondern wie weit er kommt.
Für die EU ist die Wahl von Budapest zunächst jedenfalls ein Befreiungsschlag. Unter Orbán war Ungarn oft Blockierer – bei Sanktionen gegen Russland, bei Hilfen für die Ukraine, bei außenpolitischen Entscheidungen. Bei Magyar kann Brüssel mehr Kooperation kalkulieren.
Das geopolitische Gleichgewicht ändert sich, jubelt seine Parteifreundin und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: „Ein Land findet seinen Weg nach Europa zurück.“ Wahr ist: Wladimir Putin verliert einen verlässlichen EU-Störfaktor. Er war dessen „wertvollster Agent im Westen“, sagt der frühere ungarische Außenminister Peter Balazs.
Auch in Washington schaut man genau hin – und in die Röhre. Hatte Donald Trump dem Orbán doch im Wahlkampf massive Unterstützung zukommen lassen. Er ließ Außenminister Marco Rubio zum Fototermin mit Orbán einfliegen. Dann flehte Trump-Vize JD Vance die Ungarn wenige Tage vor der Wahl an: „Wählt Orbán!“ Ohne Erfolg. Das Land der Puszta und der Paprika hat gezeigt, dass scheinbar zementierte Systeme veränderbar sind.
In den Magyar-Jubel mischt sich aber auch vorsichtige Skepsis. Denn Wahlen entscheiden über Macht – aber nicht automatisch über Veränderung. Der neue Hoffnungsträger und sein bunter Wahlverein brauchen Durchschlagskraft, um Ungarn wieder zur echten Demokratie zu machen. Dazu braucht Magyar die Milliardenzuflüsse an EU-Mitteln, die Brüssel jahrelang wegen Korruption und Demokratieverstößen zurückgehalten hat und nun auszahlen dürfte. Denn in der Politik kostet Frühling etwas und er sprießt nicht von selbst – auch im schönen Ungarn nicht.