Er nennt sich Der Graf und gehört mit seiner Gruppe Unheilig zu den bis heute erfolgreichsten deutschsprachigen Künstlern. Ende 2025 beendete der Aachener seine zehnjährige Pause vom Musikgeschäft. Mit dem 55-Jährigen sprachen wir über Bühnenstürze, wahre Liebe und böse Geister.
Wie fühlt es sich an, als Künstler nach so langer Pause wieder in der Öffentlichkeit zu stehen?
Es ist unwirklich, aber auch schön. Vor allen Dingen machen wir hier nach zwölf Jahren wieder ein Interview, das hätte ich nie gedacht. Es fühlt sich super an, ich liebe es, über das neue Album zu reden.
Sie haben Ihr Studio damals verschenkt. Wieso das?
Ich wollte es gerne loshaben und dachte, ich gebe es den Leuten, die damit mehr anfangen können als ich. Also habe ich es 2016 nach meinem letzten Konzert verschenkt. Ich habe meine Handynummer geändert und meine Frau und ich haben das Haus verkauft. Unser Leben hat sich komplett geändert. Bis Anfang 2025 habe ich gedacht, dass ich nie wieder Musik mache und man mich nie wieder irgendwo sehen wird. Ich bin eigentlich ganz einfach gestrickt; wenn ich mein Wort gebe, kann man sich auch hundertprozentig darauf verlassen. Das dann zu brechen, war meine größte Hürde. Ohne diesen Wake-up-Call hätte ich es nicht getan.
Haben Sie in der Zeit des Exils neue Lieder geschrieben?
Ja, aber nur für mich allein. Eine Rückkehr hatte sich für mich nicht richtig angefühlt, ich wusste auch nicht, in welcher Form ich es hätte machen sollen. Früher haben wir das komplette Live-Geschäft selber organisiert, ich wollte aber nicht mehr für alles verantwortlich sein. Denn wenn du als Künstler plötzlich Existenzängste bekommst und dir keine neuen Lieder einfallen, müssen sich alle deine Mitarbeiter einen neuen Job suchen. Das hat mich sehr unter Druck gesetzt. Ich hatte auch das Gefühl, in meinen Liedern nichts mehr zu sagen zu haben. Mein Korsett wurde immer enger durch den Erfolg.
Der Verdacht auf einen stillen Herzinfarkt hat schließlich zu Ihrem Comeback geführt. Haben Sie das noch im Krankenhaus entschieden?
Ich bin regelmäßig zur Vorsorge gegangen und hatte immer einen Blutdruck an der Oberkante. Bei einem Check Anfang 2025 war er bei 190 zu 110 und ging nicht mehr runter. Der Kardiologe schickte mich in die Notaufnahme mit dem Verdacht auf einen stillen Herzinfarkt. Ein Scheißgefühl! Ich begann, mich zu fragen, ob ich in Zukunft überhaupt noch die Dinge tun kann, die ich gerne noch einmal machen will. Am Ende war es kein Infarkt, und zu Hause las ich dann eine E-Mail: Der Rapper Kontra K wollte von meinem Manager Markus wissen, ob er „Geboren um zu leben“ aufnehmen dürfe. Da ich an solche Zeichen glaube, habe ich meinem Manager erzählt, dass ich gerne noch mal etwas machen wolle, aber nicht wisse wie. Wir haben eine Nacht drüber geschlafen und entschieden, dass ich zurückkehre, aber viele Dinge anders machen werde, damit dieser große Druck nicht wiederkommt. Und jetzt freuen sich die Menschen tatsächlich auf mich. Das ist schon krass. Aber die Welt hat sich geändert. Heute muss man zwei Jahre im Voraus Konzerttermine für große Locations buchen. Es war toll, wieder aufzutreten, aber mit einigen Hürden verbunden, wie sich gezeigt hat. Selbst mit kaputten Zähnen kann man ein Konzert zu Ende spielen. Und auf einem Bein geht es auch.
Wie geht es Ihnen nach dem Bühnensturz bei Ihrem Comeback-Konzert im November 2025 in Leipzig?
Nach dem Sturz waren meine Zähne wirklich krumm und kaputt, der Oberkiefer war gebrochen. Aber alles ist wieder gut. Viele denken, die Comeback-Tour sei vom Pech verfolgt, aber ich sehe es eher positiv. In diesem Moment der Hilflosigkeit hat sich nämlich gezeigt, was für ein tolles Team vom Schlagzeuger bis zum Tonmann ich habe. Meine Frau ist jetzt auch immer dabei. Die sind sofort zu ihr gegangen und haben sie beruhigt. Alle meinten, wir kriegen das hin, wenn du die Show gerne weiterspielen willst. Auch vom Publikum bekam ich jede Menge Wertschätzung. Für mich ist diese Tour eine Offenbarung.
Dieser schmerzhafte Vorfall hat auch gezeigt, dass Sie durch und durch Profi sind.
Danke schön. Ich glaube, als Künstler hat man da oben eh ein paar Synapsen falsch angeschlossen, sonst würde man diese Risiken nicht eingehen. Es war wirklich ein gewagtes Unterfangen von mir, denn die Zähne waren kaputt und man hat nicht gesehen, ob im Nacken etwas gebrochen war, denn mein Kopf ist beim Aufprall nach hinten geschlagen. Ich hatte wirklich einen Schutzengel. Ich dachte auch, dass ich jetzt nicht gehen kann, weil es das erste Konzert nach neun Jahren war. Die Zähne waren da zwar ein bisschen krumm, aber mir war weder schwindlig noch übel. Ich hatte auch keine Probleme mit den Augen. Als Ex-Bundeswehrsanitäter weiß ich schon recht viel. Mein Nacken wurde zwar immer steifer während des Konzerts, aber es ging. Wenn du Künstler bist, bist du für die Bühne geboren. Diese Dankbarkeit, dass man das machen darf, kann man nicht mit Worten erklären. Mir hat das gezeigt: Dieser Weg zurück zur Bühne war absolut richtig.
Die Zeiten haben sich sehr geändert. Was erzählt die Musik auf Ihrem neuen Album „Liebe Glaube Monster“ über uns und die Gegenwart?
Das Lied „KI“ etwa hätte ich vor zehn Jahren nicht schreiben können. Auch „Brot und Spiele“ spiegelt den Zeitgeist wider. Die Menschen lassen sich durch Events ablenken, weil sie ihr Glück nicht von den morgendlichen Nachrichten abhängig machen wollen. „Liebe Glaube Monster“ ist eine Reflexion meines Lebens bis heute. Neben dem Persönlichen ist da auch ganz viel Aktuelles drin. Das Lied „Spiegel“ dreht sich um das Tragen dieser ganzen Masken; dass man sich operieren lässt, um besser oder perfekter auszusehen. Man kriegt heutzutage oft nicht mehr die Wahrheit gesagt, weil dir viele nach dem Mund reden. Das Album ist ein Rückblick auf die letzten 55 Jahre. So alt bin ich jetzt und fast so lange kenne ich meine Frau schon.
Die Power-Ballade „Du bist meine Heimat“ haben Sie für Ihre Frau geschrieben.
Weil ich ihr alles zu verdanken habe. Als ich vor zehn Jahren mit dem Musikmachen aufhörte, sagte sie, wir gehen diesen Weg jetzt gemeinsam und sie verdiene fortan das Geld. Ohne sie hätte ich das gar nicht machen können. Dazu kommen ihre psychologischen Aufbauarbeiten, die sie mit mir als Künstler immer machen musste, damit ich die ewigen Zweifel überstand. Und das Lied „Monster“ ist ein Rückblick auf meine Kindheit. Das Album ist eine Auseinandersetzung mit dem Älterwerden. Ich frage mich manchmal: Wo bin ich in zehn Jahren? Man hat eigentlich nur eine kleine Zeitspanne, in der man möglichst viel machen muss, damit man irgendwann vielleicht zufrieden zurückblickt. Bei meinen Eltern sehe ich jetzt, dass sie aufgrund ihres Alters keine großen Sprünge mehr machen können.
Das Lied „Mein Löwe“ haben Sie Ihren Eltern gewidmet, speziell Ihrer derzeit sehr kranken Mutter, die immer Ihr „Löwe“ war. Was haben Sie Ihrer Mutter speziell zu verdanken?
Meine Mama war in meiner Kindheit immer für mich da. In den 80ern wusste in der Schule niemand, wie man mit einem Kind mit einem Sprachproblem umgehen soll. Für die Lehrer war jemand, der nicht richtig reden konnte und stotterte, einfach dumm. Wer keine mündliche Note macht, bekommt eine Sechs. Ich habe mich nicht gemeldet, weil ich Angst hatte, vor der Klasse zu sprechen. Das war immer ein Kampf. Meine Mutter ist dann wie eine Löwin zu den Lehrern gegangen und sagte, ihr Sohn wird alles können. Ihr müsst da nur dran glauben. Immer wenn ich am Boden zerstört nach Hause kam, weil ich mir nichts anderes wünschte, als normal zu reden, hat sie mich aufgebaut.
Wie hat sie das gemacht?
Sie klebte überall kleine Motivationszettel dran: Du kannst das, du schaffst das! Ihr habe ich extrem viel zu verdanken, gerade in der Nachkriegszeit, in der Eltern eher konservativ erzogen waren. Viele Väter waren ohne eigenen Vater aufgewachsen und hatten nicht gelernt, mit bestimmten Dingen umzugehen. Damals hieß es, man müsse studieren und möglichst Anwalt oder Arzt werden. Musiker, das waren in deren Augen diejenigen, die am Bahnhof mit der Gitarre stehen und niemals etwas auf die Kette kriegen. Meine Mama aber hat immer an mich geglaubt. Aus dem Grund habe ich ihr ein Lied geschrieben, weil abzusehen ist, dass sie nicht mehr so lange lebt. Dass ich 2016 aufgehört hatte, Musik zu machen, konnte sie nicht verstehen. Das war für sie schlimm, denn ich war ihr ganzer Stolz.
Gehört das Stottern für Sie zu den Monstern, „die überall sind“?
Ja, die sind immer bei mir, bei jedem Interview sitzen sie in meinem Nacken, und ich muss dagegen ankämpfen. Heutzutage haben Außenstehende damit überhaupt kein Problem mehr. Aber ich habe es, weil es mein Anspruch ist, es gut zu machen. Das war schon immer so. Wenn ich kleben bleibe, möchte ich Menschen nicht das unangenehme Gefühl geben, wie sie damit umgehen sollen. Ich bin selbst mein größter Gegner in allen Dingen. Ich mache mir immer zu viele Gedanken, und gegen diese Monster kämpfe ich an. Neben den menschlichen Monstern, die meinen, Jugendlichen ihr antiquiertes Weltbild aufdrücken zu müssen. Gerade junge Menschen, die künstlerisch begabt sind, werden oft kleingehalten und nicht so ernst genommen wie jemand, der sagt, er wolle Arzt werden.
Gab es in Ihrer Karriere eine Art Förderer?
Ja, meine Frau. Wir waren schon zusammen im Kindergarten, in der Grund- und der Realschule. Sie war dabei, als ich mir die ersten Instrumente kaufte. Sie hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich ein Sprachproblem habe. Das existierte für sie gar nicht. Sie hat mich immer ermuntert und unterstützt und mehr an mich geglaubt als ich selbst. Ich wollte eigentlich schon 2009 aufhören mit Musik, weil ich nach neun Jahren immer noch nicht in der Lage war, eine Familie zu ernähren. Da meinte meine Frau, ich solle erst mal abwarten, denn das nächste Album, das „Große Freiheit“ hieß, war da gerade fertig. Der Rest ist Geschichte.
Sie bezeichnen sich als sehr gläubig, bräuchten aber keine klassische Religion. Gibt es ein höheres Wesen, gibt es Gott?
Ja, da bin ich mir ganz sicher. Das muss jetzt nicht der Mann mit einem langen Bart sein, der auf einem großen Stuhl sitzt, aber ich glaube, dass wir alle irgendwo herkommen und uns auch dahin wieder zurückziehen.
Wann haben Sie zuletzt gebetet?
Ich komme aus Aachen, der katholischsten Ecke Deutschlands, ich bete und bekreuze mich vor jedem Auftritt, dass man mir die Kraft gibt, damit klarzukommen. Aber regeln muss ich es schon selber.