Wie geht Nachhaltigkeit, was tun andere und warum gibt es so was nicht bei uns? Über 50 Studierende aus 20 Nationen haben sich damit bei zwei Sommerakademien an der Europäischen Akademie Otzenhausen auseinandergesetzt. Mit überraschenden Ergebnissen.
Dass ein Strohhalm auch aus Papier oder etwas anderem sein kann als aus Plastik – für uns inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Nicht so für junge amerikanische Studierende, die eher darüber erstaunt waren, dass so etwas geht.
Es ist nur eins von vielen Beispielen, von denen Jana Stehlíková berichtet. Sie ist Leiterin von zwei internationalen Sommerakademien, die an der Europäischen Akademie Otzenhausen stattfanden. Diesmal allerdings mit einem Experiment, oder, wie es Stehlíková sagt, mit einem „Pilotprojekt“.
Studierende aus rund 20 Nationen, die meisten aus Europa, viele aber auch aus Amerika, Afrika und Asien, sollten sich gemeinsam Gedanken machen über die Zukunft, Visionen entwickeln konkret zum Thema Nachhaltigkeit.
Große Vielfalt der Perspektiven
Das Besondere an diesem Pilotprojekt: Eigentlich gab es zwei Sommerakademien. Einmal den traditionellen European Summer Course, veranstaltet mit dem Europainstitut der Universität des Saarlandes und anderen Partnern wie der Asko Europa-Stiftung. Dafür konnten sich Studierende bewerben. Und es gab eine Sommerakademie in Zusammenarbeit der Europäischen Akademie mit der Kennesaw State University in Georgia/USA, die von besonders erfolgreichen Studierenden (sozusagen als Belohnung) besucht werden konnte.
Erstmals haben diese beiden Veranstaltungen gleichzeitig stattgefunden. „Damit lässt sich unser Ziel, internationale Begegnung, umso besser erreichen“, betont die Leiterin. Und mehr noch: Die Parallelen wurden inhaltlich mit dem Thema Nachhaltigkeit verzahnt. „Unser Ziel war, uns in dieser vielfältigen Gruppe anzuhören, was die jungen Menschen aus der ganzen Welt, von unterschiedlichen Kontinenten, zu dem Thema Nachhaltigkeit sagen können.“
Spannend dabei war die Vielfältigkeit in der Zusammensetzung der Teilnehmenden, sowohl was die Herkunft als auch was die inhaltlichen Hintergründe betrifft, wie Jana Stehlíková erläutert. „Bei dem Seminar mit dem Europainstitut laden wir jedes Jahr 30 bis 40 Teilnehmende aus der ganzen Welt ein, die Rechtswissenschaften studieren oder sich für Europa- und Rechtswissenschaften interessieren.“ Dagegen kommen die Amerikaner von einer Hochschule, aber aus acht verschiedenen Fakultäten, also mit unterschiedlichen Schwerpunkten. „Das erste Seminar ist vielfältig durch die Länder und die verschiedenen Perspektiven, die andere Gruppe durch die Vielfalt an Disziplinen. Das zu kombinieren war wirklich faszinierend und spannend.“
Zumal auch die grundsätzlichen inhaltlichen Schwerpunkte für beide Gruppen unterschiedlich ausgerichtet waren. Ging es bei der „transatlantischen Sommerakademie“ der amerikanischen Gruppe stärker um Fragen von Demokratie und Autokratie, Freiheit und Menschenrechte, standen bei der anderen Gruppe verstärkt Themen wie Rohstoffabhängigkeit und Sicherheit, Resilienz und Souveränität Europas im Vordergrund. Es ging also um aktuelle Krisen und die Frage nach Lösungen.
Und dann gab es ein Thema, bei dem sich „alle zusammengefunden haben, nämlich Nachhaltigkeit“. Gruppen, die jeweils aus Teilnehmenden beider Akademien zusammengesetzt waren, beschäftigten sich mit einzelnen Punkten der „Sustainable Development Goals“, den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. „Die konkrete Aufgabenstellung dabei: Es gibt nur vier Jahre Zeit, um diese Ziele zu erreichen. Die Aufgabe für die Jugendlichen dabei: Wie kann man Partner, Stake-
holder dafür gewinnen, diese Ziele zu erreichen?“ Am Ende präsentierten die 51 Teilnehmenden aus der ganzen Welt dann gemeinsam ihre Ergebnisse.
Und dann war die Welt gerettet? Nicht ganz, „aber wir haben ja noch vier Jahre“, schmunzelt Jana Stehlíková. Im Ernst hat der Austausch so vieler unterschiedlicher junger Menschen gezeigt, wie vielfältig die Perspektiven auf das Zukunftsthema Nachhaltigkeit sind, und darauf, was wichtig ist, und wo auf dem Weg dorthin auch schon unterschiedliche Stärken liegen. „Es war die Frage, wie viel Wind- und Solarenergie in Deutschland hergestellt wird. Oder wie Recycling geht, mit einem Müll- oder Pfandsystem. Und dann ist die Frage aufgetaucht: Warum haben wir das nicht? Spannend ist dann etwa, wenn sich Spanier, Polen oder Deutsche Gedanken darum machen, warum es das woanders so gibt oder nicht gibt. Sind es kulturelle Gründe, oder liegt es daran, dass man das einfach nicht gewohnt ist?“ Und wenn es um Lösungen ging, kamen die verschiedenen Perspektiven zum Tragen: „Die Juristen kommen immer mit einem Vorschlag, was juristisch getan werden muss, Politikwissenschaftler damit, was Politiker machen müssen. Dadurch, dass jetzt unterschiedliche Disziplinen dabei waren, kam es zu einem anderen Austausch.“
So richtig konkret wurde es dann bei dem schon erwähnten Strohhalm. „Wir waren zusammen im Eurobistro, und die Amerikaner waren erstaunt, dass es Strohhalme aus Papier gibt, sie kennen nur Strohhalme aus Plastik. Dann haben sie gefragt: Warum machen wir das also nicht auch so? Und dann diskutiert die Gruppe Vor- und Nachteile.“
Mit Anderssein und Konflikten umgehen
Ein Beispiel dafür, dass die Intention der Akademie trägt: „Unser Format ist Begegnung, und das gibt den Leuten die Möglichkeit, sich auszutauschen und an solchen konkreten Beispielen aus dem Alltag auch zu grundsätzlichen Fragen zu kommen: Was haben wir gemeinsam, wo haben wir Unterschiede, und was sind die Gründe?“ So verzahnt sich der Austausch über konkrete Fragen mit dem Ziel, interkulturellen Dialog zu fördern, Verständnis zu entwickeln, warum es bei anderen anders ist – und voneinander zu lernen. Was als Erkenntnis in Sachen Nachhaltigkeit bleibt, ist eine große Nachdenklichkeit, die die Leiterin stichwortartig zusammenfasst: „Vier Jahre ist einfach viel zu wenig Zeit. Es gab immer wieder die Frage, ob das überhaupt umsetzbar sei. Ein Teilnehmer hat dann gesagt: ,Man sollte nicht immer so klein denken.‘ Auf der anderen Seite geht es auch darum, mit kleinen Projekten die Leute für Nachhaltigkeit zu gewinnen. Und einer hat gesagt: ,Ja, manchmal dauert es zwei Jahre für ein Projekt, aber das ist kein Grund, sich nicht dafür zu engagieren.‘ Gleichzeitig gab es die Frage, wie man Dinge auf das eigene Land übertragen kann.“ Etwa die eben schon erwähnten Strohhalme. Es gab auch gemeinsame Erkundungstouren im europäischen Dreiländereck: Straßburg, Trier, Schengen (und natürlich zum keltischen Ringwall).
Dabei löste ganz ungeplant eine Beobachtung Diskussionen aus: Stolpersteine. Für viele, vor allem Teilnehmende aus den USA, war das etwas überraschend Neues, das schnell auch zu Gesprächen über aktuelle Ereignisse und die aktuelle Politik führte: Ausgrenzungen, Diskriminierungen, Gewalt, den Umgang mit der jeweils eigenen Geschichte. Und dann waren die jungen Menschen schnell auch bei Fragen zum Umgang mit People of Color, und die jungen Amerikaner fragten sich, ob sie in ihrem Land nicht auch so etwas wie Stolpersteine für die Opfer von Gewalt bräuchten. Fazit am Ende: „Aus den Rückmeldungen, die ich bekomme, kann ich sagen: Sichtbar ist ein ganz deutlich besseres Verständnis für interkulturelle Kommunikation und interkulturelle Begegnung, vor allem, dass Dinge, die ich als ganz alltäglich, selbstverständlich empfinde, gar nicht so selbstverständlich sind.“ Das zu reflektieren – und dabei auch zu lernen, mit dem Anderssein und Konflikten umzugehen, ist und bliebt eine der wichtigsten Intentionen.