Sophie Turner stiehlt in diesem straff inszenierten Heist-Thriller als zwielichtige Heldin allen Beteiligten die Show. Temporeich und mit vielen überraschenden Wendungen ist „Steal“ beste Serien-Unterhaltung.
Wieder so ein lähmend sinnloser Vormittag im Glasturm-Büro der Pensionsfonds-Investmentgesellschaft Lochmill Capital in Londons Finanzzentrum. Die Finanzassistentin Zara Dunne (Sophie Turner) weist die neue Praktikantin Myrtle Clarke (Elóise Thomas) ins Tagesgeschäft ein – und betont dabei die wichtigste Office-Information: zu wissen, wo die guten Kekse zu finden sind. Die lethargische Stimmung ändert sich schlagartig, als plötzlich eine Gruppe maskierter Gentlemen-Gangster auftaucht und die ganze Belegschaft mit Waffengewalt in Schach hält. Der Anführer (Jonathan Singer) pickt sich Zara und ihren Kollegen Luke Selborn (Archie Madekwe) heraus, damit sie via Internet vier Milliarden Pfund aus einem Pensionsfonds auf ein Konto auf den British Virgin Islands überweisen. Zara kommt, nach einigem Zögern, der Aufforderung nach. Und obwohl einer der Gangster ihr eine Pistole an den Kopf hält, bleibt sie während der Transaktion bemerkenswert cool. Danach verlassen die Gangster die Räume von Lochmill Capital ebenso lautlos, wie sie gekommen sind.
Bemerkenswert cool mit Pistole am Kopf
Der Chefermittler der Polizei, Inspector Demetrius Rhys Covaci (Jacob Fortune-Lloyd), steht ob des mit geradezu klinischer Präzision ausgeführten Raubes vor einem Rätsel. War dieser perfekte Heist etwa ein Insider-Job? Wenn ja, wer von der Belegschaft hat den Gangstern dabei geholfen? Und wer sind die Drahtzieher hinter dem Coup? In der Firma selbst werden Luke und vor allem Zara jedenfalls als Helden gefeiert, da sie sich trotz der lebensgefährlichen Bedrohung so klug und umsichtig verhalten haben. Doch es dauert nicht lange, da geraten Luke und Zara dann doch ins Visier der Polizei. Im Laufe der Zeit kommt nämlich heraus, dass sowohl Luke als auch Zara fünf Millionen Pfund in Bitcoins erhalten haben – anstatt der vereinbarten 100.000 Pfund in bar. Aber von wem? Wer zieht hier die Fäden? Zara versteckt den Crypto-Stick im Haus ihrer alkoholkranken Mutter Haley (Anastasia Hille) und meint, dadurch aus dem Schneider zu sein. Ein verhängnisvoller Irrtum, wie sich bald herausstellt. Luke wächst die Sache langsam über den Kopf, er wird wegen der akribischen Nachforschungen der Polizei immer nervöser. Der Überfall auf Lochmill Capital zieht immer weitere Kreise. Ein facettenreiches Katz-und-Maus-Spiel beginnt, bei dem der Zuschauer nie genau weiß, wer die Katz ist – und wer die Maus.
Die Spannung nimmt mit jeder Folge zu
Erfunden hat den clever-vertrackten Thriller der britische Drehbuchautor Sotiris Nikias („Cafe 404“). Seine Story lag bei den beiden Regisseuren – Sam Miller („Luther) und Hattie Macdonald („Normal People“) – in sehr guten Händen. Denn wie es ihnen von Episode zu Episode gelingt, die Spannung zu steigern, ohne sich dabei an die Sehgewohnheiten im von Algorithmen gelenkten Streaming-Fernsehen anzubiedern, ist absolut bemerkenswert. Es wurde auch nicht vergessen, den wichtigen Playern in diesem Spiel jeweils eine Backstory zu geben, die nach und nach ihre Motivationen enthüllt. So findet zum Beispiel Zara es völlig ungerecht, dass sie für den Job als Finanzassistentin zwar überqualifiziert ist, bei der Beförderung jedoch sträflich übergangen wird. Während sie ein vergleichsweise mäßiges Gehalt bekommt, streichen die Chefs von Lochmill Capital jährlich Boni in Millionenhöhe ein. Da kann einem schon mal der Gedanke kommen, ob und wie das eventuell – zum eigenen Vorteil – korrigiert werden könnte. Bemerkenswert auch, dass es bei permanent durchgedrücktem Action-Gaspedal noch Zeit und Szenen gibt, um über die Unmoral von Geld – als Wurzel allen Übels – zu meditieren. Hier trifft eine wohl durchdachte Verschwörungstheorie dann tatsächlich auch mal ins Schwarze.
Dreh- und Angelpunkt dieses Heist-Thrillers ist ganz klar Sophie Turner als Zara. Turner war gerade 14 Jahre alt, als sie in der Kultserie „Game of Thrones“ (2011 bis 2019) die Sansa Stark spielte, eine der tragenden Hauptrollen. Es war sicher nicht einfach, sich von einer so ikonografischen Rolle freizuspielen. Aber ihr ist es tatsächlich geglückt. Wie sie in zwei „X-Men“-Kinofilmen und in Serien wie „The Staircase“ und „Another Me – Mein zweites Ich“ eindrucksvoll unter Beweis stellte. In der „Tomb Raider“-Serie, die gerade gedreht wird, spielt sie übrigens die Abenteurerin Lara Croft.
Die mittlerweile 30-jährige Sophie Turner ist die Idealbesetzung für die komplexe Figur der Zara Dunne. Sie spielt sie mit einer beiläufigen Coolness und lässt, bei passender Gelegenheit, auch ihren sardonischen Humor aufblitzen.
Das überraschende Finale von „Steal“ würde sich ideal für eine Fortsetzung anbieten. Amazon Prime wäre gut beraten, auf diesem hohen Niveau auch eine zweite Staffel folgen zu lassen. Denn abgestandene Sättigungsbeilagen gibt es im Streaming-Warenkorb wahrlich zur Genüge. Abgesehen davon: Wer Heist-Thriller wie Steven Soderberghs „Ocean’s“-Trilogie mochte oder die Serien „Haus des Geldes“ und „Lupin“, liegt bei „Steal“ jedenfalls völlig richtig.