15 Jahre hat es gedauert bis Christian Marclays Kultfilm „The Clock“ in Berlin auf die große Leinwand kam. Bis zum 25. Januar ist er noch in der Neuen Nationalgalerie zu sehen.
Sean Penn wirkt gehetzt – und pleite. Aber er braucht das Auto. Also fummelt er seine Armbanduhr vom Handgelenk und hält sie dem verwahrlosten Automechaniker hin. Der lässt seine hässlichen Zähne sehen, zeigt seine billige Digital-Plastikarmbanduhr und bedeutet dem Gehetzten: Eine Uhr reicht. Die Szene ist Teil des Films eines Mannes, dem eine Uhr nicht gereicht hat: Christian Marclay. Rund 12.000 Filmszenen hat der in Kalifornien geborene Schweizer 2010 zu einem 24-Stunden-Film zusammengeschnitten. 2011 gewann der Film, dem Marclay den Titel „The Clock“ gegeben hatte, den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig.
Seit ihrer Premiere in London 2010 hat die Arbeit große Aufmerksamkeit gefunden. Sie wurde seither in weltweit bedeutenden Museen gezeigt, darunter im Centre Pompidou in Paris, im Museum of Contemporary Art in Sydney, im Instituto Moreira Salles in São Paulo, im Leeum Museum of Art in Seoul, dem Yokohama Museum of Art in Yokohama, in der Tate Modern in London, im Kunstmuseum Stuttgart, in der Isländischen Nationalgalerie in Reykjavik sowie im MoMA in New York. Es hat gut 15 Jahre gedauert, bis „The Clock“ in Berlin angekommen ist. Nun zeigt der inzwischen 70-Jährige sein Werk aber doch noch bis zum 25. Januar in der Neuen Nationalgalerie.
100 Jahre Filmgeschichte
Im von Mies van der Rohe erbauten Museum wurde deshalb in der oberen Halle extra ein Kinosaal eingerichtet. Dort läuft „The Clock“ in einer 24-Stunden-Schleife – also auch nachts, wenn niemand im Museum ist. Die neue Nationalgalerie hat ihre Öffnungszeiten zwar verlängert, aber zwischen acht Uhr abends und zehn Uhr morgens bekommt niemand mit, was auf der Leinwand passiert. Denn Christian Marclay hat nicht nur einfach Filmszenen zusammengeschnitten, in denen Uhren zu sehen sind oder in denen es um die Zeit geht. Wenn eine Uhr im Bild ist – als Turmuhr, Wanduhr, Bahnhofsuhr, als Anzeige an einem Autoradio oder Radiowecker, als Taschenuhr oder Standuhr – dann zeigt sie die in dem Moment richtige Zeit an.
Wenn Franka Potente als Lola rennt, ist es kurz vor zwölf. Gary Cooper schaut in „High Noon“ als Marshal Will Kane oft auf die Uhr, wenn er dann zum Duell mit der Gangsterbande auf die Straße tritt, ist es – klar – zwölf Uhr mittags. Und der Zug nach Yuma fährt im gleichnamigen Western mit Russel Crow um 3.10 Uhr. Wenn Kyle MacLachlan in „Twin Peaks: Fire Walk with Me“ David Lynch anschreit, dass es 10.10 Uhr ist, dann ist es auch auf den Uhren und Handys der Menschen, die auf den hellen Sofas im Nationalgalerie-Kino sitzen, zehn nach zehn.
Eine Szene aus George Pals Verfilmung von H.G. Wells Roman „Die Zeitmaschine“ mit Rod Taylor aus dem Jahr 1960 darf in Marclays Zusammenschnitt natürlich nicht fehlen. Um 17.37 Uhr erklärt der Zeitreisende, dass man sich in den drei räumlichen Dimensionen frei bewegen könne: hoch und runter, vor und zurück, „but when it comes to time, we are prisoners“ – aber wenn es um Zeit geht, sind wir Gefangene.
Zwischen die Szenen, in denen eine Uhr deutlich oder in Hintergrund sichtbar ist, hat Christian Marclay quasi zeitlose Filmausschnitte gesetzt, in denen es um Uhren oder die Zeit geht – zum Beispiel die Kuckucksuhr-Szene aus „Der dritte Mann“ von Carol Reed und Graham Greene aus dem Jahr 1949. „In Italien, in den 30 Jahren unter den Borgias, hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe. 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr“, erklärt Orson Welles als Harry Lime seinem von Joseph Cotten gespielten Freund Holly Martins am Wiener Riesenrad.
Nach jahrelanger akribischer Recherche und Bearbeitung hat Christian Marclay all diese Szenen und Fragmente zu einem nahtlosen 24- Stunden-Filmerlebnis zusammengefügt. „Das Ergebnis ist eine immersive audiovisuelle Reise durch die Filmgeschichte – und zugleich eine funktionierende Uhr: Die Installation ist exakt mit der Ortszeit von Berlin synchronisiert und lässt so die Grenze zwischen filmischer und realer Zeit verschwimmen. „Das Werk vereint über hundert Jahre Filmgeschichte – von ikonischen Thrillern und Western bis hin zu obskuren Science-Fiction-Filmen – und lässt Zeit in unzählige Richtungen gleichzeitig zerfließen“, erklärt das Kuratoren-Team Klaus Biesenbach und Lisa Botti, warum der Film auch nach Berlin geholt wurde.
Ein Café, um eine Pause zu machen
„The Clock“ ist „weder schlecht noch gut, sondern vollendet, vielleicht der beste Film, den man je gesehen hat‘, erklärte die Schriftstellerin Zadie Smith 2011 in der „New York Review of Books.“ „24 Stunden lang buchstäblich auf die Uhr zu schauen, mag wie eine Folter klingen. Aber ,The Clock‘ macht auf seltsame Weise süchtig, und die Besucher bleiben oft viel länger, als sie beabsichtigt hatten. Man kann die Zeit nicht aus den Augen verlieren, und doch läuft sie einem irgendwie davon“, schrieb Holly Williams 2018 in der „New York Times“.
Den ganzen Film am Stück zu schauen, haben nur wenige geschafft, heißt es, auch wenn einige Museen – auch die Neue Nationalgalerie – dazu die Möglichkeit geboten haben. Die Abend- und Nachtsequenzen von „The Clock“ bleiben bis zum Ende der Berliner „The Clock“-Zeit nun im Dunkel des verschlossenen Museumsbaus. Wenn Punkt Mitternacht also in „V wie Vendetta“ der Turm von Big Ben gesprengt wird, bekommt das ebenso wenig jemand mit, wie wenn sich Tom Cruise in Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ als Dr. William „Bill“ Harford nach einer wilden Party nachts ins Bett zu seiner Frau Alice (Niciole Kidman) schleicht.
Tagsüber hat die Neue Nationalgalerie für ihre Besucherinnen und Besucher begleitend zur Ausstellung ein Café eingerichtet. Das Team der Berliner Rösterei „Five Elephants“ kümmert sich um das Café in der Glashalle – mit Blick ins Freie, Raum zum Ankommen und der Gelegenheit, nach oder zwischen Filmszenen eine Pause einzulegen. Es mag paradox klingen, aber was im Café mindestens so gut funktioniert wie im „The Clock“-Kino: Man kann die Zeit vergessen.